Familie, 1997, Raum der Stille

family. Jim Richter. 2013
family. Jim Richter. 2013

Heute ist ein besonderer Tag, der mich sehr berührt. Es ist mal wieder Zeit für ein wenig Innerlichkeit. Wir hatten das kürzlich. filo hat darauf reagiert. Stille Revolution. Ich bin im Rahmen eines Jobs auf diesen Begriff gestoßen, der eine feine Linie zeichnet. Kein Sturm, keine Worterhebung, kein Knall, kein Krawumm. Etwas, das überall lautlos stattfinden kann und stattfindet. Zumeist in Köpfen, denen nicht zugehört wird, die obgleich ihrer Zurückhaltung, ihrer feinen Art, schlecht gehört werden.

Heute hatte ich geplant, einen Text dazu zu schreiben. Für ein Werbemedium. Dann ist am Morgen der erwartete, erhoffte Input ausgeblieben, was ein unerwartetes Zeitfenster eröffnet hat. Raum der Stille. Ist hier gerade der Fall. Der Lüfter des PCs surrt, Vögel zwitschern vor der Tür, ab und an fährt ein Auto vorbei, ansonsten nur der Dampf aus der roten Tasse und die schweigend einfallenden Sonnenstrahlen. Dazu ein Kopf voller Gedanken. Wie immer. Bemüht, Fragen zu beantworten, Zusammenhänge herzustellen, Dinge zu lösen.

In letzter Zeit träume ich viel und kann mich an die Träume erinnern. Es sind komplette Geschichten, in denen viel passiert. Verarbeitung. Ich weiß nicht, weshalb nun. Ist es die Zeit? Sind es die Umstände? Als wir uns kennengelernt haben, hat mir Viveka erzählt, dass sie immer träumt. Zu der Zeit bin ich eingeschlafen und aufgewacht. Zwischen Anfangs- und Endpunkt nur eine gähnende schwarze Dunkelheit. Nun wache ich auf voller Bilder. Die Zeiten ändern sich. Viveka meint, alle sieben Jahre. Ich werde in diesem Jahr 49. Wer weiß. Schon. Jahre, Zeit, Wichtigkeit. Gleichsam Schall und Rauch.

Heute wird Jim 17 Jahre alt. Wenn ihr Kinder habt, kennt ihr das. Damals. In der Nacht die Sachen gepackt, der alte VW Polo, alles zusammengerafft. Was für eine Aufregung. Kurt Steinhausen angerufen, ihn gebeten, Ela und mich beim Meeting am nächsten Tag zu vertreten. Da ging es um Farben, Autolacke, eine Anzeigenkampagne, die Kurt dann für uns geshootet hat. Heute wäre es wieder um Farben gegangen, vorgestern hatte Kurt Geburtstag. Kreise. Circles. Die Ausstellung in Siegen. Bridget Riley.

Kunst. Oben. family von Jim Richter. 2013. Das Weihnachtsgeschenk für die Familie. Da hat er in seinem Zimmer am PC gesessen und hat überlegt, was. Dann hat er in seiner wunderbar ruhigen Art gearbeitet. Hat uns als Familie in 3D entstehen lassen. Vier Stelen, zusammensteckbar ineinander verzahnt. Das gerenderte Modell hat er in die USA geschickt, um es dort ausdrucken zu lassen. Aus Aluminium. Er wurde ein wenig kribbelig, als ich seine Frage nach dem rechtzeitigen Eintreffen einer Sendung aus den USA mit einem skeptischen USA??? beantwortete. Hat geklappt. Just in time. Genug Zeit für ihn, Hand anzulegen. Die Stelen zu bemalen, zu charakterisieren, zu personifizieren. Auf dem Foto oben steht Jim im Vordergrund, weil er heute Geburtstag hat und auch ansonsten eine stille, aber zentrale Rolle spielt. Familienstelen oder Familienstellen.

Revolution der Stille. Ich erlaube mir, auf das Thema zurückzukommen. Ich weiß, ich strapaziere eure Geduld. Dies alles heute sind Themen, die sich nicht auf den Punkt bringen lassen. Erlaubt mir, anzureißen, mit den Möglichkeiten der Assoziation zu spielen. Lebt euren eigenen Film.

