Blick von der Piper Bar auf Lampedusa.

Ich erlaube mir, das Thema Italien noch ein wenig weiter auszuführen. Vielleicht nenne ich das jetzt einfach Italienwoche im fiftyfiftyblog. Egal. Ich schreibe einfach. Über einen Abend in der Piper Bar. Wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Die Kinder waren alleine unterwegs, Ela und ich hatten uns an der Küste eine kleine nette Bucht gesucht. Hatten gelesen. Mein Buch: Maarten ‚t Hart, Der Schneeflockenbaum. Wieder sehr, sehr schön zu lesen. Diese Niederländer, was dieses kleine Land an guter Literatur hervorbringt. Europa.

Ich ging allein in die Piper Bar, um den Sonnenuntergang zu sehen. Aperozeit vor dem Essen. Ist die Sonne untergegangen, leert sich die Bar im Handumdrehen. Vorher: Italienisches Leben. Alle haben ein Birra Media oder ein Spritz, das Modegetränk der Saison. Oder der letzten Saison? Kein Ahnung. Auf jeden Fall ist das Aperol mit Prosecco und einem Spritzer Soda sowie einer Orangenscheibe und Eiswürfeln. Und es gibt Snacks. Oliven, Pizzastücke, Chips. Ich ergatterte einen Tisch in der ersten Reihe und hatte mir Die Zeit mitgenommen, weil ich Lust auf Input hatte. Vorher hatte ich mich mental gewappnet, dass mich dieses erneute Aufbranden der Finanzkrise mit Börsendesaster und so weiter nicht anficht. Also saß ich da, las unter anderem einen Artikel über die Festung Europa, trank Spritz und sah der Sonne zu, wie sie ihren Bogen am Horizont schlug. Irgendwann beleuchtet sie den Felsen rechts der Bucht und lässt dort die einzelnen Bäume schimmern. Dann sieht der Fels aus, als sei er der Rücken eines Dinosauriers, der den Kopf unter Wasser getaucht hat.

Ich las über Europa und dachte an einen mare Artikel über Lampedusa, in dem es um das Schicksal einer Bootsbesatzung afrikanischer Flüchtlinge ging, von denen es nur wenige zum rettenden Ufer geschafft hatten. Sehr bewegend zu lesen. Und als ich so auf das Meer schaute und am geistigen Horizont Libyen, Tunesien, Sudan, Äthiopien, Somalia auftauchten, da fiel mein Blick auf einen schwarzen Mann, der in den Wellen tobte. Klingt jetzt vielleicht kitschig und ausgedacht, aber es war so. Plakativ. Der Mann spielte im Wellenschaum mit seiner kleinen Tochter. Die war vielleicht zweieinhalb und hatte noch diesen Babyspeck und den tapsigen Gang. Sie lief in die Wellen, die Wellen kamen und sie lief unsicheren Schrittes zurück. Im Vertrauen auf ihren Baywatch-Papa, der sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Ein so schönes Bild. Das klare Licht der untergehenden Sonne. Der Mann trug eine Badehose in hellblau und rot. Das Mädchen einen kleinen Rüschenbadeanzug. Die beiden sahen wahrlich nicht wie Flüchtlinge aus. Dennoch musste ich an Europa, Afrika und Lampedusa denken.

Es könnte so schön sein. Die Menschen werden gerettet, kommen nach Europa, spielen mit ihren Kindern lachend in den Wellen. Ich weiß, so einfach ist das nicht. Aber warum eigentlich nicht? Wovor haben wir Angst? Das nicht genügend Platz am Strand oder in der Piper Bar ist? Oder es zu wenige Jobs gibt? Oder was? Ich meine, wenn die Menschen ihr leben riskieren, um nach Europa zu kommen, weshalb helfen wir ihnen dann nicht? Geld überweisen, Entwicklungshilfe schicken – das machen wir doch seit Jahrzehnten. Deutschland schrumpft. Wir haben bald zu wenige Menschen. In der Perspektive einen Mangel. Woran liegt es dann, dass wir Europa versuchen abzuschotten? Welchen Zweck hat das? Ich hab es da in der Piper Bar nicht verstanden und verstehe es auch jetzt nicht. Europa beteiligt sich an Kriegen, um Freiheit zu erreichen. Demokratie. In Libyen, Afghanistan, Irak, im Kosovo. Weshalb können wir Friedens- und Freiheitsarbeit nicht auch gezielt rund um die Flüchtlingsfrage leisten?

