Die Sprache, so frei wie der Wind

Wir leben in einem Kulturkreis, der es gerne ordentlich hat. Das ist meistens eine sehr angenehme Sache, weil vieles gut geregelt ist und vergleichsweise hervorragend funktioniert. Mal mehr, mal weniger. Es gibt Regelungen und Mechanismen, die greifen. Fällt Schnee, kommt morgens der von der Gemeinde geschickte Traktor und räumt den Schulhof vor unserer Haustür. Brennt es, fährt die Feuerwehr raus. Habe ich auf der Autobahn eine Panne, ist irgendwann der ADAC da. Regelungen. Fast alles ist geregelt, geordnet. Teils auch genormt und zertifiziert. Was auch nicht schlecht ist – zum Beispiel wenn es um Qualitätsmechanismen oder Umweltschutz in Unternehmen geht. Da haben sich Menschen zusammengesetzt und überlegt, formuliert, entschieden, was gut ist.

Nun stelle ich häufig fest, dass es in unserem Land den Wunsch gibt, auch Sprache möglichst fest in ein Regelungsschema zu pressen. Wir alle wurden in der Schule nach Duden ausgebildet. Der ist für das Schuldeutsch und das Deutsch der öffentlichen Hand die vorgebende Institution. Im Berufsalltag nun geschieht es immer wieder, dass Kunden zu mir kommen „Mein Deutschlehrer aber hat früher gesagt…“ Da spüre ich dann den Wunsch nach richtig und falsch, nach oben und unten.

Dabei wird oft vergessen, dass die Sprache ein lebendiges Tier ist. Ein Feuerdrachen, ein sanftes Einhorn, eine Raubkatze, ein schnoddriger Pinguin. Sprache ist ein lebendiger Organismus, der sich den Prinzipien der Evolution unterwirft. Es gibt ökologische Nischen, es gibt Entwicklungstendenzen und es gibt „strike for the fittest“. Der Stärkere überlebt. Der stärkere Begriff, die stärkere Redewendung. Die Sprachwissenschaftler der Duden-Redaktion schauen dem Volk ständig aufs Maul und schreiben mit. Was gestern noch falsch war, steht morgen im Duden. Was hätte da der Herr Gymnasiallehrer von 1978 gesagt? Der würde sich gar nicht mehr auskennen, was da plötzlich alles so geht, was Alter? Korrekt.

Eine große Sprachmacht haben die Anglizismen. Ein Horror für mich. Weil ich sie nicht mag? Nein, bewahre. Ich liebe Anglizismen, weil sie vielfach Dinge viel inhaltlicher und emotionaler ausdrücken können, als es die entsprechenden deutschen Wörter vermögen. Ich suche noch nach einem Adäquat für Marketing, das ähnlich kurz, prägnant, klingend und umfassend ist. Mountainbike. Cool. Weshalb dann ein Horror? Ich verwandle gerade zum Beispiel eine neuseeländische Kampagne in eine deutsche Kampagne. Das ist die Übertragung von ziemlich sexy in geduldig. Der Klang, das Pointierte, die Leichtigkeit – haben wir so nicht (unsere Sprache hat andere Qualitäten, cool ist sie nicht). Und da gibt es doch tatsächlich Menschen hier im Land, die die deutsche Sprache retten wollen, als könnte man das verordnen. Als würde Sprache nicht in der Luft liegen.

Und vor allem: Als wäre Sprache nicht eines der größten Zeichen für die Freiheit des Menschen! Der Duden ist im allgemeinen Leben nicht verpflichtend. Wir dürfen sprechen und schreiben, wie und was wir wollen. Wie uns der Schnabel gewachsen ist. Weshalb ich das hier schreibe? Weil ich es schade finde, wenn Menschen sich durch äußere Zwänge wie Orthografie und Ausdruck (das A! aus Aufsätzen) von ihrer eigenen Sprache entfernen und entfremden. Selbstverständlich ist es wichtig, so kommunizieren zu können, dass tatsächlich Kommunikation entsteht. Aber. Aber. Die Regulation der Sprache soll nicht den Mut nehmen, zu schreiben. Schreibängste entstehen lassen. Schreibblockaden. Es ist so schade, wenn die eigene Sprache nicht fließt. Wenn sie wie ein trocken gelegter Brunnen versiegt. Freude am schreiben!

