Was zur Hölle ist denn jetzt schon wieder los?

Meine Güte. Schon wieder kurz vor Zwölf.

Also wirklich, jetzt ist aber auch mal gut. Nee, gut ist jetzt noch lange nicht, sag mir erst… So Captain, say what? What is going on in this fucking europe? Hier stehen schon wieder die Bänder still, weil alle Schiss haben. Angstsparen. Kriegskassen füllen. Die Maus vor der Falle. Mein Telefon steht still, die Marketingetats sind zu. Puh.

Die Krise lebt. Welche Krise? Wenn ich das so genau wüsste. Die Eurokrise. Die Finanzkrise. Die Vertrauenskrise. Die Bankenkrise. Die Schuldenkrise. Viele Namen, die letztlich um ein Wort tanzen: Money. Money makes the world go round. Und lässt sie stehen. Stillgestanden.

Ich kann es nicht genau sagen, habe aber das Gefühl, dass es seit der Griechenland-Wahl schwierig ist. Es ist das Zittern vor dem Auseinanderbrechen der Eurozone, vor der Ungewissheit, was kommt. Wie wahrscheinlich viele andere im Business kann ich mich gut an den Untergang der Lehmann-Brothres erinnern. Das war an einem Montag. Der 15. September 2008. Danach ging nichts mehr. Krise. Eine Bank über die Wupper und rien ne va plus. Das Spiel ist aus, die Meute geht nach Hause, setzt sich in den Keller und harrt der Dinge, die da kommen.

Nun laufen täglich Schreckensszenarien über den Medienticker. Tuck, tuck. Füttern mit Horror. Was nicht alles passieren kann. Es passiert so viel. Wie sieht das Wachstum in China aus? Und in Frankreich? Italien? Spanien? USA? Rauf, runter, runter. Rezession? Indizes, die zeigen, dass es doch nicht so schlimm ist. Andere, die dunkelschwarz malen. Hey!

Das Doofe ist, ich habe keine Ahnung, wie diese Geldkrise endlich ein Ende finden könnte. Ich habe keine Ahnung, wie der gordische Knoten gelöst oder durchschlagen werden könnte. Das mäandert so durch die Gegend. Letztes Jahr trotz Pleiten, Pech und Pannen des Geldsektors ein Jahr der Expansion, des Mutes, der Zuversicht, jetzt ein Jammertal, ein Rumheulen, ein Zittern vor der kleinsten Bewegung. Dafür gibt es sicherlich hundertmillionen plausibler Gründe und man könnte wunderbare Charts malen, auf denen die Zusammenhänge zwischen Banken, Staatsschulden, Greichenland, Spanien und dem Euro zu sehen sind. Doch: Was hilfts? Es muss was passieren.

Wie das in Demokratien ist, entscheidet das Volk. Unter anderem nun in Griechenland. Zumindest erst einmal. Welchen Weg werden sie gehen, die Griechen? In der Euro 2012 haben sie ein Unentschieden gegen Polen erreicht. Wie es aussieht, wird es wieder zu so einem unentschiedenen Unentschieden kommen. Dann geht die Hängepartie weiter. Gut. Hilft nix. Müssen wir nun alle durch. Ich auch. Warten auf Besserung. Hab ich halt mehr Zeit für mich, kann mich pflegen und auf den Sturm nach der Ruhe vorbereiten. Bislang kam der immer, nach diesen ganzen Krisen seit dem Fall der Türme damals. Was nach Terror und Euro wohl das nächste große Thema sein wird? Ach was, ich will es gar nicht wissen…

Oranje, S.O.S und Brüder in Not

Zurück aus den Niederlanden!

Was für ein Wochenende. Segeln mit meinen beiden Brüdern. Einem großen und einem kleinen. Dazwischen ich. Wir sind mit dem Wohnwagen gefahren und haben eine Jolle gemietet, um rund um das Heeger Meer (unweit des Ijsselmeers) in See zu stechen. Unseren Wohnwagen konnten wir direkt am Wasser abstellen, an einem Kanal, der zum Heeger Meer führt. Hier zogen die Segelboote vorbei, unter anderem die großen, schönen, alten Plattbodenboote. Am ersten Abend saßen wir am Wasser, tranken Bier, sahen den Booten zu und der untergehenden Sonne. Ist schon ziemlich schön dieses Holland mit seinen Seen, Meeren und Kanälen.

