Zurück in der Normalität

Ihr Lieben, erschreckt nicht. Der alte Mann auf dem Foto bin ich. Aber in Wirklichkeit sehe ich gar nicht so aus. Weshalb ich das Foto trotzdem bringe? Es erinnert mich an ein Foto von Beckett, das ich mag. Beckett hat auf dem Foto viele Falten und ist dennoch ein schöner Mann. Nun möchte ich mich nicht mit Beckett vergleichen. Herrje. Aber nein. Weder in der einen noch der anderen Art. Ich möchte es hier im Blog als Erinnerung an diese Zeit parken.

Heute ist etwas geschehen. Mein erster Arbeitstag nach 3 Wochen Urlaub, in denen ich mich um Wichtiges gekümmert habe. Um mein Mädchen, meine Kinder, meine Familie, Freunde, Herrn Cooper, die Fertigstellung der Küche, eine Stromleitung für das Küchenlicht über dem Herd, das Abgasrückführventil meines Autos, die Ölpumpe der Heizung.

In diesen 3 Wochen war ich noch ziemlich benebelt vom Jahr. Kennt ihr das, wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt und man hat eine Ahnung, was nicht stimmen könnte, kommt aber nicht drauf? Wenn man sich selbst ein wenig fremd ist, neben sich steht? Alles ist gut, man könnte sagen sehr gut, alles hat sich positiv entwickelt und dennoch ist da etwas, das kratzt. Wie ein Stein im Schuh, ein Bläschen an der Zunge.

Ich wusste nicht was. 1.000 Dinge gingen mir durch den Kopf. Terror, Türkei, Berlin, Syrien und all dies unsägliche deutsche Geplapper auf allen Kanälen. Gutmenschen gegen Schlechtmenschen vorwärts und rückwärts. Die da. Nein, die da. Niveauloses Rumgepöbel und Pseudofachgesimple. Woher nehmen nur all die Menschen diesen Brustton der Überzeugung? Woher nehmen sie den Anspruch, die einzige Wahrheit zu kennen?

Von allen Seiten ein Aufstand der Unzufriedenen. Rechts, links, Ost, West. Hauptsache aufeinander eindreschen. Ich dachte, das wäre ein Thema in meinem Kopf. Ist es nicht, das freut mich. Geht mir heute Abend am Popo vorbei. Der Mensch flieht vor sich selbst und sucht Stellvertreterkriege. Übersprungshandlungen des Alltags. Kennst du einen, kennst du alle. Es ist ein atemloses babylonisches Geplapper auf allen Kanälen mit Protagonisten, die in meiner Küche und in meinem Kopf nichts zu suchen haben.

Aber was ist es dann? Was zählt? Worauf kommt es an? Mit sich selbst im Reinen zu sein. Mit sich selbst klar zu kommen. Chill mal dein Leben. Das habe ich heute getan. 2016 war ein schreckliches Jahr und ein schrecklich wichtiges Jahr. In näherer Zukunft kann ich erst einmal auf eine Wiederholung verzichten. Danke auch. 2017 nun liegt wie eine grüne Wiese vor mir. Und was habe ich nun heute festgestellt? Etwas ganz Profanes: Die Normalität des Alltags ist zurückgekehrt. Mehr nicht. Und das ist eine Qualität. Wenn es einfach ist. Wenn es schön ist. Wenn es die Qualität des Ruhigen, Unaufgeregten hat.

Zur Arbeit fahren. Einem Freund zwei Tage zu früh zum Geburtstag gratulieren. Per WhatsApp in den Supermarkt zum Eierkauf geleitet werden, Freunde in Nosbach besuchen, zum Fußballtraining gehen, die neuen Laufschuhe auspacken, die Freude des Herrn Cooper über die Rückkehr genießen, mit Jim plaudern, kurz Zoe auf dem Weg vom Bad zurück ins Bett sehen, im Auto mit Viveka telefonieren, ein italienisches Fertiggericht in die Mikrowelle schieben, Gill Scott-Heron per Spotify hören, in der Küche sitzen am alten Tisch, an dem ich fürs Abi gelernt habe, den Ofen stochen, die Gedanken schweifen lassen, hoffen, dass ich mal wieder ein Gedicht schreiben kann…

Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt. Ich komme mir vor, als wäre ich entführt worden und hätte Monate gegen meinen Willen in einer Höhle gelebt.