Stille. In der Ruhe liegt die Kraft. Ein wahres Wort. Dort liegt sie, still und ruhig wie der See, während das Laute hervorschnellt und sich ausbreitet wie ein Lauffeuer. Im Umfeld des Begriffs Stille Revolution hatten Autoren geschrieben Die Menschen, die still und zurückgezogen leben und arbeiten, gewinnen an Bedeutung und mit ihnen beginnt das Design in vielen Bereichen das Laute, Aufdringliche zu verlieren und wird zurückhaltender und überlegter. In ihrem Bestseller „Still” denkt Susan Cain darüber nach, wie Einsamkeit zu Kreativität führt und dass wir alle „den Wahnsinn ständiger Gruppenarbeit stoppen“ müssen und uns bei der Arbeit und in der Schule wieder Raum geben müssen für persönliches, stilles Nachdenken.

Ich habe noch einmal nachgelesen und gegoogelt. Susan Cain. Still. 2011 ein Bestseller. Sie schreibt traurige Dinge, die uns Menschen nicht gerade als intelligent und besonders sozial darstellen. Wir vergessen die Ruhigen, lassen sie in der zweiten Reihe stehen. Wer nicht laut genug ist, dem wird nicht zugehört, der wird nicht wahrgenommen. Oder: Erst dann, wenn seine Kraft sichtbar wird. Es scheint, wir brauchen Beweise. Ein fest gesprochener Satz mit Inbrunst scheint da schon zu genügen. Dabei sind es die Stillen, die sich die Arbeit machen. Die sich zurückziehen, um erst einmal nachzudenken. Stille Wasser sind tief. Oder: Erst Gehirn einschalten, dann reden. Susan Cain beschreibt in ihrem Buch ausführlich, wo das alles nicht geschieht. Sie führt die Finanzkrise an, in der die Schreihälse die Anleger wie die Lemminge vor sich her getrieben haben. Lauft, lauft, investiert, investiert. So läufts und alle laufen. Wen das Buch interessiert, empfehle ich die Rezension auf der Seite Geist und Gegenwart.

So. Die Sonne scheint immer noch. Jim war damals um diese Uhrzeit wenige Stunden alt. Wir hatten ein Familienzimmer bekommen, in dem zwei Betten zusammengebunden wurden. Wir mussten da bleiben, weil Ela sehr viel Blut verloren hatte. Während ich den neugeborenen Jim auf dem Arm hielt, sah ich dem hektscihen Treiben der Ärzte zu. Das waren dramatische Momente. Draußen lag Schnee. Am nächsten Tag habe ich seinen Namen in den Schnee unter dem Fenster geschrieben. Seither hat es wenige Tage gegeben, an denen wir uns nicht gesehen haben. Ich schaue auf die Stelen, denke über die Farben, Formen und Verbindungen nach. Es ist ein Geduldsspiel, das kein Ende hat. Es ist ein feines, kleines Kunstwerk mit Bedeutung und genügend Geheimnis. Hach.

6 Antworten auf „Familie, 1997, Raum der Stille“

  1. Hallo Jens,

    zunächst einmal herzlichen Glückwunsch. Ihr könnt stolz auf euren Sohn sein.

    Bevor ich den Text las, habe ich mir das Bild angeschaut und gleich gedacht: „Sieht aus wie eine Familienaufstellung.“ Im Rahmen einer Familientherapie haben wir eine Familienaufstellung gemacht. Nun ja, es war ein ernsthaftes Problem, was dazu führte. Aber man – oder ich zumindest – ist überrascht, was bei so einer Familienaufstellung herauskommen kann, wie Kinder sich positionieren, wie sie ihre Stellung erklären. Kinder jeden Alters haben ein feines Gespür.

    Die Familienstelen – da hat euer Sohn sich echt etwas Tolles einfallen lassen. Man merkt, daß er sich wirklich Gedanken gemacht hat. Obwohl sich eure „Familie“ verändert, ist immer noch eine feste Basis vorhanden, eine gut ausgebaute Basis, eine Basis, auf die man sich verlassen kann. Euer Modell, wenn ich das mal so nennen darf, Familie mit Erweiterungen, funktioniert. Gratulation!

