Von der schönen Liebe in Zeiten des Bundestagswahlkampfs

Nicht mehr so oft schreiben. Nicht mehr so viel produzieren. Lieber warten, reifen lassen, sich die Fragen stellen.

Dieser Bundestagswahlkampf beschäftigt mich. Seit geraumer Zeit versuche ich, dahinter zu kommen. Es war mein innerer Plan, verstehen zu wollen und dann darüber zu schreiben. Nun habe ich ein Bild und eine Überzeugung, weshalb die Dinge so kommen, wie sie kommen werden. Das wollte ich dezidiert darstellen und auseinanderlegen. Differenzieren. Insbesondere nach einem Gespräch mit einer Freundin auf Norbert van Ackerens Atelierauflösung am Wochenende. Wir haben über Politik gesprochen und sie forscht in dem Bereich. Ich hatte ein Interview gelesen, das aus ihrem Haus stammt.

Die Dinge gehen auf und wenn man sich lange genug Gedanken macht, weiß man plötzlich mehr. Und dann ist es so banal und kaum mehr der Rede wert. Ich mag darüber nicht mehr schreiben. Mein Stimmzettel liegt bereits im Rathaus und wartet auf Begleitung. Es liegt nicht mehr in meinen Händen und es kommt, wie es kommen muss.

Was wichtiger ist als die Politik, ist die Liebe. Die schöne Liebe. Tun, was getan werden muss, und leben, was gelebt werden kann. Auch wenn sich die Menschen die Parolen an die Köpfe schmettern ist da immer noch das, was uns ausfüllt. Erfüllt.

Es kann nichts passieren, wenn man liebt. Wenn dieses Gefühl bis in die Zehen- und Fingerspitzen geht. Wenn es flutet. Wenn es kribbelt, als wäre man am Anfang des ersten Tages.

Manchmal verliere ich das Wesentliche aus dem Blick. Manchmal lasse ich mich ablenken und mein Geist flieht in merkwürdige Aufgaben, die eigentlich nicht meine sind. Da ist diese Neugierde, der Wille, irgendwo hinter zu schauen, irgendetwas Obskures zu verstehen. Wie dieses Internet, die Social Media, diese politischen Abstraktionen in Washington, Ankara, Mossul, Kobane, Rakka.

Don Quixote de la Mancha.

Fatamorganen. Facebook. Twitter. Die Klarstellungen, Behauptungen, Positionierungen, Kampfansagen, Beleidigungen, Herabwürdigungen, das sich drüber Stellen, Runtergucken, Verachten. Die Versuche, sich gegenseitig zu beleidigen – im Sinne einer vermeintlich guten Sache. Dieser Wahlkampf war langweilig? Er war abscheulich. Als hätten wir alle diese Demokratie nicht verdient.

Die wirklichen Fragen haben wir alle gemeinsam schön ausgeblendet. Wir haben eine Chance vertan, die sich nur alle 4 Jahre bietet. Wir haben nicht wirklich diskutiert, gesprochen. Waren nicht neugierig und offen. Alle wussten schon alles. Wie der Hase läuft und wie es zu geschehen hat. So viele Bundestrainer auf dem Platz.

Ich bin nun froh, dass es vorbei ist und freue mich über die Erkenntnis, das Liebe stärker und wichtiger ist als alle Politik. Sie erfüllt mich und gibt mir allen Grund, sie zu wählen und mich für sie einzusetzen. Ich wähle die Liebe. Die schöne Liebe. Die erfüllende Liebe. Die bewegende Liebe. Die Liebe, die so stark und präsent ist. Die nächsten Tage werde ich auf allen Plakaten nur noch Herzen sehen und Liebesbotschaften. Schreibt, was ihr wollt. Schreit, was ihr wollt. Ich werde Odysseus sein mit verschlossenen Sinnen und offenem Herzen.

Ich liebe dich. In Schwere und Leichtigkeit. Bei Sonne und Sturm. In Italien und im Auto auf dem Weg zu dir. Das ist meine letztliche Erkenntnis dieser Bundestagswahl 2017. Manchmal sind die Dinge so einfach.

Essen!

Mangiare!

Es gibt diese Momente, in denen Essen alles ist. Und viel mehr. Am Wochenende überkam mich dieses Gefühl. Es zu tun. Zu kochen. Nicht so, wie man es immer tut. Zutaten, Töpfe, schnippeln, rühren, fertig. Nein. So mit Inspiration und Vorbereitung und Vorfreude.

