Leuchten

Der See vom Auto
entlang
am Morgen
Tempomat
70
Punkte
Orte
Bilder

Jeden Tag anders

Heute
ein wenig mehr

Weiß
was kommt
Dezember
fünf Grad
ohne einen Hauch

Ruhig und still
spiegelgleich

Wer traut sich
hineinzusehen?
Und wenn er kommt?

Fahre

Fichten im Wasser
Wolken
später
das Bootshaus
verlassen
im Winter

Dahinter
der weite See
von der Brücke herab
das Schattenfoto
der letzten Sommertage
im Kopf

Gespiegelte Bäume
Nebel hinter
Volksliedscheiß
Deutschunterricht
hinterlegt

Manches prägt sich
ein
wie mit
Tiefkühlbeutelschweißapparaten
verankert

Still und ruhig und klar
irgendein See

In der Bucht
in dem Ort
auf der Hälfte
das Schiff

Geankert
vertäut
geparkt
geschminkt

Glühbirnen
Lippenstift
leuchtend
warmweiß

Ein Christbaum
schwimmend
voller
Illuminationskacke
so schön
wie ein Engel
wäre
mit nassen Flügeln
im Wasser

Die Bäume
das Schiff
unter Wolken
im See

Gespiegelt
der Rumpf
mit dem Licht
neben den schlafenden Bäumen

Winter
Weihnacht
schon wieder das Herz

Tausend Lichter
wie Fische

Fahre
sehe
tausend Meilen
unter das Meer

Kristallkugelsee
weise vielleicht

Möchte zum Bootshaus
ans Wasser
mich setzen
und schaun
nach Fischen
und Engeln
und Booten

dezember 2012

Von Gedichten, Papas und der wilden Traurigkeit

Papa

Manchmal sagt man, Gedichte müssten in ihren Bildern intelligent sein. So Bilder, Metaphern wie von Rilke oder Celan. Solche, die wie vom Himmel gefallen sind, nicht einfach erarbeitet in der stillen Kammer. Die Menschsein in einer Besonderheit zeigen, diese feinen Klänge, zu denen der Zugang nicht zu finden ist. Wie Bilder von einer alten Frau mit Aluminiumfolie auf dem Kopf unter der die Farbe trocknet, mit der ihr die Söhne die Haare färben, um sie schön zu machen, weil sie es liebt, weil sie sie lieben, weil es mehr sagt als alles andere und dieser Auftakt, diese erste Szene, dieses Begrüßungsbild das Herz nimmt und leicht wiegt, als sei das Herz das gewünschte Baby, die erfüllte Hoffnung, die gestillte Sehnsucht.

Es gibt sie, die den Weg gehen können. Die keine Schlüssel brauchen, die schlafwandelnd ankommen. Die taumeln, fallen, aufstehen und es in der Hand halten. Selbst nicht wissend, wo, wie, wann gefunden.

Für Gedichte muss man drauf sein, würde man heute sagen. In einer Stimmung sein. Mir geht das so. Wenn ich schreiben will, mit Betonung auf will, werden die Worte hart. Langweilig. „Common“ hat mal ein Barkeeper gesagt, von dem ich mir einen allzu bekannten Song einer Band gewünscht hatte. Das war auf Karpathos, als ich mit den Surfern in der Stadt unterwegs war. Raki für die Surfjungs aus dem Kanister hinter dem Tresen. Steuerfrei oder so. „Gewöhnlich. Zu gewöhnlich.“

Wenn ich nicht in diesen Zustand komme, der Tore öffnet, Verbindungen schafft, Leichtigkeit zulässt, entsteht nichts. Ich hätte gerade gerne ein Gedicht geschrieben. Für sie. Als Trost, weil es heute sehr schwer ist. Gerne hätte ich etwas gegeben. Aus einem Gefühl von Ohnmacht heraus. Aus einem Gefühl heraus, das Fesseln fest um alles Gliedmaßen zieht und das Denken gleich mit einschnürt.

