fuckyouverymuch.dk – erfrischend anders:)

Fotografiona ist der Twitter– und Künstlername eine Fotografin aus Berlin. Auf Twitter lese ich ab und an ihre Nachrichten und schaue auch mal in ihrem Blog vorbei. Berlin ist einfach immer eine Nummer cooler als das Leben hier auf dem Land. Zudem dürfte sie eine ganze Ecke jünger sein und betrachtet die Welt ohne Kinder und Familie aus einem anderen Blickwinkel. Spannend für mich. Und: Sie schreibt aus dem Leben einer Fotografin. Fotografie hat sich bei mir ins Leben gedrängelt. Irgendwie ist seit einiger Zeit die Kamera einfach oft dabei. Ich glaube, die hängt sich mir morgens um den Hals, wenn ich Cooper rufe.

Fotografiona hat gestern einen Tweet – so heißen die Nachrichten auf Twitter – mit einem Link getwittert. Das heißt, sie hat ihn retweeted. Also wiedergegeben. Die Nachricht sah dann so aus: „#ff!! RT @fyvm: Photo: We don’t give a damn. http://tumblr.com/xmv1y1flym“ VORSICHT! Hier wird es erotisch. Bevor ihr diesen Link klickt, muss ich euch sagen, dass ihr eine nackte Frau in einem Kombi sehen werdet. In eindeutiger Pose. Ich weiß, das macht nichts. Wir leben im Jahr 2011. Ich wollte es euch nur sagen.

Als ich dieses Foto sah, musste ich lächeln. So frech. So wunderbar frech, dieses Foto, dieser Blog. Der trägt den verwirrenden Namen fuckyouverymuch. Und den Untertitel: fuck you is the new thank you. Jetzt könnte man natürlich denken: Oh, Schmuddelszeug. Schön, mal schnell heimlich hinsurfen und ein wenig gucken. Ist ja in Ordnung. Aber so ein Blog ist das nicht. Der ist – unbeschreiblich anders.

fuckyouverymuch ist ein fotografisches Tagebuch. Die Macher sind Sine und Kristoffer aus Dänemark. „Two friends trying to manage their relationship through this visual diary. These are their thoughts on everything.“ Ich konnte nicht aufhören, das Tagebuch zu durchstöbern. Die beiden suchen aus dem Internet Fotos zusammen und schreiben ihre Gedanken darunter. Kurz. Sehr kurz und sehr prägnant. Keine Arabesken, nichts Barockes. Einfach straight. So wie die Fotos, die sie aussuchen. Aus dem Netz. Sie surfen, entdecken irgendwo ein Foto, das sie anspricht, posten es auf ihrer Seite, verlinken es mit der Ursprungsseite und schreiben ihre Botschaft darunter. Ein modernes Bilderbuch. Lyrisch, sexy, frech, anarchisch. Ein Abbild der Zeit. Ihrer Zeit. Meiner Zeit? Eurer zeit? Weiß nicht. Egal.

Dabei steht dieses fuckyouverymuch auch für eine Netz-Subkultur. Unten auf der Seite steht einfach: „The images on fuckyouverymuch are found all over the amazing internet. We use them because they invoke certain feelings in us and in our readers. Click on the pictures and it should lead you to the source – but if we happen to violate any copyrights you might have, please do not hesitate to contact us and we will remove the picture. Please note that some of the images on fuckyouverymuch contain nudity. Additionally; if you know the author of an unknown post please drop us an email. Play it safe and be cool. Fuck you very much. s x k“

Das heißt, die leihen sich die Fotos ungefragt. „Play it safe an be cool.“ Cool. Ja, das ist die Seite. Ich bin bis zum September des letzten Jahres gekommen und freue mich, den Rest auch noch zu entdecken.

Wer kauft jetzt noch japanische Autos?

Mann. Erdbeben, Tusnami, GAU. Ich meine, das ist doch schon genug. Kommt jetzt noch ein Wirtschaftsdesaster als Add-On oben drauf? Gestern war ich im Bioladen. Ich hatte Zoe und ihre Freundinnen zum Hip-Hop-Tanzen gebracht. Drei durchgeknallte Lady Gagas im Auto. Super. Während die getanzt haben – move your body, shake your hips -, habe ich eingekauft. Für die Woche und für ein Sushi-Essen am Samstag. Helga und David kommen und wir wollen zusammen sehen, was wir da auf die Teller zaubern können. Jim hat seine Hilfe angeboten, weil er mittlerweile ein gutes Sushi-Feeling hat.