Ich muss ein wenig ausholen. Mein Freund Andreas würde jetzt sagen: Komm zum Punkt! Muss man ja nicht immer. Nehmen wir es als Vorspeise. Seit einem Jahr wohne ich nun hier. Etwas länger. Für die Chronik: 6. August 2016. Seither hatte ich es nicht geschafft, so richtig für Ordnung zu sorgen. Der Keller war das Sorgenkind. All die Umzugskartons. All die pappverpackte Vergangenheit. Ich mochte nicht. Anfassen, anrühren, öffnen. So standen sie und versperrten den Weg und zogen eine Spur des Hinderns bis rauf in die Wohnung. Die Küchenschränke ließen sich nicht aufräumen, weil es für die überschüssigen Teile keinen Platz gab.

Das sind diese Verkettungen. Der Umstände. Samstag. Ich hatte vorgearbeitet, Schwerlastregale gekauft, aufgebaut, ins Chaos geschoben. Nun musste noch irgendwie eine Ordnung her. Diese spezielle Ordnung für meine Kisten und mein Leben. Kindersachen, meine Erinnerungen. Wie viel haptische Erinnerung braucht man? Aber Freitag ahnte ich schon, dass mir Samstag die Küche wieder ein Stück mehr gehören würde.

So fasste ich neben dem Plan der Kellerordnung einen weiteren. Ravioli. Selbstgemacht. Mit einer irgendwie gearteten Pfifferlingsfüllung. Also warf ich schon einmal die Zutaten für den Nudelteig in eine Schüssel. Wog, rührte, knetete und packte ihn in Folie und in den Kühlschrank. Um Samstagmorgen den Ausritt mit Herrn Cooper für die Pfifferlingsjagd zu nutzen. Denn: YEP! Mittlerweile, fast hatte ich schon aufgeben wollen, habe ich 4 (!) ertragreiche Stellen im Wald gefunden. Zwei in der Nähe, zwei ein Tal weiter. Es reichte. Deutlich. Mein Korb gut gefüllt.

Während ich im Keller räumte, überlegte ich, wie ich vorgehe. Die Füllung. Ich entschied mich zwischen Kistenleeren, Wegschmeißen und Einräumen für Pfifferlinge, Paprika, Frischkäse und Parmesan. Knoblauch, Zwiebeln anschwitzen, Paprika hinzu, die zerbröselten Pfifferlinge. Schön Einkochen. Flüssigkeit reduzieren, weil der Nudelteig die nicht verkraftet. Dann wird alles matschig. Also Geduld und kleine Flamme und irgendwann Frischkäse und Parmesan. Und zwischendurch Kräuter. Das Scharfe der Pfifferlinge mit Pfeffer und Chilli unterstützen. Das Olivenöl, die Zwiebeln und den Knoblauch mit Thymian und Rosmarin unterstützen. Mögen sie Freundschaft schließen. Später frische Petersilie hinzufügen, kurz bevor es so weit ist.

Den Teig durch die Nudelmaschine laufen lassen und zum Trocknen aufhängen. Derweil die frische Tomatensauce kochen. Olivenöl, Zwiebeln, Frühlingszwiebeln, Knoblauch, frische Tomaten, Pfeffer, Chilli, Thymian, Rosmarin, später Oregano und einige andere kleine Freunde aus dem Gewürzregal. Ich hatte noch eine Dose Tomaten aus Italien. Die sind röter, schöner, intensiver, italienischer. Dieses wunderbare Abschmecken. Wie sich der Geschmack entwickelt. Kleine Dosen, Annäherung. Gaumenfreuden. Erwartung, Hoffnung, Entzücken. Das ist Kochen. das ist die Freude. das ist das Überraschende.

Die fertigen Teigflächen auf den Tisch legen. Kleckse mit Füllung drauf verteilen. Mit Teig zudecken. Die Teigflächen ineinander drücken, die Füllung sicher einsperren. Ravioli formen. Mit den Fingern. Das Wasser aufsetzen.