Es ging nicht. Klar. Zu viel. Anspruch, Wollen, Absicht, Ziel. So geht das nicht, klappt nicht. Man kann Gedichte nicht mit der Pistole am Kopf schreiben. Also sitze ich nun hier unverrichteter Dinge und lasse geschehen, was geschieht. Schaue zu, warte ab, denke nach.

Ich wünschte, die Dinge wären anders. Leichter. Unkomplizierter. Ich habe lange gehofft, mich über kleine Fortschritte gefreut, einen Horizont gesehen. Nun sind Wolken aufgezogen und Wellen toben. Ich könnte mich in die Wellen schmeißen und wie wild los schwimmen. Um was zu tun? Irgendwo da draußen? Vertrackt, vertrackt. Dieses verrückte Jahr lässt mich nicht aus seinen Krallen. Es spielt mit mir, wirft mich hin und her, lässt mich in Flammen aufgehen, streicht mir übers Haar. Küsst mich, liebt mich, tritt mir in den Arsch.

Kein Problem. Nehm ich mit, tanz ich aus. Dinge geschehen. So ist das nun einmal. Manchmal laufen Dinge anders, als man sich das wünscht. Jetzt bin ich müde. Ein langer Tag. Wieder viel geschehen. Eine Präsentation. Gut gelaufen, zufriedene Kunden. Jobs, Arbeit, Meetings, Mails, Fußball am Abend. Kurzes Abendbrot mit Ela und den Kindern. Nun hier im Bett. Antwort auf die Mail. Bloggen. Kein Gedicht für dich. Sorry. Nur ein Song. Von einem anderen.

Das Bild oben? Ein Geschenk. Ein Graffiti. Hat Zoe von ihrem Banknachbarn gelernt, Graffitis zu zeichnen. Wir hatten am Wochenende einen leichten Disput, weil ich ohne sie weg war. Bei einem guten Freund, den sie auch mag. Sie wäre gerne mitgekommen. Ich habe Nein gesagt. Gestern Abend haben wir geredet. „Wir müssen reden.“ Uns umarmt. Ich konnte ihr einiges sagen und es war O.K. Heute hat sie mir das Bild geschenkt. „Papa.“ Es lag da. „Für dich.“ Beiläufig. Im richtigen Augenblick.

Im Westen nichts Neues

Straßenlaternen_red

Es schneit. Sach ma. Das hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Ich muss es zugeben, ich bin absolut leichtgläubig und leicht manipulierbar. Worte sind für mich dann doch Wahrheit, obwohl ich immer denke: Nur Worte. Ja, denkste.

Irgendwer hatte gesagt: Diesen Winter kommt kein Schnee. Auf den fahrenden Zug bin ich freudig draufgehopst, hab mich wie ein windelgewickelter Schneekönig gefreut und habe mich ganz schön umgesehen, als es dann passierte. Ich meine, vor kurzem noch, nur kleine Wochen her, da hingen Blätter an den Bäumen. Bis zum Schluss in Grün und schönem leuchtendden Gelb. Ich hatte da Fotos gepostet, also auf eure Bildschirme gepappt. Putsch.

Und nune? Hab ich den Salat. Rumgegurke auf Streusalzkompromissen. Dieses Jahr ist das komisch. Die Salzstreuer wollen nicht so richtig. Vielleicht haben die aus Versehen das teure Himalaja-Salz genommen und nun dürfen se nich. Also sehr sparsam. Was ordentlich Schneematschepampe bedeutet. was wniger Spaß macht als feste Schneedecke, die den reifen sogar mehr Halt gibt. Vielleicht wollen die nicht gleich zu Beginn alles rauspulvern. Streuen scheint dann doch auch eine sensibel mentale Sache zu sein. Im März würde es heißen „alles muss raus“. Ja, im Februar würden sie schon rufen „un fot domit, der Prinz kütt.“ Kamelle.

