Der Tag hat begonnen. Ich schwebe noch auf der Wolke des Wochenendes. Ich würde euch gerne berichten, kann aber nicht, weil sich das zwar in Worte kleiden lässt, die beschreibenden Worte aber verbrannt sind. Zu viele Klischees, Worthülsen. Was ich schreiben würde, klänge komisch, aufgesetzt, nicht glaubhaft. Da ist das Internet das komplett falsche Medium. Selbst von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht ist das schwierig. Ich kann nur so viel sagen: Leben fühlt sich eine Weile ganz anders an.
Ein merkwürdiges Gefühl, den Alltag wieder zu starten, der plötzlich distanziert erscheint. Die gleichen Abläufe, eine andere Perspektive. Ich habe mir einen Cappuccino zubereitet, einen Tee gekocht, habe mich an meinen Schreibtisch gesetzt, den Rechner hoch gefahren, das Mailprogramm geöffnet, Spiegel online, Twitter. Auf Twitter eine Nachricht von einer Followerin aus Österreich. Ein kurzer Kommentar zum gestrigen Blogbeitrag. Nett, freundlich. Dazu ein Foto mit einem lächelnden Gesicht. Engelhaft.
Ich schaue nach, wer das ist. Ob ich folge. Da sind viele Fotos hinterlegt, die einen Einblick geben. Eine Wohnung, Konzerte, ein Kind, eine Mutter mit dem Kind auf dem Arm nach der Geburt. Eine Bildergeschichte, eine Biographie, ein Film. Ich schaue mir ein anderes Leben an im Netz. Ein Foto vom Papa des Kindes, ein Bild mit zwei Paar Joggingschuhen – Mama, Papa, kleine Schuhe, große Schuhe nebeneinander. Bilder von der Wohnung aus aufgenommen – eine Stadt. Ein Foto mit Blick auf ein Schloss, das sich vor der Stadt erstreckt. Speisen in Restaurants. Leberkäs mit Peperoni und Senf und einem Bier daneben und einem Wasser.
Verwackelte Aufnahmen, reales Leben. Wie schön! All die Dinge, auf die es ankommt. Nichts Spektakuläres – außer vielleicht die Aufnahmen von Herbert Grönemeyer und Lenny Kravitz. Live. Sie hat sie gesehen. Ein Kind vor einem Weihnachtsbaum. Wie sehr sich Leben gleichen, wie schön es ist, ähnlich zu empfinden, das Gefühl zu haben, zu wissen, was andere empfinden. Mitfühlen, miteinander fühlen. Ich muss lachen: Auf einem Foto schaut die Kamera runter auf die Straße. Die Sonne scheint, die Atmosphäre beschreibt einen frühen Sonntag. Im Hintergrund schiebt sich schräg das Logo eines SPAR-Supermarktes ins Bild. Im Zentrum maschiert eine kleine Blaskapelle. Männer und Frauen mit roten Westen oder Anzugsjacken, die Instrumente am Mund. Keine Zuschauer, nur ein Paar Hand in Hand begleitet die Kapelle. Ich höre die Musik, spüre den Sonntag, die Sonnenstrahlen. Was für eine skurrile Szene, was für ein tolles Foto. Bin kurze Zeit in einem fremden Leben, sehe mit den Augen einer Unbekannten.
Das ist ein wenig wie ein Bilder-Roman, wie das Lesen eines Buches. Mein Kopf versucht, die Bilder zu verbinden. Es stellt sich eine Message ein: Diese Frau führt ein schönes Leben. Das ist keine Hochglanz-Welt, keine Traumwelt, das ist das ganz normale Leben im Jahr 2012. Das Netz ist voller solcher Bilder. Einblicke. Einander völlig fremde Menschen treffen sich, gewähren Einblicke in ihre Fotoalben, Familienalben. Das ist neu. In Aachen habe ich einmal Fotoalben auf der Straße gefunden. Eine Wohnung war aufgelöst worden, da stand Sperrmüll und es lagen auf dem Gehweg die alten Familienalben. Wie weggeworfene Leben. Vor meinen Füßen. Erst wollte ich sie retten, hatte das Gefühl, die dürften nicht einfach zerstört werden, weil dann etwas zu Ende geht. Dann dachte ich: Nicht mein Leben, nicht mein Film.
Wie ist das mit den Bildern im Internet? Ehrlich gesagt: Ich kann es nicht genau einschätzen. Einerseits ziehen sie mich an, macht es mir Spaß, ein wenig hinter fremde Kulissen zu schauen. In ein fremdes Leben, in eine fremde Stadt. (Ah, jetzt – ich glaube, es ist Wien. Das Schloss ist Schönbrunn.) Andererseits komme ich mir vor, als würde ich über eine Grenze gehen. Dieses Netz, diese Verbindung von Menschen ist eine spannende Sache. Wir haben Leitungen, die in unsere Häuser führen von Computer zu Computer, von Mensch zu Mensch. Verbindungen. Eigentlich eine gute Sache. Oder?