Mein Vater hatte einen Freund, der hieß Pajatz. Mit Spitznamen, nehme ich an. Das war in der Jugend meines Vaters, als er Dolly genannt wurde und kein Fest ausließ. Er spielte Klavier, tanzte, rauchte, soff, verführte, lebte. Und wenn es bei uns etwas leckeres zu essen gab, später, sagte er: „Kinder, wie hat mein Freund Pajatz immer gesagt: Dolly, so ein bisschen was Fressen ist doch was Schönes.“

Ja, das ist es. Die gefüllten Ravioli ins Wasser. Warten. Herausnehmen, servieren, Tomatensauce, ein wenig Parmesan. Ui. Ja. Lecker. Die Füllung, die Sauce. Heijeijei. Feiner Geschmack.

Meinen Kindern sage ich immer, dass es sich lohnt, sich mit dem Kochen zu beschäftigen. Dieses Gefühl zu entwickeln, was passt, was zusammengehört, welche Gewürze die richtigen sind. Welche Temperatur man braucht, wie viel Zeit. Man kann sich selbst verwöhnen und beschenken. Man kann sagen, ja, jetzt koche ich was. Und wenn dann Pfifferlinge da sind. Wie heute nach dem Fußball. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Manchmal mag ich nicht. Und dann. Ein wenig Olivenöl, Pfifferlinge, Kräuter, Eier. Man müsste immer frische Pfifferlinge im Haus haben.

Jetzt bin ich satt, glücklich und gehe schön schlafen. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag mit aufgeräumtem Keller. Irgendjemand hat einmal gesagt: Der Keller steht für die Vergangenheit, der Speicher für die Zukunft. Okidoki. Ich bin bereit, beides mit offenen Armen anzugehen. Das Leben küssen. Warum nicht. Und Pfifferlingsstellen suchen. Besser: Finden:) Zweifelsohne braucht man frische Pfifferlinge. Zwingend.

DAVIDs DISPOSITION im Kulturhaus Zanders

David Grasekamp stellt aus. In Bergisch Gladbach im Kulturhaus Zanders. Sie haben ihm die Villa gegeben und er durfte. Wie er wollte. Hat er getan.

Was er getan hat, ist wild. Es wirkt. Anders, als man vermutet. Unter DIS-POSITIONEN verspricht er im Ausstellungsflyer Meditationen / Installationen / Objekte zur Malerei. Neben der Beschreibung steht ein Zitat von Ludger Schwarte aus seiner Veröffentlichung Notate für eine künftige Kunst. Unter anderem heißt es da: Eigenschaften der Dinge, Formen, Farben, Gerüche, Tönungen und Töne sind nicht die Grenzen, in denen Dinge eingeschlossen sind, die Differenz zu anderen Dingen, sondern die Weise, wie ein Ding in einem Raum wirkt, die Anwesenheit, die von einem Ding ausgeht.

So.

Wir nähern uns. DAVID hat das auch gemacht. Er hat sich zunächst in seinem bisherigen Kunstleben dieser Ausstellung genähert. Dann hat er für uns Zuschauer und Gäste in einer eindringlichen, sehr ruhigen, besonnenen Einführung Brücken gebaut. Danke. Es braucht den Kontext. Nicht, weil die Werke nicht für sich sprechen. Nein. Weil es um etwas Größeres geht. Das Zitat lässt es schon erahnen, in dieser Ausstellung ist etwas Theoretisches im Konkreten hinterlegt. Es ist eine tiefe Auseinandersetzung mit Kunst und insbesondere mit der Malerei.

Und so kommt es letztlich tatsächlich weniger auf die Objekte an, sondern auf die Botschaft. DISPOSITION. Etwas steht zur DISPOSITION. Es kann gegebenenfalls wegfallen.Ersetzt werden oder einfach auch aufgelöst. DAVID hat die Malerei in dieser Ausstellung dem Betrachter konsequent entzogen. Es gibt keine Malerei von DAVID im Kulturhaus Zanders.

Was macht er da? Er verweigert. Er malt nicht. Da sind weiße Leinwände. Da hängt eine bespannte Leinwand an der Wand und das Tuch ist an drei Seiten herausgeschnitten. Nach vorne gefallen liegt es auf dem Boden. Fast könnte man meinen, das Bild würde einem die Zunge herausstrecken.