Morgen arbeite ich frei, werde an einem Text für ein Ballonfahrt-Unternehmen arbeiten, die Steuer angehen, für Jim und Zoe kochen, mit Herrn Cooper durch den Wald stromern. Das Maikäfertal fehlt mir. Sehr. Nun. Hier gibt es sehr viel Wald und schöne Ecken. Der Weg zur Quelle, vorbei am dichten Fichtenwald mit der Pfütze, in der sich die Wildschweine suhlen.

Der Weg zu den Steinbrüchen und dem Steinbruch, in dem die Eule wohnt. Durch die Buchenwälder zur Jagdhütte mit dem Blick über die Wiesen und das Dorf in das Tal. Man muss vergessen und vergeben können, um das Herz für das Neue zu öffnen und den Augen und der Seele die Möglichkeit zu geben, das Schöne zu sehen. Es ist ein Spiel, die neuen Lieblingsorte zu finden. Herr Cooper und ich diskutieren intensiv. Noch ist nichts entschieden, aber es drängen sich Favoriten auf. Es wird sich zeigen, wo der Magnetismus am größten ist.

Wir sind im Wald nicht mehr ganz so alleine wie früher. Es gibt mehr Fußspuren von Menschen und Hunden. Aber wir kennen schon einige Nischen. Ist Viveka hier, ist sie unsere geliebte Verbündete.

Nachdem ich dieses Haus lange Zeit emotional ignoriert habe, kann ich nun sagen: Ich mag es. Es fängt an, das neue Leben. O.K. Gil Scott-Heron. WE ALMOST LOST DETROIT.

So far. Und irgendwann wird dann auch in diesem Blog wieder die Normalität einziehen und es wird um Alltag und all die schönen Unwichtigkeiten gehen. Nicht mehr um fiftyfifty, aber um das Leben auf dem Land, die Kunst, das Zweifeln und Aufregen. Ja. Ich freue mich auf die Heimkehr.

Durch Nächte treiben, durch Städte

Urlaub. Gestern die letzte Präsentation. Das war heikel. Wäre die doof gelaufen, hätte ein Schatten auf den freien Tagen gelegen. Die Arbeit hat sich gelohnt, das Konzept ist angekommen. Es ging um Menschen, Sinn und Marken. Manchmal können wir in unserer Branche mehr bewegen. Zu Veränderung beitragen, von der Menschen profitieren. Wir können Wege denken, die über Kommunikation hinausgehen. Empfehlungen, sinnvoll zu handeln. Genau hinzuschauen, um das Richtige zu tun. Das ist eine Verantwortung, die gleichermaßen wiegt, bewegt und das Profane überwindet. Nun. Arbeit war gestern, Urlaub ist morgen. Zumindest agenturmäßig. Aber die freien Jobs laufen jetzt auch aus. Es kehrt Ruhe ein.

Das dauert natürlich, runter zu kommen. Den eigenen Wind aus den Segeln zu nehmen. „Lande mal!“ Das Jahr ist vorbeigeflogen. Ich habe so viele schöne Dinge erlebt, die im Rausch der Geschwindigkeit untergegangen sind. Die Erinnerungen liegen neben mir in dieser kleinen schwarzen Box von Western Digital. Tausende Fotos. Kurz nach Paris, Hamburg, London durchgesehen und dann vergessen. Und dann sind da noch eine ganze Reihe anderer Orte. Diese normalen. Köln, Essen, Duisburg.

Gemütlich ist es gerade. Zoe liegt auf dem Sofa, Herr Cooper schläft auf seinem Kissen, der Ofen bollert, die Adventskerzen leuchten. Draußen herrscht Ruhe. Zoe hat eben mit Ela und Jens in Neuseeland gescyped, ich habe versucht, Viveka zu erwischen. Vergeblich. Sie kommt morgen, ein langes Wochenende. Urlaub. Dieses Mal kein Paris, London, New York, Tokio. Ich brauche mal ein wenig Abstand vom Draußen. Also eher weniger Input. Die Dinge sollen sich setzen können. Im Kopf. Der Indianer an den Gleisen, der auf seine Seele wartet.

