Schachten & Ackern, III. Teil – von der Begegnung

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Von der Begegnung mit der Kunst. Klar, die Kunst. Du nimmst das Wort oder lässt es. Wenn du das Wort jetzt hier liest, was bedeutet sie dir dann? Mal ehrlich. Wie viel Kunst steckt in deinem Herzen, in deiner Seele? Wie viel Kunst brauchst du, um zu leben? Würdest du für eine Verdoppelung deines Gehaltes für immer auf die Begegnung mit der Kunst verzichten? Wie sehr bist du Kunst?

Freitagabend im Jungbusch in Mannheim in der Galerie Strümpfe. Viveka und ich waren der Einladung gefolgt. 300 Kilometer Autobahn. Der Kunst wegen, der Stadt wegen, Barbara und Norbert wegens und weil es die III war, die der II und der I folgte. Im belgischen Haus in Köln, gegenüber vom Lokal Harmonie in Duisburg Ruhrort und nun hier. Mannheim, Jungbusch. Die Einladung:

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Ein Bild, eine Installation Norberts. Später.

Wir waren in Mannheim den Tag über unterwegs. Ich hatte viel fotografiert, hatte mir melancholische Momente und Erinnerungen gegönnt. Wir kamen aus dem Hotel, ich war geduscht, trug frische Klamotten und war für einen langen Abend präpariert. Szene, Galerie, Vernissage, Party. Im Grunde war ich unvorbereitet, ohne Erwartung.

In der Galerie trafen wir auf Judith, Eric und Norbert. Wir unterhielten uns, noch war sonst niemand da, der Abend würde sich langsam entwickeln. An der Wand lief das Video. Barbara, Norbert, rauchend. Gesichter in Schwarz und Rauch gerahmt.

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Im Schaufenster die Grillen. Lebendige Tiere auf Blumenerde. Tsirpend, Möhren und Gurken fressend. Im anderen Schaufenster das erloschene Lammherz. Frisch auf dem rostigen Knäuel, der Heimat vergangener Herzen aus Duisburg und Köln.

In der Mitte des Raumes, der Verschlag. Ein Raum aus Folie. 1 m x 1 m und 2,3 m hoch. Transparente Folie, milchig, durchscheinend. Meine Augen durchsuchten die Galerie. Wurden neugierig. Ich spürte etwas neben mir. Dann sah ich das Bild ganz oben, hier im Blog ganz oben, das Titelbild. Der Folienraum war nicht leer. Am Boden ein Mensch, gekauert, hautfarbend mit leichten roten Partien. Barbara.

Mir fuhr ein Schreck durch die Glieder. Es war wie ein gedrückter Button. Push! Bilder, Gefühle. Irritation. Ein wenig so, als würde man ein leidendes Tier vor seinen Füßen liegen sehen. Einen angefahrenen Hund. Einen Augenblick lang setzte die Ratio aus. Ich konnte nicht verstehen, was ich da sah. Klar, es war Barbara. Und doch eher war sie es nicht. Dort lag Verletzung.

Ich ging um die Folie und schaute. Starrte wahrscheinlich. Und dachte: Das ist Kunst. Wenn du es spürst, wenn es etwas mit dir macht, wenn es dich verwandelt, wenn es dich entreißt. Im besten Falle. Oft glauben wir, also wahrscheinlich glaube ich das, Kunst sei gegenständlich und interpretierbar und einzuordnen in Schemen, Systeme, Zeiten, Orte. Vielleicht sind das Restspuren meiner geisteswissenschaftlichen Ausbildung. Einordnen wollen, die Zusammenhänge herstellen. Kunst sei die Mona Lisa und Joseph Beuys und die Fotografie eines Boris Beckers.

Ich vergesse es immer wieder. Der ordnende Geist schiebt sich vor das Erleben. In der Einladungsmail stand: „Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet…“ , Paul Cézanne (1839 – 1906)

Alles verschwindet. Das Herz auf dem Drahtgeflecht, die Grillen, das von Barbara in diesem Folienraum in mir ausgelöste Gefühl. Ich kann es nicht mehr abrufen, es wäre eine schöne Droge.

