Mann, ey. Also wirklich. Du denkst an nix Böses, da macht es Ring. Haustür. Gehste runter, denkst verspätete Sternsänger, Schornsteinfeger, Lottobote oder so’n Quatsch und dann guckste, reißt die Augen weit auf und denkst: Gibbet nicht. Kann nich wahr sein. DOCH! Is et.
Heute passiert. 18.23 Uhr in etwa, da steht Malle Ralle leibhaftig vor mir. „Mensch, Ralle, was machste?“ Er: „Junge, wonach sieht dat aus?“ Klar, Umarmung, leichte Schwierigkeiten mit der Duftkomposition. Axe, Johny Walker und sein geliebtes Adidas Parfüm. Wow. Ich meine, also ehrlich, ich rieche Allergie geplagt nicht gerade wie ein Spürhund, aber das hat mir kurz den Nebel in die Augen getrieben.
Direkt aus Malle. Eben noch El Arenal, Bierkönig, jetzt schon hier. Die Welt ist doch ein Dorf. Ich will euch jetzt nicht die ganze Ralle-Story erzählen. Is auch irgendwie peinlich, ich meine, das hat mit vielem zu tun und letztlich sind wir uns einfach zugelaufen und unter mysteriösen Umständen in so einer versifften WG morgens zusammen in so einer Art Wohnzimmer mit Buddhas und Geranien und einem Mops aufgewacht. Das war nicht lustig, vor allem, weil der Mops gerade neben die Geranien… Egal.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ralle nimmt mich morgen mit nach Kölle. Fetteste Prunksitzung mit allem Piff und Paff. Bis die Funken fliegen:) Die roten, die blauen. Ihr wisst schon. Meine Güte, wer hätte das gedacht, in unserem Alter. Wird bestimmt lustig, Ralle hat die Conektschäns, wie er sagt. Kommen wir wohl rein in den Saal, notfalls durch den Künstlereingang, er kennt da noch so’n Funkenmariechen aus der Schule, die ist da jetzt Chefmariechen oder so was, meint er. Na denne. Das wird was.
Ja, und äh: Freitag müsst ihr nicht mit mir rechnen, ich rechne eher mit Mops und Geranien, oder so. Haut rein, haltet die Ohren steif, lasst krachen und drückt mir die Daumen, dass Ralle das Chefmariechen nicht erfunden hat… Könnte sein, bei dem weiß man nie. Bei mir auch nicht, denk ich mir. Oder so. Abmarsch der Funken, rechts rum, links rum, Rakete und ab dafür. Ciao mit V.
Wolkenkuckucksheim. Raus an die Luft! Allmählich liegt der Frühling tatsächlich in der Luft. Ich las von Kranichen über Düsseldorf und hoffe, dass nicht die Lufthansa gemeint war. Noch ein ganz klein wenig Geduld. Ich glaube nicht mehr, dass der Winter eine Chance hat und setze alles auf No Snow. Auch im März nicht mehr. Ihr könnt mich darauf festnageln, Hand drauf. Ich verwette alles.
Den Nachmittag über war ich mit Viveka und Herrn Cooper draußen. Sonne tanken, Luft schnuppern. War schön und von den Wolkenbildern her eindrucksvoll. Ich habe ein paar eingefangen und euch mitgebracht. Hier sind sie. Ich wünsche euch viel Spaß und eine schöne Woche. Jetzt gerade kommt Besuch, es gibt kleine Leckereien. Ciabatta aus dem Ofen, Oliven. Ich muss los…
Manchmal sind es die Bilder im Kopf, die bestimmen. Manchmal ist es die Sprache. Dann wieder, wie meistens, sind es die Gefühle. Oder Emotionen, wie wir sie fachtermonologisch in der Kommunikation sprich Werbung nennen.
Heute Morgen musste ich raus. Mal wieder wie früher eine schöne Runde mit Cooper gehen, damit mein Kopf durchatmen und mein Gehirn sortieren kann. Diese Natur da draußen ist ein echter Freund und zugleich der weite See, an dessen Oberfläche sich alles ordnet. Es ist wie das Einräumen der Einkäufe in den Kühlschrank. Das Gemüse in das 0-Grad-Fach, die Möhren nach unten, den Salat so, dass er nicht gedrückt wird, die Milch ins unterste Fach, Liter neben Liter neben Liter.