Wenn man erst einmal anfängt. Der Ordner Paris 2016 enthält 1583 Aufnahmen. Die Stühle sind No. 157. O.K. Im Leben muss man Kompromisse schließen. Der Urlaub ist lang und heute Abend möchte ich noch durch Hamburg und London ziehen. Der letzte Abend. Auf der Suche nach einem kleinen Restaurant. Der Waschsalon mit den Blubberblasen, also das Foto, ist da entstanden. In St. Pauli einige Monate später ist mir wieder ein Waschsalon vor die Linse gesprungen. Hier nun aber eine Straßenszene. Nachdem wir aus dem Restaurant gekommen waren, wo wir gerade noch so – vorher in der Wohnung hatten wir uns verquatscht – etwas zu essen bekommen haben, sind wir in diesen Laden an der Ecke und haben uns ein Bier gekauft, um in Sophies Wohnung weiter Musik zu hören. Sofa, Bier, in der Stadt der Liebe versinken.

Nun. Erst einmal genug Paris. Ich werde noch wehmütig. Ach, quatsch, bin es schon. Gehe jetzt nach Hamburg. Erster Abend St. Pauli. Alles so schön bunt hier.

Ups. Viveka ruft zurück. Was jetzt? Männer können kein Multitasking? Hey, ich blogge, suche Bilder raus, bearbeite sie und telefoniere. Bei Viveka läuft im Hintergrund Pink Floyd. Habe ich gestern den ganzen Abend mit verbracht. Wie ging es weiter in Hamburg? Übrigens: Zoe lässt euch grüßen. Hier im Blog. So aus dem Hintergrund.

Von Viveka wünsche ich mir „Hey you“. Passt. Abfliegen.

Hey you!
Out there on your own, sitting naked by the phone, would you touch me?
Hey you!
With your ear against the wall, waiting for someone to call out, would you touch me?
Hey you!
Would you help me to carry the stone?
Open your heart, I’m coming home.

Ups.

Viveka sucht nach Frank Ocean. Ich verlasse Hamburg. Das war erst der erste Abend. Nun. Ab durch die Mitte nach London. Frank Ocean findet sie nicht. Ihr Spotify klemmt. Nehmen wir meins. Noch einmal „Hey you“ durch den Hörer.

Oh. Mist. London ist auf ’ner anderen Festplatte. I hope so. Wo ist London? Nehme ich die aus dem Blog und vertiefe mich in meine Erinnerungen. Die nicht digitalen Bilder.

Ach, und eben gesehen. Mannheim ist auch auf der Festplatte. Und Menton. Was für ein Jahr.

Am Ende dieses Jahres könnte ich weinen…

Und zugeben, dass es nicht wegen Aleppo ist. Nicht wegen der Ertrunkenen im Mittelmeer. Nicht wegen des Dresdener Hasses. Das ist alles so weit weg, dass ich es nicht denken kann. Ich wünschte, all das würde nicht geschehen. Ich wünschte, die Menschen würden endlich human. Ich wünschte, ich müsste nicht zusehen, wie mein Land verroht. Wie sich Menschen vom Konsens der Menschlichkeit abwenden. Es ist, wie es ist. Unerträglich.

Nun. Ich sitze mit meiner Tochter in der Küche und wir essen Mandarinen. Die Holzkiste mit der spanischen Verführung steht auf dem Tisch. Wir sind uns nah. Wir reden. Sie erzählt mir von sich und es ist wie Südwind im Rauschen der Zeit.

Was tun, mit diesem Jahr? Bowie ist gestorben. Heroes.

Und vieles anderes ist geschehen. Ich weiß es gar nicht zu fassen. Cohen. Die Alte Schule weg. Als würde sich alles auflösen, als hätte sich die Vergangenheit aufgelöst. Alles Trugbild, Fata Morgana, Schimäre.

Wohin treibt es? Was wird dieses 2017? Den Blick richten in welche Richtung? Wo ist in diesen fucking times verdammt nochmal vorne? Wo ist das Licht?

Ich fahre Achterbahn, Berg-und-Tal-Bahn, Amorbahn, Kettenkarussell. Ich fliege zwischen den Zeiten. Silvester in Paris, Frühjahr in Hamburg, mit Jim in London, an der Côte d’Azur, Menton, ein paar Tage Ballermann mit den Jungs. Abgehoben, weggeflogen.

Und nun? Wenn ich einen Strich unter dieses Jahr ziehe? Wenn ich alles summiere und abziehe, was bleibt? Ich weiß es nicht.