Ich denke, ihr wisst, was jetzt kommt. Die Zutaten, also Miso für die Suppe vorweg und die Algenblätter kommen aus Japan. Rote Algen aus dem Meer. Äh? Tja. Ich habe dann im Laden nachgefragt, weil ja gestern die Grenzwerte für die Strahlenbelastung importierter Lebensmittel angehoben wurden. Foodwatch berichtet über eine EU-Eilverordnung. Nuklearer Notstand.

Mir war mit den Algen aus japanischer Produktion nicht ganz wohl, deshalb habe ich nachgefragt. Zwar habe ich mir gedacht, dass das noch kein Problem sein wird, aber ich wollte schon wissen, was Sache ist. Denn, sitzen wir da am Samstag in der Runde und essen Sushi und fragen uns zwischendurch, wo das, was wir gerade essen, her kommt, dann kann das zu Irritationen und Ungemütlichkeit führen. Wer will schon Algen essen, die verstrahlt sind? Ich nicht. Und Gästen möchte ich solche auch nicht anbieten und meiner Familie auch nicht. Entwarnung. Für mich. Alle japanischen Lebensmittel im Laden stammen aus der Zeit vor der Katastrophe. Neue Ware ist nicht geordert. Ups? Keine neue Ware geordert?

Ah. Was jetzt? Shit. Großes Problem. Nichts Genaues weiß man nicht. Was ist in Japan verstrahlt? Und womit? Da gibt es ja die unterschiedlichsten Halbwertszeiten. Von bis. Wenige Minuten bis mehrere Jahrtausende. Und wie ist die Windrichtung? Und wie groß ist die Belastung überhaupt? Und wenn das Zeug regional schon im Meer, im Gemüse und im Trinkwasser ist, ist es dann bald auch in den japanischen Autos? Und anderen japanischen Exportgütern? Und was ist dann? Was wird aus Japan, wenn verstrahlte Exportwaren auftauchen? Strahlen sieht man nicht. Das war das merkwürdige gestern an der Tüte mit Miso und den verpackten Algenblättern. Ich konnte es ihnen nicht ansehen. Natürlich kann man sagen: Bleib mal locker. Aber wer hat Lust, aus Solidarität mit Japan verstrahlt zu werden?

Ich glaube, es wird Zeit für einen Plan B. Die Süddeutsche berichtet: „Mehrere Länder haben den Import von Lebensmitteln aus Japan ganz oder teilweise eingeschränkt, darunter China, Südkorea, Taiwan, Australien und Singapur.“ Von Importverboten ist die Rede. In dieser ganz besonderen Situation wird es Zeit, sich Gedanken für den Fall X zu machen. Für den Fall, dass der Weltmarkt für japanische Produkte schwierig wird. Noch sieht es so aus, als wäre die Verstrahlung lokal begrenzt. Aber so richtig weiß niemand, was los ist. Das wird sich an den Messstationen in den Häfen zeigen. Per Geigerzähler. Ganz banal. Kommt es zum Fall der Fälle, braucht Japan Hilfe. Ich hoffe, da sitzen Weltbank-Spezialisten und rechnen das mal durch. Drücken wir weiter die Daumen, dass die Reaktoren in Fukushima bald unter Kontrolle sind und die Verstrahlung ein Ende findet. Aber ein Plan B sollte schon mal angedacht werden. Wahnsinn.

Bazooka, Knall, Schepper, Bumm, Bumm!

Nein, kein Krisenherd. Wieder nicht. Momentan sitze ich hier morgens und überlege: Weite Welt oder kleines Leben. Eben bin ich kurz durch die Nachrichtenchannel gezapped, um zu sehen, wo die Welt gerade steht. Dabei kam mir heute der Begriff Chaostheorie in den Sinn. Das war die Sache mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings in China, der tausende Kilometer entfernt eine Naturkatastrophe auslöst. Weil gerade dieser kleine Flügelschlag als letztes kleines Etwas gefehlt hat. Gerade paar viele Schmetterlinge unterwegs. Wenn wir auf dieser Welt so feinfühlig miteinander verbunden sind, dann…

Ich bleibe lieber beim kleinen Leben. Schließlich ist Frühling. Vor einem Jahr schrieb ich im Brigitte Woman Blog über das Grand-Treppen-Opening. Dieser Moment, dieses bewusst das erste Mal im Jahr draußen auf der Treppe in der Sonne sitzen und Cappuccino schlürfen, ist in diesem Jahr durchgerutscht. Alles ist so anders in diesem Jahr. Der Frühling kam überraschend und vieles andere auch.

