Von der schönen Liebe in Zeiten des Bundestagswahlkampfs

Nicht mehr so oft schreiben. Nicht mehr so viel produzieren. Lieber warten, reifen lassen, sich die Fragen stellen.

Dieser Bundestagswahlkampf beschäftigt mich. Seit geraumer Zeit versuche ich, dahinter zu kommen. Es war mein innerer Plan, verstehen zu wollen und dann darüber zu schreiben. Nun habe ich ein Bild und eine Überzeugung, weshalb die Dinge so kommen, wie sie kommen werden. Das wollte ich dezidiert darstellen und auseinanderlegen. Differenzieren. Insbesondere nach einem Gespräch mit einer Freundin auf Norbert van Ackerens Atelierauflösung am Wochenende. Wir haben über Politik gesprochen und sie forscht in dem Bereich. Ich hatte ein Interview gelesen, das aus ihrem Haus stammt.

Die Dinge gehen auf und wenn man sich lange genug Gedanken macht, weiß man plötzlich mehr. Und dann ist es so banal und kaum mehr der Rede wert. Ich mag darüber nicht mehr schreiben. Mein Stimmzettel liegt bereits im Rathaus und wartet auf Begleitung. Es liegt nicht mehr in meinen Händen und es kommt, wie es kommen muss.

Was wichtiger ist als die Politik, ist die Liebe. Die schöne Liebe. Tun, was getan werden muss, und leben, was gelebt werden kann. Auch wenn sich die Menschen die Parolen an die Köpfe schmettern ist da immer noch das, was uns ausfüllt. Erfüllt.

Es kann nichts passieren, wenn man liebt. Wenn dieses Gefühl bis in die Zehen- und Fingerspitzen geht. Wenn es flutet. Wenn es kribbelt, als wäre man am Anfang des ersten Tages.

Manchmal verliere ich das Wesentliche aus dem Blick. Manchmal lasse ich mich ablenken und mein Geist flieht in merkwürdige Aufgaben, die eigentlich nicht meine sind. Da ist diese Neugierde, der Wille, irgendwo hinter zu schauen, irgendetwas Obskures zu verstehen. Wie dieses Internet, die Social Media, diese politischen Abstraktionen in Washington, Ankara, Mossul, Kobane, Rakka.

Don Quixote de la Mancha.

Fatamorganen. Facebook. Twitter. Die Klarstellungen, Behauptungen, Positionierungen, Kampfansagen, Beleidigungen, Herabwürdigungen, das sich drüber Stellen, Runtergucken, Verachten. Die Versuche, sich gegenseitig zu beleidigen – im Sinne einer vermeintlich guten Sache. Dieser Wahlkampf war langweilig? Er war abscheulich. Als hätten wir alle diese Demokratie nicht verdient.

Die wirklichen Fragen haben wir alle gemeinsam schön ausgeblendet. Wir haben eine Chance vertan, die sich nur alle 4 Jahre bietet. Wir haben nicht wirklich diskutiert, gesprochen. Waren nicht neugierig und offen. Alle wussten schon alles. Wie der Hase läuft und wie es zu geschehen hat. So viele Bundestrainer auf dem Platz.

Ich bin nun froh, dass es vorbei ist und freue mich über die Erkenntnis, das Liebe stärker und wichtiger ist als alle Politik. Sie erfüllt mich und gibt mir allen Grund, sie zu wählen und mich für sie einzusetzen. Ich wähle die Liebe. Die schöne Liebe. Die erfüllende Liebe. Die bewegende Liebe. Die Liebe, die so stark und präsent ist. Die nächsten Tage werde ich auf allen Plakaten nur noch Herzen sehen und Liebesbotschaften. Schreibt, was ihr wollt. Schreit, was ihr wollt. Ich werde Odysseus sein mit verschlossenen Sinnen und offenem Herzen.

Ich liebe dich. In Schwere und Leichtigkeit. Bei Sonne und Sturm. In Italien und im Auto auf dem Weg zu dir. Das ist meine letztliche Erkenntnis dieser Bundestagswahl 2017. Manchmal sind die Dinge so einfach.

Essen!

Mangiare!

Es gibt diese Momente, in denen Essen alles ist. Und viel mehr. Am Wochenende überkam mich dieses Gefühl. Es zu tun. Zu kochen. Nicht so, wie man es immer tut. Zutaten, Töpfe, schnippeln, rühren, fertig. Nein. So mit Inspiration und Vorbereitung und Vorfreude.

Ich muss ein wenig ausholen. Mein Freund Andreas würde jetzt sagen: Komm zum Punkt! Muss man ja nicht immer. Nehmen wir es als Vorspeise. Seit einem Jahr wohne ich nun hier. Etwas länger. Für die Chronik: 6. August 2016. Seither hatte ich es nicht geschafft, so richtig für Ordnung zu sorgen. Der Keller war das Sorgenkind. All die Umzugskartons. All die pappverpackte Vergangenheit. Ich mochte nicht. Anfassen, anrühren, öffnen. So standen sie und versperrten den Weg und zogen eine Spur des Hinderns bis rauf in die Wohnung. Die Küchenschränke ließen sich nicht aufräumen, weil es für die überschüssigen Teile keinen Platz gab.

Das sind diese Verkettungen. Der Umstände. Samstag. Ich hatte vorgearbeitet, Schwerlastregale gekauft, aufgebaut, ins Chaos geschoben. Nun musste noch irgendwie eine Ordnung her. Diese spezielle Ordnung für meine Kisten und mein Leben. Kindersachen, meine Erinnerungen. Wie viel haptische Erinnerung braucht man? Aber Freitag ahnte ich schon, dass mir Samstag die Küche wieder ein Stück mehr gehören würde.

So fasste ich neben dem Plan der Kellerordnung einen weiteren. Ravioli. Selbstgemacht. Mit einer irgendwie gearteten Pfifferlingsfüllung. Also warf ich schon einmal die Zutaten für den Nudelteig in eine Schüssel. Wog, rührte, knetete und packte ihn in Folie und in den Kühlschrank. Um Samstagmorgen den Ausritt mit Herrn Cooper für die Pfifferlingsjagd zu nutzen. Denn: YEP! Mittlerweile, fast hatte ich schon aufgeben wollen, habe ich 4 (!) ertragreiche Stellen im Wald gefunden. Zwei in der Nähe, zwei ein Tal weiter. Es reichte. Deutlich. Mein Korb gut gefüllt.

Während ich im Keller räumte, überlegte ich, wie ich vorgehe. Die Füllung. Ich entschied mich zwischen Kistenleeren, Wegschmeißen und Einräumen für Pfifferlinge, Paprika, Frischkäse und Parmesan. Knoblauch, Zwiebeln anschwitzen, Paprika hinzu, die zerbröselten Pfifferlinge. Schön Einkochen. Flüssigkeit reduzieren, weil der Nudelteig die nicht verkraftet. Dann wird alles matschig. Also Geduld und kleine Flamme und irgendwann Frischkäse und Parmesan. Und zwischendurch Kräuter. Das Scharfe der Pfifferlinge mit Pfeffer und Chilli unterstützen. Das Olivenöl, die Zwiebeln und den Knoblauch mit Thymian und Rosmarin unterstützen. Mögen sie Freundschaft schließen. Später frische Petersilie hinzufügen, kurz bevor es so weit ist.

Den Teig durch die Nudelmaschine laufen lassen und zum Trocknen aufhängen. Derweil die frische Tomatensauce kochen. Olivenöl, Zwiebeln, Frühlingszwiebeln, Knoblauch, frische Tomaten, Pfeffer, Chilli, Thymian, Rosmarin, später Oregano und einige andere kleine Freunde aus dem Gewürzregal. Ich hatte noch eine Dose Tomaten aus Italien. Die sind röter, schöner, intensiver, italienischer. Dieses wunderbare Abschmecken. Wie sich der Geschmack entwickelt. Kleine Dosen, Annäherung. Gaumenfreuden. Erwartung, Hoffnung, Entzücken. Das ist Kochen. das ist die Freude. das ist das Überraschende.

Die fertigen Teigflächen auf den Tisch legen. Kleckse mit Füllung drauf verteilen. Mit Teig zudecken. Die Teigflächen ineinander drücken, die Füllung sicher einsperren. Ravioli formen. Mit den Fingern. Das Wasser aufsetzen.