    Ich wünsche euch einen schönen Geburtstag.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      du weißt, wie das mit den eigenen Kindern ist. Denen ist man emotional einfach komplett ausgeliefert. Ist ja auch ein schönes Gefühl, Menschen so zu mögen. Ich habe auch mal eine Familienaufstellung mitgemacht und fand das eine sehr gute Erfahrung. Zu sehen und zu fühlen, wer wo steht und gestanden hat.

      Es hat mich natürlich gefreut, dass sich Jim unserer Familie auf eine so feine Art angenommen hat. Klar, es hat sich viel verändert, aber die Grundstrukturen haben Bestand. Familie wird hier nun in einem anderen Modus gelebt. Das war nicht ganz einfach, das alles so zusammen zu puzzeln. Aber alle haben ihr Bestes gegeben und wir sind auf einem guten Weg, das Neue mit Normalität zu füllen. Es ist jetzt offener, bunter, vielfältiger und oft auch einfach spannender. Immer was los. Viele neue Eindrücke und Einflüsse. Das kann man auch als Bereicherung sehen.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hi Jens,

    schönes Foto, schöne Arbeit, schöner Text. Die Stille oder auch mal Innehalten, Muße haben – das suche ich momentan auch wieder vermehrt und vor allem bewusst auf. Muss ganz schön an mich halten, um dieses Vorhaben nicht aus den Augen zu verlieren.

    Es kam so: Sylvester wurde besprochen: was war gut am letzten Jahr, was soll anders laufen. Ich fand alles gut; es war – gefühlt – ein gutes Jahr gewesen. Und musste entdecken, dass es ein (Brotberuf)-workaholic-Jahr gewesen ist. Erst in der Rückschau fiel mir auf, dass in diesem Jahr nicht eine einzige Kreativarbeit entstanden ist – keine, null, nada! Das entsetzte mich. Weil es mir gar nicht aufgefallen ist. Es überfiel mich postwendend eine tiefe Sehnsucht danach. Wieder schreiben, wieder Objekte bauen, weiter filmisch zu experimentieren und ein konkretes Projekt realisieren. Es war mir nichts eingefallen – weil die Zeitfenster fehlten. Ich sie mir regelmäßig nehmen ließ und selbst genommen hatte.

    Das soll anders werden. In die Natur hinaus gehen und fotografieren hilft. Als erste Übung. Die Ideen werden kommen. Ich werde sie verteidigen: mit Zähnen und Klauen notfalls – gegen den Zahn der Zeit…

    Viele liebe Grüße
    filo

    PS: Susan Cains Buch hab‘ ich schon bestellt. Ich bin momentan total süchtig nach so was…

    1. Hi filo,

      schön dass dir Jims family gefällt. Er hat schon immer sehr klein gearbeitet, sehr filigran. Gerne mit Skalpell Dinge aus Papier geschnitten, Origami-Vögel in Miniatur gefaltet, Bilder mit der feinen Bleistiftspitze gezeichnet. Eine Kunstlehrerin hat mal versucht, ihm die Erfahrung des Großen zu geben. Hat ihm nicht gefallen, glaube ich. Bei ihm habe ich oft den Eindruck, dass er von Anfang an seinen Weg hatte und wir als Eltern manchmal mit Erziehung gestört haben, weil wir vielleicht glaubten, erziehen zu müssen. Oder so.

      Wäre schön, wenn du dir wieder Zeit nehmen würdest, etwas zu machen. Ist nicht ganz einfach mit Arbeit. Ich merke das auch. Habe ich den ganzen Tag geschrieben und blogge in der Nacht, fehlen Tempo, Rhythmus, Leichtigkeit. In stolpere dann wie ein Elefant durch die Wortschleifen. Die frischen Texte am Morgen sind mir die Liebsten. Schwierige, anspruchsvolle Projekte versuche ich immer auf den Morgen zu leben, wenn der Tank voll ist. Bergab-Texten mit Schwung und wehenden Haaren. Ja, schreib mal wieder was. Würde mich freuen. Kannst gerne auch hier veröffentlichen.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. …ich hab Tränen in den Augen…

    Danke dir, für diesen schönen, ruhigen, aber so bewegenden Text…so reich an Leben!!!

    Alles, alles Liebe, Licht und Sonnenschein an euch und das Geburtstagskind!

    Liebe Grüße
    sarah

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