Gestern Nachmittag saß ich hier am Rechner und beschäftigte mich mit verschiedenen Texten. Da ging es um Ingenieursleistungen und das Einvibrieren von Löchern in sandige Böden – die es zum Beispiel in Berlin gibt -, um Fundamente auf bis zu 30 m tiefe Betonstützen zu stellen. In meinem Kopf vibrierte und betonierte es. Da kam Jim rein. „Papa, ich brauch‘ den Kompressor.“ Ein Kundengeschenk, das bei mir im Büro steht. Klar. Nimm. Abmarsch. Da rumorte es draußen. Vor meinem Bürofenster hatten sich die kleinen Strolche des Dorfes eingefunden. Eine ganze Bande. Heerscharen von Kindern. In der Mitte Jim und ein Nachbarsjunge. Aus meinem Vibratortext lösten sich erste Gedanken. Mein Vater sagte früher immer: „Holzauge, sei wachsam.“ (In meinem Kopf kursieren etwa 150 Millionen Papasprüche, die nur zu ca. 10 % politisch korrekt oder öffentlich aussprechbar sind. „Wenn’s vorne juckt und hinten beißt, nimm Klosterfrau Melissengeist.“ Und so weiter. Welch ein Erbe!)

Aufgeregtes Geschnatter draußen, das Röhren des vibrierenden Kompressors. Wir haben doch ein Fundament! Quatsch, das ist das andere Thema. Was machen die nur? Kompressor, Druck aufbauen. Moment mal. Nix gut. Jim hatte sich, das scheint bei Jungen in seinem Alter normal zu sein, kürzlich erst in Flammen aufgehen lassen. Haarspray versprüht und angezündet. Weil das Feuerzeug erst nicht klappte, war er näher dran gegangen. Zu nah, weil das Feuerzeug dann doch klappte. Augenbrauen weg, Lippen verbrannt, eine Gesichtshälfte rot, die Fleecejacke teils geschmolzen. 100 % Glück gehabt. Ohne die Augenbrauen sah der aus wie ein Alien. Die angekokelten Wimpern haben sich immer wie ein Klettverschluss ineinandergehakt. Er musste die Augen dann mit den Fingern öffnen. Ihr könnt euch vorstellen, was in Ela und mir vorging. Aaaaaaaahhhh!!!

Gestern nun also der Kompressor. Ich bin dann mal lieber vor die Tür gegangen, um einen Blick auf das Geschehen zu werfen. „Papa, guck mal. Wir haben eine Bazooka gebaut.“ Super. Waldorfschule, Anti-Atomkraft-Demonstration, engagiertes Schultheater und in der Freizeit Bazookas bauen. Passt. Jungen. 14 Jahre. Im Spiegel Online Pubertäts Special stand was von umfassenden Gehirnveränderungen in der Zeit und einer gewissen Unzurechnungsfähigkeit. Ein Trost. Leben in Extremen. Das wird schon – sofern er seine Experimente unbeschadet übersteht. Nun gut. Eltern müssen ja auch einfach Vertrauen haben. Und sanft kontrollieren.

Was haben die Jungs gemacht? Eine Flasche mit Wasser gefüllt, einen Korken rein gesteckt, durch den Korken die Spitze zum Ballaufpumpen geschoben und dann mit dem Kompressor Druck auf die Flasche gegeben. Klassischer Raketenantrieb. Jim hat den Kompressor bedient, der Nachbarjunge hatte ein altes Lüftungsrohr auf der Schulter – die Bazooka – in dem sich die Flasche befand. Kompressor an, Druckaufbau, Korken fliegt aus der Flasche, die fliegt einige Meter weit aus dem Rohr nach vorne und versprüht Wasser. Kerosin. Genial. Mit Einschränkungen. Die Jungs hätten meines Erachtens auch eine friedliche Nutzung der Anwendung ins Spiel einbeziehen können. Auf jeden Fall war der Jubel groß. Friede, Freude, Eierkuchen. Alle waren nass und hatten ein breites Frühlingsgrinsen im Gesicht. Mittendrin Cooper als Petey the Pit (der Hund der kleinen Strolche, der mit dem schwarzen Auge).

So bleibt das Leben im kleinen und großen Zusammenhang spannender, als mir lieb ist. Meinetwegen könnte ich gerne mal eine Woche lang unbeschwerte Langeweile haben. Euch wünsche ich, dass ihr unbeschadet durch den Tag kommt. Das ist momentan ja auch schon mal was. Quatsch. Sehen wir das mal nicht so pessimistisch. Ist ja bislang immer noch gut gegangen. Wie der Kölner/ die Kölnerin sagt. Und der/ die hat auch schon einiges mitgemacht…

Die Einschläge kommen näher:)

Nicht was ihr jetzt im Kontext des momentanen Weltgeschehens glaubt. Nein. Viel banaler. Aber nicht unbedingt weniger dramatisch. Ich bin auf dem Land. Genauer gesagt beim Dorffußball. Wer es noch nicht weiß, ich spiele hier im Nachbardorf in der offiziellen Mannschaft der Alten Herren. Mittlerweile seit zehn Jahren. Die Jungs sind mir ans Herz gewachsen. Wie das so ist, wenn Männer nach dem Spiel beisammen sitzen, es tauchen Ideen auf. Pläne. Möglichkeiten.