In einer Ecke steht ein Bild in schwarze Folie verpackt. Kein Einblick. Auf einer Fensterbank liegen bespannte Rahmen übereinander. Vielleicht 10 Stück. Man ahnt, dass sie schwarz bemalt sind. Das obere zeigt den Rücken. Einblick verweigert. Kein Zugang. Auf einem Paletten-Hubwagen liegen in schwarze Folie verpackte Bilder. Kein Einblick. In einem Raum stehen verschlossene Transportkisten einer Kunstspedition. Verschlossen. An einer Wand steht eine monströse Leinwand. Weiß. Nichts. Nichts?

DAVID fordert die Betrachter. Aber nicht nur das. Er fordert die gesamte Kunstwelt. Was ist diese Kunst heute? Was sind die Kunstmessen in Basel und Köln? Was sind diese bespannten, bemalten Rahmen? Weshalb hat die Deutsche Bank in London dieses museale Foyer mit diesen riesigen Schinken zeitgenössischer Malerei? Ein wenig ist es wie im Fußball. Neymar für 220 Millionen zu St. Germain. Der Baselitz für. Der Beuys. Koons. Richter. Johns. Ein Lehmklumpen für Jonathan Meese. Hände rein, mansch-mansch, verkauft. Das Original.

Was sehen wir eigentlich, wenn wir Kunst sehen? Was sind die Kriterien? Und weshalb wird immer verglichen? Der mit dem. Jenes mit solchem.

DISPOSITION wirkt wie ein Weißabgleich. Alles auf NULL. Das habe ich gespürt, als ich in dem Raum saß. Ein kleiner Raum, zwei Fenster, eine Tür, ein Stuhl, eine weiße Wand und der Betrachter. In diesem Fall ich. DAVIDs Worte im Ohr, die Nicht-Malerei im Blick, die Projektionsfläche von einem Malermeister geweißt. Was weiß ich über Malerei? Was weiß ich über Kunst? In dieser Ausstellung verschwinden die Formen, die gemalten Inhalte, die Pinselstriche, all die Dinge, die zu sehen sind. Keine Farben. Weißabgleich im Kopf, im Hirn. Schaut doch mal hin! Seht doch mal hin! Spürt doch mal nach! Haut euch doch all die Kunst nicht wie Fastfood rein. Schlange stehen am Louvre und dann zur Mona Lisa, 35 Sekunden. Wie war die Mona Lisa? Gut. Echt gut. Schon richtig gut gemalt. Sollte man mal gesehen haben. Wie war die Ausstellung? Was hast du empfunden? Welche Gedanken hast du? Was macht das mit dir? Respekt erweisen. Möglichkeiten nutzen. Denkende, wahrnehmende, mitarbeitende Gesellschaft sein.

Ich mag die Ausstellung DISPOSITION sehr. Sie ist intelligent, sie ist rational auf den Punkt durchdacht und darüber hinaus ist sie hoch emotional, weil sie ermutigt, nachzudenken und nachzuempfinden. Es ist emotional ästhetisch, nicht hinter die Folien schauen zu können. Es ist der Gedanke, dass Kunst nicht liefern muss. Das sie nicht verpflichtet ist, sich uns in Schönheit, Krassheit, Anmut oder Botschaft zu präsentieren. Einen Scheiß muss sie. Nichts muss sie. Sie gehört sich allein und darf sich verschließen und tun und lassen, was sie will. Das ist die Freiheit der Kunst, die gerade beschnitten wird. Auf unterschiedliche Art. Der Streit um die politische Korrektheit und das Verschwinden von Werken, die nicht passen, weil sie anstößig sein könnten in ihren Positionen. Das hat Bedeutung für die Malerei. Das ist eine starke Vorgabe, was auf die Leinwand darf. Und was nicht.

DISPOSITION ist eine kraftvolle Neuausrichtung. DISPOSITION hat mit der Eröffnung am 3. September 2017 etwas sehr Neues erschaffen. Eine Stunde Null. Fangt noch einmal neu an. Die Welt der Leinwände ist weiß und frei und grenzenlos. In der Verweigerung der Farben ist DISPOSITION eine Auslöschung, die mit den wunderbaren Mitteln der Kunst Kunst und seine Konsumenten hinterfragt und inspiriert. DAVID sprach von Dystopie und Utopie. Es gibt eine Verzweiflung und eine Hoffnung. David Grasekamp hat sich dem Thema mit einer immensen Kraft und Klarheit gestellt. Die Ausstellung sollte über die Tate ins Guggenheim ziehen. Aber letztlich ist es egal, wo sie stattfindet. Der Gedanke ist ausgesprochen und in der Welt. Und da gehört er hin. Als Leuchtschrift oben an den Himmel über alles.

