spring 14 – jetzt noch ein wenig schön wohnen…

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Ach, Ihr Lieben. Ende Januar. Tatsächlich werden die Tage länger und heute bin ich mit Sonnenbrille ins Dorf runter gefahren, Zoe vom Schulbus abzuholen. Da grinste die junge Dame und machte sich über ihren Papa lustig. Klar, Papa, die Sonne scheint dick und fett, da braucht man natürlich ’ne Sonnenbrille. Ihre Mitschüler/innen hatten auch ein wenig gegrinst. Aber wirklich, als ich los wollte, da schien die Sonne volles Programm ins Haus. O.K., ich gebe zu. In dem Augenblick hatte ich gerade meinen neuen Karnevalslook ausprobiert. Die neue Perücke mit der RayBan von Malle. So’n bisschen auf Assi. VoKuHiLa. Geiles Teil, die Perücke, und ich dann auch:) Klaro. Schöne Karnevalssitzung in Köln im Februar. So richtig mit Hotel und so. Knallgas.

Es geht also aufwärts und die oben im Bild festgehaltene dunkle Jahreszeit macht sich allmählich vom Acker. Verschwindibus. So lange werden wir uns noch ein klein wenig in unseren vier Wänden aufhalten müssen. Noch kein Draußenleben. Noch keine T-Shirts. Noch kein Cappuccino draußen auf der Treppe in der Mittagssonne.

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Und: Ist ja auch schön. Der Ofen bollert, die Kerzen scheinen, Zeit für Bücher, Kniffel, Küchentisch. Zur Zeit freut mich das alles so richtig. Irgendwie ein klein wenig wie neu entdeckt. Ich meine, das war alles immer da, aber manchmal, da finden Dinge im Kopf statt, unbemerkt, die verändern.

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Als ich meine Perücke auf hatte und die Sonnenbrille, bin ich durchs Haus gestolpert und habe mir all die schönen Ecken angesehen. Hier ein Stein, dort eine Figur, Blumen, der Hund, das Feuer, mein Bett, die unaufgeräumten Jugendzimmer nach der Explosion (anders ist das nicht zu erklären), Bilder an der Wand, hier ein wenig Gestaltung, dort. Heimat. Schön. Sich alles anzusehen und froh zu sein, wie es ist. Januar. Bald Februar. Vielleicht werde ich in meinem Zimmer noch eine Kleinigkeit ändern. Das Bild mit dem Feuerlöscher von der Wand, etwas kleineres dorthin. Macht mir gerade sehr viel Spaß dieses Zuhause. Herr Schönlau wird häuslich, plant, überlegt, schaut sich um, stöbert, guckt…. Treiben lassen, in Möglichkeiten. Mal sehen.

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zufrieden.

Windräder

Ist ein kleines Wort. Irgendwie unterbewertet als die kleine Schwester vom großen Glück. Es hat wenig Energie dieses Wort, vermeintlich, versprüht keine Funken, es lodert nicht. Kein Feuerwerk, kein Freudentanz. Am Boden, zurückgenommen, als wäre es das Mindeste. Klingt fast wie unbedeutend, wie eine Hürde, die man mit einem kleinen Schritte nimmt. Och ja, ganz gut, bin zufrieden. Das hat den Esprit von beigefarbenen Badfliesen.

Wie komme ich darauf?

Es war heute Abend Thema in der Yogastunde. Anfangs sitzen wir dort und es ist so eine Art Theorie. Es geht um die Grundfesten des Yogas, die zentrale Ausrichtung, das Wesen, die Dinge im Hintergrund. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich da meist sehr durchlässig zuhöre. Nennen wir es entspannt unangestrengt, weil ich vom Tag noch so viel im Kopf habe, dass mein Kopf nicht unbedingt nach weiteren Infos giert.

Heute Abend aber war Zufriedenheit das Thema. Im yogaphilosophischen Kontext ist das irgendwie die Nummer 1 unter Punkt 2. Da gibt es dann noch Namen für, die ich mir nicht merken kann. Irgendwas mit S, das indisch klingt. Oder Sanskrit? Herrje. Saskia war es nicht. Egal.

Mir genügte das deutsche Wort. Zufrieden. Da steckt Frieden drin. Wozu das zu, habe ich mich gefragt. Man ist zufrieden, wenn man Frieden mit sich schließt. The opposite (gestern begann der Englischkurs in der Agentur mit simple past) ist unzufrieden. Ein un plus ein zu davor. Unfrieden. Stiften. In sich selbst.