Mein Vater hatte einen Freund, der hieß Pajatz. Mit Spitznamen, nehme ich an. Das war in der Jugend meines Vaters, als er Dolly genannt wurde und kein Fest ausließ. Er spielte Klavier, tanzte, rauchte, soff, verführte, lebte. Und wenn es bei uns etwas leckeres zu essen gab, später, sagte er: „Kinder, wie hat mein Freund Pajatz immer gesagt: Dolly, so ein bisschen was Fressen ist doch was Schönes.“

Ja, das ist es. Die gefüllten Ravioli ins Wasser. Warten. Herausnehmen, servieren, Tomatensauce, ein wenig Parmesan. Ui. Ja. Lecker. Die Füllung, die Sauce. Heijeijei. Feiner Geschmack.

Meinen Kindern sage ich immer, dass es sich lohnt, sich mit dem Kochen zu beschäftigen. Dieses Gefühl zu entwickeln, was passt, was zusammengehört, welche Gewürze die richtigen sind. Welche Temperatur man braucht, wie viel Zeit. Man kann sich selbst verwöhnen und beschenken. Man kann sagen, ja, jetzt koche ich was. Und wenn dann Pfifferlinge da sind. Wie heute nach dem Fußball. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Manchmal mag ich nicht. Und dann. Ein wenig Olivenöl, Pfifferlinge, Kräuter, Eier. Man müsste immer frische Pfifferlinge im Haus haben.

Jetzt bin ich satt, glücklich und gehe schön schlafen. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag mit aufgeräumtem Keller. Irgendjemand hat einmal gesagt: Der Keller steht für die Vergangenheit, der Speicher für die Zukunft. Okidoki. Ich bin bereit, beides mit offenen Armen anzugehen. Das Leben küssen. Warum nicht. Und Pfifferlingsstellen suchen. Besser: Finden:) Zweifelsohne braucht man frische Pfifferlinge. Zwingend.

DAVIDs DISPOSITION im Kulturhaus Zanders

David Grasekamp stellt aus. In Bergisch Gladbach im Kulturhaus Zanders. Sie haben ihm die Villa gegeben und er durfte. Wie er wollte. Hat er getan.

Was er getan hat, ist wild. Es wirkt. Anders, als man vermutet. Unter DIS-POSITIONEN verspricht er im Ausstellungsflyer Meditationen / Installationen / Objekte zur Malerei. Neben der Beschreibung steht ein Zitat von Ludger Schwarte aus seiner Veröffentlichung Notate für eine künftige Kunst. Unter anderem heißt es da: Eigenschaften der Dinge, Formen, Farben, Gerüche, Tönungen und Töne sind nicht die Grenzen, in denen Dinge eingeschlossen sind, die Differenz zu anderen Dingen, sondern die Weise, wie ein Ding in einem Raum wirkt, die Anwesenheit, die von einem Ding ausgeht.

So.

Wir nähern uns. DAVID hat das auch gemacht. Er hat sich zunächst in seinem bisherigen Kunstleben dieser Ausstellung genähert. Dann hat er für uns Zuschauer und Gäste in einer eindringlichen, sehr ruhigen, besonnenen Einführung Brücken gebaut. Danke. Es braucht den Kontext. Nicht, weil die Werke nicht für sich sprechen. Nein. Weil es um etwas Größeres geht. Das Zitat lässt es schon erahnen, in dieser Ausstellung ist etwas Theoretisches im Konkreten hinterlegt. Es ist eine tiefe Auseinandersetzung mit Kunst und insbesondere mit der Malerei.

Und so kommt es letztlich tatsächlich weniger auf die Objekte an, sondern auf die Botschaft. DISPOSITION. Etwas steht zur DISPOSITION. Es kann gegebenenfalls wegfallen.Ersetzt werden oder einfach auch aufgelöst. DAVID hat die Malerei in dieser Ausstellung dem Betrachter konsequent entzogen. Es gibt keine Malerei von DAVID im Kulturhaus Zanders.

Was macht er da? Er verweigert. Er malt nicht. Da sind weiße Leinwände. Da hängt eine bespannte Leinwand an der Wand und das Tuch ist an drei Seiten herausgeschnitten. Nach vorne gefallen liegt es auf dem Boden. Fast könnte man meinen, das Bild würde einem die Zunge herausstrecken.

In einer Ecke steht ein Bild in schwarze Folie verpackt. Kein Einblick. Auf einer Fensterbank liegen bespannte Rahmen übereinander. Vielleicht 10 Stück. Man ahnt, dass sie schwarz bemalt sind. Das obere zeigt den Rücken. Einblick verweigert. Kein Zugang. Auf einem Paletten-Hubwagen liegen in schwarze Folie verpackte Bilder. Kein Einblick. In einem Raum stehen verschlossene Transportkisten einer Kunstspedition. Verschlossen. An einer Wand steht eine monströse Leinwand. Weiß. Nichts. Nichts?

DAVID fordert die Betrachter. Aber nicht nur das. Er fordert die gesamte Kunstwelt. Was ist diese Kunst heute? Was sind die Kunstmessen in Basel und Köln? Was sind diese bespannten, bemalten Rahmen? Weshalb hat die Deutsche Bank in London dieses museale Foyer mit diesen riesigen Schinken zeitgenössischer Malerei? Ein wenig ist es wie im Fußball. Neymar für 220 Millionen zu St. Germain. Der Baselitz für. Der Beuys. Koons. Richter. Johns. Ein Lehmklumpen für Jonathan Meese. Hände rein, mansch-mansch, verkauft. Das Original.

Was sehen wir eigentlich, wenn wir Kunst sehen? Was sind die Kriterien? Und weshalb wird immer verglichen? Der mit dem. Jenes mit solchem.

DISPOSITION wirkt wie ein Weißabgleich. Alles auf NULL. Das habe ich gespürt, als ich in dem Raum saß. Ein kleiner Raum, zwei Fenster, eine Tür, ein Stuhl, eine weiße Wand und der Betrachter. In diesem Fall ich. DAVIDs Worte im Ohr, die Nicht-Malerei im Blick, die Projektionsfläche von einem Malermeister geweißt. Was weiß ich über Malerei? Was weiß ich über Kunst? In dieser Ausstellung verschwinden die Formen, die gemalten Inhalte, die Pinselstriche, all die Dinge, die zu sehen sind. Keine Farben. Weißabgleich im Kopf, im Hirn. Schaut doch mal hin! Seht doch mal hin! Spürt doch mal nach! Haut euch doch all die Kunst nicht wie Fastfood rein. Schlange stehen am Louvre und dann zur Mona Lisa, 35 Sekunden. Wie war die Mona Lisa? Gut. Echt gut. Schon richtig gut gemalt. Sollte man mal gesehen haben. Wie war die Ausstellung? Was hast du empfunden? Welche Gedanken hast du? Was macht das mit dir? Respekt erweisen. Möglichkeiten nutzen. Denkende, wahrnehmende, mitarbeitende Gesellschaft sein.

Ich mag die Ausstellung DISPOSITION sehr. Sie ist intelligent, sie ist rational auf den Punkt durchdacht und darüber hinaus ist sie hoch emotional, weil sie ermutigt, nachzudenken und nachzuempfinden. Es ist emotional ästhetisch, nicht hinter die Folien schauen zu können. Es ist der Gedanke, dass Kunst nicht liefern muss. Das sie nicht verpflichtet ist, sich uns in Schönheit, Krassheit, Anmut oder Botschaft zu präsentieren. Einen Scheiß muss sie. Nichts muss sie. Sie gehört sich allein und darf sich verschließen und tun und lassen, was sie will. Das ist die Freiheit der Kunst, die gerade beschnitten wird. Auf unterschiedliche Art. Der Streit um die politische Korrektheit und das Verschwinden von Werken, die nicht passen, weil sie anstößig sein könnten in ihren Positionen. Das hat Bedeutung für die Malerei. Das ist eine starke Vorgabe, was auf die Leinwand darf. Und was nicht.

