Dresden sehen und sterben

dance
dance

Die Überschrift stammt nicht von mir, sondern von Viveka.

Die Stadt hat uns ziemlich umgarnt und gefangen genommen. TANZT! stand da in der Neustadt an der Wand (Scheune Dresden). Und in einer Seitengasse unweit der Frauenkirche in Beton gegossen: „ICH WILL NICHT HÜBSCH UND LIEBLICH TANZEN!“ (Palucca).

palucca
palucca

Die Menschen in Dresden tanzen das Leben. Noch. Vielleicht. Kürzlich habe ich über die Kranhäuser in Köln geschrieben. Investorenprojekte. Rendite. Quadratmeter aus Gold. Zum Erliegen gebrachtes Leben, das über den Köpfen der anderen stattfindet. Wie war das? „EURE ARMUT KOTZT MICH AN“?

Noch ist das Wohnen in Dresden relativ preiswert, obwohl die Mieten in den letzten Jahren von niedrigem Niveau um 60-70% gestiegen sind. Meinte ein junger Mann, den wir auf der Straße getroffen haben. Monopoly. Irgendwann ist ein Wert erreicht, bei dem es sich lohnt, als Investor einzusteigen. Dann fallen die Altbauten, die Szene- und Künstlerviertel den Banken und Architekten und Planern in die Hände, die das ja gelernt haben. Wie man baut, wie man gestaltet. Dann ist Schluss mit Wildwuchs – und lustig. Hoffentlich nicht. Dresden möge so bleiben. So ruhig, so menschlich, so freundlich, so lebens- und liebenswert. Mit so viel Platz für Kunst und Improvision und für Projekte wie die OSTRALE. Das sind die blühenden Landschaften, das ist der Aufbau Ost (Sage ich jetzt mal naiv romantisch, ohne die Lebenswirklichkeit der Menschen tatsächlich zu kennen.)

Als wir aus dem Hotel kamen, trafen wir ihn. Einen jungen Mann mit Fahrrad und Anhänger. Viveka fragte ihn: „Guter Mann, wohin des Weges?“ Und er antwortete mit dem Klang der Stimme eines Mannes, der eine Mission hat: „Zum Schrottplatz.“ Wir haben ihn dann in der Neustadt öfter gesehen und tief in der Nacht, als er mit Anhänger an uns vorbeigeflogen ist, mussten wir lachen. Lange. Sehr sympathisch. Ich hatte versucht, ihn zu fotografieren. Kriegte die Kamera aber nicht aus der Tasche, drückte dann doch kurz vor dem Verschwinden am Straßenhorizont den Auslöser und hatte nix drauf. Irgendwo im Straßenlaternenlicht ein verschwommenes Etwas. Zu schnell, der Mann. Mission.

journey
journey

Wir waren auf dem Weg, Helga, Martina und David in der Alaunstraße zu treffen. Da wären wir fast schon bei einem ersten Kunstprojekt hängen geblieben. Zwei Männer lagen in einem Bett auf dem Gehweg. Mit Kissen, Bettdecke und allem drum und dran. Kemal lag dort, erlaubte mir, ihn zu fotografieren und lud uns ein, Sebastian kennenzulernen, der das Projekt initiiert hat. Später, haben wir gesagt. Am nächsten Tag war es verschwunden. Wie im Märchen. Weggezaubert.

in bed
in bed

Nach dem gemeinsamen Kaffee haben wir uns, Viveka und ich, zu Fuß auf den Weg zur Ostrale gemacht – obwohl wir Straßenbahntickets für den ganzen Tag hatten. Die Alaunstraße runter. Große Augen. Szeneviertel. Die Scheune Dresden mit dem Schaubudensommer. Artisten, Kleinkunst. Hereinspaziert. Dort trafen wir den Betreiber des wohl kleinsten Kinos der Welt. Ein liebevoll gestalteter Wohnwagen. Sitze mit rotem Samt. Gezeigt werden die in 20 Jahren gesammelten Lieblingskurzfilme des Betreibers, der gerade seinen Popcornautomaten FANTASTOMAT für den Abend mit Überraschungen bestückte. Wie so ein Mensch Herzen erweicht. Wie er eine Welt schafft, die Glück bringt. Da ist Platz für Herzenswärme. Menschenverstand im positiven Sinne. Stadtplaner – für solche Kinos braucht es Raum, Platz und Erkennen! Wert und Wichtigkeit.

short cinema
short cinema

Zeitsprung. Die OSTRALE-Eröffnung liegt hinter uns. Der nächste Tag.