Habe ich euch einmal von meiner These erzählt, dass man sich fast alles Leid selbst zufügt? Die Verletzungen, die man anderen zuschreibt, den Schuldigen des Umfelds, die man sich meist selbst geritzt hat. Weil man Worte wie Messer empfunden hat. Taten interpretiert und auf sich bezogen. Weil es einfacher ist, wenn man es nicht selbst war. Die anderen, das ist immer einfacher. Huch, ein weites Feld. Vom Wege abgekommen, wieder einmal. Nein, Annegret, heute wahre ich Stringenz.

Zufriedenheit sollte durch die Yogastunde führen. Ab und an fiel das Wort zur Erinnerung. Ich brauchte nicht erinnert werden, weil es seit geraumer Zeit Thema ist. Für mich bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Glück ein Moment ist und oft eine unhaltbare Behauptung. Es ist flüssig. Feiner Sand, der durch die Finger rutscht. Nicht aufzuhalten und schon futsch.

Zufriedenheit dagegen ist ein Stein, der bleibt. Ruhig und rund. Man kann ihn nah bei sich halten, oder vergessen, um sich auf die Suche nach dem Glück zu machen. Die Sache mit der Taube auf dem Dach und dem Spatz in der Hand. Vermeintlich. Die Zufriedenheit verstaubt, gerät in unverdiente Vergessenheit und bald schon ist das Geschrei groß. So unzufrieden mit all dem Unerreichten.

Zufriedenheit ist die Bereitschaft auf das zu schauen, was da ist. Oh Mann, die meisten von uns haben genug. Nicht Geld, das auch, aber all das. Menschen, Freunde, Möglichkeiten. Und einen schönen Geist in sich, der jederzeit bereit ist, Geschenke zu verteilen. In unterschiedlichster Form. Das gute Gefühl, die Stimmigkeit, das Einssein.

Es ist die Messlatte des Lebens, die bestimmt. Wie hoch muss ich springen? Ein gutes Pferd nur so hoch, wie es muss. Wer gibt das vor? Gesellschaft, Nachbarn, Werbung, Umstände, Politik? Nun, nicht wirklich. Der gute Kant. Die Aufklärung. Der Ausgang des Menschen aus seiner. Ach, 1.000x zitiert, als gäbe es sonst nichts zu sagen.

Zufrieden ist ein schönes Wort, das kein sehr braucht, weil es nicht steuerbar ist, es sei denn, man vertraut ihm nicht. Zufrieden ist, wenn die meisten Stahlseile, die das Wesen in Vorstellungen verharren lassen, gekappt sind. Wenn man seine Stahlseile der steifen Wünsche, Vorstellungen und Bedingungen für das Erreichen von Glück gekappt hat. Was dann geschieht? Zufriedenheit wird Glück. Auge in Auge auf einem Level. Ein in sich ruhendes, ein ausgewogenes, ein bleibendes – zumindest für längere Zeit.

Es war eine sehr schöne Yogastunde. Am Ende lag ich im Shavasana, das wir zu Beginn der Stunde detailliert als Übung durchlebt haben (wow, wunderbar). Zufrieden. Es braucht nicht viel. Es geht weniger darum, etwas zu verlieren, als vielmehr, etwas aufzugeben. All das, was wegen Nichterfüllung unzufrieden macht. Ab auf den Sperrmüll damit. Solls der Teufel holen…

Brasilien, Schriftsteller, der Duden und eine Zeitung, die fiftyfifty heißt

fiftyfifty

Ja nü. 21:43. Es ist an der Zeit, was zu schreiben. Nachdem ich den halben Abend damit verbracht habe, die Familienfinanzen zu sortieren, starte ich jetzt mal mit dem Vergnügen. Lasst uns ein wenig Demut zeigen, äh schreiben. Verdammt, sorry, es ist wohl schon zu spät für klare Gedanken.

Am Wochenende war ich in Essen, wo ich meine Kamera vergessen habe, die morgen nachkommt. Deshalb sieht das Foto oben so aus, wie es aussieht. Ich habe es mit Zoes Handykamera geschossen und sie hat es mir per Facebook zukommen lassen. Das nennt man interne Kommunikation. Auf jeden Fall Danke, mein Schatz. (Sie ist wirklich süß und umwerfend, wenn ich das hier mal einwerfen darf.)

So, Schönlau, komm zu Potte.

