Hier könnte ich nun gut von einem Teil 2 sprechen. Nach Tanz im Hochregallager vom 20. September nun also wieder eine IKEA-Story. Mir war gar nicht bewusst, welche Rolle dieses schwedische Möbelhaus in unserer Familie spielt. An diesem Wochenende der sozialen Studien, die mich schon am Freitag beschäftigt hatten (siehe Text gestern), war das Småland für Erwachsene in Siegen am Samstag mein Übungsfeld. Zoe und ich hatten uns aufgemacht, einen Vorhang samt Vorhangstange zu kaufen. Irgendwie gelangten dann noch andere diverse Kleinigkeiten in unseren Wagen – eine Deckenleuchte für das Ofenzimmer (wegen der hässlichen Kabel unter der Decke), zwei hübsche Vasen und vier kleine Rosenbüsche in vier verschiedenen Farben, die es mit Familiy-Card für 99 Cent das Stück gab. Alter Schnäppchenjäger. Aber ich wollte schon lange den großen Rosenbusch vorm Haus um weitere Farben bereichern. Frühling, du kannst kommen…
Natürlich ging es erst einmal ins Restaurant. Der Land-IKEA in Siegen macht das möglich – selbst am Samstagmittag. Relativ wenig los, im Vergleich zu Köln früher. An der Essensausgabe vor mir steht ein älteres Paar. Es kommt zu einem Missverständnis, ein Essen ist über, das cirka 30 Sekunden auf der Theke stand. Für jemand anderen zubereitet, der plötzlich weg ist. Die Frau vor mir bestellt das gleiche Gericht, will aber diesen Teller nicht. Der stand ja schon. Der Teller wird weggeräumt, landet hinter dem Glasschutz irgendwo dazwischen. Die Frau nimmt ihren Teller, geht. Ich will auch das gleiche Gericht und nehme den übriggebliebenen Teller. Kann es nicht haben, dass das Essen weggeworfen wird. Möchte der Frau vor mir aber auch keine Vorwürfe machen. Sage es unauffällig. An der Kasse stehe ich dann hinter der Frau. Beide Teller stehen nebeneinander. Ich glaube, sie hat es doch mitbekommen, dass ich den Teller genommen habe. Sie fühlt sich irgendwie nicht wohl. Das wollte ich natürlich auch nicht. Ist in Ordnung, dass sie ihren Teller haben wollte. Wer weiß, wo sie sonst immer zurücksteckt. Leben ist kompliziert.
Zoe und ich suchen uns einen Tisch, da kommt er von links ins Bild, der IKEAmann. Unser IKEAmann des Tages. Ein Familienvater. Zunächst höre ich hinter mir ein glückliches Kleinkinderjuchzen. Ich drehe mich zur Seite und sehe das kleine Mädchen mit dem Kopf nach unten an den Händen ihres Papas hängen. Ein glückliches Äffchen. Am Tisch sitzen schon seine Frau und seine ältere Tochter. Auf unserem Weg durch den schwedischen Möbeldschungel werden wir ihnen wieder begegnen. Eine Familie, die strahlt. Alle ganz relaxt, gut drauf.
Zoe und ich räumen unser Geschirr weg und stürzen uns die Treppe runter ins Vorhangverlies. Suchen, fragen nach, messen, entscheiden, packen ein. Weiter. Da kommt im Übergang zur nächsten Abteilung wieder dieser Vater ins Bild. Diesmal mit der größeren Tochter – so um die 13. Zoe und ich befinden uns auf der Hauptstraße, der Mainstreet von Little Stockholm, als von links ein doppelt besetzter Einkaufswagen – diese flachen mit Eisengitter und zwei Bobgriffen am Deutschland II-Gefährt – herangeschossen kommt. Darauf stehen Vater und Tochter und bewegen sich mit Höchstgeschwindigkeit. Aus der Seitenstraße unter Missachtung aller Vorfahrtsregeln prescht das Geschoss auf den Mittelgang und wird im selben Moment vom lenkenden IKEAmann elegant herumgeworfen, um gleich wieder Fahrt aufzunehmen und sich eine Schneise durch die erstaunte Besucherschaft zu schlagen. Wunderbar. Eine Dame rückt erstaunt zur Seite. Niemand schimpft, viele lächeln. Einige wenige schütteln den Kopf. Was für ein Auftritt! Die Szene ließe sich nur schwer inszenieren. Hätte ich die Videokamera dabei gehabt. Hätte, wenn, aber.
Am Horizont der Wäscheabteilung sehe ich sie mit Speed in die Kurve gehen und Richtung Handtücher verschwinden. Die Jacken fliegen im schwedischen Mittsommerwind, äh Mittelganglüftchen. Schade. Hinter uns kommt die Mutter des Teams Deutschland II und fragt sich, wo die sind und vor allem: Was die wohl jetzt wieder anrichten. Hoffentlich geht das mit der Vasenabteilung gut. Dann sind sie weg. Wie schade. Zu schnell für Zoe und mich. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie durch die Expresskasse durchbrechen und im Hotdog-Stand landen. Es gibt Menschen, die leuchten. Die setzen Fantasie frei. Die bereichern die Welt mit ihrer Unbekümmertheit. Sollte jetzt jemand sagen „wenn das alle machen würden“, was heute, glaube ich, kaum noch jemand macht, dann würde ich sagen: Wie schade, dass es nicht alle machen. Dann wäre ich immer mit meiner Videokamera dabei und würde das Einkaufswagen-Ballet filmen. Die Bewegung, das Chaos, das Lachen und Juchzen. Vielleicht würde dann auch die Frau mit dem Teller lächeln – ihr würde ich den Spaß einer Fahrt mit dem IKEAmann wünschen. So kaufe ich mir Rosen für den Garten und warte darauf, dass sie im Sommer Blüten tragen.
Euch wünsche ich einen Tag voller ungewöhnlicher Erlebnisse. Die sind doch das Salz in der Suppe.