Mit diesem Artikel möchte ich auffordern, vielleicht wachrütteln. Schreibt. Spielt mit Sprache. Probiert aus. Wenn ihr Lust dazu habt. Schreibt vielleicht mal ein Gedicht, bloggt, twittert, artikuliert euch, öffnet euch für neue Wörter, kombiniert sie, trickst, bastelt. Und: Entdeckt eure Sprache, baut sie vielleicht aus, wenn ihr sie schon gefunden habt. Werft Barrieren und Blockaden über Bord, sofern sie bestehen und lasst euch von niemandem sagen, wie eure Sprache auszusehen hat. Kickt das A! weg, seid frei, frei, frei. Nutzt Anglizismen, wenn ihr wollt oder verdammt sie, wenn ihr sie nicht mögt.

Die Sprache ist ein wertvolles Gut. Sprechen ist denken. Viele Dinge können wir nur denken, wenn wir die passenden Wörter haben. Wer sich Wörter nehmen lässt, lässt sich das Denken einschränken. Wer will das schon. Sprache ist wichtiger, als viele vielleicht glauben.

Vielleicht entdeckt ihr heute ja neue Wörter. Oder schöne alte. Hört mal hin.

Grippe-Virus-Massaker!

Gut, das ein Blog eine infektionsfreie Zone ist. Denn: Es hat mich erwischt. Reitet ohne mich weiter! Lasst mich zurück, schaut nach vorne, rettet euch selbst! Sonntag kam die leichte Übelkeit, gestern im Laufe des Tages ein berühmtes Kratzen im Hals und eine Bakterienexplosion in meiner Nase. Alle Versuche, mich dem entgegen zu stemmen haben versagt. Mein Ego musste die Meldung absetzen, auch wenn es sich sträubte und lieber drum herum formuliert hätte: Ich bin krank. Ein klein wenig.

Um den Grippefanten in mir die Stirn zu bieten, habe ich den Fehdehandschuh aufgenommen, das Visier runtergeklappt und habe auf den Laserstrahl-Angriffsmodus geschaltet. Wenn ihr mich kriegen wollt, dann nur zu einem sehr hohen Preis. Nicht mit mir, liebe Grippefanten. Meine mörderischen Waffen: Ein Marmeladenglas gefüllt mit Sole, ein Glas und eine Glas-Nasendusche. In dem Marmeladenglas liegt ein Stück Himalayasalz, dass das umgebende Wasser sättigt. Dieses Sole genannte Lösung schütte ich in ein Glas und verdünne sie mit Leitungswasser. Nehme einen kräftigen Schluck, schiebe den Kopf in den Nacken und gurgele. Ziemlich eklig, aber wirkungsvoll. Die Grippefanten explodieren. Das Salz entzieht ihnen die Feuchtigkeit. Konzentrationsausgleich, Osmose (Osmose ist Diffusion durch eine semipermeable Membran). Massaker.

Einige können sich retten, ich stürme hinterher. Verschanzt hinter Nasescheidenwänden bringen sie meine Nase zum Laufen. Im Sinne der Genfer Konvention verzichte ich auf Chemiewaffen:) Ich wähle die natürliche Ultrawaffe. Nicht schön, aber das hier ist ja kein Kindergeburtstag. Unsere Glas-Nasendusche fülle ich mit Sole und lauwarmem Wasser. Führe sie in die Nase, das dicke Ende loggt sich dicht ein. Ich neige den Kopf nach hinten und flute das System. Die ganze Kraft des Himalayas strömt in mein Inneres. Gemetzel, Gemorde. Grippefanten gegen Salzpartikel. Kein schöner Anblick.

Nun denn. Die Nacht verbringe ich ruhig, die Nase läuft nicht. Schläft genauso wie ich. Ein Etappensieg. Heute Morgen bin ich noch leicht benebelt, habe aber kein Fieber. Mal sehen, was wird. Jetzt wartet Arbeit. Och nö…

Euch wünsche ich, dass ihr verschont bleibt.