Wieder zu Fuß. Wieder durch die Neustadt Richtung Altstadt. Touriprogramm. Frauenkirche. Semperoper. Marcel, den wir auf der Hinfahrt per Mitfahrgelegenheit mitgenommen haben, hatte uns erzählt, dass viele Menschen glauben, die Semperoper sei die Radeberger-Brauerei. Werbung. Ts.

Wir wollten uns von links nähern. Über die Albertbrücke, nicht über die Augustbrücke. Und was hat uns am Elbeufer erwartet? Ein Flohmarkt. Das hatte sich Viveka gewünscht. Sie hat mich über die Brücke gezehrt. Schnellen Schrittes. Schneller! „Jens, nur eine Stunde!“ Klar. Keine Frage. Es waren dann zwei und wir haben alles gesehen. Jeden Stand. Viveka hat Weihnachtskugeln gekauft. Sehr alte, sehr schöne und ein Kleid. Mir fiel UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace in die Hände. Dieses Buch der Bücher. Diese Bibel der sprachlichen Möglichkeit. Ein Euro. Ich konnte den Verkäufer nicht enttäuschen und bin den ganzen Tag mit dem SCHINKEN durch Dresden gelaufen. Und: Es war gut, das Buch dabei zu haben. An diesem Tag habe ich mehrere Lesungen gegeben. Jeweils eine Seite. Viveka hat eine Seitenzahl genannt, ich habe gelesen. Dieses Buch ist mindestens eine Offenbarung.

Das hat der Junggesellenabschied, der uns später angequatscht hat, auch gedacht. Denn. Ja. Die vielen jungen Männer in weißen Kitteln, die ihrem Junggesellen einen OP-Kittel und eine Windel verpasst hatten, durften auch eine Seite UNENDLICHER SPASS hören. Mitten in der Fußgängerzone auf einer Treppe. Das war meine Bedingung für den Kauf eines Andenkens aus ihrer Kleinigkeiten-Kiste. Passte gut. Der Titel zum Projekt EHE, die Wallace-Zeitrechnung mit dem Referenzpunkt JAHR DER INKONTINENZ-UNTERWÄSCHE zum Junggsellen mit Windel sowie der Textinhalt, den ich leider nicht wiedergefunden habe. (Warme Worte auf dem Weg in das Abenteuer Beziehung.) Über 1.400 Seiten, da geht schon mal was verloren. Weg. Schade. Aber der Schlusssatz hat auch gepasst. Dresden steckt an. Eine Mitmach-Stadt. Die Aktion war ziemlich lustig.

frauenkirche
frauenkirche

Genauso wie das Treffen mit Klaus am Abend in der Neustadt. Wir hatten uns nach dem Altstadtbesuch und Stunden auf der Wiese im Alaunpark ins Nachtleben gestürzt. Alle saßen draußen auf der Straße, tranken mitgebrachtes Flaschenbier, unser Anhängermann kreiste durchs Viertel, eine Bluesband sang an einer Straßenecke, der Schaubudensommer lief mit vollem Programm, ein junges Paar eröffnete vor unserer Nase einen Bowle-Verkauf, es war warm, schön, unbeschreiblich.

night
night

Da lief uns Klaus über den Weg. Geboren 1949. Baseballkappe mit geradem Schirm, Hornsonnenbrille Marke Honecker. „Dieser Dreck hier. Diese verdammten Amis. Schaut mal dahinten. Pissen alles voll. Wo kommt ihr her?“ Ich konnte nicht anders. Ich richtete meinen Kiefer aus, nahm einen amerikanischen Slang in den Mund und faselte was von „John from New York Citiieeee.“ Oh Wunder. Klaus sprach Englisch und es wurde ein begeistertes viertelstündiges Gespräch, in dem wir uns über unsere Länder und unsere Vergangenheit ausgetauscht haben. Plötzlich hatte Klaus Freunde in Amiland und überhaupt. Um ihm die Tragweite von Radikalität vor Augen zu führen, habe ich mich als begeisterter Anhänger von George W. Bush ausgegeben, was ihn doch kritisch hat anmerken lassen, dass das wohl nicht alles so toll war… Geht doch. Man muss den Menschen nur die Möglichkeit geben, das Gute auszuleben. Wir waren dann ein Herz und eine Seele und ich musste weg, weil Viveka sich kaum noch halten konnte und ich auf keinen Fall Klaus das Gefühl geben wollte, ihn verarscht zu haben. Er hat mich am Arm gehalten, um mir seinen letzten Satz auf meinen Rückweg nach Amerika mitzugeben: „Germany is a clean country.“ Ja Klaus, da hätte ich auch noch ein paar Takte zu sagen können, aber wir sind ja Bruder- und Schwestervölker, oder? Auf jeden Fall haben wir ihn ein wenig glücklicher gemacht und mit einem besseren Gefühl gegenüber den überall hin pinkelnden Amis zurückgelassen. Denke ich.

