AUSSER SICH von Sasha Marianna Salzmann

Lange habe ich kein Buch gelesen. War beschäftigt. Hat mich nicht interessiert. War ohne Belang.

Dann habe ich den Radiosender gewechselt, weil die Welt ständig in Bewegung ist und die Dinge ändert. Wie kann man eigentlich in dieser Welt konservativ sein und nicht verrückt werden? Klebt man sich die Augen mit Sekundenkleber zu?

COSMO. Sowas wie ARTE für die Ohren. ARTE ist wie Waldorfschule. Da kriegen viele Pickel. Bei COSMO dürfte das ähnlich sein. Musik aus aller Welt. Kultur. Nun bin ich wahrlich keiner, der sich ständig in geistigen Sphären bewegt. Von daher bin ich vielleicht auch nicht der, der über diesen Roman schreiben sollte. Wo doch schon der gesamte Feuilleton da war. Zeit, Welt, Frankfurter, Süddeutsche & Co.

Und nun ich. Der fiftyfiftyblog schreibt über den Shooting-Star. Nun. Weshalb nicht? Wir werden schon irgendwie zueinander finden in diesem Text. Momentan weiß ich selbst noch nicht, was kommt. Ist kein ganz einfaches Buch. Das heißt, es ist auch nicht kompliziert. Man versteht alles. Es gibt eine Story, der man bestens folgen kann. Aber da gibt es ein Geheimnis, eine zweite Ebene, die sich nicht so einfach verrät. Diese zweite Ebene macht es aus.

Steigen wir noch nicht ein. Kommt mit mir auf die Autobahn an einem Sonntagabend in Deutschland. Von Essen über die A3 an Köln vorbei auf die A4 letztlich in mein 30 Seelen Dorf. Im Radio läuft eine Lesung mit Sasha Marianna Salzmann, die aus ihrem Debütroman AUSSER SICH liest. Erschienen im Suhrkamp-Verlag. SUHRKAMP. Ich habe Germanistik studiert und da war Suhrkamp der Dealer unter den Dealern. Die hatten alles. Und sind nicht pleite. Suhrkamp gibt es noch. Im Zeitalter der Reader und Selfpublisher. Nun.

Ich höre ihre Stimme. Sie liest. Auszüge. Es geht um Russland. Eine jüdische Familie. Generationen. Übersiedlung nach Deutschland. Eine Reise in die Türkei, eine Suche und eine innere Zerrissenheit. Um Geschwister. Anton und Alissa, die sich Ali nennt, die zwischendurch mit Anton schläft und am Ende Anton ist. Sie sucht Anton und findet ihn. Auf ihre Art.

Es kommt viel zusammen. Die russische, jüdische Identität der Autorin, ihr Weg zu einer „deutschen Passträgerin“, wie sie es nennt. Die Umsetzung von Shakespeares „Was ihr wollt“. Der Geschlechterwechsel. Brodskys Blick auf die Welt, die jüdische Welt, der Blick der Bachmann. Sasha Marianna Salzmann sagt, dass sie nicht nachfragen konnte. Fragt man die Familie, kommt der verklärte Blick auf alles. Die Literatur erzählt anders. Nicht authentischer, aber vielleicht konsequenter.

Wir erleben im Roman einen wilden Ritt durch die Geschichte. 100 Jahre. Odessa in den 20’er Jahren. Der Krieg, die Zeit danach, das Diskriminieren der jüdischen Bevölkerung, das Herabsetzen. Später das Übersiedeln in den Westen, das Leben im Asylbewerberheim. Von Moskau nach Hannover.

Das ist es, was den Roman ausmacht. Er ist von einer Berliner Autorin geschrieben, deren Erfahrungswelten so anders sind. Sie ist von Hause aus Kosmopolitin. Sie hat nicht die Heimat, die Herkunft, den Status. Sie ist berühmt, sie begeistert als Dramatikerin, sie gewinnt Preise, sie hat viel studiert, gelernt, erreicht und ist dennoch die, die sucht. Ein wenig getrieben. Berlin. Istanbul. Anton. Alissa. Zwischen den Welten. AUSSER SICH.