Das Wesen im Folienraum war zart und sehr verletzlich. Ein Embryo, ein Geist, ein verwundeter Mensch. Der schrieb Botschaften an die Folie. Es ging um Haut und Schutz. Es war wie Schreien, dieser Stift in den Fingern. Spiegelverkehrtes Schreiben, damit wir draußen es lesen können. Der Text, für mich ohne Bedeutung, der Akt des unbeholfenen Schreibens, ein Zerreißen.

Was war das? Identifizierung? Empathie? Mitfühlen? Angst? Ein Zurückwerfen auf sich selbst. Das war kein Zusehen, das war ein Mitfühlen. Das war keine Interaktion, das war menschliche Verbundenheit. Immer wieder bin ich zurückgekehrt. Zwischendurch habe ich mir Norberts Portraits angesehen (eines hat JayTee gekauft. Yep! Gute Entscheidung.), die Chemikalien-Installation in der Chemikalien-Flasche (die hat Karl gekauft hat. Yep! Gute Entscheidung.), die lebendige Chemikalien-Installation im Rahmen am Boden. Quellendes, sich Verbindendes, Veränderndes.

Prozesse. Man muss sich beeilen. Hinsehen. Und plötzlich ist eine Performance zu Ende und eine Barbara schlüpft aus einer Haut und entsteigt einem Raum und sitzt unter dem Video neben Norbert, der eine grüne Packung Menthol-Zigaretten in der Hand hält, auf einem dunklen Sofa.

Die Kunst ist ein flüchtiger Moment. Wenn man die Mona Lisa sieht und denkt, man habe die Mona Lisa gesehen und sonst ist nichts passiert, dann ist das nicht mehr, als habe man ein Paar Joggingschuge der Marke Nike in einem Schaufenster der Firma Sport Scheck in irgendeiner verfickten Fußgängerzone dieser fußgängerzonengesäumten Welt gesehen. Habe ich hier schon einmal erwähnt, dass mir Fußgängerzonen so gar nicht liegen? Da ziehen sich die Sinne wie die Fühler einer erschreckten Weinbergschnecke zurück.

Mit der Kunst ist es nicht leicht. Mal scheint sie Fatamorgana zu sein, dann ist sie mit Millionen Dollar bezahlte Prostituierte unserer Zeit, dann ist sie langweilig, dann findet sie hinter Vernissagen-Sektgläsern statt oder in Messehallen oder Hipster-Galerien. Ich glaube, manchmal ist sie von ihren Betrachtern ziemlich angekotzt. Oder, sie zieht, wie im Falle der Performance im Hause Strümpfe, ihr Ding durch und schaut nicht und merkt nicht und macht, was sie will. Ist das nicht immer das Beste? Die Kunst ist schlau und gut.

Ich würde für kein Geld der Welt auf Kunst verzichten wollen. Wie würde ich leben ohne solche Momente purer Lebendigkeit? Was würden meine Gedanken machen? Wie würden sie sich beschäftigen?

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Ich lasse euch jetzt und freue mich auf den 10. Juni. Labor Ebertplatz. IV. Es werden sich Kreise schließen, nichts wird zu einem Ende kommen, weil alles Anfang ist. Die Gedanken machen mich glücklich. Jetzt rufe ich noch kurz Viveka an, sage ihr gute Nacht und schlafe dann mit Gregrory Porter auf den Ohren ein. Morgen ist ein neuer Tag. Es gibt viel zu denken, zu schreiben. Alles verändert sich, man muss sich beeilen. Danke! Für alles:)

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Mit Mama über die Weltlage gesprochen

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Heute war ich im homeoffice. Irgendwann rief mein geschätzter Kollege an, ob ich schon von Belgien gehört hätte? Nee, hatte ich nicht. Ein Kunde von uns ist seit Montag in Brüssel und heute hätte eine Messe begonnen. Hätte. Später habe ich mit unserem Kunden telefoniert, nachdem er irgendwann das Messegelände verlassen konnte. Nah dran. Das fühlt sich anders an.

Bomben mitten in Europa, nicht am Rande in der Ukraine, im Zentrum, in Brüssel.