Ein großes Thema, bei dem sicherlich die Meinungen auseinandergehen. Für mich war es einfach an dem Abend so etwas wie eine sichtbare Vision eines guten Miteinanders. Klar, schön und weich gezeichnet. Urlaub! Aber dennoch: Warum kann es nicht so sein?

18 Antworten auf „Blick von der Piper Bar auf Lampedusa.“

  1. Hallo Jens,

    ich stimme Dir zu… eigentlich ist doch alles ganz einfach. Na ja, vielleicht nicht ganz – oder doch? Ich glaube auch, die meisten Menschen haben Angst, auch die, die etwas zu entscheiden haben. Und Angst ist bekanntlich ein schlechter Berater. Angst vor Veränderung. Angst, mal eine andere Entscheidung zu treffen. Eine „andere“, was ja nicht bedeutet eine „richtige“ oder eine „falsche“ – einfach eine „andere“. Das blockiert.

    Gibt es denn überhaupt ein „Richtig“ oder ein „Falsch“? Eine interessante Frage… Für mich ist das richtig , was funktioniert und wenn der Vater mit seiner Tochter am Strand glücklich ist, dann funktioniert das und dann ist das richtig – egal woher er kommt!

    Liebe Grüße
    Tine

    1. Hi Tine,

      eigentlich ein viel zu großes Thema für den kelien fiftyfiftyblog. Weltpolitik. Europapolitik. Aber in dem besagten Augenblick einfach so platt augenscheinlich. Ich lese immer wider über Lampedusa. Diese Insel vor der afrikanischen Küste, die zum Sinnbild geworden ist. Und dann sitze ich da in dieser Bar und alles ist gut und harmonisch und wundervoll. Und dann lese ich diesen Artikel und sehe diesen Mann mit seiner Tochter, für den auch alles gut und wunderbar ist. Und wenn ich dann zum Horizont schaue, weiß ich nicht, ob da gerade auf dem gleichen Mittelmeer Menschen ihr Leben riskieren, um diese kleine insel zu erreichen. Die Insel der Hoffnung. Es war einfach merkwürdig. Und es war komisch zu denekn: Wir schicken geld nach Somalia, um Menschenleben zu retten, aber wenn die Menschen auf Booten näher kommen, schauen wir weg und lassen sie ertrinken. Oder verdursten oder was auch immer. das sind schwarze Punkte auf der weißen Weste des Europaidylls. Diesen Gedanken hatte ich. Und ich wollte ihn aufschreiben. Kundtun, weil ich denke, das das auch zu meinem Italienurlaub gehört.

      Richtig oder Falsch ist natürlich immer subjektiv. Ich blick da auch oft nicht durch. Das Spiel der beiden dort im Wasser hat sich ziemlich richtig angefühlt. Der glückliche Vater, die glückliche Tochter. Der Spaß, das Lachen. Die Vertrautheit. Kannte ich von früher, als meine Tochter noch so klein war. Das hat Sinn gemacht, das war schön, das war gut. Aber klar: Urlaub. Jenseits der Realität. Aber eben ein Bild… (ein wunderschönes: Dieses Licht, die Farben.)

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Du warst in Deiner Urlaubssituation offen für das Schöne, das Einfache. Frei von den Alltagszwängen. Nur wahrnehmen und empfinden – nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Schön! Ich finde, das Ziel heißt: Weg von den Zwängen, das Herz öffnen und SEIN!
        Hab einen schönen Tag.