Sie sagt: „Irgendwie ist mein Roman der Versuch, sich einzureihen in einer Normalisierung.“ Normalisierung in einer Welt, die nie die ihre ist. Und nicht die ihrer Romanfiguren, die so nah an ihrer Familie sind und doch so wunderbar erdacht. „Alles ist persönlich, aber nichts ist privat.“, sagt sie. Während der Lesung auf COSMO. Ich habe mir die Lesung noch einmal komplett angehört, um ihre Kommentare zu erhaschen.

Denn: Zugegeben, ich war hilflos. Suhrkamp, SUHRKAMP, hat mir als Blogger-letzte-Reihe-links ein Leseexemplar gesendet, nachdem ich sie darum gebeten habe. Deal. 6 Wochen Zeit, und dann: Schreiben. 6 Wochen habe ich für das Lesen gebraucht. Wollte das Buch nicht wegschlabbern. Genießen. Um dann da zu stehen und zu denken: Und jetzt musst du liefern! Gerne.

Ist schließlich ein saugutes Buch. Dertage werden wenig solcher Bücher geschrieben (schreibt der, der ewig nicht gelesen hat – also ist es Unsinn, aber egal, es ist mein Gefühl, weil ich glaube, dass einem die Dinge begegnen, so wie mir dieses Buch begegnet ist. Eben.)

Es ist kein rationales Buch. Die Wahrheit, die Erkenntnis liegt irgendwo zwischen den Figuren, zwischen dem, was passiert. Aber was passiert? Nun. Niemand kommt an in diesem Buch. Niemand findet etwas. Niemand bekommt das, was er verdient hat. Und sie hätten viel verdient. Fast allesamt. Es sind gute Menschen, die nicht in der Welt leben, in der sie als gute Menschen anerkannt sind. Sie stehen immer mit einem Fuß vor der Tür, sie kommen nie ganz rein. Sie haben keine Heimat. Heimat im schönen wohligen Sinne. Nicht die ausgrenzende, langweilige Heimat. Sondern die herzliche, einladende, freundliche, lächelnde, wohlige Heimat mit Platz am Tisch für alle.

Der Roman trägt eine starke Botschaft in sich, die sich nicht formulieren lassen möchte. Sasha Marianna Salzmann schützt die Botschaft mit den Worten „produktives Chaos“. Dabei ist es kein Chaos. Es ist ihre Geschichte, ihr Gefühl, ihre Zerrissenheit. Aufgearbeitet, ausformuliert, bewegend.

Letzlich ist Alissa Anton. Man könnte sagen: Ausser sich. Aber so habe ich das nicht empfunden. Viel mehr war es ein in sich ankommen. Ein Frieden. Eine Ruhe. Eine Entscheidung. Ein Schlussstrich. Alles, alles ist gut, wie es ist.

Um AUSSER SICH schreiben zu können, braucht man eine Geschichte. Eine außerordentliche. Die hat Sasha Marianna Salzmann und die hat sie befähigt, auf eine tiefere Ebene zu kommen. Und gleichzeitig allem eine wunderbar historische und kosmopolitische Dimension zu geben. AUSSER SICH bewegt. Lohnt sich. Ein Roman, der der Zeit die Stirn bietet. Mit Sprache, mit Tiefe, mit Fundament.

Egal wo du bist, in welcher Zeit oder an welchem Ort, wenn du anders bist, wenn du nicht du sein kannst, wird es schwierig. Innen und außen.

Suhrkamp hat mich gebeten, die Webseite zum Roman hier zu veröffentlichen. O.K. – hier der Link.

Was man noch lernen kann

Zunächst: Die Welt ist immer viel größer als man selbst.

Banal, klar. Aber vielleicht dann doch zu oft vergessen. Oder?

Nach einem langen schönen Osterwochenende mit plötzlichem Besuch meines kleinen Bruders mit seiner Freundin liege ich nun wieder in meinem Bett. In meinem kleinen Dorf mit den 35 Einwohnern. Die Seele des Indianers, die noch unterwegs ist. Das Fliegen durch die Zeiten und Orte.

Am Wochenende haben Viveka und ich einen besonderen Film gesehen. Den gibt es gerade auf Arte als kostenlosen Stream. Es geht um Bürgerkrieg und die Menschen. Eher um die Menschen als um den Bürgerkrieg. Virtuos inszenierte Bilder. Spiel mit dem Licht, Verwendung der Farben. Georgien, Tiflis. Was weiß ich über Georgien, über Tiflis und den Bürgerkrieg…

Wenn Menschen von etwas berührt sind, was sie erlebt haben und was sie bewegt hat, erzählen sie die Geschichten anders. Das ist der Unterschied zum kommerziellen Kino, in dem es nicht um die Wirklichkeit geht.