Wochenende. Essen. Dort traf ich durch besondere Umstände auf einen Schriftsteller, der mir sein Buch und sein Hörspiel geschenkt hat. In einem, für meine Begriffe, hohen Haus, also einem Hochhaus, in dem man die Wohnungen per Fahrstuhl erreicht. Wär nix für mich, weil immer die Wahrscheinlichkeit mitfährt, dass der Strom gerade keine Lust oder Zeit hat. Dann hängste in so einem dunklen Nichts und hoffst, dass die Bremsen nicht elektrisch funktionieren. Eng, muffig, neonlichtig.

Dieses Teil aus Thysssen-Stahl hat mich durch dieses Haus der Höhe hinauf und hinunter katapultiert mit Kisten voller Bücher in die Erste und die Achte. Zwischendurch habe ich smogbenebelte Fenster gewaschen und um Bücherregale herum gefegt. Eine Nettigkeit, eine Hilfe, ein Vergnügen, ein Gefallen in Erinnerung an eine ältere Dame, die den Namen Dame zu tragen weiß. Nun, egal. Das Thema am Rande.

Auf jeden Fall traf ich diesem Zusammenhang den Schriftsteller, Jahrgang 1955, über den ich in einem späteren Beitrag noch schreiben werde. Beziehungsweise über sein wunderbares Buch, das ich gerade, also nicht jetzt, sondern gleich, wenn ich hier mit dieser Buchstabenwüste fertig bin. Er hat mir sein Buch, schön neu und plastikmäßig verschweißt, geschenkt. Und ein Hörspiel obendrauf, dass ich mir aufbewahre für den Augenblick, wenn die letzte Seite gelesen ist.

Verraten kann ich, will ich euch, den Ort der Handlung. Ein fernes Fantasieland, das in der Anmutung eine Mischung aus Cuba und Brasilien sein könnte. Eine schöne Geschichte von einem Mann, der Espressomaschinen italienischer Abstammung in einem Land verkauft, das Instantkaffee als Zentralelement eigener Kulturdefinition in die Landesfahne aufgenommen hat (Das ist jetzt erstunken und erlogen, das mit der Fahne. Der Gedanke kam, ich hatte Lust, das textlich auszuführen und habe dem nachgegeben. Ich mutiere zur Textmaschine ohne Willen, zum Texterminator.)

Jetzt bin ich raus. 22:48 Uhr. Telefonat. Ring, Ring. Ihr wisst, abheben, sprechen, von diesem zu jenem. Es ging um Moses, den Auszug aus Ägypten, die 10 Gebote und einen Herrn, der heute nett am Telefon war. Wie soll man bei all diesen Einflüssen und Inspirationen noch irgendwie den Faden behalten und der Überschrift folgen?

Ah, Brasilien, da bin ich schon bei fiftyfifty. Der besagte Autor hat in Brasilien gelebt. Und in der Zeitschrift fiftyfifty ging es auch um Brasilien. Die fiftyfifty habe ich für 1,90 € in Essen in der Fußgängerzone gekauft. 0,95 Cent für das Projekt, 0,95 Cent für den obdachlosen Menschen, der sie verkauft. Harter Job. Guter Inhalt. Für mich war es natürlich – aus naheliegenden Gründen – der Name.

Auf jeden Fall war Brasilien das Schwerpunktthema der Ausgabe. Ein berühmter brasilianischer Schriftsteller, der auf der Frankfurter Buchmesse nicht unbedingt positiv über sein Land gesprochen hat, wurde im kompletten Wortlaut der Rede zitiert. Die Neue Zürcher Zeitung, in der die Rede erschienen war, hatte fiftyfifty die Erlaubnis des Abdrucks gegeben. So die Erlaubnis hätte ich auch mal gerne, aber ich will nicht klagen, schließlich bin ich in Brot und Arbeit. Thanx!

Und so schließen sich die Kreise. Was der Schriftsteller in der Rede sagt, ist Thema in dem Buch des Schriftstellers, den ich in Essen kennengelernt habe. Brasilien ist in der Luft. Klar. Wir wollen da Weltmeister werden, das wäre die Krönung. Unvorstellbar. Also, jetzt mal angenommen… Darf man gar nicht dran denken. Die Nacht durch Samba. Das würde meinen Latino erwecken. Mindestens.