Das Mysterium der Weiblichkeit:)

Am 15. Januar 2010 schrieb ich das Gedicht Kirschblütenblättersehnsucht. Gestern erinnerte ich mich daran, weil Wetter und allgemeine Stimmung im Augenblick ähnlich sind. Es gibt ja so etwas wie ein Körpergedächtnis. Der Körper merkt sich Dinge unbewusst. Treten sie wieder auf, reagiert er. Als Ela mit Zoe schwanger war, hörte sie oft Musik von David Darling. In einem grauen Herbst. Oft war ihr übel. Im darauf folgenden Jahr, Zoe war längst geboren, wurde ihr im Herbst immer übel, wenn sie David Darling hörte. Pawlow. Manchmal sind wir einfach konditionierte Hunde. Wuff. Ich hatte immer schon das Gefühl, dass Cooper und ich mental gar nicht so weit auseinander liegen.

In diese neblige, trübe, inaktive Stimmung mit ein wenig Hoffen auf die Kirschblütenblätter im Frühling, platzten nun gestern zwei durchgeknallte Elfjährige rein und brachten hier alles ziemlich auf Trab. Zoe hatte eine Freundin zu Besuch, die über Nacht blieb. Ich habe mit den beiden die Hausaufgaben gemacht. Bruchrechnen. Giggel. Herrje. Kürzen von Brüchen. Gemeinsame Teiler suchen. Durch welche Zahl lassen sich 30 und 96 teilen? Zoe ist im Rechnen ziemlich fix (eigentlich macht sie alles mit Vollgas), ihre Freundin tat mir ein wenig leid. 60 durch 2? Puh. Wir haben dann einen kleinen Trick angewendet, der hervorragend funktionierte. Merkwürdig. Ich fragte sie: Wenn da 60 Euro liegen und ihr seid zwei Kinder, wie viel Geld bekommst du dann? Die Antwort kam wie aus der Pistole. 30 €. Das bloße Anhängen der Währung führte zu einem Turbo-Rechenschub und wir waren ziemlich schnell durch. Ich hatte mich auf einen langen Bruchrechnen-Nachmittag eingestellt und war ziemlich froh. Zumal es mir irgendwie nicht gut ging. Eine leichte Übelkeit. Heute ist alles wieder gut.

Nach den Hausaufgaben kümmerte ich mich um den Haushalt. Das Feuer, die Spülmaschine, Wäsche aufhängen. Zwischendurch hörte ich hinter verschlossenen Türen bei den Mädchen Musik, Lachen, Giggeln. Parallel versuchte Jim, sein Spracherkennungsprogramm auf dem Laptop einzurichten. Er hofft, dass er seine Hausarbeiten zukünftig rein sprechen kann, damit er nicht mehr tippen muss. Wäre vielleicht auch was für mich… Also auf der einen Seite Gekicher, auf der anderen Seite Jim, der die ganze Zeit Sätze wiederholen musste. Irgendwie wollte das Programm sich scheinbar nicht an seine Stimme gewöhnen. Ich hörte pausenlos „Markieren, löschen“. Am Abend hab ich ihn gefragt, ob er mir das System mal vorführt. Hat er gemacht. Ich denke, da ist noch einiges zu verbessern. Irgendwie verstand der ständig „Al Gore“. Ein Zeichen? Will uns der Rechner etwas sagen? Ist es eine künstliche Intelligenz wie in „Per Anhalter durch die Galaxis“, wo der Zentralrechner die Frage nach dem Sinn des Lebens mit „42“ beantwortet?

Ich war ziemlich froh, als ich aus dem Gekreische-Irrenhaus am Abend raus kam. Fußballtraining. Dazu musste ich jedoch erst in mein Büro, um meinen Schlüssel zu holen. Dahin hatten sich die beiden Freundinnen zurückgezogen, um kreuz und quer durch das Klassengeschehen zu telefonieren. „Oh Papa, raus jetzt. Wir müssen telefonieren.“ Als ich zurück kam, lagen so vollgekritzelte Post-it-Zettel auf dem Schreibtisch, die sie sich während des Telefonierens geschrieben haben. Zweite Ebene, Heimlichkeiten im Hintergrund. Verstehe einer das weibliche Geschlecht! Ich habe die Zettel unauffällig verschwinden lassen (nachdem ich sie gelesen habe – rein aus Forschungszwecken, um irgendwie hinter das Mysterium der Weiblichkeit zu kommen, was mir nicht gelungen ist. Ich sage nur: 42).