DISPOSITION ist eine kraftvolle Neuausrichtung. DISPOSITION hat mit der Eröffnung am 3. September 2017 etwas sehr Neues erschaffen. Eine Stunde Null. Fangt noch einmal neu an. Die Welt der Leinwände ist weiß und frei und grenzenlos. In der Verweigerung der Farben ist DISPOSITION eine Auslöschung, die mit den wunderbaren Mitteln der Kunst Kunst und seine Konsumenten hinterfragt und inspiriert. DAVID sprach von Dystopie und Utopie. Es gibt eine Verzweiflung und eine Hoffnung. David Grasekamp hat sich dem Thema mit einer immensen Kraft und Klarheit gestellt. Die Ausstellung sollte über die Tate ins Guggenheim ziehen. Aber letztlich ist es egal, wo sie stattfindet. Der Gedanke ist ausgesprochen und in der Welt. Und da gehört er hin. Als Leuchtschrift oben an den Himmel über alles.

Wenn ich wie du Leser dieser Zeilen wäre, würde ich die Gelegenheit nutzen und mir die Ausstellung ansehen. Die Ausstellung läuft bis zum 24. September, hat außer montags und freitags täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Und das Beste: DAVID ist da. Immer. Ansprechbar. Macht mal, geht mal hin. Lohnt sich wie selten.

Weitere Infos hier.

Another day in paradise

Im Leben muss man ständig etwas wagen. Sonst geht man unter, ertrinkt in Starre und Langeweile. Nun bin ich nicht der Mutigste unter der Sonne und manchmal, das gebe ich zu, macht mir das Leben ein wenig Angst. So ein wahrer Held wird aus mir wohl nie werden, auch wenn meine Kräfte und Energien manchmal wundersame Dinge geschehen lassen, die ich mir nicht erklären kann. Weshalb ich?

Diesen Sommer habe ich für uns einen Urlaubsort gesucht. Letztes Jahr Frankreich, Menton. Zwischen Monaco und der italienischen Grenze. Der Campingplatz hat zugemacht. Au Revoir. Also. Nun geschah es zu jener Zeit, dass mein väterlicher Freund Raimund mit seiner netten Freundin zu meiner Lesung nach Duisburg kam. Wir haben uns unterhalten. Wir sprachen auch über Urlaub und Italien und er erzählte von diesem Campingplatz direkt am Meer. In meinem Gehirn tiggerte es. Krawumm, wusch. Äh. Raimund, wo? Er nannte den Ort und gab mir Infos, die ich so halb absicherte, um später bei Google aus der Erinnerung den Weg dorthin zu finden.

Yep. Ich fand ihn. Und stellte eine Anfrage. Und erhielt eine Antwort. Die Reservierung wurde bestätigt. Umgehend. Nun hatte ich der Anfrage eine Zeile hinzugefügt, die mir wichtig war: Blick aufs Meer. Bingo. Asta la vista Baby.

Nun hätte ich nicht mit diesem Blick gerechnet. Viveka, Zoe und ich fuhren die Nacht durch. Zoe ist jetzt 18 und hat einen Führerschein, der sie überall hin trägt. Mittlerweile sind meine Kinder volljährig. Meine Mutter sagt immer, dass sie es sich nicht vorstellen könne, dass ihr ältester Sohn nun Mitte Fünfzig sei. Ja. So ist es. Man kann es sich nicht vorstellen. Wie so manches anderes auch nicht. Zum Beispiel, dass ich nun stolzer Träger einer Lesebrille bin. Puh. Ich bin gespannt, was an dieser alten Karre als Nächstes ausfällt. O.K. An dieser Stelle stelle ich mich der Realität und zeige mich euch mit Brille. Wusch. Alter Sack.

Es fällt mit schwer, den Zerfall zu akzeptieren. Egal. Man gewöhnt sich an alles und ich will hier auch nicht rumheulen. Gibt Schlimmeres.

Wir kamen auf jeden Fall an. Zu dem verwunschenen Ort führte nur ein alter Eisenbahntunnel. Man musste warten. Lange warten. Alle 20 Minuten geht die Ampel auf Grün und der Tross setzt sich in atemberaubender Geschwindigkeit in Bewegung. Sagen wir mal, das erste Fahrzeug würde sich in dem etwa 3 Meter breiten Tunnel aus irgendwelchen Gründen quer stellen, dann würde die gesamte Meute munter reinrauschen und man könnte sagen: Ende Gelände.

Nun sind Italiener muntere Menschen mit Esprit und Dampf im Kessel. Die Ausfahrt zum Campingplatz war dann auch sehr sportlich. Es wurde kurz hell zwischen zwei Tunneln, ich las das Schild und versuchte mit angemessener Geschwindigkeit den Tross zu verlassen. Blinker, Spiegel, Gas halten, ein wenig wegnehmen, raus, scharf bremsen wegen der Kurve. Durchatmen. Angekommen. Der Tunnel hat uns ins Licht geführt. Nun, das ganze Leben ist immer ein wenig wie Sterben und doch wiedergeboren werden, weil die Zeit einfach noch nicht reif ist.

Und dann. Ja, der Rest ist Geschichte. Weil ich etwas von Meerblick geschrieben hatte, bekamen wir diesen Platz. Oben. Ganz vorne. Mit Blick auf die Bucht. „Wie habt ihr den bekommen? Wir dachten, ihr seid Italiener?“ Nun. Weiß nicht. Grazie. Das Leben. Die Gefälligkeitsbank. Manchmal zahlt das Schicksal aus. Man muss was tun. Hier etwas geben, dort. Fair sein. Lächeln schenken. Pfadfinder im Herzen sein. Sehen, dass die ältere Dame eine Hand braucht, sie nehmen, halten und ihr das Gefühl geben, sie sei Greta Garbo. Mindestens. Warum nicht? Ist das nicht unsere Sehnsucht? Ein wenig Aufmerksamkeit, ein freundliches Wort, wahrgenommen werden?

Egal. Es kann auch ganz anders gewesen sein. Ein Buchungsfehler, ein Zufall, eine Ironie, ein verwehter Zettel, eine Laune, eine Arabeske des Lebens. Auf jeden Fall haben wir die Zelte aufgebaut, den Gaskocher mit einem Spanngurt auf die Obstkisten drapiert. Meine Küche mit Meerblick. Wie gerne habe ich gekocht. Wie sehr hat mich der Blick gefesselt. Morgens, mittags, nachmittags, abends. Zwei Hängematten. Und Viveka sagte permanent: Wie auf Jamaika. Sie hat dort fast zwei Jahre in den Hills gelebt. Ziegen gehütet. Sie muss es wissen. Mir kam es auch so vor. Irgendwann: Wie auf Jamaika.

Nun. 3 Wochen. Es war schwer, zurückzukehren. Aus der Hängematte an den Schreibtisch. Von Jamaika nach Deutschland. Von der Nachrichtenlosigkeit in die News. Ich will das alles gar nicht mehr wissen. Wie er wann wo aus welcher Sinnlosigkeit heraus.

Es war ein bedeutender Urlaub. Ich war unendlich verliebt. Viveka fehlt mir sehr. Seit fünf Jahren nun. Wochenenden. Wenn man aus dem Paradies kommt, ist die Realität ein wenig wie geteert und gefedert werden. Meine Deutschlehrerin schrieb einmal unter einen Aufsatz: „Jens, hüten Sie sich vor Übertreibungen.“

Den Gefallen konnte ich ihr nie tun. Es würde mich langweilen, die Dinge nicht zu überzeichnen. Es ist dramatischer und dramatischer ist spannender und spannender ist unterhaltsamer und unterhaltsamer ist lustiger. Gestern Abend, kurz vor dem Abschied, haben Viveka und ich im Bett anlässlich des Todes von Jerry Lewis auf YouTube einige Clips geschaut. Jerry Lewis im Boxring. Das war übertrieben. Und so lustig. Wir haben ziemlich gelacht. So ist das mit dem Leben, du lachst, du weinst, du gehst zur Arbeit, du verabschiedest dich, das Schicksal beschenkt dich, das Schicksal zeigt sich als Arschloch. Nun. Leben eben. Kriegen, was du kriegen kannst. Den schönen Blick, das feine Gefühl, das Tiefe.

L’été le pied dans l’eau

Es war im letzten Jahr in Frankreich in Menton. Pella, Viveka, Max. Und ich. Gerade hatten wir den Umzug ins neue Haus gestemmt, der mich eine Woche meines geliebten Sommerurlaubs gekostet hatte, da waren wir spät am Abend von Köln aus gestartet. Direkt nach einem Damien Rice-Konzert losgefahren, Max am Steuer, ich als Beifahrer, die Damen hinten. Klassisch.