Tiefe ist, wenn sich Menschen offenbaren. Wenn sie Teilhabe zulassen.

Auf der Rückfahrt habe ich Vivekas Sender eingeschaltet: WDR Cosmo. Normalerweise höre ich auf der Rückfahrt 1LIVE und die Lesung am Sonntagabend. Dieses Mal Cosmo. Zu Gast: Sasha Marianna Salzmann mit ihrem Roman AUSSER SICH.

Wunderbar.

Sie ist 1985 in Wolgograd geboren, hat jüdische Wurzeln und schreibt außerordentlich. So eine Lesung habe ich auf 1LIVE bislang nicht gehört. Sorry. Zudem hat sie viel über ihr Schreiben erzählt. Die Beweggründe, die Motive. Sie hat es gelernt an der Hochschule der Künste in Berlin. Nun. Ich denke, nicht alle dort lernen, so zu schreiben.

Man braucht Beweggründe. Es muss ein Leben geben, eine Geschichte, die das her gibt.

Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich auch so eine Geschichte habe und ob ich auch so schreiben könnte. Manchmal denke ich mir, dass mir der Mut fehlt, meine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, in der ich mit meinen Füßen stehe. All die Gefühle, die ich durchlebt habe. Vielleicht weiß ich zu wenig, vielleicht habe ich nicht genau hingeschaut. Vielleicht wollte ich meine Ruhe haben. Möglichst. Vielleicht konnte ich mich nie genug einlassen.

Es muss schön sein, einen Film zu drehen oder einen Roman zu schreiben, in dem man es erzählt. Manchmal habe ich geglaubt, mein Blog wäre so ein Weg. Wenn ich ihn manchmal lese, kommt er mir so vor, als sei er noch weit vom Wesentlichen entfernt. Manchmal wäre ich gerne mutiger und würde mehr von alldem erzählen.

Heros

Wenn ich es finden würde
würde ich es hergeben?

Den Liebsten schenken
aus Liebe

Oder es
den Armen geben
die
ich gar nicht kenne

Elster im Blut
das Glitzernde
glitzernd Schöne

Haben wollen
jetzt
hier

Bestochen
durch einen sanften Kuss

Vielleicht
vielleicht

Ich weiß nicht

Wenn sich die Hand schließt
um das verzückend süße Materielle

Ach was
leckt mich

Das Gegenteil nehme ich

jANUAR 2018

HEILIG ABEND im Theater an der Ruhr und die geschenkte Kuh

Nun. 2017. Letzte Aktionen.

Gestern Abend hatten wir das Glück, noch einmal Barbara und Norbert zu sehen. Adriana hat im Theater an der Ruhr das Bühnenbild zu HEILIG ABEND, ein Stück von Daniel Kehlmann in einer Inszenierung von Simone Thoma, entworfen. Wir hatten schon länger vor, das Theater an der Ruhr zu besuchen. Insbesondere, um den Mülheimer Peer Gynt zu sehen. Hat terminlich nicht hingehauen.

HEILIG ABEND hat geklappt. Kurzfristig. Von Essen über Land und die Autobahn. Mit Navi und Irrtümern, wie das Leben so ist. Weil ich Pünktlichkeit als Wertschätzung des Gegenüber sehe, sind wir zu früh losgefahren und letztlich hat es ungefähr hingehauen. Knappe Minuten zu spät. Die Freude groß. Dort saßen Barbara und Norbert im Foyer. Leuchtend. Norbert hat mir eine Papprolle in die Hand gedrückt. Zum Zuhause-Aufmachen.

Das Stück, die Inszenierung, das Bühnenbild, die Musik. Es ist ein mittelgroßes Theater. Man sitzt auf einer Empore und erlebt das Geschehen von oben, es sei denn, man sitzt wie ein Teil des Publikums direkt links und rechts am Bühnenrand. Es ging um ein Verhör, eine Bombe, die Ungerechtigkeit der Welt, den versunkenen Gedanken der Revolution und die Facetten der Zwischenmenschlichkeit. Adriana hat als Verhörsituation eine Kirche geschaffen. Mit Bänken, einem Altar in Form eines Opfertisches und einem Taufbecken.