Ich liege in meinem indischen Bett, und schaue auf den Mond und die Sterne draußen. Viveka nennt den Blick raus Frankreich. Ich habe noch den alten Blick im Herzen. Das Dachfenster, den Mühlenberg. Heimat ist, wenn man weiß, wie der Mond vorm Fenster zieht, wenn man die Sternenbilder des Himmelskinos vorm Fenster kennt, wenn alles da ist, was da sein soll.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Welt dort draußen zu groß ist. Dass da zu viel ist, was nach anderen Regeln spielt. Zu viel, was grob, hässlich, unästhetisch ist. Einfach grausam.

Es reißt mich. Was tun? Hinsehen und auseinandersetzen und sich in diesem Tohuwabohu zerreißen? Oder Arkadien sehen? Das Dionysische? Die Liebe?

Die Zeiten erinnern mich an Charleston und die Dreißiger. Der Tanz auf dem Vulkan. Absinth und schöne Verse. Die Türen schließen, den Ball eröffnen, die Kapelle spielt, die Augen funkeln, die Diamanten leuchten, der Champagner berauscht, das Störende löst sich auf. In den Drehungen der Nacht. Verpisst euch.

33 konnte man die Türen auch nicht mehr verschließen, weil sie eingetreten wurden. Heil Petra & Co. marschieren nun auch in braunen Stiefel durch das Land und werfen Fackeln durch Fenster und Türen. 2016. So lange hat das „Das darf nie wieder geschehen!“ gehalten. Ja, ihr seid Nazis. Nix da, man darf nichts mehr sagen. Wenn ihr so eine braune Kacke redet seid ihr eben Nazis. Bislang habt ihr euch gewunden und getarnt und nun zeigt ihr eure hässlichen Fratzen. Rote Armbinde, weißer Kreis, schwarzes Kreuz mit Haken. Nur halt alles im Kostümchen. Mit vollen Händen in der Volksseele wühlend. Knietief drin.

Und was ist mit Bowie, Pink Floyd, Jim Morrison, Cohen? CUT. Zusehen, wie das nun alles. Irgendwie. Inspirierend ist das nicht. Diese Zeiten haben den fuckin‘ Charme eines Nürnberger Parteitages. Aus den Löchern kommen die schreienden Idioten. Endlich dürfen sie wieder. Arschkrampen.

Nun gut, Herr Schönlau. Beruhigen sie sich. Für Sie ist das Jahr gut gelaufen. An ihrer Seite dieses wunderbar verrückte Wesen. Niemals langweilig. Dieses Lächeln. Die Grübchen. Und immer dabei. Ja, machen wir. Egal wie verrückt oder abwegig. Dabei. Und dieses Haus. Habe ich euch schon gesagt? Ja habe ich. O.K. Trotzdem mache ich es noch einmal. Ich habe ein Haus gekauft. Eines verkauft und eines gekauft. Ein schönes Haus mit einer schönen Atmosphäre und Platz und es ist warm und die Fenster sind neu und die Räume sind hoch und es gibt eine Wendeltreppe. Dieses Jahr ist Wahnsinn. Mindestens.

Nächste Woche noch eine Präsentation. Die letzte Marke für dieses Jahr und dann ist Schluss mit Gedanken und Business und Strategien und Bildern und Heads und Kanälen. 3 Wochen Urlaub. Vergessen, zu nehmen. Immer weiter, durchgezogen, gemacht, getan. Ganz ehrlich? Allmählich gehe ich in die Knie. Ich mag keine Adresse mehr online ändern, keine neue Versicherung mehr anfragen, keinen Stromanbieter kontaktieren, kein Wasserwerk, keinen Entsorger. Grunderwerbssteuer, Notargebühren, Zahnriemen, Treckeranlasser, Holz sägen, Küche einrichten, Wände schmirgeln. Im Klang des Zeitenrauschens. Mit Pegida als Backroundchor, das Jammern der Kleingärtner, weil jemand den Rasen betreten hat.

Es reicht. Entweder ihr beruhigt euch jetzt oder ich werde Revolutionär. Fidel is ja jetzt auch weg. Die wissen alle schon genau, weshalb gerade jetzt. Nun, kann sie verstehen. Wer will schon mit all den Arschgeigen 2016 auf einem Planeten zusammenleben? Alles hässliche Orks. Könnt ihr jetzt mal bitte wieder in eure Höhlen verschwinden? Verpisst euch einfach. Kusch. Ins Körbchen. 2016 ist das Outing-Jahr der Schwachmaten.