Vor zwei Jahren saßen wir nach einem Training im Sommer draußen vor der Tür. Verschwitzt, dreckig, glücklich. Hormonausschüttung durch das Laufen und Rennen und Stürmen und Flanken und Grätschen. Für den Körper ist das Fluchtverhalten, das mit eigenen Antidepressiva unterstützt werden muss. Gedanken ausschalten, lächeln. So saßen wir da auf unserem Hormontrip und der Sorge um das Abflauen des Gefühls, dem Hormonturkey. In der Mitte eine Kiste Bier, alle setzten sich hin, wo gerade Platz war. Auf Treppenstufen, Autokotflügel. Ein guter Abend.

Wir hatten schon lange recht halbherzig eine Mannschaftstour geplant, als sich an diesem Abend ein Mitspieler mit Begeisterungsüberdosis auserwählt fand, die Dinge in die Hand zu nehmen. Er startete die Aktion Mannschaftsmotivation und hatte auch schnell einen Claim für die interne Kommunikation gefunden: „Jungs, die Einschläge kommen immer näher!“ Bedeutet: Seht euch um, was mit Menschen in unserem Alter passiert. Fallen um, liegen flach, es haut ihnen die Beine weg, nimmt ihnen den Atem. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Er hat es in die Hand genommen. Kurzerhand ein Reiseziel festgelegt und am nächsten Tag Flüge und Hotel gebucht. Malle. Ich gebe es zu. Fünf Tage Ballermann. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich selten so gelacht habe. Unvorstellbar.

Gestern nun hatten wir Ü32-Kreismeisterschaftsspiel. Direkt in der ersten Runde gegen den Favoriten. Die Spieler von denen sind alle noch aktiv und im Schnitt mehr als zehn Jahre jünger. Normalerweise können wir das durch Erfahrung ein wenig kompensieren und durch schlaues Auswechseln auch den Konditionsnachteil ausgleichen. Gestern dann: Verletzte, Kranke, Lahme, Couch-Potatoes. Die Einschläge kommen näher. Wahrlich. Am Sonntag hatte ich in der zweiten Mannschaft gegen junge Männer knapp über 20 gespielt. Gestern Früh taten mir alle Knochen weh. Am Abend dann das Entscheidungsspiel – Top oder Flop. K.O.-System. Nach drei Minuten verletzte sich einer unserer Spieler im defensiven Mittelfeld. Der Sechser. Khedira. Also so in etwa:) Ich war an der Reihe, wurde vom Trainer eingewechselt und durfte wieder ran.

Wir haben verloren. Ecke, Kopfball, drin. 1 : 0. Ausgeschieden. In der Kabine sind wir dann durchgegangen, wer uns alles gefehlt hat. Wer nicht da war, aber hätte da sein sollen. Das Ergebnis: Wir werden weniger. Rückenprobleme, Knieprobleme, Arbeit, Familie. Überhaupt. Nächsten Monat werde ich 46. Herrje. Egal. ich denke lieber an den Oktober. Da sind wir als Mannschaft wieder unterwegs. Auf Norderney. Vier Tage. Was ich jetzt schon weiß: Das wird wieder ziemlich lustig. Alte Geschichten, Gerede, Geklüngel, Gedöns. Macht einfach Spaß, an nichts zu denken und einfach mal nur dummes Zeug zu reden. Denn letztlich ist es ja so, man muss die Zeit nutzen, denn…

Carpe Diem.

P.S. Gestern Abend habe ich eine ganze Reihe Geschichten und Gedichte online gestellt, die ich auf meiner Festplatte gefunden habe. Dort setzen sie nur Staub an. Vielleicht habt ihr Lust, ein wenig zu stöbern. Einfach mal unter Lyrik und Kurzgeschichten nachschauen…

Der Herr Cooper stellt sich gegen Atomkraft!