Heute Morgen hatte ich noch das Vergnügen, die gesamte Mannschaft irgendwie zu versorgen und irgendwie im Rahmen des vorgegebenen Zeitfensters zum Bus zu bekommen. Wie lange brauchen Elfjährige eigentlich im Bad? Ich musste intervenieren, weil Busfahrer nun einmal keine Rücksicht auf ausufernde Badgespräche nehmen. Wie viel kann man sich eigentlich erzählen? Jim musste sich dann die Zähne im Eilverfahren schrubben. Wir kamen gerade noch rechtzeitig und als sich die Bustüren mit einem saftigen Druckluftgeräusch schlossen, war ich irgendwie erleichtert. Und tschüss. Puh.

Ich wünsche euch einen schönen Tag und gebe euch das oben genannte Gedicht mit auf den Weg:

Kirschblütenblättersehnsucht

noch
wirft der schmelzende Schnee
mir kalten Nebel in den Kragen

wann
wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht
küss mich

leg deine Hand in meine
die Katzenpfoteninnenseiten
ineinander
aufgelöst eins

nicht wartensehnen
nicht tränentropfen

alles

januar 2010

Den Gasdrehgriff auf 390 ppm Vollgas!

Der Sonntagnachmittag ist nebelig. Jim kümmert sich um Mme. Curie, Zoe ist zum Eislaufen, Ela beim InDesign-Kurs und ich hüte Hund und Feuer. Eine gute Gelegenheit, ein aufgeschlagenes Kapitel weiter zu führen: world ocean review.

Die ersten 53 Seiten liegen hinter mir, die Kapitel 01 und 02 – beziehungsweise „Die Weltmeere, Motor des globalen Klimas“ und „Wie der Klimawandel die Chemie der Meere verändert“. Puh. Bei dem vorliegenden Text, für eine allgemeine Leserschaft von der mare-Redaktion ins Verständliche übersetzt, raucht mir der Kopf. Keine leichte Kost. Kein mal eben so wegschlabbern. Fleißarbeit. Herrje, Sonntagnachmittag. Masochist.

Beim Lesen sind mir zwei Dinge aufgefallen. Ein Zahlenwert und ein grammatikalisches Phänomen. Der Zahlenwert lautet 390 ppm, das grammatikalische Phänomen Konjunktiv. Fakten, Wissen, vermeintliches Wissen, Annahmen.

Was wir wissen: In der Erdatmosphäre herrscht mittlerweile eine CO2-Konzentration von 390 ppm. Bis zum Beginn der industriellen Revolution, ich würde sagen ab 1870, lag dieser Wert über hunderttausende Jahre immer unter 300 ppm. Wikipedia hat hier ein schönes Diagramm.

Dieses in der Atmosphäre angesammelte CO2 legt sich wie eine Glasscheibe, eine Glaskugel um unseren Planeten. Sonnenstrahlen fallen herein und lassen die Temperaturen steigen – wie in einem Auto, das mit geschlossenen Fenstern in der prallen Sonne steht. Je höher dieser CO2-Pegel steigt, desto dicker, isolierender wird die Hülle. Desto heißer wird es im Auto. Stellt euch vor, ihr sitzt an einem Sommertag in einem Wintergarten ohne Sonnenschutz. Und statt für Schatten zu sorgen, wird das Glas verstärkt, damit weniger Hitze raus kann. Das ist der vom Treibhausgas CO2 bewirkte Treibhauseffekt. Dieser Effekt sorgt seit geraumer Zeit für steigende Temperaturen auf der Erde. Das ist Fakt. Auch wenn viele Menschen immer noch behaupten, „solche Wärmeperioden hat es immer schon gegeben.“ Bullshit. Behalten wir diese Information bitte im Hinterkopf.

Und kommen zurück zum world ocean review. Zu Kapitel 01 und 02. Hier haben nun die Wissenschaftler/innen des Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“ sich damit beschäftigt, welche Rolle das Meer im Rahmen des globalen Klimawandels spielt. Was passiert, wenn die Temperaturen steigen. Nun wird es sehr kompliziert, weil alles mit allem im Zusammenhang steht. Es geht um Meeresströmungen, darum, dass das Meer CO2 und Wärme aufnimmt. Darum, dass sich letztlich alles irgendwie verändert. Das Meer wird wärmer, saurer, höher und setzt eventuell sehr, sehr viel Methan frei, was den Treibhauseffekt verstärken könnte.

