Am Morgen, Meerjungfrau

Sonnenaufgang am Winterhorizont
Rechts von Osten
Stapfe, stapfe durch den Schnee, Sand
Den Hügel, die Düne hinauf
von den Gezeiten hergespült
im Rhythmus, gleichen Takt
sechs, zwölf, achtzehn, vierundzwanzig

Der Ozean wartet wie jeden Morgen
der Wind hat in der Nacht
die Wellen allesamt per Hand gemalt
gezeichnet, filigran geschwungen

Wie Muscheln liegen die Blätter des Herbstes
verteilt
so ruhig, bescheiden, demütig
im weiten, weißen Bett

Der Baum mein Baum der Baum des Meeres
mit Füßen streif ich eine Linie
um dich rum
und locke dich Meerjungfrau
deinen Gesang dein alles
dich
auf meine, unsre Insel
Island in the Sun

Tätowiert
den Rücken hinauf über die Schulter
die Ranke japanische Schriftzeichen
eine ganze Geschichte
am Hals vorbei bis zur
runden, runden Brust

Komm
wir werden miteinander schlafen
im Meeresrauschen
unterm Baum
entschlüsseln deine Zeichen
wundersame Meerjungfrau
am Morgen

jens schönlau, dezember 2010

Bär, tanzt in mir

für filo

Im Nebelmantel
der kratztanzende Bär
mit plumpstoßenden Tatzen
im Wirbel der Blicke

Stoße dich weg
mit der Faust
auf die Brust
die Striemen
der Krallen
egal

Du glaubst
du bist stark
Tanzbär

Mit Kraft aller Welten
schnapp ich deine Kehle
und halt dich umschlossen
im friedlichen Kuss

Wir werden uns drehen
kratzpfotiges Wesen
und Streifen am Boden
gemeinsamer Zeit
hinterlassen

Du trottest
gehst weg
ich weine
um dich
deine Augen
dein Blick
dein felliger Körper
die Schwere
der Taten

jens schönlau, november 2010

Er, Südwind

In einem weiten grünen Bett
liegt sie
mit nacktem Körper
und träumt
von andren Dingen

Von Süden
weht er
lächelnd ran

Augen schließend sanft
und voller Kraft
sinkt er
zu ihr herab

Im leichten Flug
berührt er kurz
ihr Haar
ein Hauch

Erfasst die
Gänsehaut
der Brüste

Berührt mit einem
Flügelschlag
des Schmetterlings
die aufgestellten
Spitzen

Streicht über ihren
Bauch
durchweht ihr Haar
ganz kurz

Und hört noch
diesen kurzen Laut

Ein Augenblick
wie eine ganze Nacht

Flieg jetzt zum Meer
und bald
komm ich
vielleicht
zurück

jens schönlau, november 2010

Frau am Bach

Unter dem Schirm
in einer Glasperle

Pfauenauge
im Haar

Geschichten des
fließenden Wassers

Wellen umspülen
die Zeh’n

Ein Blatt
schwebt, tanzt

Kein Plätschern
das sie hört

Ihr wäre
nach mehr

Kommt sie
die Liebe?

Oder nur
ein Fisch

oktober 2010

du fällst nicht

du fällst nicht

glaubst es nur

die weiche weiche nacht umhüllt dich

wie ein warmes warmes vlies

und wenn du doch fällst

schreibt der wind des falls

dir die gänsehaut

in jeden winkel deines körpers

deine angst treibt

glitzernd bunte schweißperlen

auf die gipfel deiner haut

es ist der weite weite weg

zurück

den du niemals gehst

könnten mich die flügel

heben hoch empor

tragen hoch und höher ohne last

würd ich den fall vergessen

die vorhänge wehn ins zimmer

und streicheln meine zehn

trag mich halte mich

ich werde den wind umschlingen

zum freund mir machen

ihn zwingen und quäln

was soll er dann noch tun

als nur noch mich zu tragen

vielleicht wird er entweichen

wolln

das lasse ich nicht zu

der aufwind fängt den fall

nichts sehe ich mehr

als die farben die sich drehn

vor meinem inneren licht

bin ein projektor der

wiedergibt

kann das gemerkte nicht behalten

und wills auch nicht

der ausgang ist nicht klar

niemals

wie soll er auch

die weisheit hab ich nicht gebucht

und wenn es sein soll nehm ichs hin

tret mülleimer und laternen

vielleicht noch

doch dann gehts ab im schnellen

flug herab

dann seh ich meine rosen blühn

die mageriten streicheln mich

der oleander winkt und meine

kirschen verneigen sich ganz tief

so schön es sein mag

so schön die tage mich umhülln

so schön dies alles mehr

ich weiß nichts und kanns kaum halten

die blutgen Hände

lassen alle seile gehn

getragen werd ich dann von

frühlingsluft und aprikosen

es gibt kein schönren tag

als wenn der garten seine augen öffnet

und mich mit seinem duft umschließt

november 2003