Am frühen Abend hat meine Mama angerufen. Ihr Freund ist im Krankenhaus. Wir haben gesprochen, Mutter, Sohn. In meinem Leben habe ich viel mit ihr geredet. Mein Vater war durch seinen Schlaganfall und die linksseitige Lähmung auch als Vater gehandicaped, da hat meine Mutter übernommen. Das hat bei mir ein paar Dinge durcheinander gebracht. Männlich, weiblich. Ich weiß dieses Durcheinander zu schätzen, es ist eine etwas andere Perspektive, so ein paar Grad verschoben. Es war nicht einfach, zu lernen damit umzugehen und das als eine gute Eigenschaft zu sehen. Hat gedauert. Nun.

Durch den engen Kontakt zu meiner Mutter war mir das Weibliche immer nah. Kürzlich hat jemand einen Text von mir gelesen, ohne zu wissen, von wem er war. Als raus kam, dass ich ihn geschrieben habe, meinte er: Ah, ich hatte gedacht, den hätte eine Frau geschrieben.

Nun, was immer das bedeutet. Aber Fakt ist: Dieser Blog wird überwiegend von Frauen gelesen. Ist auf jeden Fall kein Männerding. Ich denke, das ist letztlich meiner Mama geschuldet, mit der ich heute am Telefon über die Welt geredet habe. Ihre Meinung gefällt mir. Sie meinte: Das ist alles, weil das Internet die Welt so klein gemacht hat.

Das Internet hat die Welt verändert, keine Frage. Gibt es da tatsächlich Parallelen? Der neue Markt Ende der Neunziger, die Web-Start ups, der Boom, die Türme. Seither passieren Dinge, die nicht schön sind. Schneeballeffekt. Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen. London, Madrid, Paris, Ankara, Brüssel. Anschläge hier, Anschläge dort. Ganz zu schweigen von Bagdad.

Parallel findet allerorten Radikalisierung statt. Die Türkei grenzt systematisch Demokratie ein. Ungarn, Polen. Im Amerika schickt sich Trump an, für die Republikaner und gegen den Willen der Republikaner um das Präsidentenamt zu kandidieren. Mit radikalen Ansichten. Und in Deutschland gewinnt eine rechte, in Teilen offen rassistische Partei bei Landtagswahlen 24, 15 und 12 % der Stimmen.

Es ist ein großes Geschrei dort draußen. Meine Mutter ist entsetzt wegen all des Gebarens. Ich denke, für sie ist das alles eine Sache schlechter Erziehung. So geht man mit Menschen nicht um. Wenn früher ein Hausierer an unserer Tür schellte, hat meine Mutter ihm kein Geld gegeben. Sie hat gefragt, ob er Hunger habe und hat ihm ein Brot geschmiert und etwas zu essen eingepackt. Mein Vater hat Menschen in Not mit nach Hause gebracht und bei uns übernachten lassen. Eine Kollegin von ihm war Zuhause verprügelt worden, da hat sie eine Woche im Zimmer meines Bruders gewohnt. Er war zu mir und meinem kleinen Bruder ins Zimmer gezogen. Es gibt viele Begebenheiten.

Ich schreibe das, weil ich meine Eltern für Ihre Humanität schätze. Humanität. Menschlichkeit.

Islamischer Staat, Donald Trump, diese neue Partei in Deutschland, die Werte der Menschlichkeit negiert und einfach, ein genialer Trick, als Lüge bezeichnet. Und viele folgen der feinen Flötenmelodie, weil sie Auflehnung dagegen verkündet. Das Prinzip ist so: Wir leben angeblich gar nicht in einer freien, demokratischen Gesellschaft, sondern sind fremdbestimmt durch verborgene, fremde Kräfte, die uns unterwandern. Das hat niemand gemerkt und viele sind in diese Unterwanderung eingebunden, weshalb alle lügen. Wenn man sich nun nicht dagegen stellt und das verlogen Etablierte nicht angreift, wegwischt, dann übernehmen Ausländer, der Islam oder links verspinnerte Gutmenschen das Land und sorgen für den Ausverkauf und Untergang. WÖHRETT DEN ANNFÄNGGGEN.