Wendepunkt 2016

ohne-titel

Ist das zu fassen?

Irgendwie scheint es nach 2016, dass nichts mehr ist wie zuvor. Gestern habe ich von Trumps Wahlkampf gelesen. Big Data. Eine Londoner Agentur hat ihn mit Daten gefüttert. Und dann hat er. Seine Leute losgeschickt. Die haben an Türen geklingelt und Wahlkampf betrieben. So weit, so gut, so normal. Aber. Seine Helfer hatten die Daten der Menschen hinter den Türen. Ausgelesene Facebook-Profile etc.

20 facebook likes reichen, um zu sagen, was für ein Mensch man ist. 70 likes geben so viele Infos, dass man mehr über einen weiß als die eigenen Eltern. Trump wusste mehr. Seine Leute haben an den Türen geklingelt, von denen sie wussten, wer dahinter wohnt. Eine App auf den Smartphones hat dann gesagt: Den musst du so ansprechen, die so.

Das hat überzeugt. Jede und jeder hat seine, ihre Story bekommen.

Und nicht nur das. Die einen wurden zum Wählen animiert, die anderen davon abgehalten. Schwarze bekamen auf facebook Infos, dass Miss Clinton gegen Schwarze ist. Targeting nennt man das. Zielgruppen, Zielpersonen fokussieren und mit entsprechenden Infos indoktrinieren. Nicht mehr nur KGB, CIA, BND, nein. Nun auch Parteien. Trumps.

Der Brexit scheint schon so gelaufen zu sein. Deshalb passen Vorhersagen nicht mehr. Diese Beeinflussung ist nicht mitgedacht. Niemand wusste, dass Trump infiltriert.

Wie naiv sind wir. Wie demütigend ist es zu erfahren, dass Trump geschickter war. Wahlsieg gebucht. In London.

Moral, Ethik, Werte. Klo runter. Dreckig, feige und gemein, ja, so muss man als Politiker sein. Überzeugungen? Hindern. Ziele? Wozu? Hauptsache, man ist Präsident. Egal, wie. Einfach sagen, was die Leute hören wollen. Opportunist. Who cares? Chamäleon. Die Strategie: Einfach immer sagen, was passt.

Nun hat die AFD in Deutschland die facebook-Hoheit. 2017 wird gewählt. Puh.

Orwells 1984 ist mittlerweile Kinderkacke. Aktuell wird das Internet zu 70% über Smartphones genutzt. Und nahezu alle haben Smartphones. Wer nun also in Deutschland 2017 die Smartphone-Hoheit hat, wird gewinnen. Die politische Dummheit ist grenzenlos. Wir sind tatsächlich an der Grenze der Aufklärung: Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Jetzt läuft es so, dass facebook & Co. politische Wirklichkeit vorgaukeln. Ein Beitrag hier, ein Post dort. Langsam ranführen, anfüttern, mit gezielten Infos lenken. Eine Frage des Geldes. Targeting. Und Mr. Zuckerberg verdient. „Bitte verführt meine Kunden, verarscht sie, lasst sie das tun, was ihr wollt.“

Ein perfides Spiel, bei dem die Welt zuschaut und nichts macht. Ist ja alles legal. Nur ein Geschäft, keine Tat. Daten kaufen, Daten nutzen. Wie tief das wirklich geht? Keine Ahnung. Aber dass der Einfluss immens ist, liegt auf der Hand. facebook & Co. greifen in die Hirne von Menschen, die in Demokratien wählen. Wie auch immer ist das nicht wirklich zielführend und sinnstiftend.

Da macht jetzt natürlich auch die „Lügenpresse“ Sinn. Wenn man die Presse verteufelt, muss man sie auch nicht mehr lesen. Weil sie ja lügt. Und woher bekommt man dann seine Informationen? Wie verschafft man sich eine Meinung und ein Bild, wenn man nicht liest und die Medien meidet? Wer informiert dann? Tja. Facebook-Informanten.

Es ist ein Wahnsinn. Die Menschen sind so verunsichert, dass sie jeden Scheiß glauben. Niemand traut niemandem mehr. Und Angela Merkel stellt sich der Wiederwahl in ihrer CDU und sagt ihren Leuten: 2015 wird so nie wieder passieren. Ja, alle lernen und richten sich aus. Passen sich an. AfD wirkt. Schiebt, drückt. 20% sind eine Kraft, an der niemand vorbeikommt. Und 2017 wird die AfD auf facebook richtig Alarm machen. Und viele wissen gar nicht, weshalb auf ihrer Seite plötzlich Dinge auftauchen, die sie glauben. Von denen sie glauben, dass sie sie glauben. Holla.