Ich hatte eine Vorstellung vom Kommenden. Manchmal bin ich tatsächlich ein Träumer. Dann ist es so, dass mein Innerstes alle Ratio sausen lässt und die Sehnsucht nach dem Verwirklichen des Unmöglichen in mir eine Ignoranz erzeugt. Aus dem Vertrauen heraus, dass es immer einen Plan B gibt und Improvisation die Kunst der Mutigen ist.

Es begann Tage zuvor, als ich mir vorstellte, wir würden, wie früher auf dem Weg in die Bretagne, die Autobahnen meiden und die Route Nationale zu unserem Weg machen. Ich wollte Frankreich atmen, ich wollte morgens in einer Bar in einem Dorf Café trinken und Croissants essen. So saßen wir im Auto, Max startete den Motor und ich das Navi. Menton, Frankreich, s’il vous plaît. Bitte, äh, wenn es recht ist, keine Autobahn. Landstraße, sie wissen, den schönen Weg. Die Dörfer, die Häuser, die bellenden Hunde, dieses alte Frankreich, romantisch, verklärt, R4, Gauloises. Wenn sie uns den Gefallen tun würden, Madame?

Mais qui, pas de probleme. Und ja, es wird schön, sie haben viel Zeit, zu schauen. 18 Stunden. Hm. Moment. Madame. Bitte. Also, sie müssen sich irren. Ich meine. Max fahr schon einmal. 18 Stunden, das ist lang. Haben Sie sich, ich möchte sie nicht in Frage stellen oder kritisieren, vielleicht verrechnet? Pardon?

Moi?

Ui. Ich dachte, O.K. Das wird sich gleich einspielen unterwegs. Das Navi braucht ein wenig, sich an meine Reisepläne zu gewöhnen. 18 Stunden, lachhaft. Letztlich war der Fehler im System ein kleiner Denkfehler. Diese Alpen. Und all die Kurven. Max ist gefahren wie ein junger Gott. Wir haben Luxemburg bei Nacht durchquert. Haben Sie einmal Luxemburg bei Nacht durchquert? Haben Sie einmal gespürt, wie es ist, ein Land in kurzer Zeit zu durchfahren? Erst das Land zu begrüßen, sich verbunden fühlen, ein wenig ein Luxemburger zu sein und dann auch schon wieder: Vorbei. Abschied. Mein liebes Luxemburg, nie werde ich dich vergessen. Unsere kurze Zeit in jener Nacht.

Allerdings kam bald die Stunde der Wahrheit. Navis lügen nicht. Max fuhr Kurve um Kurve und irgendwie wollte der Abstand nicht kleiner werden. Es war Zeit für ein Bekenntnis. Liebe Mitreisende, es schmerzt mich mitteilen zu müssen, dass der Café in einer kleinen Bar samt der gereichten Croissants in der geschilderten romantischen Weise leider wird ausfallen müssen. Der Plan B. Der Hinreise-Joker. Junge, folge bitte den Schildern zur Autobahn, wir müssen Gummi geben und die Pferde antreiben. Yee-haw. Yippie ey yeah, Schweinebacke.

Von da an ging es voran und wir erreichten Menton und stürzten uns gemeinsam in die Fluten. Und wir suchten einen Intermarché und kauften ein und kauften diese Tasche dort oben, die nach unserer Rückkehr die unrenovierten Wände unserer Küche verzieren sollte. Im Sommer die Füße im Wasser. Nun ist sie ein Zeichen der Sehnsucht nach der Fremde, die eine Heimat in meinem Herzen ist.

Es ist wieder so weit. Übermorgen geht es los. Dieses Mal ohne Max. Er arbeitet. In der Agentur. Die letzten Tage sind wir zusammen gefahren. Er der Fahrer, ich der Herr Generaldirektor auf dem Weg ins Büro. Die Landschaften gleiten lassen, der lange Blick auf den See.

Italien, Ligurien, nicht Levanto. Ein Campingplatz direkt am Meer, mit einer Treppe herab zum Strand. So weit sind die Dinge gerichtet. Morgen noch arbeiten, am Freitag packen und Pellas 18. Geburtstag feiern mit der Familie. Und dann gleich abends los. Autobahn. Schweiz. Die Vignette klebt schon. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was es mir bedeutet. Unter freiem Himmel dem Meer so nah. Vielleicht gibt es einen Platz für die Hängematte, das wäre schön. Mein Surfbrett ist dabei, vielleicht gibt es Wind. Das Wasser ist warm, kein Neopren, raus aufs Meer, weit raus, dorthin, wo die Einsamkeit beginnt. Auch das wäre schön. Wenn nicht, dann nicht.

Ich wünsche euch gute Zeiten. Bleibt standhaft und froh. Küsst, liebt, schwelgt, nehmt das Leben bei den Hörnern. Ciao.

20.000 Meilen unter dem Meer

Ich gebe es unumwunden zu. Ja, ich gestehe mit wehenden Fahnen und der tiefen Überzeugung, dass es nun zumindest genau das Richtige ist.

Ich weiß es nicht.

Ein wenig Irritation liegt in der Luft. Stellt euch vor, ihr seid an einem Ort und alles stimmt, nur eine Sache nicht. Eine kleine Einschränkung. Ein Dorn, eine Fusel, ein kleiner, minimaler Druck direkt unter der Haut. Ein leichtes Kratzen, unangenehmes Berühren.

Man könnte das Visier hinab klappen und sich allem stellen und kämpfen und zerschlagen. Aber weshalb? Nur des Zerschlagens wegen, wo wir doch wissen, dass das nichts bringt?

Nun habe ich geschrieben, ich weiß nicht. Was ich aber weiß, dass diese Zeilen vielleicht unverständlich sind. Mir bleibt nichts anderes als leichtfüßig anzumerken, dass es die Zeiten sind. Man muss reagieren. Muss, muss. Wie sonst? Bitte schön?

Eben in der Hängematte im Garten, ich gebe zu: Nach einem Feierabendbier. Ein Kölsch. Sehr frisch und lecker. Ist es mir eingefallen. So ein Bier fährt manchmal das System runter. Schließt das Mailprogramm, das Präsentationsprogramm, das Denkprogramm, das On-Duty-Programm und manches mehr.

Es hat mir Flügel gegeben und Flossen. Die Hängematte wurde zum Startpunkt, zum Übergang, zu Murakamis Zwischenetage. Abflug.

Ich bin ein Wal. Weit unten zunächst. Ich weiß, dass ich keine Kiemen habe. Es war ein langer Weg hierher. Abtauchen, auftauchen. Stille Stunden des Fortbewegens. Manchmal ist es sehr langweilig ein Wal zu sein. Manche mögen denken, die Weite der Ozeane würde uns zu den glücklichsten Lebewesen der Meere und der Erde machen. Nun. Man kann es sich nicht aussuchen. Es ist ein Instinkt, ein Weg, ein Leben, ein Schicksal. Auch als Wal.

Klagen möchte ich nicht. Nicht wirklich. Gut. Ein wenig. Die Scheiße in Fukushima, all dieses Plastik, diese verfickt lauten Containerschiffe. Wieso werden da dauernd Sachen von A nach B nach C transportiert? Egal. Ich kenne meine Routen. Umwege. Früher war es anders. Egal.

Irgendwann dann, es dauert, bin ich da. Unter dem Eis wo niemand hinkommt. Ich weiß lange vorher, dass es kommt. Dann tauche ich ab. Sauerstoffgefüllt bis hintengegen. Alles was geht. Ich lasse mich sinken, werde ruhig, langsam. Teile mir den Sauerstoff ein und denke, irgendwann werde ich es nicht mehr tun und hier bleiben. Über mir das Eis, das Licht durch das Eis, die Ruhe. Ein Sonnenstrahl von irgendwo her. Ich bleibe ruhig, höre auf, mich zu bewegen. Es ist unendlich. Es gibt Stellen, da ist man wirklich allein und spürt, wie gut das ist. Einsamkeit ist auch ein Losgelöstsein. Frei schweben, im Ich bewegt. Es ist ein zartes Gefühl.