Dann ging es los. Boot holen, zu uns in den Hafen bringen, alles an Bord bringen, Segel setzen und rausfahren. Mein älterer Bruder ist Segler und so waren mein kleiner Bruder und ich die Matrosen. Mein Job war es als Vorschoter das Focksegel vorne zu bedienen. Erschallt der Ruf „Ree“, wird das Boot gewendet und das Focksegel muss an der Fockschot zur anderen Seite herübergezogen werden. „Ey, ey, Käpt’n“. Am ersten Tag war das alles easy. Relativ wenig Wind. Wir sind vor uns hin getuckert, in die Kanäle rein, vorbei an wunderschönen Häuschen und Landschaften in die Dörfer und Städtchen. Direkt anlegen an den Kneipen am Wegesrand, was essen, was trinken. Seemänner sind rauh und durstig. Skål.

Dann wurde es rauh. Nicht in den Kneipen und Häfen, sondern draußen auf See. Morgens schon Windstärke 6 mit zunehmender Tendenz. Segel gerefft – also auf halbe Größe eingerollt und dann raus ins tosende Wasser. Ups! Da hat uns der Skipper raus auf die Kante geschickt. Rauslehnen, gegenhalten. Das hat gespratzt und unser Regenzeug musste zeigen, was es kann. Der Wind nahm zu und wir haben uns in den Hafen gerettet. Allerdings nicht unseren, weshalb wir später irgendwie zurückkommen mussten. Brüder in Not. S.O.S. Angelegt, eingekehrt, Teambesprechung, gefuttert, getrunken, gestärkt, entschieden. In leichter Fahrt per Motor ohne Segel zurück in den Heimathafen. Jawoll. Raus aufs Heeger Meer, Wellen, Windstärke 7, der Motor setzt aus. Mist. Doch Segel setzen und durch? Die Mannschaft will, der Skipper sagt: Zu gefährlich. Gott sei Dank!

Wir sind dann mit stotterndem Motor zum Verleiher, um die Engine zu tauschen. Und dann kam es: Das Wetter! Graue Wolken, dunkel, tief. Wir im sicheren Kanal mit Blick auf das Heeger Meer. Windstärke 8. Tohuwabohu. Prasselnder Regen, peitschende Böen und nur wenige Minuten später die Brandweer-Boote in voller Fahrt mit Blaulicht. Gekenterte Boote, halb ertrunkene Segler, wie wir später erfahren. Puh!

Wir haben uns unter sicherer Führung unseres erfahrenen Skippers mit neuem Motor und leichter Fahrt über die Kanäle hintenrum nach Hause geschlichen. Sonnenuntergang, Frieden, Blick aufs Wasser, schön. Gerettet!

Und als hätten wir nicht schon Highlights in jeglicher Form genug gehabt (eine Nacht sind wir in einer Kneipe gelandet und haben spät in der Nacht auf Wunsch unserer holländischen Freunde „99 Luftballons“ durchs Mikrofon geschmettert… Puh.), durften wir Samstagabend in Holland zunächst Holland-Dänemark und dann Portugal-Deutschland sehen. Euro 2012 inmitten der Oranje. Was für ein Abend! Was für ein Augenblick, als Gomez seine Rübe hinhält. Vorher sind wir natürlich ordentlich Hopps genommen worden von den Oranjes, die ziemlich sicher waren, dass der Abend genau anders herum ausgeht. Aber wie heißt es: „Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnt Deutschland!“ Die Niederländer, die überall „Holland“ auf den Fahnen stehen hatten, waren trotzdem in Feierlaune und haben gesungen, getanzt, gelacht… Meine Güte, wenn die gewonnen hätten… Jetzt sitze ich also wieder hier, der Boden unter meinen Füßen schwankt ab und an noch (wenn ich die Augen schließe, was ich deshalb nicht tue, was beim Schreiben auch hindern würde, weil ich dann nichts sehe und die Tastatur wackelt:) ) Keine Kommandos mehr vom Käpt’n, keine Wende- und Anlegemanöver mehr und die Brüder wieder in alle Winde zerstreut.

Sailing with Brothers.

Drei Brüder, die heute auf große Fahrt gehen, in See stechen.

Als unser Vater Anfang Februar starb und wir Zuhause damit beschäftigt waren, uns zu verabschieden und die Dinge zu regeln, die dann geregelt werden müssen, haben wir vereinbart, gemeinsam wegzufahren. Mein älterer Bruder ist Segler, mein jüngerer Bruder hat einen Wohnwagen.