Am Freitag will ich nach Stuttgart. Es soll warm werden, heißt es. Hörensagen. Hatte ich das nicht zu Beginn dieses Textes? Dieses Mal weiß ich, wer es gesagt hat und wen ich zur Rechenschafft ziehe. Rächenschaft mit ä. Uah. Ist nämlich alles ganz schön unkomfortabel, wenn man dauernd Schnee schüppen, Autos befreien und frieren muss. Bibber. Gerade helfen keine Tricks. Das Schönreden geht mir schlecht von den Lippen. Ich werde üben… Muss doch hinhauen mit dem strategischen Selbstbelügen. Schönen Abend euch. Macht es euch kuschelig-warm-gemütlich. Rutscht zusammen, haltet euch, wärmt euch, schenkt euch lächeln, lachen, Kinder. Sagte ich Kinder? Ist mir so rausgerutscht. Wo kam der denn wieder her? Egal. Wenn’s sein soll, auch das.

Mit Henrik Schwarz auf fester Schneedecke unterwegs

Bin gerade viel unterwegs. Mit dem Auto. Hierhin, dorthin. Während ich so fahre, versuche die Kiste auf der Straße zu halten, weil alles ziemlich rutschig ist und die Schneeräumer die Sache irgendwie recht entspannt angehen lassen, höre ich Musik.

Musik von. Ihm. Meinem momentan neuen Favourite. Dieses Jahr haben sich ja schon einige die Klinke in die Hand gegeben. Die CDs stapeln sich in meinem Zimmer. I’m listenig to the worlds music. There are so many people. Sehr viele, die es drauf haben. Gerade habe ich ein Dejavu – als hätte ich diese Szene mit diesen Gedanken und dem, was folgt schon einmal erlebt. Gehirnquuxquax. Egal. Fehlschaltung.

Henrik Schwarz. Musiker und DJ. Elektroszene, in die es mich verschlagen hat. Weil mich da jemand versorgt. Das macht mich glücklich, wenn sich Menschen rührend um mich kümmern und Dinge mit mir teilen und mir gutes tun. Geschenke des Lebens. Immer und überall. Von wegen der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nix da. Der Mensch ist dem Menschen ein Weihnachtsmann. Eine Weihnachtsfrau.

Auf jeden Fall habe ich jetzt eine Henrik Schwarz CD mit 23 sehr unterschiedlichen Tracks, die eine ziemliche Bandbreite darstellen. Gestern habe ich eine Klarinette gehört, ein Saxophon, ein Fagott, eine Oboe? Und dann klang es wie James Brown und plötzlich ein Schuss Reggae. Bob Marley. Alles verarbeitet. Heiner Müller sprach immer von Material.

Jetzt habe ich noch 10 Minuten. Dann ist es 00 Uhr und ich muss pennen, weil der Wecker wecken wird. Unmissverständlich. Bin spät dran. Eis, Schnee, Fußball, Haushaltsdienste von Holz hoch holen bis Spülmaschine. Natürlich muss ich euch noch einen Song präsentieren. Das ist nicht so einfach, weil die Bandbreite breitband ist. Ganz breit. Ich habe mich auf youtube durchgehört und für einen elektrisch minimalistischen Track mit Jazzelementen entschieden. Den hat er zusammen mit Bugge Wesseltoft aufgenommen. Sind ja immer Projekte und jeder mit jedem. Tatsächlich leben wir in freakigen Zeiten, wo schon lange nichts mehr so ist wie früher und es wird rasant weniger, was ja auch gut ist, es sei denn, man gehört zu den nostalgischen Melancholikern – wer tut das nicht, manchmal. Hier also „Leave My Head Alone Brain“, was ich mir auch manchmal wünsche.

Ein Wort zu den Fotos noch. Oben, das war das Abendrot von meinem Schlafzimmerfenster aus gesehen. Vorgestern. Leider hat mir jemand die Kamera weggenommen, ich hätte da gerne noch mehr. Egal. Hatte ja recht. Ich muss nicht immer fotografieren. Wird man süchtig von. Aber geht halt nicht immer, nicht fotografieren. Den Baum hatte ich vormittags in der Mittagssonne – Highnoon – getroffen. Der sah im Gegenlicht so fantasymäßig aus.