Die Gegenwehr ist bislang leider schwach. Sehr schwach. Was ich auf Facebook lese, ist der Versuch, den politischen Feind mit althergebrachten Mitteln zu bekämpfen. Auseinandernehmen, intelektuell sezieren und das Verwerfliche aufbereiten und dann mit Häme überschütten. Ich habe den Eindruck, dass das ziemlich schlecht funktioniert. Weil das die Menschen, die zum Beispiel oft bislang Nichtwähler waren und endlich eine vermeintlich gute politische Heimat gefunden haben, nicht interessiert. Im Gegenteil, die mittlerweile konventionell gewordenen Mittel des einst revolutionären linken Kampfes werden als Beweismittel für die Unterwanderung durch Lug und Trug gesehen.

Lug und Trug stehen dabei für falsch verstandene Werte. Für eine Atmosphäre der moralischen Integrität, in der man nichts mehr sagen darf. Vor allem nicht die Wahrheit. Und diese Wahrheit ist? Diese vermeintliche Wahrheit ist das, was diese neue Partei verkörpert. Und was verkörpert sie? Im Grunde das, was früher als der Stammtisch bezeichnet wurde. Was früher jedoch bierselig als stramm provokant rechts hinter verschlossenen Kneipentüren ausposaunt wurde: „Die müsste man alle…“, wird nun auf Marktplätzen, über soziale Medien und durchs Fernsehen multipliziert und multipliziert und multipliziert. Der Aufstieg hat sich mit rasender Geschwindigkeit vollzogen. Aus dem Stand die 5 % Hürden reihenweise übersprungen. Und alle haben diese Kampagne getragen. Die Talkshows, die sozialen Medien, die Presse – alle haben sich in ihrem Kampf gegen die neue Partei zu Multiplikatoren, zu Bühnen, zu Reichweitenverbreitern gemacht. Wie oft habe ich das Logo gesehen. Natürlich mit einem verunglimpfenden Spruch versehen. Letztlich hat das die Partei bekannt und bekannter und zu einer Marke gemacht. Zu einer attraktiven Marke, mit der sich zu viele identifizieren.

Und ja, da hat meine Mutter Recht, denke ich. Das Internet beschleunigt das alles. Hier treffen sich alle. Auch die, die sich politisch schon verloren gegeben hatten und nun plötzlich Aufwind spüren. Die Skepsis, das Dagegen hat HEIMAT. Das funktioniert nicht nur in Deutschland. Unzufriedene weltweit finden zusammen. Unter schwarzem Banner mit weißer Schrift, unter weißen Halbmonden und auch unter Sternenbannern.

Woher kommt all diese globale Unzufriedenheit? All diese Bereitschaft zu Tod und Krieg und Schande? Weil die Welt ungerecht ist? Geht es um Geld, Öl, Macht?

Paris, Belgien. Auf Facebook hatte jemand geposted: Je suis sick of this.

Meine Mutter meinte, es müsste einem was einfallen, was man der Welt geben kann, dass sie sich besinnt. Würde ich jetzt sagen, dieser Einfall wäre das Wort Liebe, dann würde ich mich der Lüge und des Gutmenschentums verdächtig machen. Egal. LIEBE. Nur weil das Wort so schön ist.

Nun, dann sagen wir zumindest: Respekt. Ein höfliches, zuvorkommendes Miteinander, wie man es an einer guten Nachbarschaft schätzt. Nur: jemand müsste anfangen. Mir würde es gefallen, wenn Europa den ersten Schritt täte. Das gute, alte, heute erneut verwundete Europa.

Der IS weiß, was er tut. Er sät Hass und freut sich über all die Pflänzchen, die aufgehen. Er züchtet sich Feinde im Glashaus Europa, in dem die Wachstumsbedingungen immer besser werden. Brüssel war frischer Dünger für den Hass. Schließlich können jetzt all diese Parteien da draußen rechts sagen: Siehste! Und sie können die Finger erheben und zeigen, wohin die Lüge geführt hat. Weich sein, ist in ihren Augen die Lüge, hart sein die Wahrheit. Die einzige Sprache. Man muss zurückschlagen, denken sie, man muss harte Maßnahmen ergreifen, sagen sie. Und sie bekommen Applaus.

Wenn auf zwei Seiten Hass wächst, wird am Ende des Tages nichts Gutes dabei rauskommen. Minus und Minus wird nur in der Mathematik zu Plus. Im wahren Leben endet das in Tränen.