Konjunktiv. „Könnte“, „eventuell“. Diese Begriffe tauchen sehr, sehr häufig auf. Wenn A, dann eventuell B, falls C und D und E und F und… Die Wissenschaftler/innen sagen: Wir müssen weiter untersuchen, mehr forschen, mehr wissen, um wirklich definitiv etwas sagen zu können. Geduld.

Gut. Sie können eben nur sagen, was sie wissen. Sie wissen eben nicht, was aus den aktuellen Ergebnissen letztendlich folgt. Wenn das Meer CO2 in riesigen Mengen aufnimmt, dadurch Kohlensäure entsteht und das Meerwasser saurer wird, könnte das negativ für viele Meeresbewohner sein. Wenn der Sauerstoffgehalt abnimmt, was aktuelle Messungen nahe legen, könnten sich „Todeszonen“ ausbreiten (was schon geschehen ist). Wenn die Wassertemperaturen steigen, könnte sich Methan vom Meeresboden lösen und als klimaschädliches Gas den Treibhauseffekt anheizen. Es könnten sich Meeresströmungen ändern, die das Klima verändern. Könnte. Die Empfehlungen lauten: Wir sollten weniger CO2 emittieren, damit die eventuellen Folgen nicht eintreten.

Wie verschiedene, vom steigenden CO2-Austoß profitierende Gruppen mit entsprechender Lobby auf solche Eventualitäten reagieren, können wir uns denken: „Ja, es könnte passieren, muss aber nicht.“ Also forscht weiter und wenn wir mehr wissen, handeln wir. Das Wirrwarr der Klimakonferenzen. Türen auf, Türen zu, kungeln, verschleiern, uminterpretieren, Kompromisse runterkochen. „Alles halb so wild. Politik der ruhigen Hand, abwarten.“

In der Zwischenzeit wird aus 390 ppm die Zahl 540 ppm. In der Prognose über die kommenden Jahrzehnte. Mehr Menschen, mehr Autos, mehr Industrialisierung, mehr landwirtschaftliche Flächen, mehr Urwaldabholzung. Mehr, mehr, mehr.

Fazit, Conclusio: Wir befinden uns in einem riesigen Experiment. Das Meer befindet sich in einem Reagenzglas, unter das ein Bunsenbrenner gehalten wird. Rund um dieses Reagenzglas stehen viele Menschen und schauen, was passiert. Ui, ui. So, wenn wir den Drehschalter auf 400 ppm drehen, dann passiert noch mehr im Meer. Schaut mal, da vorne schmilzt das Eis weg und deshalb steigt der Pegel. Hey, da kommt jetzt aber was durcheinander. Ah und das Meer gibt ohne Eis mehr Wärmeenergie an die Atmosphäre ab. Nicht gut. Das heizt wieder das Meer auf. Jetzt löst sich Methan am Meeresgrund, weil es zu warm wird. Ups, das steigt nach oben in die Atmosphäre. Ja, genau. Es gesellt sich zum CO2. Die Schicht wird dicker. Mist. Jetzt sind wir bei 410ppm. Dort sieht es an der Küste gar nicht gut aus, da packen welche ihre Sachen. Schaut mal dort…“

Wir alle sitzen mittendrin in einem riesigen Experiment mit ungewissem Ausgang (obwohl wir natürlich sehr genau wissen: Besser wird es nicht!). Während wir Teil dieses Experiments sind, drehen wir den Bunsenbrenner höher. Beim Autofahren, mit dem Aufdrehen des Heizthermostates, dem Einschalten des Föns, dem Kochen unseres Mittagessens, dem Schreiben dieser Zeilen hier, der weltweiten Produktion von Schnick und Schnack. Alles CO2 Emissionen. Alles kleine Drehbewegungen am großen Drehgriff des Experimentes. Wir zocken. Spielen Roulette. Ein wenig russisches Roulette. So dramatisch ist es nicht? Ich sage mal: Je schneller man mit einem Motorrad fährt, desto größer das Risiko. Je höher die CO2 ppm in der Atmosphäre, desto schneller sind wir unterwegs. Natürlich ohne Helm und doppelten Boden.