Nie war Intellekt so wertvoll wie heute. Erst Hirn einschalten.

Zum Hass verführt, zur Gewalt bereit

Rattengift

Alles ganz einfach!

Der Lügenpresse das Maul stopfen. Die Bürger bewaffnen, damit sie Attentäter erschießen können. Zäune bauen, um Europa abzuschotten. Denen, die nicht zum Islam gehören, die Köpfe abschneiden. Die Krim annektieren. Die Kurden bombardieren. Auf Flüchtlinge schießen. Den Fans der gegnerischen Mannschaft die Kiefer brechen. Die Schwarzen im eigenen Land diffamieren. Bürgerwehren bilden.

Ey.

Was ist los? Die Menschen folgen in Scharen Trump, Petry, Putin, al-Baghdadi, Erdogan, Le Pen und Konsorten. Die haben in ihren Ausprägungen eines gemeinsam: Es gibt Schuldige. Bestimmte Gruppen in Form der Anderen sind schuld. Die Christen, die Schwulen, die Ausländer, die Journalisten, die Intellektuellen. Die Lösung: Die Schuldigen beseitigen. Töten, aussperren, einsperren, anklagen, verurteilen, diffamieren. Auf jeden Fall Gegnerschaften bilden. Trennen. Hier wir, dort DIE. DIE sind das Problem, man muss DIE nur loswerden und alles ist gut.

Dann zündet man einfach ein Flüchtlingsheim an und DIE sind weg oder kommen erst gar nicht. Oder man verlässt die Eurozone, damit man mit DENEN nichts mehr zu tun hat.

Das ist natürlich leider ein System der Kleingeistigkeit, in der sich alle von allen trennen und abschotten und Feindschaften geschürt werden und wachsen. Ich dachte immer, wir wären auf einem guten Weg. Wir alle, diese Menschheit, die versucht, die Dinge gemeinsam besser zu regeln.

AfD mit 13%. Nazis, die Häuser und auch Menschen anzünden. Denen Gesetze, Menschen scheißegal sind. Die eiskalt zuschauen und gaffen und höhnen, wenn irgendwo irgendwer verreckt, der ihren Vorstellungen nicht entspricht. Die kein Problem haben, Menschen zu verbrennen, zu erschlagen. Mit Baseballschlägern Kinderköpfe zu zertrümmern, wenn sie die falsche Farbe haben. Nagelbomben in Türkenvierteln zünden. Die NSU lebt mitten in Deutschland und hat mehr Freunde, als ich gedacht hätte.

Puh. Wie lange hat es gedauert, bis wir in Deutschland eine funktionierende Demokratie installiert haben? Wie haben die Büchners und Heines und Webers davon geträumt, dass es so ist, wie es heute ist. Ein Sozialstaat, der auf Miteinander setzt. Mit einem Netz, das auffängt. Mit Institutionen, die helfen, stützen. Und nun all diese zornigen, Beige tragenden Pegidas und Hools und AfDs und Nationalsozialisten.

Es hieß immer, es darf nie wieder geschehen. Das hat scheinbar all die vorhandene Braunfärbung unsichtbar gemacht. Lange Zeit. Und jetzt haben Nationalismus, Chauvinismus, Feindlichkeit gegenüber allem ihren Weg aus den Wohnzimmern und Kneipen in die Öffentlichkeit gefunden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass dieses Land die Wurzeln des Faschismus niemals wirklich ausgegraben hat. Die sind unter der Oberfläche einfach immer weiter gewachsen.

Gestern wurde ein Auschwitz SS-Wachmann zu 5 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen verurteilt. Und die Richterin erinnerte an all die, die ihre Strafe nach 45 niemals bekommen haben. All die SS-Faschos, die ihr Gedankengut als Familienväter einfach weitertragen konnten und es scheinbar getan haben. Wir sind die braune Scheiße niemals losgeworden. Und sie ist verbreiteter, als wir, als ich gedacht habe.