In den Hauptrollen Dagmar Geppert und Steffen Reuber. Begleitet durch Peter Kapusta. 90 Minuten Verhör, zusätzlich begleitet durch eine Sanduhr. Und die Frage im Raum: Ist die verhörte Philosophie-Professorin eine Terroristin und Bombenlegerin? Geht sie so weit, an Heiligabend irgendetwas in die Luft zu sprengen, um etwas gegen die sich auftuende Armut-Wohlstands-Kluft der Welt zu tun? Ein Zeichen zu setzen?

Zunächst habe ich es nicht geglaubt. Eine Farce. Ein saufender, geschiedener Kriminalbeamter mit Hang zu philosophischen Fragen: „Wenn niemand sieht, dass ein Baum fällt, fällt er dann?“

Zu Beginn wechselt sie das Kleid, schlüpft in das Büßergewand. Die Kirche erlaubt das Spiel mit Klischees. Die Sünde im Raum. Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Die Drohung, Waterbording einzusetzen. Die Inszenierung des hochnotpeinlichen Verhörs auf dem Altar. Sie in Unterwäsche, er mit gewaschenen Händen sie abtastend. Eine Untersuchung. Heilige oder Hure. Ist sie Maria oder Maria Magdalena? Ist sie die Professorin oder Bombenlegerin.

Die Zeit läuft ab. Die staatlichen Organe der Demokratie stehen unter Druck. Was zählt? Den Rechtsstaat wahren, die Medien mit PR füttern, einfach nur gnadenlos sein?

Ein intensives Spiel auf dieser Bühne, ein Umeinanderkreisen. Man weiß, das beide ihre Mittel einsetzen. Es entstehen wunderschöne Bilder, die durch einen wunderbaren Klang- und Musikteppich begleitet werden. Man kann sich sattsehen. An den Figuren, die sich entfalten. Das sich Reinwaschen des nackten Kommissars im Taufbecken. Johannes der Täufer.

Die Zeit läuft ab. Am Ende das Läuten der Glocken zur Nachmette. Der Heiland ist geboren, der alle Schuld auf sich nimmt. Wurde die Bombe gezündet? Ich weiß es nicht. Aber sicherlich wäre nach 2017 Jahren ein weiterer Heiland nötig, die neue Schuld und in dieser Zeit auch all die Schulden der Menschheit gegenüber einander und den Mitspielern und Größen des Planeten auf sich zu nehmen.

Ein bildstarker, intensiver Theaterabend in einem besonderen Theater. Lohnt sich.

Und dann?

CAFÉ GRAEFEN. Duisburg. Heritage. Norbert. Der Barkeeper und Besitzer konnte gar nicht mehr von ihm lassen. Weitere schöne Bilder. Das GRAEFEN ist eine Kunstkneipe. Gestaltet von Eckart Graefen. So muss eine Bar sein. Verrucht, mit Geschichte, Nikotin in den Ritzen, der Boden alkoholdurchsogen. Ein Ort, der die Gesetze des Alltags aussetzt. Die Grenzen der Vernunft ausloten. Reden. Lachen. Den anderen Blick auf die Welt richten. Ich liebe das. Ich liebe das Ruhrgebiet. Duisburg, Essen, Mülheim.

Und so freue ich mich, am Ende des Jahres hier gewesen zu sein. Nur zum Feiern rausgehen. Zuhause habe ich dann Norberts Rolle geöffnet. Er hat mir die Kuh geschenkt. Liebster, danke. Wenn man ein Kunstwerk geschenkt bekommt, hat das nichts mit Materie zu tun. Alles, was man sieht, ist etwas anderes. In diesem Falle Freundschaft, Respekt, Wertschätzung, Liebe und das Wissen, in dieser Welt in wesentlichen Teilen gleich zu schwingen.

Ich freue mich auf 2018 und Barbara und Norbert und Schachten & Ackern und neue Wiedersehen und diese reiche Welt. Gestern Abend hat mein Herz berührt. Ein Zustand, den ich sehr mag. Das ist pure Droge. Menschen können sich gegenseitig im positiven Sinne abschießen und fliegen lassen. Ich bin ein Flieger. Ich grüße euch alle und die Sonne und wünsche euch beste Zeiten immer und überhaupt.