Lasst uns das Experiment abbrechen. Lasst uns Dampf rausnehmen. Lasst und auf radikale CO2 Einsparung setzen. Wir brauchen ein Umdenken. Einen gesellschaftlichen Willen, ein politisches Mandat. Die Forschung kann nur sagen: So sieht es jetzt aus, daraus könnte das werden. Die Forschung ist nicht die Feuerwehr. Die Wissenschaftler/innen stehen am brennenden Haus und sagen: Wenn das Feuer vom Dachstuhl auf die darunter liegende Etage überspringt, bricht alles zusammen. Wenn. Löschen müssen andere. Am besten alle zusammen, damit die Sache nicht zu heiß wird. Dabei ist es dem CO2 egal, von wem und von wo es emittiert wird. Rechts, links, rot, schwarz, grün, kunterbunt, oben, unten, arm, reich. Egal. Ganz egal.

Prall, sinnlich, verführerisch!

Hier das Video zum Unglück von n-tv: http://www.n-tv.de/panorama/Gegend-um-Cinque-Terre-zerstoert-article4623376.html

Ja. Lasziv, verführerisch, erotisch. So ist dieses Italien. In allem. Die Menschen, das Meer, das Essen. Die Sonne macht alles prall. Wachstumskräfte, unbändig. Als Goethe italienischen Boden betrat auf seiner verschwenderisch teuren Reise (er gab sein Geld aus, dass er mit dem Werther in Massen verdient hatte) sagte er schlicht: Auch ich in Italien. Äh: Auch ich in Arkadien. Oder: Im gelobten Land, im Paradies, in der Renaissance. Er hatte sich fortgeschlichen in jenem September. Im Morgengrauen aus Weimar. Und so werden wir es in diesem Sommer auch machen. Fortschleichen, aufbrechen, die Alpen passieren, die Wetterscheide. Oft erlebt: Hier bis in die Schweiz regnet es in Strömen, hinter dem Gotthard geht die Sonne auf. In allem.

Gestern hat Ela gebucht. Tschakka. Yep. Unseren geliebten Campingplatz in Levanto. Aqua Dolce. Süßwasser. Er könnte aber auch Dolce Vita heißen. Denn das ist es, was wir dort suchen und finden. An der ligurischen Küste, direkt neben den Cinque Terre. Das Foto oben zeigt Vernazza. Fünf Orte. Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola, Riomaggiore (wir merken uns die Reihenfolge mit dem Satz: Mein Vogel Cherie muss reiern – ein running Gag). Vernazza ist in den Jahren unser Lieblingsort geworden. Dort gibt es auf dem Marktplatz das Restaurant Gianni, das auch Zimmer vermietet. Zu meinem 40. Geburtstag waren Ela und ich dort – ohne Kinder. Den ganzen Tag ist bei Gianni Betriebsamkeit. Die Kellner leben dort. Mal sind sie in der Küche, mal hinter der Theke. Drinnen kann man in die Küche sehen. Es wird ab morgens gekocht. Dort sitzen, einen Cappuccino trinken und einfach nur hin riechen, das reicht schon. Das ist schon ein guter Tag in diesem Land, in dem es so viel Gutes gibt. So viel Freude, so viel Leben. Hach.

Zur Feier des Tages gibt es bei uns heute Früh auch Dolce Vita. Ela und ich lassen Meditieren und Yoga ausfallen. Stattdessen: Fette Schokocroissant und Cappuccino. Ela hat eine aufregende, arbeitsreiche Woche hinter sich und macht heute blau, weil sie am Wochenende auch noch einen Fortbildungskurs in InDesign in Köln besucht. Ich werde dann hier den Fahrer geben, weil Jim und Zoe gefühlte zwei Millionen Mal verabredet sind. Nun aber Frühstück mit Ela. In Gedanken bei Gianni oder noch besser: In Levanto in der Piper-Bar. Vorne am Meer, wo abends beim Apero die Sonne langsam hinter dem Fels am rechten Ende der Bucht verschwindet. Eine Bar auf Holzpfählen, die über dem Meer thront. Über dem Meer, dass so warm ist, dass man stundenlang drin bleiben kann. Dass so klar ist, dass die Taucherbrille den Blick in die Weite schweifen lässt. Dieser Nachmittag, als Jim und ich mit dem Kajak in dieser einsamen Bucht waren. Tauchen. Das Meer türkis, unter Wasser hell leuchtende Steine. Einen habe ich mitgenommen, als ewige Erinnerung. Der strahlt jetzt noch.

Heute wünsche ich euch einen süßen Tag. Sündigt. Gebt euch hin. Lasst euch gehen:)