Ansonsten? So viel. Dieses Stadt ist so prall, voll. Lebendig. Unten nur eine Auswahl der über 600 Fotos vom Wochenende. Klickwahn. Sonntag waren wir noch einmal auf der OSTRALE, haben uns alles angesehen. Ich hoffe, ich schaffe es noch, auch darüber zu berichten. Diese Woche ist Dresdenwoche im fiftyfiftyblog. Viel Spaß, haut rein. Tschüssikowski.

fotokiste
fotokiste
swissotel
swissotel
semper/bath
semper/bath
schauburg
schauburg

Danke, Ihr Mädels und Jungs der Technik-Hotlines!

oak. 2013
oak. 2013

Wow!

Schreck in der Abendstunde. Blog down, nichts ging mehr. www.fiftyfiftyblog.de nur noch mit einer Fehlermeldung auf dem Bildschirm.

Alles nahm seinen Anfang mit dem Sturz unseres Kirschbaums im Jahr 2006. Ihr merkt, das wird eine lange Geschichte. Der Baum war krank, schon im Juli nackt und zudem groß und mächtig und schattig und nicht schön und falsch platziert. Also hatte ich das RWE angerufen, weil der Baum in die Stromleitung reichte. Die schickten ein Sub-Unternehmen mit polnischen Freunden, die in den Baum kletterten und ihn an Seilen hängend von oben abtrugen. So groß war er. Einer der Männer rutschte mit laufender Motorsäge ab und hing baumelnd am Seil, was für ihn Alltag zu sein schien. Lange Rede, kurzer Sinn: Mit dem Baum ging die Befestigung für unsere geliebte Hängematte. Hatte ich nicht dran gedacht, was mir böse Blicke der Familie einbrachte.

Dieses Wochenende nun mit der Schönwettervorhersage sollte endlich Abhilfe schaffen. Ist ja erst sieben Jahre her und der nachgepflanzte Apfelbaum kommt nicht so richtig aus den Puschen. Hängematte dranhängen is einfach nicht. Sonntag hat mich der Wahn erfasst. Auf unserer Runde haben Herr Cooper und ich einen Eichenstamm entdeckt, der forsttechnisch gesehen weg konnte. Wir haben die Säge geholt, die Säge, noch eine Handsäge, sprechen lassen. Wir haben den Traktor geholt, den Stamm mit meiner bislang ungenutzten Forstkette umschlungen und das gute Stück als Jagdbeute nach Hause geschleift – inklusive verräterischer Schleifspur vom Ort des Geschehens bis zu uns nach Hause. Erster Sonntagsfrevel.

Eigentlich, hatte ich nur den Stamm holen wollen. Aber, wo ich schon mal dran war, begann ich mit der Axt, den Baum zu entrinden. Jens kam hinzu, übernahm den Job unter Mithilfe eines Spatens und nach einer halben Stunde sah er wunderbar aus. Mittlerweile waren noch einige Menschen hinzu gekommen, die ein Spektakel witterten. Kinder, der Schwager des Nachbars. Das feuerte mich an, das Projekt jetzt durchzuziehen. Edmund, mein leider verstorbener Nachbar, den ich sehr mochte, hätte mich schon jetzt einen Sabbatschänder geschimpft. „Ja, ja, Edmund.“