Mit unseren Eltern sind wir früher mit dem Wohnwagen in den Urlaub gefahren. Vier oder fünf Mal. Das waren Chaostouren, weil wir entweder keine Papiere für Hund und Katze hatten und trotzdem ins Ausland gefahren sind, das Auto nicht richtig lief und schlecht ansprang (ich musste dann immer den Luftfilter abbauen und „tippen“ – die Starterklappe im Vergaser per Hand betätigen) oder wir für den Wohnwagen keinen TÜV hatten. Einmal sind wir in Würzburg von der Polizei von der Autobahn geholt worden, weil mein Vater in der Baustelle LKWs überholt hatte – deutlich zu schnell, mit fehlender TÜV-Plakette und natürlich im Überholverbot für Gespanne. Auf Familienfeiern wurde der Polizist immer wieder zitiert: „Sie sind wohl Weltmeister im Überholen?“ Kann man so stehenlassen, da ist schon was dran.

Nun also eine Revivaltour der Söhne. Leider sind wir etwas aus der Art geschlagen und haben tatsächlich TÜV und sogar neue Autoreifen. In Holland ist auch alles vorgebucht – Boot und Stellpaltz am Wasser. Da kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir werden mit einer Jolle schippern. Durch Kanäle in kleine Städte hinein. Werden viel lachen, über die alten Zeiten reden, unseren Papa. Da gibt es viel zu erzählen. Anekdote um Anekdote. Ein Verrückter im positiven Sinne. Wäre schön, wenn er dabei wäre. Zu viert in einem Boot. Das hat leider nie geklappt. Aber so wird er auch dabei sein. Freue mich. Machts gut, bis die Tage. Schönes Wochenende:)

Bewusstseinserweiterungsprozess Jonathan Meese

Jonathan Meese ist die Konsequenz.

Am Ende, wenn nichts mehr geht, wenn die Lichter ausgehen, sich die Menschen zur Ruhe legen, wenn sie im Privaten verschwinden, in den IKEA-Rückzugsräumen, wenn sie die „Fickzellen mit Fernheizung“ (Heiner Müller, Medeametrial Landschaft mit Argonauten) warm halten, kommt die Zeit, wachzurütteln, ein neues 68, ein wildes Szenario, das schreit, spuckt, kotzt und den Hitlergruß als Provokation in den Himmel wirft.

Jonathan Meese ist Künstler. In Tokio geboren 1970. Er kam mit seiner Mutter zurück aus Japan, sprach nur Japanisch, lief durch Düsseldorf und schrie „I kill you“, weil er die Sprache nicht sprach, nicht verstand. Ein Wahnsinniger, könnte man denken, wenn man ihn sieht, wenn man seine Performances auf Youtube sieht, seine Manifeste hört, seine Reden, seine Gesten, seine KUNST.

Er zieht sich zurück aus der Realität, weil er sie nicht erträgt. Geht raus und ruft die „Diktatur der Kunst“ aus. Bedient sich der Mythen, der Diktatoren der Geschichte und sagt, dass sei Vergangenheit und die Kunst die Zukunft. Er glaubt nicht an Politik, an Demokratie, an die reale Realität. Er wirft seinen Künstlerkollegen vor, angepasst zu sein. Sich nicht einzumischen. „Systemzerstörend? Null Komma Null.“ Dabei sieht er sich selbst nicht im Mittelpunkt. Der Künstler sei unwichtig, könne auch ein Tier sein, die Kunst allein zähle.

Meese ist ein Star. Ausstellungen weltweit. Anerkannt von den Großen der Szene. Kiefer, Baselitz, Immendorf. Er wird gesammelt, ausgestellt, hofiert. Er arbeitet mit der Volksbühne zusammen, mit Castorf – klar, die Lebendigkeit des Poststrukturalismus. Foucaults Auferstehung – Wahnsinn und Gesellschaft. Das ist einer, der lässt nicht los, der fighted unermüdlich. Ein Agent Provocateur. Die Kunst wird wieder politisch. Da ist einer, der hat das Provokationspotenzial von Beuys. Ein Aushängeschild der deutschen Contemporary Art. Ein Enfant Terrible.

Endlich.

Es tut gut zu sehen, dass einer die Grenzen sprengt mit jeder Menge ART-TNT. Dass da einer die Energie hat, dagegen zu gehen. Gegen die Normalität des Kunstbetriebes und des eingeschlafenen Denkens. Einer, der provoziert und inspiriert. Alles auf den Prüfstand stellt. Das Anti-Valium, Nietzsches Anti-Christ, das Dionysische. Ein neuer Traum als Stachel im Fleisch.