Sorry, der rote Faden. Schon lange in der Zwischenräumen der hier verlorenen Worte hängengeblieben. Ich durchflieg die Überschrift und bleibe bei DUDEN hängen. Ist wie bei AM LAUFENDEN BAND das Fragezeichen. Eine Reise für zwei Personen in den Schwarzwald. Das waren Zeiten, herrje, Rudi. Rudi, Rudi noch einmal. Lebt auch schon nicht mehr. (Den musste ich jetzt bringen. 1.000 mal gehört und immer noch nicht besser. Grins. Freu mich jedes Mal. Der lebt auch…)

Duden profan. Da wurde ich eben angemailt von Zuckerbergs Schergen, dass ich in eine Gruppe eingeladen bin. Das, was früher Kegeln war, ist heute der Donnerstagstreff in einer Facebook-Gruppe. Es geht ein wenig hin, es geht ein wenig her. Man spielt mit Sprache, was für mich durchaus ein Vergnügen darstellt und tatsächlich Kegeln toppt. Glück gehabt! Ich lebe in der richtigen Zeit. Wo mir schon der Minnesang verwehrt ist, kann ich mich zumindest dort austoben. Ein wenig. Was dort nicht reicht, wird hier nachgeholt. Die Tastatur quälen, Buchstaben raushaun, ordnen, zu kleinen Wörtern zusammenfügen. Wahnsinn! Was für ein geiles System. Like it.

So. Geschafft. Leute, wird sind durch. Nichts gesagt, viel geschrieben. Das ist das Schöne an der Kategorie Freestyle. In der Pflicht sieht das ganz anders aus. Da werden Zeichen gezählt und alles wird auf den Punkt gebracht. Das kann wirklich quälend sein. Buchstabenschach auf Zeit. Ich sag euch.

Ciao, bis die Tage, ich mailde mich. Das steht nicht im Duden. Ist Denglish und bedeutet: Das Tuwort mailde ist die denglische Bezeichnung für das elektronische in Kontakttreten über ein NSA-gestütztes elektronisches Verbindungssystem, im dem die Zahlwerte 1 und 0 für die inhaltliche Übertragung von – meist – Belanglosigkeiten der Wichtigkeit eines in Zentralasien aus unpolitischen Gründen umfallenden Sack Ginseng-Reises genutzt werden.

So weit, so gut. Ich geh jetzt lesen…

Glen Hansard singt Bruce Springsteen

Glen Hansard

Ab und an bekomme ich über Facebook Infos von meinem guten alten Freund und Wegbegleiter Glen. Es ist wie mit einem alten Freund. Man sieht sich, trifft sich, lacht über die alten Sachen, geht auseinander und wenn die Zeit gekommen ist, schickt das Schicksal die Engel der Freude.

Er hat ein neues Album. Drive all night. 2013 erschienen, jetzt bei mir gelandet. Drive all night ist ein Song von Springsteen, der 1980 erschienen ist. Es geht um Liebe. Der Boss singt so schön. Wenn harte Jungs von Liebe singen, ich weiß nicht, das ist doppelt.

When I lost you honey sometimes I think
I lost my guts too
And I wish God would send me a word send me something Im afraid to lose

Überhaupt, die Liebe, die Liebe, ich könnte, wenn ich könnte, auch ein Lied davon singen.

I swear I’ll drive all night just to buy you some shoes
And to taste your tender charms
And I just wanna sleep tonight again in your arms

Glen hat das auch gefallen. Wir, also Glen, der Boss und ich, sind alle in einem Alter, in dem wir ziemlich genau wissen, was die Liebe so macht. Was sie kann. Wir haben es auf die eine und die andere Art und Weise erfahren. Dürfen. Müssen. Wie sie einen durchweht, machtlos macht, einem die Hand auf den Punkt dort legt, wie sie lächelt und weint.

In Düsseldorf habe ich Glen und Marketa gesehen. Nach ihrem Film gemeinsam auf der Bühne. Erst konnten sie im Film nicht zusammenkommen, dann das Happy End im Leben und später, wie es so geht. Sie spielt mit auf dem Album – im dritten der vier Songs. Marketa Irglova. In Düsseldorf wirkte sie unglücklich auf der Bühne. Glen ist Ire, ich denke, das ist manchmal nicht einfach. Rothaarig, robust. Er erzählte vom Abend zuvor, als ihn in Norwegen ein Sven küsste, so ein betrunkener Wikinger an irgendeiner Theke. Eine gute Story. Ich glaube, Marketa gefiel sie nicht und Glen schien auch nicht mehr gewillt, für sie durch die ganze Nacht zu fahren, um ihr Schuhe zu kaufen.

Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, nun. Es ist schrecklich, ganz einfach, weil es in den guts brennt, oder, Bruce? Au Mann. Ich habe euch auf youtube eine Hansard Version von drive all night rausgesucht. Schön, am Anfang zollt er dem Boss Respekt. Erzählt von einem Konzert in Dublin, wo er ihn gesehen hat und davon, dass er eben der Boss ist, das, was man erreichen kann, die Messlatte.

Und als er dann anfängt zu singen, da kommt noch einer auf die Bühne. Eddie Vedder, mit dem er viel macht. Eddie singt mit auf dem Album. Bruce, Eddie, Glen. Eddie Vedder von Pearl Jam. Von ihm ist der Song, der mich aus bestimmten Gründen am meisten bewegt hat. Aus Liebe. Better Man.

Youve got,
Youve got my,
My love heart and soul

Und nun? Liebe ich sie. Wegen ihrer ganzen Schönheit. Ihr könnt euch das nicht vorstellen. Oder doch, aber anders, weil es ja immer anders ist.

ein Wort für sich
welches man
gut behütet
wissen möchte

Hach, du.

Am Ende singen Eddie und Glen: Baby, can you feel it?

Manchmal sind Männer kitschig, schön kitschig, auf so eine rührende Art. Die weichen Momente der Väter, wenn es sie übermannt, wenn sie für eine Sekunde in die Knie gehen.

Freitagnacht werde ich meine Karre beladen. Auf den Highway. Der Sonne entgegen. Jungs, ich muss dann mal los. Man sieht sich. Wir bleiben in Kontakt. Klar.

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Familie, 1997, Raum der Stille

family. Jim Richter. 2013
family. Jim Richter. 2013

Heute ist ein besonderer Tag, der mich sehr berührt. Es ist mal wieder Zeit für ein wenig Innerlichkeit. Wir hatten das kürzlich. filo hat darauf reagiert. Stille Revolution. Ich bin im Rahmen eines Jobs auf diesen Begriff gestoßen, der eine feine Linie zeichnet. Kein Sturm, keine Worterhebung, kein Knall, kein Krawumm. Etwas, das überall lautlos stattfinden kann und stattfindet. Zumeist in Köpfen, denen nicht zugehört wird, die obgleich ihrer Zurückhaltung, ihrer feinen Art, schlecht gehört werden.

Heute hatte ich geplant, einen Text dazu zu schreiben. Für ein Werbemedium. Dann ist am Morgen der erwartete, erhoffte Input ausgeblieben, was ein unerwartetes Zeitfenster eröffnet hat. Raum der Stille. Ist hier gerade der Fall. Der Lüfter des PCs surrt, Vögel zwitschern vor der Tür, ab und an fährt ein Auto vorbei, ansonsten nur der Dampf aus der roten Tasse und die schweigend einfallenden Sonnenstrahlen. Dazu ein Kopf voller Gedanken. Wie immer. Bemüht, Fragen zu beantworten, Zusammenhänge herzustellen, Dinge zu lösen.

In letzter Zeit träume ich viel und kann mich an die Träume erinnern. Es sind komplette Geschichten, in denen viel passiert. Verarbeitung. Ich weiß nicht, weshalb nun. Ist es die Zeit? Sind es die Umstände? Als wir uns kennengelernt haben, hat mir Viveka erzählt, dass sie immer träumt. Zu der Zeit bin ich eingeschlafen und aufgewacht. Zwischen Anfangs- und Endpunkt nur eine gähnende schwarze Dunkelheit. Nun wache ich auf voller Bilder. Die Zeiten ändern sich. Viveka meint, alle sieben Jahre. Ich werde in diesem Jahr 49. Wer weiß. Schon. Jahre, Zeit, Wichtigkeit. Gleichsam Schall und Rauch.

Heute wird Jim 17 Jahre alt. Wenn ihr Kinder habt, kennt ihr das. Damals. In der Nacht die Sachen gepackt, der alte VW Polo, alles zusammengerafft. Was für eine Aufregung. Kurt Steinhausen angerufen, ihn gebeten, Ela und mich beim Meeting am nächsten Tag zu vertreten. Da ging es um Farben, Autolacke, eine Anzeigenkampagne, die Kurt dann für uns geshootet hat. Heute wäre es wieder um Farben gegangen, vorgestern hatte Kurt Geburtstag. Kreise. Circles. Die Ausstellung in Siegen. Bridget Riley.