Entschwinden. Die Reise geht weiter. Als Mönch irgendwo. Tibet, Himalaya. Eiskalt, der Winter, nur eine Höhle. Die Meditationskiste mit Fell und dieser Decke, die alles ist zwischen Leben und Tod. Wenige Vorräte, manchmal ein Feuer, ein Tee. Die Zeilen des Mantras. Reinigung, Befreiung. Om bensa sato samaya. Das Leuchten, die Vision, die Nähe, die Klarheit. Wissen, wie die Dinge sind. Entfliehen können, sich stellen. Im Angesicht. Die Dämonen, die Retter, die Wirklichkeit in sich.

Entspringen, weiterziehen. Segler über die Meere, Rodeoreiter, das Lasso, die Zügel, die Sporen, der Sattel, die Schmerzen, der Wille, am Ende des Tages, eine Geschichte erzählen zu können. Am Feuer, an der Bar, in den Armen einer anderen Frau. Nicht denken, nicht planen, nicht wollen, als Mönch in einer Höhle in Tibet, als Wal unter einem Meer aus Eis.

Es ist ein Fortwährendes. Springendes. Nichts bleibt wie es ist. Wie soll man es sonst sagen? Ich bin dieser Mensch, der aus der Stratosphäre auf die Erde fällt. Mit Anzug und Sauerstoff und Schirm. Ein Abenteuer, eine Lust, ein Wagnis sondergleichen. Nicht alles lässt sich vorhersagen, berechnen, antizipieren. Schließlich ist der Teufel ein Eichhörnchen und Helden sterben durch Nichtigkeiten. Manchmal ist der Tod nur eine Büroklammer weit entfernt, ohne, dass wir es wissen und manchmal ist es weniger als ein Hauch.

Ich bin ein Vogel. Mein Lieblingsvogel. Nun könnte ich eine Liste nennen. Da ist die Elster, die nicht gemocht wird, obwohl sie so schön ist. Die Krähe, der es genauso geht. Beide mag ich. Die Elster wegen ihres edlen Gefieders und der schönen Nester. Die Krähen wegen ihres exaltierten Auftretens. Sie sind Outlaws, die tun, was sie wollen. Sie zanken, streiten mit Bussarden, kreischen und fliegen abends als Gang zu den Schlafplätzen. Sie verabschieden sich spät in die Nacht. Und manchmal, wenn man sich mit ihnen gut stellt, verteilen sie sanfte Geschenke. Man muss ihnen die Chance geben, sich zu erkennen zu geben. Wer macht das schon?

Ich bin ein Rotmilan mit feiner Zeichnung im Gefieder. Meine Schwingen erlauben es mir, Akrobat zu sein. Im Zusammenspiel mit meinem wendigen Heckruder. Ich drehe den Schwanz ein und gehe in die steile Kurve. Es ist mir eine Lust zu fliegen, zu gleiten, Pirouetten zu schlagen. Ich danke für alles, was mir gegeben wurde. Manchmal möchte ich Wal oder Mönch sein, aber Rotmilan bin ich am liebsten.

Es ist eine edle Reise, die manchmal verlangt, die Augen zu schließen. Nicht alles ist Gold in Panama. Und dennoch. Sein ist alles. So schön es ist.

INTERSTELLAR 2 2 7 und die SUPERNOVA in Köln

„Eine Supernova (Plural Supernovæ, eingedeutscht Supernovae oder Supernovä) ist das kurzzeitige, helle Aufleuchten eines massereichen Sterns am Ende seiner Lebenszeit durch eine Explosion, bei der der ursprüngliche Stern selbst vernichtet wird. Die Leuchtkraft des Sterns nimmt dabei millionen- bis milliardenfach zu, er wird für kurze Zeit so hell wie eine ganze Galaxie.“

Muss man dann auch nochmal nachlesen im Wiki. Und INTERSTELLAR ist die Sache mit irgendwo zwischen den Sternen. Flieger, grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond. Nehmen wir die Ingredienzen und packen sie in den Mixer und drücken PUSH. ZACK. Aus der kleinen Schublade unten ziehen wir die Summe unserer Sehnsüchte des Moments.

Können wir Kunst ohne das betrachten, das um uns herum geschieht? NRW-Landtagswahl, old Mc Donald Trump, Syrien. Zwischen den Sternen, im Raum. Leben und Wirken in 3D. Der Himmel über uns, die Sterne so weit. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Die Träume kehren zurück und landen hart auf dem Boden der Tatsache. Wenn die Zeiten verwaltet werden, wenn die Hoffnung darin liegt, dass es irgendwann einmal wieder andere Schlagzeilen gibt. Leben im Postideologischen. Vakuum im Denken. Fokussierung des Materiellen. Make irgendeinen Scheiß great again.

Theater der Keller in Köln. Es geht einige Stufen hinunter an der Bar vorbei, an der wir die vorbestellten Karten abholen. Wenn ich nach all den Jahren Theater betrete, kehrt dieses alte Raum-Zeit-Gefühl zurück, die tiefer gelegten Erinnerungen. Das Luftflimmern der Premierenabende. Alle sind da. Die Freunde, die Kunstliebenden, die sich auf das Abheben in andere Welten freuen. Den Countdown in sich tragen, die Bereitschaft, die Atmosphäre zu verlassen und gegebenenfalls beim Wiedereintritt zu verglühen.

Die erste Reihe ist bedenklich frei, als ob es um die Platzverteilung am ersten Tag nach den Sommerferien geht. Nun. Weshalb nicht. Direkt rein, mittendrin, eintauchen. Die Lichter gehen aus, es wird dunkel. Die vielverheißenden Bühnenrequisiten verschwinden im Nachthimmel. INTERSTELLAR, oben die langsam aufleuchtenden Sterne des Theaterhimmels. Barbara Schachtner betritt den Raum. Im Sternengewand. Weite weiße Bluse, später eine Videoleinwand, silberne Hose, rote Augenbrauen, ein Notenblatt auf den Rücken geheftet, auf dem die kleinen bekannten runden Kreise fehlen. Irgendwie sind es andere Zeichen. Neue Musik. Wir sind in einem anderen Universum. Dorrit Bauerecker betritt den Raum. Kastagnetten klacken, Absätze. Pfeiftöne, Mundlaute. Minimalismus, jeder Ton zählt.

Die beiden sind das, was man Vollblutmusikerinnen nennen könnte. Dazu sind sie Schauspielerinnen, Freundinnen, Video- und Performancekünstlerinnen, die sich im Raum bewegen, tanzen, und Frauen, die künstlerisch Neuland betreten. Zu den Sternen fliegen. Sich nicht auf das Bestehende verlassen, das Bestehende nutzen, um Gas zu geben.

Und so geschieht an diesem Abend alles auf der Bühne. Die Sinne sämtlich bekommen ihre Goodies und dürfen sich im Raum fallen lassen. In immer neuen Konstellationen und starken Bildern entfaltet sich das Geschehen. Die SUPERNOVA in Bild und Klang. Konzert, Performance, Rauminstallation. Vieles könnte man in Skulpturen einfrieren. Loops sind zu hören, Stimmen. Barbara dreht sich mit Dorrits kleinem Klavier in den Armen und Dorrit spielt darauf. Planeten kreisen umeinander. Ein riesiger Lampenreflektor wird zum grün erleuchteten Singrohr, in dem Barbaras Gesicht und Stimme erscheinen. Die Sonne im Raum, die SUPERNOVA, eine der SUPERNOVAS des Abends. Alles ist sehr dicht, kompakt inszeniert. Zum Klang kommt noch ein Bild, noch ein Licht, noch eine Bewegung, noch ein Miteinander.

Es ist ein tolles Licht, es sind faszinierende Bilder, es sind neue Kompositionen und Lieder. Die Reise durchs All dauert die Minuten über eine Stunde hinaus lang. Dichte Minuten in immer neuen interstellaren Klanginstallationen. Die Melodika wird zum Klavier. Barbara sorgt mit einer großen Luftpumpe für den nötigen Atem, Dorrit spielt. Sie spielen, die beiden. Mit dem Klavier, dem Keyboard, dem Mini-Klavier, mit den Stimmen, mit allem. Mit dem rauschenden Radio auf der Steele. Die Zackbox mit den leuchtenden Lampen. Im Zusammenspiel und Zusammenklang sind es die Kompositionen der Zeit, die Geräusche unseres Lebens, eine Reflexion des Gegebenen.