        Tine

  2. Hallo Jens, der Alltag hat uns wieder, was?
    Dein Urlaub hört sich fantastisch an – und auch ich bin sehr erholt zurück aus der „Sommerfrische“ auf Rügen: viel wandern z.B. am Rande der Kreidefelsen kurz bevor sie(teilweise) ins Meer stürzten, baden in der erfrischend-kühlen Ostsee (16,5°C), etwas Rad fahren, wunderschöne Ostseebäder und idyllische Dörfer, sunset dinners, Störtebeker-Festspiele mit Feuerwerk (love it! – das Feuerwerk…) – wir hatten eine wunderbare Zeit zu zweit.
    Dies war ja nun ein Deutschland -Urlaub, aber ich ich hab ja auch schon ‚was von der Welt gesehen und ich muss sagen, egal ob Urlaub oder Leben auf Zeit in der Fremde – das hat mir immer wieder die Augen dafür geöffnet, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten GEHT, wenn es allen gut geht, so wie dem Vater und der Tochter in deiner Schilderung. Sobald da ein Gefälle ist, wird’s schwierig. Wenn wir bereit sind, denen, die zu uns fliehen auch ein menschenwürdiges, glückliches Leben zu ermöglichen, dann kann das klappen. Aber sind wir dazu bereit? Ich glaube, da liegt ein Problem: wir haben ANGST, dass wir dabei etwas abgeben müssten (stimmt ja wahrscheinlich auch), ANGST vor dem Fremden, vor dem In-Frage-Gestellt-Werden durch ein anderes Leben. Das ist die Chance des Reisens, dass man diese Angst verlieren kann, wenn man will.
    Ein virtuelles „Spritz“ (klingt lecker) auf das Reisen und das Fremde – und den Alltag!
    Liebe Grüße, Uta

    1. Hi Uta,

      schön von dir zu hören. Euer Urlaub hört sich auch schön an.

      Das Fremde – Albert Camus. Der Mord am Strand aus unbegründeter Angst. Natürlich muss es Konzepte geben, aber einfach wegtauchen vor einem Problem und mauern bauen ist keine Lösung. Angst essen Seele auf. Die Angst werden wir auch haben, wenn hier plötzlich immer weniger Menschen leben. Vor allem immer weniger junge Menschen. Globalisierung bedeutet Multikulti, ob das in politische Konzepte passt oder nicht. Letztlöich entscheidet eh die Realität. Die Mesnchen kommen – jetzt eben heimlich und illegal. es findet sich immer ein Weg. Momentan allerdings sind das Wege, die eher unmenschlich sind. Wo immer wieder menschen ertrinken, in LKWs ersticken und die von Schleusern abgezogen werden. Und dann geht’s in Europas in die Illegalität. das bringt niemandem was. da wäre doch eine vorausschauende Integrationspolitik sinnvoll. Eine, die aus den fehlern der 60er und 70er Jahre lernt, als die Gastarbeiter nur als Arbeitskräfte ins Land geholt wurden, nicht als Menschen und Bürger. Ich denke, dass es eine Politik geben kann, die wagt und gleichzeitig gewinnt. Das dänische Grenzen schließen ist sicherlich keine Lösung. Das ist konservatives Säbelrasseln. Da macht sich ein kleines Land ein positives Image kaputt.

      Wir werden sehen. Jetzt lasse ich noch weiter Italien nachklingen und freue mich am Sein.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    ein schönes Bild, wenn der Vater mit der kleinen Tochter unbeschwert in der Brandung spielen kann, die Kleine auf ihren Vater vertrauen kann und von dem ganzen Weltgeschehen noch nichts weiß. Ja, vieles in der Welt könnte so einfach sein. Wenn jedoch viele Beteiligte mitzureden haben, gibt es viele Meinungen. Und wo es viele Meinungen gibt, dauern Lösungen länger oder werden immer wieder verschoben. Es entscheidet nicht das Herz. Das wäre zu einfach. Leider.

    Viele Grüße

    Annegret

  4. Hallo Jens,

    ich gebe Dir in allem total Recht. So, wie Du es sagst, sollte es eigentlich sein.
    Ich aber denke, dass dieser Idealzustand in ganz, ganz weiter Ferne ist.

    Die momentane Politik geht doc, im Gegenteil, einen ganz anderen Weg und in unserem Land ist man ja noch nicht einmal in der Lage, die Probleme der hier lebenden Kinder adäquat anzugehen. Man muss sich das immer wieder mal verdeutlichen: Es gibt hier, in diesem reichen Land wieder Kinder – und das in zunehmendem Maße – die nicht das Sattessen haben.
    Du hast als Kind vom ersten Schrei an nur dann Chancen, dich gut entwickeln zu können, wenn du in den richtigen Stall hineingeboren wurdest. Wenn nicht, bekommt deine Mutter noch nicht einmal Elterngeld für dich und darf zusehen, wie die reichen Frauen in dieser Zeit locker bis zu 1.800 € im Monat abstecken.