Kunst. Oben. family von Jim Richter. 2013. Das Weihnachtsgeschenk für die Familie. Da hat er in seinem Zimmer am PC gesessen und hat überlegt, was. Dann hat er in seiner wunderbar ruhigen Art gearbeitet. Hat uns als Familie in 3D entstehen lassen. Vier Stelen, zusammensteckbar ineinander verzahnt. Das gerenderte Modell hat er in die USA geschickt, um es dort ausdrucken zu lassen. Aus Aluminium. Er wurde ein wenig kribbelig, als ich seine Frage nach dem rechtzeitigen Eintreffen einer Sendung aus den USA mit einem skeptischen USA??? beantwortete. Hat geklappt. Just in time. Genug Zeit für ihn, Hand anzulegen. Die Stelen zu bemalen, zu charakterisieren, zu personifizieren. Auf dem Foto oben steht Jim im Vordergrund, weil er heute Geburtstag hat und auch ansonsten eine stille, aber zentrale Rolle spielt. Familienstelen oder Familienstellen.

Revolution der Stille. Ich erlaube mir, auf das Thema zurückzukommen. Ich weiß, ich strapaziere eure Geduld. Dies alles heute sind Themen, die sich nicht auf den Punkt bringen lassen. Erlaubt mir, anzureißen, mit den Möglichkeiten der Assoziation zu spielen. Lebt euren eigenen Film.

Stille. In der Ruhe liegt die Kraft. Ein wahres Wort. Dort liegt sie, still und ruhig wie der See, während das Laute hervorschnellt und sich ausbreitet wie ein Lauffeuer. Im Umfeld des Begriffs Stille Revolution hatten Autoren geschrieben Die Menschen, die still und zurückgezogen leben und arbeiten, gewinnen an Bedeutung und mit ihnen beginnt das Design in vielen Bereichen das Laute, Aufdringliche zu verlieren und wird zurückhaltender und überlegter. In ihrem Bestseller „Still” denkt Susan Cain darüber nach, wie Einsamkeit zu Kreativität führt und dass wir alle „den Wahnsinn ständiger Gruppenarbeit stoppen“ müssen und uns bei der Arbeit und in der Schule wieder Raum geben müssen für persönliches, stilles Nachdenken.

Ich habe noch einmal nachgelesen und gegoogelt. Susan Cain. Still. 2011 ein Bestseller. Sie schreibt traurige Dinge, die uns Menschen nicht gerade als intelligent und besonders sozial darstellen. Wir vergessen die Ruhigen, lassen sie in der zweiten Reihe stehen. Wer nicht laut genug ist, dem wird nicht zugehört, der wird nicht wahrgenommen. Oder: Erst dann, wenn seine Kraft sichtbar wird. Es scheint, wir brauchen Beweise. Ein fest gesprochener Satz mit Inbrunst scheint da schon zu genügen. Dabei sind es die Stillen, die sich die Arbeit machen. Die sich zurückziehen, um erst einmal nachzudenken. Stille Wasser sind tief. Oder: Erst Gehirn einschalten, dann reden. Susan Cain beschreibt in ihrem Buch ausführlich, wo das alles nicht geschieht. Sie führt die Finanzkrise an, in der die Schreihälse die Anleger wie die Lemminge vor sich her getrieben haben. Lauft, lauft, investiert, investiert. So läufts und alle laufen. Wen das Buch interessiert, empfehle ich die Rezension auf der Seite Geist und Gegenwart.

So. Die Sonne scheint immer noch. Jim war damals um diese Uhrzeit wenige Stunden alt. Wir hatten ein Familienzimmer bekommen, in dem zwei Betten zusammengebunden wurden. Wir mussten da bleiben, weil Ela sehr viel Blut verloren hatte. Während ich den neugeborenen Jim auf dem Arm hielt, sah ich dem hektscihen Treiben der Ärzte zu. Das waren dramatische Momente. Draußen lag Schnee. Am nächsten Tag habe ich seinen Namen in den Schnee unter dem Fenster geschrieben. Seither hat es wenige Tage gegeben, an denen wir uns nicht gesehen haben. Ich schaue auf die Stelen, denke über die Farben, Formen und Verbindungen nach. Es ist ein Geduldsspiel, das kein Ende hat. Es ist ein feines, kleines Kunstwerk mit Bedeutung und genügend Geheimnis. Hach.