Zwischendurch sehe ich Dorrit ein Notenblatt zur Seite legen. Ich weiß nicht, wen oder was die beiden spielen. Es ist nicht wichtig, es sind nicht die Namen. Haydn & Co. KG. Es ist der Mut, der Zeit vorauszueilen, das ganz Eigene zu machen. Das nie zuvor Dagewesene. Im interstellaren Raum sind es nicht die Interpretationen, es sind die neuen Begegnungen. Das ist das Inspirierende.

Am Ende das Lied, in dem es darum geht, das zu tun, was man liebt. Ein Universum, in dem mehr Supernovas aufleuchten bis zum Verglühen.

Wir konnten dann noch den Abend gemeinsam verbringen. Die Bühne aufräumen, INTERSTELLAR 2 2 7 für die folgende Tournee in Autos räumen, Premierenfeier im Foyer, weiter in ein Restaurant… Ein beseelter Abend. Ein weiteres Stück Interstellar auch in mir. Das ist gut.

Barbara Schachtner: Stimme, Gesang, Looper, Video
Dorrit Bauerecker: Klavier, Akkordeon, Toypiano, Melodika
Sandra Reitmayer (Regie), Sabine Seume (Coaching in Choreographie), Norbert van Ackeren (Bühnenausstattung)

Alles neu macht der Mai, alles…

Mögt ihr auch dieses junge Blättergrün? Diesen heillos optimistischen Farbton, der in seiner gänzlichen Zartheit so vor Willen und Kommendem strotzt? In etwa so wie Kirschblüten, nur noch ein wenig realistischer. Nicht ganz so märchenhaft.

Früher habe ich ihn überwiegend in dem Buchenwald unten im Maikäfertal wahrgenommen, nun in Essen Werden. In den Wäldern der grünen Hauptstadt Europas. Steht hier überall. Nun. Wenn das mal nicht mit der Reinwaschung eines hier heimischen Strombetriebs zu tun hat, dessen Kohlkraftwerke mehr Schatten als Licht verbreiten. Aber es ist Mai und es war von Optimismus die Rede.

So lassen wir ihn zu Wort kommen. Auf meinen Streifzügen durch Facebook habe ich einen Interviewausschnitt aus einer Talkshow gesehen, in der sich Claas, der von Joko, über Europa und die Zukunft äußerte. Er sprach davon, 1983 geboren zu sein und zu einer Generation zu gehören, die bislang dachte, die Politik samt Demokratie und Europa käme mit der Post. Seit den politischen Volksentscheidungen im angelsächsischen Raum sieht das nun anders aus. Demokratie ist gar nicht so einfach und strikt, wie man denkt. Und ja, wenn sie nicht gepflegt wird, oh, bekommt sie ein Haltbarkeits- und Verfallsdatum.

Es ist an der Zeit. Als unbelehrbarer Optimist und Mensch, der sich Strohhalme zu Bäumen redet, glaube ich fest an das Sprießen von Hoffnung. So Schritt für Schritt erreichen wir den Zenit der dunklen Kräfte. Das sich Überstülpen der schwarzsehenden Mahner und Warner macht so wenig Spaß und verdirbt dermaßen die gute Laune allerorten, dass sich diese Erscheinung hoffentlich bald auflöst. Was immer dieses Breitmachen von Frust und Enge auch bedeuten mag, möge es sich jetzt wieder zurückziehen. Braucht kein Schwein.

Ostersonntagskinder:)

Nun.

Es war im Sommer 2012. Viveka und ich hatten uns im Jahr zuvor kennengelernt. Eine Urlaubsbekanntschaft zwischen Familien. Wir haben uns im Herbst im Anschluss an den Sommer in Nosbach getroffen. Zwei Familien, die Kinder zwischen 13 und 15 Jahre alt. Es kam der Frühling 2012, mein Vater starb, Michaela fand einen neuen Freund und ich ruderte in meinem Leben mit den Armen. Ich wusste nicht, ob ich von einer Felswand in die Tiefe stürzen würde. Ich war wie ein Fisch ohne Kiemen, ein Mann unter Wasser, ein Atemloser. Orientierungslos, gewillt, zu überleben. Irgendwie.

Ich wusste, dass ich mich bewegen musste, um nicht zu erfrieren. Mein Körper war nicht weniger als zerschlagen, meine Seele ein Brei. Neu anfangen. Im Grunde erwartete ich nichts mehr als ein irgendwie Durchkommen. Nun mochte ich nicht untergehen, wollte mich dem Gegebenen nicht beugen. Mich nicht in Verzweiflung ergießen.

Eine Affäre tat sich auf, ein Rettungsanker irgendwo. Nach Sloterdijk wusste ich, dass es Steine ins Wasser zu werfen galt. Die ziehen Kreise. Sich ablenken, bewegen, nur nicht einfrieren. Es war kalt, es tat weh, es war ein Sturz.

Wir fuhren nach Levanto, ich wollte nur eines nicht: Schrammen auf den Seelen meiner Kinder. Egal. Und würde es meine Seele zerfetzen. Ich nahm alles, was mein Innerstes bot. Bündelte Kräfte, Energien. Nahm meine Eltern, meine Jugend und summierte, was da war. Fahrradführerschein, Übungsleiterlizenz, Lesungen, Nationaltheater, Festspiele Bach Lauchstädt. Das Tafelsilber.

Und dann. Viveka. Levanto 2012. „Möchtest du mit mir ausgehen?“

Ob ich mit ihr ausgehen wollte? Ob ich einen Abend fernab wollte? Ob ich einen Abend ohne Messer im Herzen wollte?

Ich habe mich in sie verliebt. Sie hatte mir Trost zum Tod meines Vaters geschenkt. Im einsamsten Augenblick meines Lebens. Sie hatte mir zum Geburtstag ein Buch und eine Zeile geschenkt: „Das Lächeln von den Lippen küssen“. Das war das Schönste, was mir lange geschehen war. Mein Wesen ist Sprache, Worte sind die Materie, aus der ich bestehe. Da ist keine Chemie, keine DNA, es sind Buchstaben, die sich fügen. Es ist ein einfaches System, das mathematisch Möglichkeiten schafft. 26 plus Umlaute. Es sind einfach nur Kombinationen, die mit Emotionen interagieren. Es ist das Faszinierendste, was Menschen tun können. Zum Mond fliegen, zum Mars, Maschinen bauen: Nichts geht darüber, wenn sich ein Herz in eine Seele ergießt und sich Worte finden, die das Schönste offenbaren.

Wir glauben manchmal, Wesen der Ratio zu sein, aber das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt gegenüber dem, was wir wirklich sein können. In der Tiefe des Fühlens, in den Ebenen des Reichtums der Menschlichkeit. Es ist eine Barbarei gegenüber dem, was möglich ist. Auch ich in Elysien.

Nun.

Wir schreiben das Jahr 2017. Viveka und ich werden im Sommer fünf Jahre lang ein Paar sein. Wir haben gestritten, gelitten und uns den Widrigkeiten des Lebens gestellt. Wir haben viele Freunde verloren und nur wenige geben auch nur einen Deut auf das, was wir sind.

Egal.

Es ist, am Ende, eine tiefe Liebe. Wir sind beide an einem Ostersonntag geboren. 1965 und 1967. Heute ist unser Tag und ich freue mich, hier zu sein. Bei ihr. Irgendwann, werden wir zusammenziehen können und es wird zusammenkommen, was zusammen gehört. Bis dahin werden wir die Stärke unserer Liebe in Wochenenden leben.

Eben haben wir Julia & Julie gesehen. Ich musste weinen. Frankreich, kochen, Leidenschaft, Liebe. Nächste Woche werde ich irgendwann 52 Jahre alt, nächstes Wochenende werde ich das erste Mal in meinem neuen Leben Geburtstag feiern. 52 Jahre.

Und es wird, unter anderem, Boeuf Bourguignon nach Julia Child geben.

Darauf freue ich mich. Freitag und Samstag in der Küche stehen. Die ersten Flaschen Wein sind gekauft, die Kochbücher gewälzt. Der Menüplan steht.

Es ist, als würde ich in einem neuem Leben neu geboren. Nach all den Jahren.

Friede, Freude, Osterfeuer

Ostern in Essen 2017.

Gestern Abend der Osterspaziergang. Rund um den Baldeneysee brennen die Osterfeuer. Oben auf der Höhe bei den Bauern, unten am See auf den Bootsplätzen der Segelclubs. Die Sonne scheint, es blüht, die jungen Blätter kommen, das zarte Grün. Der leuchtende Baum auf der anderen Seite des Ackers, der schmal auslaufende grüne Streifen.