Wenn es zählt, wenn es drauf ankommt, dann wird es sichtbar. Kaum kommen Menschen, die unsere Hilfe brauchen, die vor Krieg fliehen, stehen die Biedermänner und -frauen in Dresden, in Freital, in Dortmund und in so vielen Orten auf.

Europameisterschaft 2016. Ich werde keine Deutschlandfahne mehr hissen. Keine Deutschlandfahne, die von der AfD und den Nazis des Landes mit Hass besudelt wird. Wir können noch einmal von vorne anfangen. Weder Deutschland noch Europa haben die Reife, Nationalgedanken dem Gemeinsinn unterzuordnen.

Gestern wurde die Europa-Befürworterin Jo Cox ermordet. Von einem Rechten oder Psychopathen (eigentlich ist beides eins). Der hat heute gesagt: „Mein Name ist: Tod den Verrätern“. Für Pegida und AfD sind die Journalisten die Verräter. Für Erdogan die türkischstämmigen Abgeordneten, die der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages zugestimmt haben. Alles Verräter, alle anzuzeigen, umzubringen… Mindestens. Alle mit dem Tod bedroht. Töten, töten, töten. An Grenzen erschießen. Habt ihr sie noch alle?

Die Zahl derjenigen, die mitlaufen, zustimmen, auch zündeln, verprügeln und mehr wollen, wächst momentan bedenklich. Vielleicht wird Trump Präsident der Vereinigten Staaten. Puh. Die AfD kommt auf jeden Fall in den Bundestag. In Österreich schafft es die FPÖ mit ihren Parolen vielleicht doch noch, den Präsidenten zu stellen. Dann ist da noch die Front Nationale, die UKIP, die rechtsradikalen Regierungen in Polen und Ungarn. Ey. Das darf alles nicht wahr sein. Alles getragen von breiten Schichten der Bevölkerung. Das sind nicht mehr einige Wenige.

Alles für die Katz? 60er-Bewegung, Seventies? Kommen rechte Parteien an die Regierung, werden erst einmal Bürgerrechte geschreddert. Polen. Nun, die Polen wollten das so. Sie haben das gewählt. Verfassungsgericht entmachtet, Sender unter Kontrolle gestellt. Hatten wir das nicht alles schon mitten in Europa nach dem gleichen Muster? Ist diese ganze verkackte Geschichte vergessen?

Die Türken haben Erdogan gewählt und ihre Pressefreiheit verschenkt. Die Briten versuchen gerade, ihren Gemeinsinn zu verschenken. Die Ungarn zäunen sich ein. Die Russen haben sich nach Perestroika für das repressive System Putin entschieden. Die Amerikaner scheinen sich nach einem unterirdisch beschränkten Bush nach einem noch flacheren Trump zu sehnen. Obama hat es in zwei Regierungszeiten nicht geschafft, das weltweit durch die Bush-Administration angerichtete Chaos auch nur halbwegs in den Griff zu bekommen.

Es ist Wahnsinn. Sie legen ihr Gift aus und es wird gefressen. Und plötzlich haben die Pegidas, AfDs, NPDlis, Trumpinis, ISler, Erdoganis diesen hasserfüllten Blick. WIR MÜSSEN SIE VERBRENNEN, ERSCHIESSEN, ERMORDEN, RAUSWERFEN, UNTERDRÜCKEN… Wir sind zurück in einem Zeitalter der Perversion, in der Pasolinis 120 Tage von Sodom Kinderprogramm sind.

Wer hätte gedacht, dass es so kommt. In diesem Land, in diesem Europa, auf diesem Planeten. Ich bin gespannt, ob die Briten nach der Ermordung von Jo Cox wach geworden sind und sehen, welche Geister sie mit einem Brexit rufen.

Und ich bin gespannt, wie es dieses verzweifelte Europa schafft, sich gegen all diese Brandstifter, Mörder, Schreihälse durchzusetzen. Europa ist eine Idee der Menschlichkeit. Es geht um Gemeinsamkeit und die Überwindung von Hass und Krieg. Was wird stärker sein?

Zum Hass verführt. Man ist immer für sich selbst verantwortlich. Am Ende ist es die Frage, wie man sich selbst entscheidet. Ob man Hass und Gewalt für sich selbst wählt. Es scheint, als gäbe es eine Sehnsucht in diese Richtung. Sonnenblume und Friedenstaube stehen jedenfalls gerade nicht hoch im Kurs. Wenn ich wüsste, woher all diese Idiotie kommt?