    Auf diesem Hintergrund wird m.E. auch der Schrei nach mehr Kindern zur Farce. Die Sorge um die demografische Entwicklung ist m.E. vorgeschoben. In Wirklichkeit geht es um den Nachwuchs der Eltern, die die „richtigen“ Gene haben.
    Wo soll bei dieser antisozialen Haltung, die auf eine Päppelung derjenigen hinausläuft, die eh schon viel zu viel haben und auf der Sonnenseite des Lebens daheim sind, der Lambedusa-Flüchtling mit der dunklen Haut noch Platz haben?

    Tut mir Leid und mir selbst auch sehr weh, aber so ist es.

    Liebe Grüße Eva 2

    1. Hi Eva,

      schön von dir zu hören. Die Durchlässigkeit des Systems lässt tatsächlich zu wünschen übrig. Andererseits, habe ich als Kind auch mal von Sozialhilfe gelebt und war auf der Hauptschule. Da hätte wahrscheinlich auch keiner einen Cent auf mich gewettet. Irgendwie hab ichs geschafft, einen Weg zu finden. Allerdings hatte ich immer Eltern, die hinter mir standen und aus der Mittelschicht stammen. Von daher hinkt der Vergleich.

      Es wäre schon schön, wenn es in Deutschland wärmer wäre. Meine Nichte sagte kürzlich, als ich ihr erzählte, dass Jims Klassenlehrer nun 38 Schüler/innen betreut, weil er vielen die Möglichkeit geben will, diese Schule zu besuchen: Das wäre Mist, weil es dann schwieriger ist, ein gutes Abi zu machen. Und wie soll man dann studieren?

      Karriere im Kopf. Angst vor Arbeitslosigkeit. Materielles denken. Die Schulen jagen die Kids teils durch den Stoff, damit die fit für irgendetwas sind. das Unterrichtsfach Menschlichkeit fällt leider weg. Ellenbogen, nach vorne bewegen. Das nenne ich Kinder versauen und Zukunft blockieren. Man kann gut im Job sein, erfolgreich in dem, was man tut und trotzdem das Herz am rechten Fleck haben. Wie wollen wir leben? In einem Reichenghetto hinter Mauern und Gittern?

      Love, peace & harmony. Wünsche ich mir und bin überzeugt, dass das möglich ist. Und besser. Für alle. Und sogar kostengünstiger und effektiver und effizienter. Nur halt für ein paar wenige nicht… Die müssten teilen lernen.

      Ach. Ja. Diese Menschheit…

      Liebe Grüße

      Jens

  5. Ja Jens, ich kenne das mit der Armut auch aus der eigenen Familie; meine Mutter erlebte sie in ihrer Kindheit. Der Unterschied zwischen ihr und vielen anderen Kindern und den meisten heutigen HartzIV-Kindern aber war der, dass sie einen hochgebildeten und hochbegabten Vater hatte, der, aus einem reichen Stall stammend, bereits mit 17 nach zweifachem Überspringen eines Schuljahres das Abitur in der Tasche hatte und eine Mutter, die sich immer viel Arbeit machte, die Armut mit Würde zu ummanteln. Es wurde z.B. an jedem Sonntag am Esstisch mit einer sorgfältig gebügelten weißen Tischdecke gegessen, Blumenschmuck arrangiert u.ä.. Da gab es nicht nur diese Orientierungshilfen in Richtung „besseres Leben“, sondern auch intellektuelle Förderung und emotionale Zuwendung.
    Das wird auch der Grund dafür sein, dass aus ihr dennnoch „was wurde“. Die sehr interessante Resilienzforschung befasst sich inzwischen seit Jahren mit dererlei Phänomenen.
    Wenn jemand aber „überall“ arm ist, so hat er praktisch keine Chancen.
    Oh, beim Argument „Es kann schließlich nicht jeder Abitur machen“, bzw. bei der Variante, die deine Nichte brachte, sträuben sich auch bei mir die Nackenhaare.
    Als ob ein gutes Abitur was über die Qualität als Mensch aussagen würde! Wo kommen sie denn alle her, diese „Fachidioten“, denen die emotionale Intelligenz und die Empathiefähigkeit total abgeht, diese eiskalten Ärzte und so weiter?
    Ich bin sehr dafür, dem auf das Materielle schielenden Trend die Liebe entgegenzusetzen und glaube schon, dass sie letztendlich siegen wird. Für manch Einen aber wird das leider zu spät kommen.