Die Welt ist zauberhaft. Harmonisch, optimistisch schön. Im zarten Grün.

Und gleichzeitig ist sie es nicht. Die Friedensmärsche, so nötig wie lange nicht. Ihr seht Nachrichten, seid informiert. Keine Details an einem solchen Tag.

Meine Kinder sind in Portugal, Zoe kommt heute per Flieger zurück, Jim geht jetzt Richtung Tarifa, Gibraltar. Die Mittelmeerküste entlang zurück. Glaube ich. Wir werden sehen.

Frohe Ostern wünsche ich euch. Und ein Denken an das, was dieser Tag zu bedeuten hat. Öfter mal nachdenken und sich Zeit nehmen, das Sinnvolle zu empfinden und zu tun. So einfach ist das. Die Welt ist schön, wenn man schaut. Von oben. Wieso dieses Schöne nicht in voller Aufmerksamkeit leben und lieben? Wieso dieses unfassbare Glück als Mensch auf diesem Planeten leben zu dürfen nicht mit vollen Händen nehmen? Schwelgen im Gegebenen? Nennen wir es das Göttliche an diesem Tag. Nennen wir es den Geist der Welt. Nennen wir es das Lottoglück der Menschheit.

OSTERN 17

Wie ich
als Schwert
vom Himmel
fiel
war mir kurz
zum Kotzen

Den Beutel
fand ich nicht
tröstende Worte
die Stewardess

auf die Füße
Shit

Japaner
Chinesen
Arschlöcher
lächelnd

Whiskey
durchspülen

Könnte ich?

Drüberfliegen
Afghanistan
die Ukraine

So ist das

Granaten
Foltern
Marketing

Landen
Mietwagen
lächeln
Smiley
Herzchen

In Pink

aPRIL 2017

Das süße Gefühl Sehnsucht

Bilder, Texte, Musik. In der Summe Menschen. Die vielen und die Besonderen.

Sitze den ganzen Tag schon in der Küche. Es ist lustig. Gerade lebe ich allein in einem großen Haus. Oben habe ich eine Büroetage, aber ich arbeite an einem alten kleinen Holztisch neben der Espressomaschine. Coppis Küche. Peter Weiß. Ästhetik des Widerstands. Jim hat sich aus Nord-Spanien gemeldet, er erreicht heute Portugal. Geht über die Grenze. Hat gestern Nacht wieder in seinem Fiesta-Ford-Wohnmobil gepennt. Der Junge ist in seinem Geist, in seinen Möglichkeiten, in seinen Bedürfnissen so frei. Wenn es sein muss, schläft er auf dem nackten Boden und sagt am nächsten Morgen „war hart“, geht Frühstücken und der Sonne nach.

Zoe ist im Kindergarten. Praktikum. Kleine Jungen, die ihr den Kopf verdrehen. „Will auch Schafe sehen“. „Will auch raus.“ Diese Sprache der Kleinen in ihrer Reinheit und Schönheit und Ungefiltertheit. Wo verlieren wir eigentlich all diese uns innewohnende Schönheit und Menschlichkeit? Muss das so sein? Hart werden? Kratzig? Nun.

Heute der wöchentliche Wechsel. Von fest zu frei. Vom Angestellten zum Unternehmer. Aus dem sicheren Hafen ins Haifischbecken. Es sind die Übergänge, die Männer eigentlich nicht können. Ich liebe es, das zu managen. Mein Kopf ist ein hungriges Wesen, das Herausforderungen und Grenzüberschreitungen liebt. Weshalb eigentlich? Ja, seit Kurzem weiß ich es genau. Weil mein Sternbild Widder ist und mein Aszendent ebenfalls Widder. Was soll man da machen mit all der Energie und Power? Was ich bislang nicht verstehe bei all diesem Widdertum ist dieses Gefühl von Zartheit und Berührtheit. Noch ist da irgendwo ein Bug im System. Die Puzzleteile ergeben noch keinen Sonnenuntergang.

Zartheit, Feinfühligkeit. Mir fehlt Max. Zoe habe ich die letzten Tage gesehen, Max ist so weit weg. Tausende Kilometer. Was wäre das geworden, wenn er angefangen hätte zu studieren. Berlin, Moskau, Trinidad Tobago. Ui. Auf Spotify läuft ein neuer Liebling. Labi Siffre. Das Lustige ist, dass ich mittlerweile mit zwei Laptops hier agiere. Eines hängt an der Stereoanlage und speist die Boxen über Spotify. Wir haben jetzt ein Familienabo für 15 € im Monat. Musikalische Komplettversorgung. Herr Schönlau ist im digitalen Zeitalter gelandet. Montags bekomme ich meinen neuen Mix der Woche. Neues entdecken, noch nie habe ich Musik als so lebendig empfunden. Ich speise meine Listen. Heute höre ich Labi Siffre komplett durch. Und, der Hammer: Auf meinem zweiten Rechner, an dem ich gerade am Küchentisch schreibe, ist auch Spotify geöffnet. Höre ich aus dem Raum einen schönen Song, füge ich den hier meinen Favorites zu. Es sind so viele schöne Songs. Ich sage nur Gil Scott-Heron.

Draußen zieht die Sonne vorbei. Ich schaue aus der Küche über das Ofenzimmer nach Süden. Das Licht kommt also von rechts, Westen. Die Sonne neigt gerade ihr Haupt, um es in die Wälder des Horizonts zu legen. Heute Abend folgen die Sterne. Wenn ich in meinem indischen Bett liege, sehe ich das Winterbild ziehen. Der Orion neigt ebenfalls seinen Kopf und driftet schräg nach Westen, um Platz zu machen für den großen Wagen, der Viveka und mein Verliebtsein in diesem unvergesslichen italienischen Sommer 2012 begleitet hat. Die Nächte am Meer, der Vollmond, die peitschenden Wellen im warmen Wind. Bis morgens im T-Shirt, unendlich glücklich und verliebt. Ich frage mich, wie viele Geschenke ein Mensch in seinem Leben erwarten darf?

Das Foto oben ist im letzten Jahr entstanden. Jim und ich waren gerade aus London zurückgekommen. Unser Auto stand in Köln-Mülheim und wir hatten beide kollektiv vergessen, die S-Bahn rechtzeitig zu verlassen. So waren wir in Holweide gelandet und haben uns dem Warten hingegeben. Max kann das gut. Ich mache lieber irgendetwas. Also habe ich ihn fotografiert. So treffen und ergänzen sich die Eigenschaften, Talente und Zustände.

Was hat es zu bedeuten, dass in meinen Bildern immer wieder diese Linien und Horizonte auftauchen? Je älter man wird, desto mehr man macht, desto mehr Fragen entstehen und gleichzeitig wird die Beantwortung immer unwichtiger, weil die Zeit endlich wird und es irgendwann auch keinen Sinn mehr macht, alldem nachzugehen.

So. Feierabend. Morgen ist auch noch ein Tag. Und Herr Cooper wünscht sich ein wenig Aufmerksamkeit. Ach. Das ist alles so aufregend. Leben, oder?

Die süßesten Früchte des Lebens

Liegen am Wegesrand. Oder man kauft sie grün und gibt ihnen die Zeit, die sie brauchen. Ich kenne mich aus. Nach dem Umzug ins Steigerhaus praktiziere ich ein neues Wirtschaften. Es ist nicht ganz einfach, einzukaufen und zu haushalten, weil ich nie genau weiß, wer hier ist und wer nicht. Zoe pendelt. Mama, Papa. Sie hat einen hohen Früchtebedarf, weil sie Vegetarierin ist, parallel zur Schule eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin durchläuft und gerade ihre Jahresarbeit über Ernährung schreibt. Ernährung multi perfetto. Auch, wenn sie hier gerade beim Sonnenbrillen-Holen Apfelkuchen stibitzt hat. Eine gewisse Menschlichkeit ist dann ja auch sympathisch.

Jim liebt Pizza. TK. Salami.

Nun, ich, irgendwo dazwischen. Morgens bereite ich mir mit Zoes Blender einen Smoothie. Die Vitamine haben mich gut durch den Winter getragen. Apfel, Orange, Banane, drauf drücken und Sums. Fertig. Lecker.