Anmut

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Nun, was sind das für Zeiten.

Ein Leben im emotionalem Schleudergang. Dieses Land, diese Leute. Ein wenig diese Bert Brecht Tonality, Was sind das für Zeiten, in denen…“ So einiges abhanden kommt. Die Liebe, wie ein Stock oder Schirm. Meine Liebe nicht, sie ist das Feuer, das mein Herz warm hält und meine Seele rein. Die Wärme, die in feinen Linien alles durchzieht, gibt dieses schöne Gefühl von Geborgenheit. In Wert, Wichtigkeit, Normalität, Menschlichkeit, Sinn, Ausrichtung, Ziel und letztlich auch Verstand. Den Verstand einschalten, den schönen, wahren, tiefen Menschenverstand. Dieses Gefühl, die Liebste, das Kind, einen Bruder, einen Freund, einen guten Bekannten von Herzen zu umarmen. Und ein wenig die ganze schöne Welt.

Anmut. In diesen Text heute reihe ich einfach wohlige Worte nach Herzenslage. Das ist wie das Aufladen eines Akkus. Hinsetzen und wirken lassen: Die wunderbare Liebe. Die Sonne, die durch die Augenlider scheint. Ein etwas zu lange dauernder Kuss. Der Moment, in dem man etwas weiß. Der erste Tag nach einer Erkältung. Krokusse. Von einem verliebten Blick eingefangen werden. Hungrig den Duft einer Mahlzeit einsaugen. Die Ruhe haben, auf eine Wand zu sehen und gute Bilder der Vergangenheit zu sehen. Einen weinenden Menschen umarmen, der sich trösten lässt. Kind sein, im Telefonat mit Mama.

Kitsch, könnte man sagen. Werbung. Ja. Weil es die Emotionen sind, die berühren, die Menschen Menschen sein lassen. In den Buchten vor Levanto abtauchen. So weit es geht, so weit der Atem trägt. Im warmen Wasser frei bewegen. Sich drehen im Blau, im Grün. Auf Paris bei Nacht herabblicken. Kettenkarussell im Sonnenschein, fliegen, abheben, weg sein. Die Hand neben sich greifen, den Sitz heranziehen, versuchen, einander zu küssen. Ein Moment Unendlichkeit, entflogen, entschwebt, entkommen. Vor Korsika auf dem Surfbrett stehen, im Trapez hängen, schräg die in die Bucht einlaufenden Wellen anfahren, an der Fußschlaufe ziehen, ein Hüpfer ins Wellental, Segel dicht nehmen, Wasserspritzer im Gesicht, Geschwindigkeit, noch ein wenig mehr, Lust, Leben, Grinsen.

Ein Gedicht schreiben. Für was auch immer. Diesem Gefühl des Moments Ausdruck verleihen, in sich spüren, wie Tore aufgehen, wie sich Worte suchen, finden, ordnen. Als wäre alles immer schon da gewesen, als gäbe es einen inneren, unbekannten Plan, als würde eine geheime Hand den Stift und das Leben führen.

Mein Highlight? Top of all? Küssen. In allen Varianten. Die Königin, das Berühren der Lippen. Ganz zart. Wenn alles sich verbindet, wenn die Gefühle zu einem werden, wenn man den Moment für immer halten möchte. Die Augen sind geschlossen, der Verstand steht lächelnd am Rand. Es ist Strom, der fließt. Kontakt, Impuls. Für wie viele Küsse hat ein Leben Platz? Für wie viele von denen, die nicht nur hingehaucht sind, sondern das ganze Programm abspielen?

Draußen regnet es im Februar. Es ist kalt und ich sitze allein in der Küche. Der Kaffee ist kalt geworden, Viveka werde ich erst am Abend sehen. Eben habe ich mit Norbert van Ackeren telefoniert, er hat heute Geburtstag. Nächste Woche treffen wir ihn und Barbara in Duisburg. Ein Kunstprojekt. Anmut. Nie war die schöne Seite des Lebens wichtiger, lange hatte Kunst nicht mehr eine solche Bedeutung. Ich liebe. Ich liebe es. Der einzige Reichtum des Menschen ist die Kunst, lieben zu können und Liebe zu spüren. Alles andere ist Martyrium.