    Liebe Grüße Eva 2

    1. Hi Eva,

      wenn man Kinder hat, sie aufwachsen sieht, Stück fürt Stück erfährt, was sie prägt, dann ist es einfach schön zu sehen, dass es im Wesentlichen nicht auf das Materielle ankommt. Und in der Schule nicht so sehr auf den Stoff. Ich habe in Italien in der zeit gelesen, dass wir aus der Schulzeit so gut wie keinen Stoff mehr drauf haben. Das geht alles vergessen. dennoch wird versucht, da möglich viel in möglichst kurzer Zeit reinzustopfen. Beispiel Mathematik: Ab der 8. Klasse haben die meisten schüler/innen mit dem Fach abgeschlossen. es werden nur noch Überlebensstrategien gefahren. Vor der Prüfung die Muster reinknallen, ohne das Ausgeführte zu verstehen. Geschweige denn, begeistert zu sein. Das Wissen, wie wir eigentlich lernen und was gut wäre, ist da. Aber nun sind einmal Gymnasien heilige Kühe und alle halten das Heranziehen von Eliten für zwingend notwendig, damit wir nicht den Bach runtergehen. Leider verschenken wir dabei so viel. Richtig gute Leute kommen nicht zum Zug. Zu früh ausgesiebt, nicht aus der richtigen sozialen Schicht. Bildung auf Basis von Schubladendenken. Gymnaisum, Realschule, Hartz IV. Hochbegabtenförderung ja, Förderung der unteren und miottleren Bildungsstufen: Zu aufwendig. Zu teuer. Kein Personal. Verschenkt. Ich freue mich, dass meine Kinder so viel Glück mit ihren Lehrern hatten. Zumindest bislang. Die sind einen anderen Weg gegangen. Da sitzen in der Klasse Schüler/innen mit den verschiedensten Talenten zusammen. Schätzen sich. Können miteinander. In Schubladen gedacht: Von Förderschule bis Gymnasium. Trotzdem gehen da immer wieder Schüler/innen mit einser Abi ab. „Obwohl die in Klassen mit Schüler/innen mit Nich-Gymi“ Schüler/innen 12 jahre zusammengelernt haben. Die unterstützen und befruchten sich gegenseitig. Ich bin so froh, das zu sehen. Das ist so hoffnungsvoll und zeigt mir, dass wir auch wieder angstdurchsetzte Politik in diesem Land haben. Bloß nichts Liberales im liberalen Sinne. Das Schöne ist, wer sich dem staatlichen deutschen Betonbildungssystem entziehen möchte, kann das machen. Das ist das Schöne in Deutschland, dass dieses Land diese Möglichkleiten der individuellen Entscheidung bietet. Jedem. Unsere Schule nimmt auch Schüler/innen ausElternhäusern mit ganz wenig Geld auf. Die Klassen sind da durchmischt. Fabrikanten-Kinder neben Kindern aus HartzIV-Elternhäusern. Auf Klassenfahrten ist es an der Schule oft so, dass Familien mit mehr Geld geld für Familien mit weniger Geld zur Verfügung stellen, damit alle mitfahren können. Unbürokratisch. Das ist manchmal wirklich einfach unbeschreiblich, wie das Hand in Hand geht. Das ist oft sehr bewegend und eine wirkliche Schule für das leben.

      Liebe Grüße

      Jens

  6. Hallo Jens,

    schön, dein Tagesartikel. Ich erinnere mich schon einmal eine Text ähnlicher ‚Klangfarbe‘ von dir gelesen zu haben; ähnlichen Inhalts. Wir haben eine bedrohliche demografische Entwicklung und verriegeln nach außen… – Pointiert formuliert: Weltbürgertum versus Nationalismus.