Da ich hier nun also alleine wirtschafte, kann ich tun und lassen was ich will. Ich glaube, das macht mich im ersten Schritt kauzig. So ein klein wenig. Ich weiß nicht, welche Entwicklungsschritte in meinem neuen Leben noch folgen. Ist ja neu. Tatsächlich mache ich so Sachen. Manchmal bin ich mir dabei selbst ein wenig fremd. Das kommt dabei raus, wenn man Dinge ändert. Nun, wir wollen ja auch nicht langweilig werden und einschlafen. Bewegung tut gut, heißt es, nöö?

Eine dieser Macken ist das Aufbewahren von Obst in Kisten. Auf meinen Olivenöl-Kanistern, 10 Liter kretisches Olivenöl vom Händler meines absoluten Vertrauens vom Essener Uni-Flohmarkt, stapeln sich kleine Holzkisten mit Äpfeln und Orangen. Ist ein klein wenig so, als wären es diese sündhaft teuren HABA-Kinder-Kaufladen-Holzkisten. Mir gibt das so etwas von Ursprünglichkeit. Tatsächlich, ich neige dazu, mir mein Leben in eigenen Geschichten ein wenig phantasiemäßig auszumalen und aufzuschönen (pimp your life), ist es für mich so, als würde ich in einem Landhaus wohnen. Eigene Obstbäume, Ernte im Herbst, einkellern, aufbewahren, über den Winter verzehren. Ist natürlich ein wenig Selbstbetrug (zumindest Landhaus stimmt), weil die Früchte vom Markendisounter stammen, aber es wirkt. So what?

Sieht schön aus, fühlt sich gut an, ist praktisch, macht Spaß. Olala. Yep.

Zudem habe ich den Garten bestellt. Also das Kräuterbeet. Den Bärlauch, den Liebstöckel, Majoran und Oregano habe ich mitgekauft. War beim Haus dabei, versteckt in der Erde. Die kamen einfach kürzlich raus. Überraschung. Petersilie, Salbei, Schnittlauch habe ich eingepflanzt. Und einiges wird noch kommen. Zudem haben Viveka und ich zwei Bäume gepflanzt. Ich sage mal pathetisch: Als Zeichen unserer Liebe und der Hoffnung, dass wir in spätestens zwei Jahren zusammen leben. Nicht nur am Wochenende. Immer. Gemeinsam sehen, wie die Bäume blühen. Gemeinsam die ersten Früchte ernten. Äpfel, Pflaumen.

Ach. Ihr Lieben. Ist Leben nicht schön und aufregend? Manchmal kann ich all das gar nicht fassen. Es sind Geschenke an allen Ecken, Freundlichkeiten des Schicksals, streichelnde Hände des Himmels. Ein Verwöhnen und gut Meinen.

Das Leben unter dieser Sonne ist einfach verrückt und ich bin froh, dabei zu sein. Den Blick richten. Den Kopf ordnen. Unterscheiden. Auswählen. Verneinen. Bejahen. Ausweichen. Standhalten. Einmal mit den Fingerspitzen durch das eigene Gesicht fahren. Bei geschlossenen Augen. Über die Stirn, die Nasenflügel, die Wangen, die Lippen, die Augenlider. So zart sind wir, so empfindsam, so offen für Fühlen. Das Leben ist intensiv und das ist ein Geschenk. Die Sinne, die Gefühle fluten. Hach.

All in progress

Habe ich mich gefreut, diesen Text von Juan Pablo Villalobos zu lesen. Er hat eine Sehnsucht in mir erfüllt. Adäquat schreiben, angemessen reagieren, antworten auf die Dinge. Wie schlau, wie erholsam.

Wir bauen diese Mauer und wir zahlen dafür. Wir bauen sie so, wie wir sie bauen. Mit allem, was sie braucht. Türen, Risse, Marihuana.

So schön. Mit Leichtigkeit reagieren, das Tumbe austanzen. Torro. Leicht bleiben, tänzeln, lächeln.

Nun.

Gestern Abend ist mir eine SD-Card in die Hände gefallen. Mit Jim in London. Juni 2016. Letztes Jahr war keine Zeit, all die Eindrücke zu verarbeiten. Oder ihnen gerecht zu werden. Nun habe ich mir die Fotos in Ruhe angesehen.

Tate Modern. Nicht die Kunst im Vordergrund. Die Arbeiter, die mit ihren Steigern und Hubwagen die Turbinenhalle für eine neue Ausstellung vorbereiten. Auf dem Steiger steht Height for hire. Höhe zu mieten.

Wenn nur einige Höhe mieten würden. Wenn nur einige hellere Sterne am Himmel wären. Wenn. Fällt aktuell aus wegen Ist-Nicht.

Das Haus voller Kunst und ich schaue den Arbeitern zu. Bewege mich am Fenster lang. Unten, neben den Arbeitern und den Geräten ein kleiner gelber Kasten mit Kabeln. Wie ein kleines zurückgelassenes Tier in der Prärie.

Ich gehe weiter und komme zu dem Raum, in dem die Reste einer Ausstellung stehen. Zitate auf Schildern, wie sie auf Demonstrationen getragen werden. In die Ecke geräumt. Da stehen, zusammengepfercht, Pablo Picasso und Ai Weiwei vor und hintereinander in einen Putzraum gepfercht. Wert und Wichtigkeit. In einem Moment der Star, im anderen Moment nur noch ein Schild.“What do you think an Artist is?“ Ein Zeitphänomen? Ein Ausstellungsphänomen? Torquato Tasso, der Narr der Zeit? Der Zeitvertreib?

Wert und Wichtigkeit. Die Dinge, die zählen. Im Großen, im Kleinen.

Jim ist in der Bretagne angekommen, in St. Pierre Quiberon. In der Straße, wo unser kleines Haus war. Die beiden so klein, Vorsaison, Markt, Café Creme im Hotel de la Plage. Mit Jim und dem Fahrrad auf die Belle Ile. Mit der Fähre, Fisch essen in diesem kleinen Restaurant am Hafen in Sauzon.

15 Jahre später. London. Tate modern. Große Augen, tiefe Eindrücke.

Wir werden die Mauern bauen. Grins. Hey, Juan Pablo, ich werde sie mit dir bauen. Aus Luftschlössern, Duftbäumen, Klopapier, Hirngespinsten und Reiswaffeln.

Es wird Zeit, mit dem Ernst nehmen aufzuhören.

Wozu?

Publikum sein? Buhrufer?

Die Welt ist zu schön, die Zeit zu kurz. Man muss die Plage im Kopf los werden.

Jim-FX is on the road

Heute mal kein Foto. Hab keins.

Jim-FX, Max. Heute hat er sich ins Auto gesetzt und ist losgefahren. Alle anderen sind weit in der Welt. Er hat sich das Auto geschnappt und fährt zwei Monate Europas Küste entlang. Keine Ahnung, wo er startet. Letzte Nacht haben wir die Rückbank aus dem Fiesta montiert. Irgendwann mitten in der Nacht. Mit Schraubenzieher und Google: Fiesta Rücksitz ausbauen. Hat geklappt mit schwerem Gerät.

Heute dann. Sommerreifen aufgezogen. Letzte Checks.

Jetzt ist er weg, mein Mitbewohner. Zoe ist gerade auch nicht da. Praktikum. Viveka in Essen. Herr Cooper, die treue Seele. Yep.

In letzter Zeit passiert so viel. Manchmal bleibt nur, sich vor dem Leben zu verneigen und zu sehen, wie klein man in diesem Lauf des Geschehens ist.

Morgen kommt ein Kunde. Wir arbeiten an einem Buch.

Also habe ich heute die Bude geputzt. Reste des Umzugs beseitigt. Normalität herstellen. Diesen Anschein.

Max pennt jetzt irgendwo am Meer. Ich freue mich für ihn. Das ist eine bedeutende Reise. Zwei Monate hat er sich genommen, um Europa zu erkunden. Das empfinde ich als außerordentlich. Gerade jetzt.

Dann kommt er zurück und wir werden in einer Agentur arbeiten. Zusammen zur Arbeit fahren. Gerade sind die Zeiten überwältigend und ich freue mich, dass die wichtigen Dinge jenseits von Amiland und Istanbul stattfinden.

Gute Nacht, schlaft schön. Träumt süß.