Am 15. Januar 2010 schrieb ich das Gedicht Kirschblütenblättersehnsucht. Gestern erinnerte ich mich daran, weil Wetter und allgemeine Stimmung im Augenblick ähnlich sind. Es gibt ja so etwas wie ein Körpergedächtnis. Der Körper merkt sich Dinge unbewusst. Treten sie wieder auf, reagiert er. Als Ela mit Zoe schwanger war, hörte sie oft Musik von David Darling. In einem grauen Herbst. Oft war ihr übel. Im darauf folgenden Jahr, Zoe war längst geboren, wurde ihr im Herbst immer übel, wenn sie David Darling hörte. Pawlow. Manchmal sind wir einfach konditionierte Hunde. Wuff. Ich hatte immer schon das Gefühl, dass Cooper und ich mental gar nicht so weit auseinander liegen.
In diese neblige, trübe, inaktive Stimmung mit ein wenig Hoffen auf die Kirschblütenblätter im Frühling, platzten nun gestern zwei durchgeknallte Elfjährige rein und brachten hier alles ziemlich auf Trab. Zoe hatte eine Freundin zu Besuch, die über Nacht blieb. Ich habe mit den beiden die Hausaufgaben gemacht. Bruchrechnen. Giggel. Herrje. Kürzen von Brüchen. Gemeinsame Teiler suchen. Durch welche Zahl lassen sich 30 und 96 teilen? Zoe ist im Rechnen ziemlich fix (eigentlich macht sie alles mit Vollgas), ihre Freundin tat mir ein wenig leid. 60 durch 2? Puh. Wir haben dann einen kleinen Trick angewendet, der hervorragend funktionierte. Merkwürdig. Ich fragte sie: Wenn da 60 Euro liegen und ihr seid zwei Kinder, wie viel Geld bekommst du dann? Die Antwort kam wie aus der Pistole. 30 €. Das bloße Anhängen der Währung führte zu einem Turbo-Rechenschub und wir waren ziemlich schnell durch. Ich hatte mich auf einen langen Bruchrechnen-Nachmittag eingestellt und war ziemlich froh. Zumal es mir irgendwie nicht gut ging. Eine leichte Übelkeit. Heute ist alles wieder gut.
Nach den Hausaufgaben kümmerte ich mich um den Haushalt. Das Feuer, die Spülmaschine, Wäsche aufhängen. Zwischendurch hörte ich hinter verschlossenen Türen bei den Mädchen Musik, Lachen, Giggeln. Parallel versuchte Jim, sein Spracherkennungsprogramm auf dem Laptop einzurichten. Er hofft, dass er seine Hausarbeiten zukünftig rein sprechen kann, damit er nicht mehr tippen muss. Wäre vielleicht auch was für mich… Also auf der einen Seite Gekicher, auf der anderen Seite Jim, der die ganze Zeit Sätze wiederholen musste. Irgendwie wollte das Programm sich scheinbar nicht an seine Stimme gewöhnen. Ich hörte pausenlos „Markieren, löschen“. Am Abend hab ich ihn gefragt, ob er mir das System mal vorführt. Hat er gemacht. Ich denke, da ist noch einiges zu verbessern. Irgendwie verstand der ständig „Al Gore“. Ein Zeichen? Will uns der Rechner etwas sagen? Ist es eine künstliche Intelligenz wie in „Per Anhalter durch die Galaxis“, wo der Zentralrechner die Frage nach dem Sinn des Lebens mit „42“ beantwortet?
Ich war ziemlich froh, als ich aus dem Gekreische-Irrenhaus am Abend raus kam. Fußballtraining. Dazu musste ich jedoch erst in mein Büro, um meinen Schlüssel zu holen. Dahin hatten sich die beiden Freundinnen zurückgezogen, um kreuz und quer durch das Klassengeschehen zu telefonieren. „Oh Papa, raus jetzt. Wir müssen telefonieren.“ Als ich zurück kam, lagen so vollgekritzelte Post-it-Zettel auf dem Schreibtisch, die sie sich während des Telefonierens geschrieben haben. Zweite Ebene, Heimlichkeiten im Hintergrund. Verstehe einer das weibliche Geschlecht! Ich habe die Zettel unauffällig verschwinden lassen (nachdem ich sie gelesen habe – rein aus Forschungszwecken, um irgendwie hinter das Mysterium der Weiblichkeit zu kommen, was mir nicht gelungen ist. Ich sage nur: 42).
Heute Morgen hatte ich noch das Vergnügen, die gesamte Mannschaft irgendwie zu versorgen und irgendwie im Rahmen des vorgegebenen Zeitfensters zum Bus zu bekommen. Wie lange brauchen Elfjährige eigentlich im Bad? Ich musste intervenieren, weil Busfahrer nun einmal keine Rücksicht auf ausufernde Badgespräche nehmen. Wie viel kann man sich eigentlich erzählen? Jim musste sich dann die Zähne im Eilverfahren schrubben. Wir kamen gerade noch rechtzeitig und als sich die Bustüren mit einem saftigen Druckluftgeräusch schlossen, war ich irgendwie erleichtert. Und tschüss. Puh.
Ich wünsche euch einen schönen Tag und gebe euch das oben genannte Gedicht mit auf den Weg:
Kirschblütenblättersehnsucht
noch
wirft der schmelzende Schnee
mir kalten Nebel in den Kragen
wann
wirst du kommen
Kirschblütenblättersehnsucht
küss mich
leg deine Hand in meine
die Katzenpfoteninnenseiten
ineinander
aufgelöst eins
nicht wartensehnen
nicht tränentropfen
alles
januar 2010