Wir riefen Ela, um die Position des Hängemattenstamms festzulegen. Sie staunte nicht schlecht, als sie in so viele hoch motivierte, erwartungsvolle Gesichter schaute. Kaum war das geklärt, war ein Spaten zur Hand. Das Loch wuchs, Steine flogen, zusätzliches Grabwerkzeug wurde aus der Nachbarschaft herbeigezaubert und schon waren wir auf Minus-einen-Meter. PROBLEMA, HOUSTON (ach, die Amis wollte ich eigentlich nicht mehr erwähnen, die doofen Spione). Der Stamm musste noch angespitzt werden, um ihn per Vorschlaghammer in die Tiefe des Erdreiches zu rammen, damit er sich dort das nötige Standing in Form einer festen Verankerung holt. Dazu mussten wir ihn anspitzen. Ich sagte: „Liebe Freunde, an dieser Stelle müssen wir abbrechen, der Sabbat. Am siebten Tage sollst du ruhn.“ Murren. Geflüster. Erste leise Protestnoten. Jetzt aufhören? Spinnst du? Sägen dauert doch nur zwei Minuten? Los, hol die Motorsäge. Inneres Hadern. O.K. Die Masse hat entschieden. Schon lief die Stihl, schmetterte ihren Gesang durchs Dorf: „Hört her, der Herr Schönlau, dieser rücksichtslose Nachbar, stört die Ruhe und schändet verbotenerweise den Sabbat.“ Kleine Rechtsbeugungen verzeiht das Dorf. Man hat Kredit. Ich habe einen kleinen Betrag abgehoben…

Den Pfahl ins Loch, die große Leiter aufgestellt, den Vorschlaghammer rausgeholt und zugeschlagen. Toff. Peng. Steine ins Loch, Erde drauf, mit dem Gartenschlauch eingespült, fertig. Hält, Hängematte hängt. Ein Punkt von meiner langen Lebensliste gestrichen.

Und was, bitte schön, hat das mit der Überschrift zu tun? Nun. Abwarten. Ein wenig Geduld noch, Rom ist ja auch nicht… Also. Ich wollte gestern Abend über diese Wochenendtat berichten. Blog auf, Beitrag erstellen, Foto hochladen. ÜBERRASCHUNG! Funzt nich. Kapotttt. Keine Bilder hochladen. Mach ich nich, sagt der Server. Kannst mich mal. Schnauze voll. HÄ?

Ich bin in die Foren gestürzt, die dann sagen, geh mal hier in die Konfiguration, füg mal dort in PHP eine Zeile ein. Ende des Liedes war, dass ich in den Tiefen meiner WordPress-Programmierung die alles entscheidende wp-config.php-Datei gelöscht habe. Ging nicht anders. Wäre auch kein Problem gewesen, weil ich genügend Sicherungen rumfliegen habe. Auf jeden Fall: Der Blog war off. Ich habe versucht, die Datei wieder auf den Server zu spielen. Nix. Roter Ladepfeil nach dem Motto: Mach ich einfach nicht. Leck mich.

Bin ich natürlich sofort zur Hotline rüber. Petzen. Euer blöder Server will mit mir nich mehr spielen. Tja, das dauerte alles. Möglichkeiten. Gründe. Was? Wieso? Lebensfragen? Existenzfragen? Wie lebe ich ohne meinen fiftyfiftyblog? Ruhig, Brauner. Die Mädels und Jungs machen das schon. Gestern Abend ging nix, heute Morgen dann der Mensch mit dem goldenen Fingerchen. Erst haben wir einen Tarifwechsel vorgenommen. In einen besseren Tarif, der weniger kostet. Ups! Gut, überzeugt, mach ich. Komische Welt. Dann hier ein paar Dateien gelöscht, dort auch. Ich hatte einfach das Datenlimit erreicht, weil zu viele Backups den Server wie einen Keller zugestellt hatten. Gelöscht, wp-config.php hochgeladen und da, da, da war er wieder. Herr Cooper mit einem breiten Lächeln. Und ich voller Glück. Kann ich wieder. Darf ich wieder. Bin wieder im Spiel. Online. Juchhu. Da hätte mir doch was gefehlt. Aber so werden Sabbatschänder bestraft – der Herr schickt den Sündigen Aufgaben. Oder war es der Gegenspieler, des Teufels General, der mich herausgefordert hat? Egal. Mit den Mädels und Jungs der Technik-Hotlines ist nichts unmöglich.

Congratulations und ewiger Dank! Ihr seid die Besten!

Momente

Ihr Lieben
manchmal
wisst ihr

Tja

Ihr kennt das
bestimmt

Es kommen immer wieder diese Augenblicke
des Hinsehens

Was geschieht?
Mit wem?