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2016

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2016. Eine überaus freundliche Zahl. Zwischen 20 und 16 liegt die Quersumme 18. Alles durch 2 teilbar sowie 20 und 16 durch 4. In der Summe der 20 und 16 ergibt sich die 36, die durch 2 geteilt 18 ergibt und durch 4 geteilt 9. Die 18 und die 9 harmonieren mit der 3, die zwischen der 2 und der 4 liegt. Das ist eine durchaus kuschelige Konstellation, würde ich mal fernab von Mathematik als Mann des Wortes behaupten. Da ich ungekrönter Optimisten-Weltmeister sein mag, stelle ich die These auf, dass die Zahl 2016 ein gutes Omen ist. Für die Welt.

Nun ist mir klar, dass die Zeichen der Zeit eine andere Sprache sprechen. 2016 werde viele Menschen Gewalt erfahren. Es gibt eine globale Unzufriedenheit. Überwiegend dort, wo bislang unterdrückende Systeme etabliert waren, in deren Schatten nun die Geister der Vergangenheit auftauchen. Da liegt Unterschwelliges vor, das sich Bahn bricht. Die alten Wissenden können wieder ausgegraben werden. Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Habermas, den ich nie verstanden habe. Deshalb erlaube ich mir den gegoogelten Egbert Scheunemann zu zitieren:

„Nicht die Entfaltung der Vernunft selbst hat schließlich, so Habermas, zu den Pathologien der Moderne geführt (von der Kolonialisierung der Lebenswelt bis zu den Grenzen des Wachstums), wie eine zeitgeistige (Foucault, Derrida, Bataille etc.) und oft auch sehr angestaubte Vernunftkritik (Nietzsche, Heidegger, aber auch Horkheimer/Adorno) behauptet, sondern deren einseitig instrumentelle Entfaltung im System bei höchst mangelhafter Rationalisierung der oft noch vormodernen ethischen und moralischen Gehalte in der Lebenswelt. Wir leiden also gleichermaßen an zuviel instrumenteller Rationalität wie an zuwenig lebenspraktischer Vernunft.“

Vernunft. Moralische Gehalte in der Lebenswelt. „Gutmensch“ ist gerade zum Unwort des Jahres gewählt worden. Klar, der passt nicht in eine Welt des Säbelrasselns und Fäustefliegens (im besten Falle). Die gute Nachricht ist, dass sich das alles legen wird. Irgendwann sind die Kämpfer müde und entdecken die Schönheit des Feinen. Da war doch noch was? Nicht alle, natürlich, aber es braucht jeweils diese kritische Masse.

In den 80ern war die in Richtung Peace erreicht. Da ließ sich sogar ein Kalter Krieg beenden. Nie hätte ich das gedacht. Ein Wort meiner Kindheit war Pershing. Atomrakete. Der rote Knopf, zufällig. Ein damals, wie es heute scheint, angenehm theoretisches Problem. Das ist aktuell dann doch alles sehr anders. Rechte Spinner die Straßen verwüsten, Nordafrikaner, die Frauen begrabschen, Belgier, die Menschen erschießen, Afghanen, Iraker und Syrer, die auf solcher, dieser, jener Seite kämpfen. Russen, Amerikaner, Verbündete, die zum Wohle aller bombardieren.

Das wirft viele Fragen auf. Irgendwie muss der Dampf raus. Nun auch bei uns in Deutschland. Da ist viel mehr Aufgestautes als gedacht. Die deutsche Einheit hat viele Komponenten im Jahr 2016. Eine bunte Kakophonie. Talk-Show-Firlefanz. Versunkene Ministerinnen, die auftauchen. Landesfürsten, die Kante zeigen. Und die asozialen Medien, denen es egal ist, wessen Helfershelfer sie sind und was dort geschieht und geplant und gelebt wird weitab aller zivilisierten Grenzen.

Das Gute: Politik lebt. Seit dem 6. März 1983 war es in Deutschland sehr ruhig geworden. Es hatte sich ein Gefühl eingestellt, als hätten wir gesellschaftlich nur noch Feintuning vorzunehmen und ansonsten rein ökonomisch zu agieren. Alles in die Hände der BWL. Welche Antworten hat die nun, auf das? Ich würde mich über eine Renaissance der Gesellschaftswissenschaften freuen. Vielleicht ist das das Gute an allem, dass nun jemand hinter all die Kulissen schauen muss. Was bleibt? Ruhe und Hoffnung bewahren, klar bleiben bei allem Geschrei und wo möglich zu besseren Zeiten beitragen, die kommen werden. Das allerdings wird global gesehen noch ein wenig dauern.