Wenn ich wie du Leser dieser Zeilen wäre, würde ich die Gelegenheit nutzen und mir die Ausstellung ansehen. Die Ausstellung läuft bis zum 24. September, hat außer montags und freitags täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Und das Beste: DAVID ist da. Immer. Ansprechbar. Macht mal, geht mal hin. Lohnt sich wie selten.

Weitere Infos hier.

Another day in paradise

Im Leben muss man ständig etwas wagen. Sonst geht man unter, ertrinkt in Starre und Langeweile. Nun bin ich nicht der Mutigste unter der Sonne und manchmal, das gebe ich zu, macht mir das Leben ein wenig Angst. So ein wahrer Held wird aus mir wohl nie werden, auch wenn meine Kräfte und Energien manchmal wundersame Dinge geschehen lassen, die ich mir nicht erklären kann. Weshalb ich?

Diesen Sommer habe ich für uns einen Urlaubsort gesucht. Letztes Jahr Frankreich, Menton. Zwischen Monaco und der italienischen Grenze. Der Campingplatz hat zugemacht. Au Revoir. Also. Nun geschah es zu jener Zeit, dass mein väterlicher Freund Raimund mit seiner netten Freundin zu meiner Lesung nach Duisburg kam. Wir haben uns unterhalten. Wir sprachen auch über Urlaub und Italien und er erzählte von diesem Campingplatz direkt am Meer. In meinem Gehirn tiggerte es. Krawumm, wusch. Äh. Raimund, wo? Er nannte den Ort und gab mir Infos, die ich so halb absicherte, um später bei Google aus der Erinnerung den Weg dorthin zu finden.

Yep. Ich fand ihn. Und stellte eine Anfrage. Und erhielt eine Antwort. Die Reservierung wurde bestätigt. Umgehend. Nun hatte ich der Anfrage eine Zeile hinzugefügt, die mir wichtig war: Blick aufs Meer. Bingo. Asta la vista Baby.

Nun hätte ich nicht mit diesem Blick gerechnet. Viveka, Zoe und ich fuhren die Nacht durch. Zoe ist jetzt 18 und hat einen Führerschein, der sie überall hin trägt. Mittlerweile sind meine Kinder volljährig. Meine Mutter sagt immer, dass sie es sich nicht vorstellen könne, dass ihr ältester Sohn nun Mitte Fünfzig sei. Ja. So ist es. Man kann es sich nicht vorstellen. Wie so manches anderes auch nicht. Zum Beispiel, dass ich nun stolzer Träger einer Lesebrille bin. Puh. Ich bin gespannt, was an dieser alten Karre als Nächstes ausfällt. O.K. An dieser Stelle stelle ich mich der Realität und zeige mich euch mit Brille. Wusch. Alter Sack.

Es fällt mit schwer, den Zerfall zu akzeptieren. Egal. Man gewöhnt sich an alles und ich will hier auch nicht rumheulen. Gibt Schlimmeres.

Wir kamen auf jeden Fall an. Zu dem verwunschenen Ort führte nur ein alter Eisenbahntunnel. Man musste warten. Lange warten. Alle 20 Minuten geht die Ampel auf Grün und der Tross setzt sich in atemberaubender Geschwindigkeit in Bewegung. Sagen wir mal, das erste Fahrzeug würde sich in dem etwa 3 Meter breiten Tunnel aus irgendwelchen Gründen quer stellen, dann würde die gesamte Meute munter reinrauschen und man könnte sagen: Ende Gelände.

Nun sind Italiener muntere Menschen mit Esprit und Dampf im Kessel. Die Ausfahrt zum Campingplatz war dann auch sehr sportlich. Es wurde kurz hell zwischen zwei Tunneln, ich las das Schild und versuchte mit angemessener Geschwindigkeit den Tross zu verlassen. Blinker, Spiegel, Gas halten, ein wenig wegnehmen, raus, scharf bremsen wegen der Kurve. Durchatmen. Angekommen. Der Tunnel hat uns ins Licht geführt. Nun, das ganze Leben ist immer ein wenig wie Sterben und doch wiedergeboren werden, weil die Zeit einfach noch nicht reif ist.