Wir sind dorthin gegangen, wo ich lange nicht mehr war. Zum kleinen Baum, der sich auflöst in den Wirren der Zeit. Der dort am Boden liegt und mit jedem Sturm und Regen ein wenig weniger wird. Ein Hinscheiden offenen Auges. Man kann zusehen, oberirdisch.
Auf dem Weg durch den Buchenwald, Herr Cooper sah mich an, als erinnere er sich an vorherige Zeiten. Dort traf ich auf diesen zur Überschrift inspirierenden Ast. Sieben Meter lang. Am Boden, gehalten am Waldrand vom Stacheldrahtzaun der angrenzenden Wiese. Wie eine Schlange liegt er dort. Moos an den Stellen, wo noch Rinde ist, ansonsten nacktes Eichenholz. Gewunden, vom Licht gezogen, als er noch oben hing, sich vom Wind wiegen ließ. Tagschlaf, Meeresträumen, Liebeswunsch.
Die Natur ist eine fortwährende Metapher, ein Spiegelbild, ein Buch des Wissens, der Anmut, des Fragens. Durch sie hindurch zu schlendern, ohne die Sinne der Metaebene, gleicht verschenkter Liebesmüh. Wir verließen den Wald, ich kletterte über den Stacheldraht und lief auf die hohe Eiche zu, die dort allein und streng vom Westwind geformt inmitten dieser großen Wiese steht.
Es kam mir der Gedanke an den ersten Augenblick des Tages, diesen sensiblen Moment, der so viel verrät. Wenn die Augen noch geschlossen sind, das leichte Aufwachen kommt, nur diese kurze Zeitspanne. Und, welches Bild zuerst? In meinem Fall sind es am Morgen zwei Gedanken. Es ist das Herzensbild, das mir das liebste ist. Steht der Gedanke am Anfang eines Tages, ist alles ruhig entspannt und das Schöne, Weiche hat die Möglichkeit, sich Raum zu nehmen. Das Lebensbild ist faktischer, kerliger und eher real. Quadratisch, praktisch, gut. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Es kommt der Tag, da muss die Säge sägen. Sich beidem anzunehmen, die Wertung auszuschalten, ist der kleine Trick, der morgens schon dem Horizont des Tages seine angemessne Weite gibt.
So. Das Tagwerk mag beginnen. Vor mir liegt ein Husarenritt. Heute muss die Glocke werden. Es sind so Tage, an denen der Kopf zurechtgerückt werden muss. Bestimmte Areale gilt es auszuschalten, um die gesamte Energie in Output fließen zu lassen. Jetzt gleich den Hebel umlegen, Gefühle ausschalten, eiskalter Profi werden und die 26 kleinen Freunde mit grober Gewalt und feiner Kunst über die Ebene prügeln, bis die kleinen Fußspuren ein Bild ergeben, dass der Himmel sehen will.
Ich wünsche euch einen schönen Tag, eine gute Zeit. Ein kleines Wort noch, das alles in sich trägt: Liebt.
Wisst Ihr mit dem Namen Matthew McConaughey was anzufangen? Vielleicht, wenn Ihr Filme wie Der Hochzeitsplaner(2001), Wie werde ich ihn los – in zehn Tagen? (2003), Zum Ausziehen verführt (2006) oder Der Womanizer – Die Nacht der Ex-Freundinnen (2009) gesehen habt. Ich habe, wie das Leben so spielt, obwohl das nicht meine Favoriten sind. McConaughey kam mir in diesen Filmen immer recht oberflächlich vor. Ich meine, er spielte Oberflächlichkeit, klar. Tja. Aber ich habe von den Rollen auf den Menschen und Schauspieler geschlossen. Das war ein Irrtum. Da habe ich mich doch jetzt glatt beim wilden Schubladendenken erwischt. Sorry, Matthew.
Ich meine, er hat getan, was Schauspieler tun: Rollen gespielt. Und ich habe ihm mal eben das Etikett Leichte Muse ans Revier geheftet. Shit happens. Im letzten Jahr irgendwann sah ich dann auf Spiegel online ein Foto von ihm. Das war kurz nach den Dreharbeiten zu Dallas Buyers Club. Er war total abgemagert und ich dachte auf den ersten Blick: Hey, Shit, den hat es erwischt. Krebs, Drogen, Absturz. Nicht wiederzukennen.