Ich wünsche euch einen schönen Dienstag. Bleibt auf der Straße. Fahrt langsam. Heute Morgen auf meinem Weg zur Arbeit war direkt hinter dem Dorf ein 7,5 Tonner in der Kurve geradeaus in den Wald gefahren. Und Tschüss. Kleine Böschung runter, eingeparkt. Dem Fahrer war nix passiert. Später stand ein Kleinwagen leicht verdreht in einer Böschung mit Felskontakt. Sah auch nicht gut aus. Manchmal ist das Leben einfach kein Ponyhof, sondern ein schöner, großer Pferdehof. Also. Ergo. Manjana.

Stern, Schnee, Stroh, Stau…

Das war so ein richtiges Adventswochenende. Schön.

Samstag ausschlafen. Genüsslich. Und dann? Einsteigen in die Adventszeit. Mit Deko, Machen und Tun. Zoe hat in der Schule Adventskränze gebunden für den traditionellen Weihnachtsbasar. Dabei ist einer für uns abgefallen. Ela hat die Kerzen gekauft, ich habe sich draufgesteckt. Normalerweise wird das mit steifem Draht gemacht. So habe ich das von meiner Mutter und in der Gärtnerei meines Opas Heinrich gelernt. Hatten wir nicht. Also habe ich Nägel genommen, die Köpfe heiß gemacht und rein damit. Geht auch.

Jim und ich sind dann mit dem Auto holperig ins Maikäfertal, um Zweige für die Küche zu holen. Lange Weidenzweige unten vom Bach, die in eine Vase in der Küche kommen. Dort fangen sie Anfang Januar an, Blätter zu bekommen und dann wird es grün. Ein kleiner Trick, den Frühling vorzutäuschen. Als wir zurückkamen, waren die Jungs von der Feuerwehr gerade dabei, den Leuchtstern, besser Leuchtkometen, auf den Feuerwehrturm zu bugsieren. Was mir eine herzliche Einladung zu Glühwein brachte. So saßen wir unten in der Feuerwehr und schlürften und erzählten bei Kerzenschein. Währenddessen haben Ela und Jens die Zweige in der Küche aufgestellt und die bunte Lichterkette reindrapiert.

Am Sonntag großer Weihnachtsbasar in der Schule. Alle Klassen übernehmen Aufgaben. Zoes Klasse hat Adventskränze verkauft – viele. Jims Klasse bewirtete Gäste in einer internationalen Teestube. Hier hatte ich Dienst als Elternteil im Hintergrund. Helfen, sollten Fragen auftauchen. Für eine Stunde. Also habe ich da gesessen, abgewartet und Tee getrunken. Und mich unterhalten. Viel. War das gemütlich. Anschließend konnte ich Zoes Musiklehrer bei einem Pianokonzert auf dem großen Flügel im Musiksaal lauschen. Einaudi & Co. Ein sehr schönes Stück von Joe Bongiorno. Mit Musik verwöhnt.

Für den Abend war ich eingeteilt, den Adventskranz-Stand mit abzubauen. Von der Turnhalle die Strohballen zurück in den Stall fahren. Ich durfte fahren, weil ich eine Anhängerkupplung habe. Hänger dran, Stroh drauf und durch die Schneelandschaft zum Schulstall mit den Kindern das Stroh stapeln. Trocken und gut. Die Krippe bereiten. Anschließend haben Zoe und ich uns auf der Heimfahrt in den Stau gestellt. Auf der Autobahn ging nichts mehr. Der Anstieg vor unserer Abfahrt war nicht richtig geräumt. Fünf Kilometer. 30 Minuten länger. Ging noch. Ich wollte dann auf Nummer sicher gehen und die Abkürzung durch den Steinbruch meiden. „Zoe, wir fahren über die große Straße.“ „Quatsch Papa. Durch den Steinbruch. Das schaffen wir schon. No risk, no fun.“ Ola. O.K. Haben wir gemacht. War nicht geräumt. Über die Schneedecke um die enge Kurve rum den Berg rauf. Langsam im ersten Gang. Die Reifen haben gegriffen. Alles gut. Schwitz. „Siehste Papa, man muss seinen Weg gehen. Sagst du doch immer.“ Echo. So. Ja, sag ich.

Jetzt sitz ich hier, blogge, der Stern der Feuerwehr leuchtet ins Zimmer, der Gemeindetraktor räumt den Schulplatz vorm Haus und mir ist weihnachtlich.