Und dann. Ja, der Rest ist Geschichte. Weil ich etwas von Meerblick geschrieben hatte, bekamen wir diesen Platz. Oben. Ganz vorne. Mit Blick auf die Bucht. „Wie habt ihr den bekommen? Wir dachten, ihr seid Italiener?“ Nun. Weiß nicht. Grazie. Das Leben. Die Gefälligkeitsbank. Manchmal zahlt das Schicksal aus. Man muss was tun. Hier etwas geben, dort. Fair sein. Lächeln schenken. Pfadfinder im Herzen sein. Sehen, dass die ältere Dame eine Hand braucht, sie nehmen, halten und ihr das Gefühl geben, sie sei Greta Garbo. Mindestens. Warum nicht? Ist das nicht unsere Sehnsucht? Ein wenig Aufmerksamkeit, ein freundliches Wort, wahrgenommen werden?

Egal. Es kann auch ganz anders gewesen sein. Ein Buchungsfehler, ein Zufall, eine Ironie, ein verwehter Zettel, eine Laune, eine Arabeske des Lebens. Auf jeden Fall haben wir die Zelte aufgebaut, den Gaskocher mit einem Spanngurt auf die Obstkisten drapiert. Meine Küche mit Meerblick. Wie gerne habe ich gekocht. Wie sehr hat mich der Blick gefesselt. Morgens, mittags, nachmittags, abends. Zwei Hängematten. Und Viveka sagte permanent: Wie auf Jamaika. Sie hat dort fast zwei Jahre in den Hills gelebt. Ziegen gehütet. Sie muss es wissen. Mir kam es auch so vor. Irgendwann: Wie auf Jamaika.

Nun. 3 Wochen. Es war schwer, zurückzukehren. Aus der Hängematte an den Schreibtisch. Von Jamaika nach Deutschland. Von der Nachrichtenlosigkeit in die News. Ich will das alles gar nicht mehr wissen. Wie er wann wo aus welcher Sinnlosigkeit heraus.

Es war ein bedeutender Urlaub. Ich war unendlich verliebt. Viveka fehlt mir sehr. Seit fünf Jahren nun. Wochenenden. Wenn man aus dem Paradies kommt, ist die Realität ein wenig wie geteert und gefedert werden. Meine Deutschlehrerin schrieb einmal unter einen Aufsatz: „Jens, hüten Sie sich vor Übertreibungen.“

Den Gefallen konnte ich ihr nie tun. Es würde mich langweilen, die Dinge nicht zu überzeichnen. Es ist dramatischer und dramatischer ist spannender und spannender ist unterhaltsamer und unterhaltsamer ist lustiger. Gestern Abend, kurz vor dem Abschied, haben Viveka und ich im Bett anlässlich des Todes von Jerry Lewis auf YouTube einige Clips geschaut. Jerry Lewis im Boxring. Das war übertrieben. Und so lustig. Wir haben ziemlich gelacht. So ist das mit dem Leben, du lachst, du weinst, du gehst zur Arbeit, du verabschiedest dich, das Schicksal beschenkt dich, das Schicksal zeigt sich als Arschloch. Nun. Leben eben. Kriegen, was du kriegen kannst. Den schönen Blick, das feine Gefühl, das Tiefe.

L’été le pied dans l’eau

Es war im letzten Jahr in Frankreich in Menton. Pella, Viveka, Max. Und ich. Gerade hatten wir den Umzug ins neue Haus gestemmt, der mich eine Woche meines geliebten Sommerurlaubs gekostet hatte, da waren wir spät am Abend von Köln aus gestartet. Direkt nach einem Damien Rice-Konzert losgefahren, Max am Steuer, ich als Beifahrer, die Damen hinten. Klassisch.

Ich hatte eine Vorstellung vom Kommenden. Manchmal bin ich tatsächlich ein Träumer. Dann ist es so, dass mein Innerstes alle Ratio sausen lässt und die Sehnsucht nach dem Verwirklichen des Unmöglichen in mir eine Ignoranz erzeugt. Aus dem Vertrauen heraus, dass es immer einen Plan B gibt und Improvisation die Kunst der Mutigen ist.