Und nun das. Ich habe meinen Augen und Sinnen nicht getraut. Ist das tatsächlich Matthew McConaughey? Mann, was der da spielt, das bewegt, nimmt mit im doppelten Sinne. Haut um. Dallas, Texas 1985. Ron Woodroof ist Elektriker, arbeitet auf den Ölfeldern und schlägt sich darüber hinaus mit Dealen, Bullenreiten und windigen Rodeowetten durch. Er hasst Schwule, liebt harte Drinks aus der Flasche und Sex.
Die Diagnose HIV-positiv inklusive AIDS-Ausbruch mit verbleibenden 30 Tagen kann er nur belächeln. Fickt euch, Ihr Wichser. Das ist im Film häufig zu hören, hilft Ron aber nicht, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass er die vermeintliche Schwulenkrankheit in sich trägt.
Eine wahre Begebenheit. Der Kampf beginnt. Die 30 Tage laufen ab, Ron lebt weiter. Sitzt in Bibliotheken, liest, kämpft. Er bekommt die Adresse eines Arztes in Mexiko, der AIDS-Patienten hilft. Während die Pharma-Lobby auf Gewinne mit einem zweifelhaften Medikament setzt, das die Kranken eher tötet als heilt, entwickelt dieser Arzt einen Cocktail, der das Immunsystem stärkt und hilft, etwas gegen die zahllosen Symptome zu tun sowie das Leben zu verlängern.
Im Film rückt man Stück für Stück an Rons Seite. Ist man anfangs meilenweit von ihm entfernt, kommt man ihm Szene für Szene näher. Stellt sich an seine Seite, kämpft mit ihm. Das Schöne: Ron ist kein Heiliger. Keine Mutter Theresa, beileibe nicht. Aber: Er ist ehrlich und hat, natürlich, letztlich doch das Herz am rechten Fleck. Im Krankenhaus lernt er einen Schwulen kennen. Wunderbar gespielt von Jared Leto. Sie werden Freunde, auch wenn die Distanz als Fassade bleibt. Die beiden gründen den Dallas Buyers Club, im dem HIV-Infiszierte Medikamente bekommen können. Solche, die nicht zugelassen sind, aber helfen. Klar, dass das nicht gutgeht und die offizielle Seite alles tut, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Und selbstverständlich ist da die Pharmalobby mit anderen Interessen im Hintergrund.
Dennoch lässt sich Ron nicht unterkriegen. Er fliegt durch die Welt auf der Suche nach neuen, besseren Mitteln. Er sucht Auswege, Gesetzeslücken. Was er an Gesundheit verliert, gewinnt er an Haltung. Er verkauft seinen Cadillac, um aidskranken Schwulen zu helfen.
Sehr bewegend. Die Handlung, die wahre Begebenheit, die Erinnerung an die Zeit, als AIDS aufkam, an die ersten Bilder der abgemagerten Infizierten. Ich erinnere mich an die Schock-Werbe-Kampagne von Benetton, die u.a. das Foto eines sterbenden AIDS-Kranken in den Städten zeigte.
Ein sehr dichter Film, ein sehr glaubwürdiger Film, ein sehr guter Film, der unter die Haut geht. Vor allem, weil Matthew McConaughey unglaublich ist. Wie verwandelt. Komplett abgemagert, das Gesicht eingefallen, null Sunnyboy mehr. Klar, er spielt zunächst einen egoistischen, texanisch verblendeten, fluchenden, saufenden, rumvögelnden, sexistischen Kotzbrocken. Kompromisslos. 100%. Und klar, es kommt der Wandel. Die Veränderung. Es gelingt ihm, die so fein und in kleinen Schritten zu spielen, dass es einen umhaut. Der Mann kann was. Er könnte einen Oscar für seinen Ron Woodroof bekommen. Meine Stimme hat er.
Nicht zuletzt auch, weil er gute Dinge zu sagen hat und – wie der Spiegel schreibt – neben Tagebuch Gedichte schreibt. Ich glaube, das ist einer, der uns allen noch viele gute cineastische Momente bescheren wird. Einer mit Potenzial. Das wird einer, würden meine Jungs in der Fußballkabine sagen, wäre Matthew McConaughey ein Fußballer. Ich sage mal: Das ist einer. Großes Kino, ein Film, der nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird. Fünf Sterne und einen auf dem Sunset Boulevard.