„Wir protestieren auf allen Vieren!“ Mit dem Herrn Cooper. Die Klasse meines Sohnes, die Schüler/innen hatten sich entschieden. Sie wollten das Atomdesaster in Japan nicht unkommentiert lassen und haben deshalb ihre Demonstrationsteilnahme organisiert. Komplett eigenständig und in Teamarbeit. Erst wollten sie nach Berlin fahren, um vor dem Reichstag zu mahnen, dort, wo die Gesetze gemacht werden und der Atomausstieg. Dann war Köln einfach näher und realistischer. Ihre Motivation: Nicht in einer solchen Welt leben wollen. Nicht zukünftig Kinder in eine Welt setzen, die einem jeden Augenblick um die Ohren fliegen kann.

Sie haben sich zwei Plakate gemalt. Mit einer Mutter aus der Klasse sind sie in den Baumarkt gefahren, um sich Latten zu kaufen. Den Stoff hatten sie sich von der Handarbeitslehrerin besorgt, die ihnen auch den Schlüssel zum Handarbeitsraum und den Nähmaschinen gab, wo sie Stoffe zusammengenäht haben. Die Farben hat die Kunstlehrerin aus dem Atelier der Schule zur Verfügung gestellt. Die Sprüche haben sie sich selber ausgedacht und die Verkleidung auch. „Heute Japan, morgen wir.“ Zum Beispiel.

Tatsächlich war am Samstagmorgen dann auch ein Großteil der Klasse inklusive Lehrer am Bahnhof. In weißen Anzügen mit Atemschutzmasken und den beiden großen Plakaten, die immer wieder von Fernsehkameras und Fotojournalisten aufgenommen wurden. Ela und ich sind mitgefahren, um ein wenig zu betreuen und auch dabei zu sein. Ela hat sich um Zoe gekümmert, ich um Cooper, der mit Anti-Atomkraftaufklebern protestierte.

Es war schön zu sehen, wie sich die Jim und seine Freunde eingesetzt haben. Mit wie viel Engagement sie sich entschieden haben, Meinung kund zu tun. Die sind jetzt vierzehn und haben kein Wahlrecht. Die müssen einfach zusehen, was geschieht. Jim hatte sich schon während seiner Marie Curie Biografiearbeit mit radioaktiver Strahlung beschäftigt. Er weiß, was geschieht, wenn die Strahlung austritt und in irgendeiner Form in den menschlichen Körper gelangt. Das heißt: Er weiß, was er tut und was er will und was er nicht will. Ich kann mich daran erinnern, wie das früher mit den Demonstrationen war. Da waren die Demonstrierenden die Spinner. So, wie es lange Zeit den Grünen vorgeworfen wurde. Jetzt stellen sie in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten und angesichts dessen, was in Japan gerade geschieht stellt sie die Frage: Wer spinnt hier?

Es war ein langer, anstrengender Tag am Samstag. Mit der ganzen Familie, mit Kind, Kegel und Hund auf einer Demo. Auf der Rückfahrt im Zug haben wir alle gepennt. Müde, aber glücklich, auf der bislang größten Anti-Atomkraft-Demonstration dabei gewesen zu sein. In Tunesien, Ägypten, Syrien, Jemen, Libyen usw. kämpfen die Menschen für Freiheit und Demokratie. Wir haben sie. Wir können auf die Straße gehen und sagen, was nicht in Ordnung ist. Friedlich. Das ist gelebte Demokratie, das ist, was die Aufklärung und die französische Revolution gebracht haben. Den mündigen Bürger, den Citoyen. Den aufgeklärten, politischen Staatsbürger, der sich einbringt, der Demokratie ein Gesicht gibt. Mir hat diese Demonstration ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn mir von der Bühne der Abschlusskundgebung einige Male zu oft gebrüllt wurde, um die Menge in Stimmung zu bringen. Das wäre nicht nötig gewesen, weil die, die da waren, wussten, weshalb sie da waren. Mir wäre es lieber, die Anti-Atomkraftbewegung könnte sich reformieren, könnte sich neu entdecken und öffnen. Manches wirkt wie aus einer alten Zeit. Ein wenig historisch. Die Situation in Deutschland hat sich geändert – die Anti-Atomkraftbewegung steht auf breiteren Füßen. Da könnten mehr Menschen ins Boot geholt werden, wie Baden-Württemberg gezeigt hat.

Bei uns in der Straße ist Japan gerade ein großes Thema. Durch die Bank wollen alle raus aus der Atomkraft – und zu den echten Ökostromanbietern wechseln, von denen es in Deutschland nur vier gibt. Wer sich für regenerative Energien wirklich einsetzen möchte, der wechsle seinen Anbieter.

Euch wünsche ich eine schöne Woche mit netten Begegnungen, guten Gesprächen und allem, was erfüllt und innerlich reich macht.