Es begann Tage zuvor, als ich mir vorstellte, wir würden, wie früher auf dem Weg in die Bretagne, die Autobahnen meiden und die Route Nationale zu unserem Weg machen. Ich wollte Frankreich atmen, ich wollte morgens in einer Bar in einem Dorf Café trinken und Croissants essen. So saßen wir im Auto, Max startete den Motor und ich das Navi. Menton, Frankreich, s’il vous plaît. Bitte, äh, wenn es recht ist, keine Autobahn. Landstraße, sie wissen, den schönen Weg. Die Dörfer, die Häuser, die bellenden Hunde, dieses alte Frankreich, romantisch, verklärt, R4, Gauloises. Wenn sie uns den Gefallen tun würden, Madame?

Mais qui, pas de probleme. Und ja, es wird schön, sie haben viel Zeit, zu schauen. 18 Stunden. Hm. Moment. Madame. Bitte. Also, sie müssen sich irren. Ich meine. Max fahr schon einmal. 18 Stunden, das ist lang. Haben Sie sich, ich möchte sie nicht in Frage stellen oder kritisieren, vielleicht verrechnet? Pardon?

Moi?

Ui. Ich dachte, O.K. Das wird sich gleich einspielen unterwegs. Das Navi braucht ein wenig, sich an meine Reisepläne zu gewöhnen. 18 Stunden, lachhaft. Letztlich war der Fehler im System ein kleiner Denkfehler. Diese Alpen. Und all die Kurven. Max ist gefahren wie ein junger Gott. Wir haben Luxemburg bei Nacht durchquert. Haben Sie einmal Luxemburg bei Nacht durchquert? Haben Sie einmal gespürt, wie es ist, ein Land in kurzer Zeit zu durchfahren? Erst das Land zu begrüßen, sich verbunden fühlen, ein wenig ein Luxemburger zu sein und dann auch schon wieder: Vorbei. Abschied. Mein liebes Luxemburg, nie werde ich dich vergessen. Unsere kurze Zeit in jener Nacht.

Allerdings kam bald die Stunde der Wahrheit. Navis lügen nicht. Max fuhr Kurve um Kurve und irgendwie wollte der Abstand nicht kleiner werden. Es war Zeit für ein Bekenntnis. Liebe Mitreisende, es schmerzt mich mitteilen zu müssen, dass der Café in einer kleinen Bar samt der gereichten Croissants in der geschilderten romantischen Weise leider wird ausfallen müssen. Der Plan B. Der Hinreise-Joker. Junge, folge bitte den Schildern zur Autobahn, wir müssen Gummi geben und die Pferde antreiben. Yee-haw. Yippie ey yeah, Schweinebacke.

Von da an ging es voran und wir erreichten Menton und stürzten uns gemeinsam in die Fluten. Und wir suchten einen Intermarché und kauften ein und kauften diese Tasche dort oben, die nach unserer Rückkehr die unrenovierten Wände unserer Küche verzieren sollte. Im Sommer die Füße im Wasser. Nun ist sie ein Zeichen der Sehnsucht nach der Fremde, die eine Heimat in meinem Herzen ist.

Es ist wieder so weit. Übermorgen geht es los. Dieses Mal ohne Max. Er arbeitet. In der Agentur. Die letzten Tage sind wir zusammen gefahren. Er der Fahrer, ich der Herr Generaldirektor auf dem Weg ins Büro. Die Landschaften gleiten lassen, der lange Blick auf den See.

Italien, Ligurien, nicht Levanto. Ein Campingplatz direkt am Meer, mit einer Treppe herab zum Strand. So weit sind die Dinge gerichtet. Morgen noch arbeiten, am Freitag packen und Pellas 18. Geburtstag feiern mit der Familie. Und dann gleich abends los. Autobahn. Schweiz. Die Vignette klebt schon. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was es mir bedeutet. Unter freiem Himmel dem Meer so nah. Vielleicht gibt es einen Platz für die Hängematte, das wäre schön. Mein Surfbrett ist dabei, vielleicht gibt es Wind. Das Wasser ist warm, kein Neopren, raus aufs Meer, weit raus, dorthin, wo die Einsamkeit beginnt. Auch das wäre schön. Wenn nicht, dann nicht.

Ich wünsche euch gute Zeiten. Bleibt standhaft und froh. Küsst, liebt, schwelgt, nehmt das Leben bei den Hörnern. Ciao.