Und wie heißt es
in diesem Pop-Song?

Es passiert so viel

Manchmal gar nicht so einfach
alles zu verpacken

Jahrelang
geschieht nichts

Dann
alles auf einmal
als wäre
ein Hang ins Rutschen gekommen
und nichts ist mehr
wie zuvor
obwohl alles
eigentlich
aussieht
wie immer

Momentan
kann ich mir dabei zusehen
wie ich mich verändere

Wie in einem
Selbstexperiment
sich selbst
hinterherhecheln
versuchen
morgens
im Spiegel zu erkennen
wiederzuerkennen

Ich muss mir keine Notizen machen
nichts mitschreiben
die Sprünge sind so groß
das ist nicht immer
ganz einfach
mitzukommen

Geschichte
geschieht
in Stufen
Sprüngen

Lange nichts
dann steht das Volk auf
wischt weg

Und dann?

Die eigene Revolution zu sein
Prozesse ablaufen zu sehen
zuzuschauen
ist komisch
manchmal
GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG
Proteste
Demonstrationen
Transparente
Molotow Cocktails

Als wäre ich
meine eigene Laborratte

Ich schreibe das jetzt hier
um das Tagebuch zu komplettieren
dass nicht alles
einfach scheint
später
leicht
Heimspiel
Selbstläufer

Es gibt immer
Momente
Punkte
stehen
sehen
umdrehen

Tatsächlich? So weit schon?
Wie weit
bin ich gegangen

Sich drehen
tanzen
Sternenzacken zählen
Schnuppen herbeisehnen
das Licht
Streifen
an den Horizonten

Ist es eine Leiter?
Aufzug?
Keller?
Speicher?
Oben?
Unten?
Möglichkeit?
Hoffnung?
Ende?

Momentan
höre ich gerne
EMINEM

Karl der Nashornkäfer ist tot

Karl.
Karl.

Das hätte nicht geschehen dürfen, von Rechts wegen.

„Der Nashornkäfer ist in Deutschland durch Aufnahme in die Bundesartenschutzverordnung eine „besonders geschützte“ Tierart. Nach §44 Bundesnaturschutzgesetz ist es danach verboten, „sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören“ (§44 Abs.1 BNatSchG).“ (Wikipedia)

Doch ist es geschehen. Unabsichtlich. Am Abend hatte ich die Feuerschale angeheizt. Hatte dort gesessen, die Flammen bestaunt wie ein Sechsjähriger. Die Wärme genossen. Als das Feuer runtergebrannt war, hatte ich mich zur Ruhe begeben. War schlafen gegangen. Am nächsten Morgen sah ich das Unglück. Shit happens. Der Käfer war in der Schale gelandet und vergangen. Den Hitzetod gestorben. Och.

Ich habe ihn aus der Asche genommen. Die Hitze hat seinen Chitinpanzer verbrannt, der jetzt einen Feuerglanz trägt. Er sieht schön aus, beeindruckend. Die Fühler sind weg, merkwürdigerweise, weil sein Beinhaar noch intakt ist. Mr. Sherlock Holmes, was mag geschehen sein? Nicht nah genug an der verglühenden Glut? Oder doch eben gerade zu nah? Nur noch einmal kurz raus. Aus der Höhle. Noch etwas vergessen, so lauten die Anfänge von Geschichten, die tödlich enden.

Das Feuer ein Irrlicht? Die Glut magnetisch? Den Instinkt ausgeschaltet? Käfer-Suizid? Was mag ihn getrieben, was gequält haben?

Die aufgehende Sonne schien am Morgen danach durch die Fensteröffnungen im Vorbau. Dort habe ich ihn hingesetzt und dort sitzt er jetzt noch. Geschützt. Wahrlich. Ich musste ihn fotografieren wie ich vieles fotografieren muss. Will. Natürlich auch.

Nachdem er nun, der werte Käfer, in meiner Feuerschale verstorben ist, möchte ihm nun, postum, ein klein wenig Unsterblichkeit verleihen. Im Rahmen der digitalen Halbwertszeit meines Blogservers. Möge er es geschafft haben, Nachwuchs zu zeugen. Aus Spaß an der Freude und des Weiterlebens in Erinnerung wegen. Machs gut, Junge. Komm bald wieder. Als Hase, Hund, Pferd, Wasserbüffel. Viel Glück.