Infos zum Film samt Trailer: hier. Das lesenswerte Spiegel Online Interview: hier.
In letzter Zeit habe ich es nicht so mit Büchern. Keine Zeit, keine Ruhe, keine Muße. Andere Dinge stehen im Vordergrund.
Nun ist mir aber ein Buch auf eine Art und Weise begegnet, die mir so am besten gefällt. Es ist mir vor de Füße gefallen, es ist in meinem Leben aufgetaucht. Um es vorweg zu nehmen: Es ist ein gutes Buch. Eines, das eine Geschichte mit feinen Worten stringent erzählt. Ein unentdecktes Buch, das bereits 2005 geschrieben worden ist. Von Wolfgang Cziesla aus Essen.
Zusammen mit Viveka bin ich ihm begegnet. Wir haben ihm ein wenig geholfen, die Wohnung seiner Mutter auf Vordermann zu bringen. Viveka hatte sich in den letzten Jahren um sie gekümmert. Beim Kistenräumen, beim Transport von Bücherkisten in verschiedene Etagen und Abstellräume sind wir ins Gespräch gekommen. Wolfgang Cziesla hat mir Kaffeetrinken in Cabutima geschenkt und ich habe gesagt, dass ich wahrscheinlich darüber bloggen werde. Ob das O.K. sei? Ja. War es. Ist es. Also los.
Zunächst einmal: Wo liegt Cabutima? Ich habe gegoogelt und habe das Wort nur in Kombination mit dem Autor gefunden. Also gehe ich davon aus, dass es eine Fantasiestadt ist. In Süd-Amerika, wie ein Blick auf den Cziesla-Wikipedia-Eintrag verrät. Irgendwo in Chile. Wikipedia: „Ein Jahr später wurde dort auch der Roman „Kaffeetrinken in Cabutima“ veröffentlicht, der in einer anonymisierten Form Czieslas Chile-Erfahrungen unmittelbar nach der Pinochet-Diktatur verarbeitet. Cziesla reiste durch Afrika, Asien, Polynesien, Nord-, Mittel- und Südamerika. Zurzeit lebt er im Ruhrgebiet.“
Hauptfigur des Romas ist Alfonso Serna, der mit guten Absichten in diesen Staat nach der Diktatur reist. Er verkauft Espressomaschinen für eine italienische Firma, fährt einen zickigen Chevrolet Impala aus den Sechzigern, wird in die Wirren des Übergangs von der Militärdiktatur zur Mehr-oder-weniger-Demokratie verstrickt und verliebt sich in Noshima, eine junge Frau, die auf dem Weg ist, investigative Journalistin zu werden. Es ist viel los im Buch, es passiert viel auf den 330 Seiten.
Wolfgang Cziesla erzählt ruhig, nimmt einen auf eine sehr angenehme Weise mit. Cabutima entsteht als Welt, Alfonso als eigener, facettenreicher Charakter. Ich habe mir das Buch aufgehoben, habe es langsam gelesen, obwohl die Geschichte zum Durchrauschen einlädt. Irrungen, Wirrungen, Verstrickungen. Politischer Widerstand, die Suche nach Verschwundenen, die weiterhin präsenten und allmächtigen Militärs. Demonstrationen, rollende Panzer, Verhöre, ein Kreis intellektueller Widerständler. Zwischen all dem Liebe, Sex, Alkohol, Café und ein Chevrolet Impala, der mal fährt und mal nicht – das vor allem in Augenblicken, in denen es drauf ankommt.
Während die Menschen um ihn herum versuchen, diese neue Demokratie zu stützen, ist es Alfonsos Ziel, der neuen Gesellschaftsordnung guten Café mit auf den Weg zu geben, was ihm mehr oder weniger gut gelingt. Irgendwie ist er zur falschen Zeit am falschen Ort, wodurch er letztlich in die Hände eines Staatsanwaltes gerät, der ihn die Macht des alten Systems spüren lässt.
Kaffeetrinken in Cabutima von Wolfgang Cziesla ist ein spannendes, lesenswertes Buch, das im Firwitz Verlag erschienen ist. Möchtet ihr es lesen, könnt ihr es über den Buchhandel eures Vertrauens oder direkt über den Verlag bestellen.
P.S. – Übrigens hat Wolfgang Cziesla noch mehr geschrieben und arbeitet wohl auch an einem neuen Roman.