Jonathan Meese hat nur eine Grenze. Seine Mutter. Sie ist in seinem Atelier dabei, wenn er malt, entwirft, klebt, gestaltet, formt, was auch immer. Sie ist sein Halt. „Meine Mutter ist der Zugang zur Realität für mich. Wenn sie weg ist, geht es erst richtig los.“ Puh. Er hat Angst vor dem Draußen, sagt er. Die Streifen seiner schwarzen adidas-Trainingsjacke schützen ihn, sagt er. Er will das Draußen nicht und geht doch rein wie kein anderer. Wir alle werden mit Meese noch viel Spaß haben. Mit einem Künstler, der ein Bewusstseinserweiterungsprozess ist. Jonathan Meese.

www.jonathanmeese.com

RAR, Roaarrrrr, Rock am Ring, Metallica…

Ach, was war das erst eine schwere Geburt.

Fahren, nicht fahren. Wie wird das Wetter, bekomme ich Karten. Im Zelt oder was? Mein letztes Festival war gefühlte Leben entfernt. Rock am Ring Anfang der Neunziger – da habe ich noch in Aachen studiert. Und jetzt? Passe ich da noch rein? Wo ich sonst Damien Rice & Co. höre?

Dann der Anruf. Wir haben Tickets. Samstag, Backstage. Angel. Rettung naht. Ist doch schön, wenn es easy ist, so easy. Und wenn das Netzwerk klappt. Also Samstagmittag los, um rechtzeitig zu den Stranglers auf der Alternatebühne da zu sein. Wer waren die Stranglers? Ich hatte keine Ahnung, bis ich die Musik hörte. Die sind seit den Seventies unterwegs. 40 Jahre. Do you remember Golden Brown?

Da stand ich nun zwischen all den jungen Menschen in ihren Festival-Outfits – junge Frauen in Gummistiefeln, zugedröhnte junge Männer, grauhaarige Silverager, tätowierte Unter-, Mittel- und Oberarme. Da habe ich mir auch ein Tattoo besorgt. Ein Totenkopf auf den Oberarm. Henna. Eine Woche.

Die Sonne schien, am Jägermeister-Promo-Holzhaus „Zum röhrenden Hirschen“ fuhr alle Viertelstunde ein röhrender Hirsch als Kuckucksuhr aus dem Dach und röhrte. Dazu Highspeed-Blasmusik, Jägermeister und Ballermann-Party. Eine riesige Kirmes dieses Rock am Ring. Eingerahmt von der Grand-Prix-Strecke der Platz voller Fressbuden, Verkaufsstände und Menschen, Menschen, Menschen. Und Musik. Laut. Wild. Klar.

Center-Stage. Die große Bühne. Refused. Da wurde es richtig laut und mittendrin haben die Young Guns Pogo getanzt – nicht immer ganz schmerzfrei. Einstimmung auf Späteres – auf Billy Talent und dann METALLICA zum Schluss. Ist schon ein geiles Gefühl, wenn die Menge rockt. Mittendrin. Zwischendurch haben wir Pete Doherty gehört, der nicht jeden Song zu Ende gebracht hat, aber doch einigermaßen konzentriert wirkte. Ein guter Singer-Songwriter. Allein auf der Bühne mit Gitarre, Mundharmonika und zwei Balletttänzerinnen im Tütü. Skurril.

Anschließend Billy Talent und dann um 23 Uhr METALLICA. Groß, laut, voll. Heavy. Meister des Rocks und der großen Gesten. Feuerwerk, Gitarren, der gigantische Bass. Fetter Sound. Hier der Link zur Aufzeichnung des gesamten Konzertes:) Da standen wir vorne rechts, 40 Meter von der Bühne zwischen all den Hardcore-Fans und haben mitgerockt. Heavy Metal. Eine eigene Welt. Viel Power, auf der Bühne, im Publikum.

Am Ende hatten wir 10 Stunden Musik gehört, waren mitten in der Nacht wieder Zuhause. RAR. Roaaarrrr. Die Ohren fiepsten. Um kurz vor Fünf im Bett. Hardrock im Körper. Die volle Dröhnung. Geil:) Und Anfang Juli dann Damien Rice in Paris. Warum nicht die ganze Bandbreite?