Übrigens: George Orwells 1984 plus unser heutiges 2016 gibt in der Summe 4000. Eine Zahl, die sich harmonisch teilen lässt. Wer braucht da noch Kaffeesatz?

Man könnte verrückt werden…

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…wenn man wollte. Da ich das nicht möchte, betreibe ich manchmal aktive Nervenberuhigung und Gedankenbereinigung. Denn wir leben in unruhigen, herausfordernden Zeiten. Zumindest empfinde ich sie aktuell als unruhig und herausfordernd, aber das haben die Menschen wohl schon immer getan.

Aktuell dreht sich viel um Islam und Islamismus und Krieg und Terror. Keine schönen Dinge, die da geschehen. Schreckensbilder, die die Fantasie beflügeln. Albert Camus‘ „Der Fremde“. Am Ende liegt der Mann tot am Strand. Der Araber. Kopfkino. Pegida. Beschimpfungen. Vorwürfe. Einfache Lösungen auf allen Seiten. Herrje, es ist Weihnachten.

Ja, ich halte mich da raus. Tutti kompletti. Klar habe ich meine Meinung, aber die ist weder schwarz noch weiß, weder links noch rechts, weder dafür noch dagegen. Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Extreme suchen sich zu nivellieren. Es ist ein Prozess, ein Ausgleich der Kräfte und Meinungen. Demokratie, juchhu. Hey, Demokratie kann nerven. Und Rosa Luxemburg hat den Satz von den Andersdenkenden gesprochen.

Derweil lese ich mit und halte mich zurück. Mach andere Dinge, die jetzt wichtig sind. Am Wasser entlang gehen, bevor der heilige Abend kommt. Schließlich sollte man dann klar sein. Es ist der Abend, an dem die Familien zusammenkommen. Da wird viel von Besinnung gesprochen. Die Menschen gehen in die Kirche und hören Zeilen aus der Bibel. Da geht es um den Erlöser, das Löschen von Schuld, um Engel, Boten und heilige Könige, die dem Stern gefolgt sind. Letztlich: Um gute Taten.

Jim und ich sind dem Wasser gefolgt. Wir haben uns Herrn Cooper geschnappt und sind unserem Bach unten im Tal bis zur Quelle gefolgt. Stoisch dem Bachlauf entlang. Wir mussten klettern, viele Stacheldrahtzäune überwinden, überschwemmte Flächen umgehen und uns dem Regen erwehren. Es sind ungemütliche Zeiten und die Raunächte stehen erst noch bevor.

Warum eine solche Wanderung? Macht klar im Kopf. Da ist nicht viel. Nur der Bach, die Landschaft, der Himmel. Jim und ich konnten ein wenig quatschen, über alles mögliche. Dinge. Keine Politik. Leben, Veränderung, Gegenwart, Zukunft. Hat Spaß gemacht. Drei Stunden waren wir unterwegs, sind an der Quelle angekommen und sind umgekehrt. Querfeldein den mehr oder weniger direkten Weg zurück. Nieselregen, frischer Wind um die Ohren.

Zwischendurch sind wir in einem kleinen, alten Steinbruch gelandet und haben Fotos geschossen. Aus allen Perspektiven. Ein verwunschener Ort, verrückte Farben. Die Fotos zeige ich euch unten. Bleibt mir nur, eine frohe Weihnacht zu wünschen. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und schaut vielleicht mal, wie viel Frieden ihr so beitragen könnt. Wie viele Fronten ihr abbauen könnt. Wie viel Feingefühl ihr aufbringen könnt, um den Druck raus zu nehmen. Wie gnädig ihr dem Leben, den Mitmenschen und den Andersdenkenden gegenüber sein könnt.

Ich denke, das Wichtigste ist, dass es Weihnachten im Kreise der Familie viel zu lachen gibt. Pruuust! Haut rein:)

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