    Ich habe einige afrikanisch-stämmige Freunde und mache die eigenartige Beobachtung, dass in meiner Umgebung manchmal eine ganz eigentümliche Unterscheidung getroffen wird: ‚mein‘ afrikanischer Freund, ‚mein‘ türkischer Bekannter – und die sind dann ‚eigentlich‘ keine (!!) Afrikaner, Türken usw…. Eine Trennung zwischen Privatbegegnung und Vorurteil… ???

    Liebe Grüße
    filo

    1. Hi filo,

      die andere Seite des Urlaubs. Eine Frage der Perspektive. Ob man vom Meer auf den weit entfernten europäischen Strand schaut oder vom europäischen Strand aufs Meer. Ich fand es schade, dass ich den mann mit seiner Tochter aufgrund der Hautfarbe direkt mit Lampedfusa in verbindung gebracht habe. Kurzschluss im gehirn. Wie schön wäre es gewesen, ich hätte das Spiel ohne Bewertung betrachten können. Einfach zwei Menschen. Nicht zwei schwarze Menschen. Ist im Kopf drin. Hier auf dem Land wohnen so gut wie keine schwarzen Menschen. Wir haben ganz selten Kontakt. Einmal hat Zoe sogar in einer Kölner Bäckerei angefangen zu weinen, als ein schwarzer Mann auf sie zu kam. Da war sie zwei. Peinlich. Aber scheinbar in uns verankert. Die Angst vor dem Fremden. Albert Camus. Desto offensiver müssten wir daran arbeiten, diese Programmierungen in Gesellschaft und Individuum zu überwinden. Kann doch irgendwie nicht sein, dass wir uns im Jahr 2011 noch so plump verhalten. Es dauert alles so lange, bis sich das rundum positiv entwickelt. Generation um Generation. Und immer wieder sind es die Ängste, die blockieren.

      Ja, ich habe über das Thema kürzlich schon einmal geschrieben. Das war die Aufforderung „Schlaft miteinander!“ – http://www.fiftyfiftyblog.de/schlaft-miteinander/. Scheint mich nichtz loszulassen, dieses Thema Ausgrenzung – wie passend dieses Wort in diesem Fall ist. Ausgrenzung an den Außengrenzen der EU.

      Liebe Grüße

      Jens

  7. Hallo Jens,

    ich glaube, dass dieser Hang zur Ausgrenzung vor allem mit der Angst vor dem Unbekannten zu tun hat und einer Verhaltensunsicherheit, wenn es einem dann begegnet und man nicht weiß, wie man mit der Situation umgehen soll. Mir ging das früher immer in Bezug auf körperliche oder geistig Behinderte so und war alles andere als bös gemeint.
    Das beste Mittel dagegen ist das gegenseitige Kennenlernen, das ja eine neue Erfahrung und eine Korrektur der bisherigen Vorurteile und Fantasieen ermöglicht.
    Hier sollte man jede Möglichkeit beim Schopfe ergreifen und sich nicht von gewissen Hetzpropagandisten beeinflussen lassen.

    LG TP

    1. Hi Eva,

      mein Vater ist linksseitig gelähmt. Das war früher immer „schön“, mit ihm unterwegs zu sein und angestarrt zu werden wie ein Zirkustier. Als Kind eines behinderten Vaters weiß ich, was Ausgrenzung ist. Und wie sich das anfühlt. Deshalb fällt es mir so schwer, das zu akzeptieren. Mein Vater hat das auch nicht akzeptiert. Wenn wir in sein Lieblingscafe geganngen sind, und da saß jemand allein, hat er sich dazu gesetzt. Egal, wer das war. Das hat mir immer imponiert. So haben wir einen türkischen Gastarbeiter kennengelernt, der sonntags immer allein ins Cafe ging. Seine Familie war in der Türkei. Das war immer spannend, was er alles erzählt hat. Eine Bereicherung. Für mich, mein Leben. Eine etwas andere Jugend, die genossen haben. Auch wenn es etwas anders gelaufen ist als bei anderen Kindern. Ja, Eva, man sollte offen sein und den Kontakt suchen, um Angst und Vorurteile zu überwinden.

      Liebe Grüße

      Jens

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