Der Tag, als der Krieg begann

„Die ersten Limousinen hielten neben kahlen Bäumen und einem Wald aus Fahnenmasten in Flushing Meadow am Stadtrand von New York und entließen ihre Fahrgäste in ein graues Gebäude, das einmal eine Eisenbahn beherbergt hatte. Draußen hatte sich trotz der kühlen Luft eine Menschenmenge versammelt. Im Innern war ein Saal mit Zuschauern und Delegierten gefüllt. Es war der 29. November 1947, ein Samstagnachmittag.
Das körnige Filmmaterial, das an jenem Tag aufgenommen wurde, zeigt Männer in Anzügen, die in Reihen vor einem erhöhten Podium sitzen, und auf demselben drei Funktionäre mit einem gigantischen Gemälde des Globus im Rücken. Helfer eilen mit Papierbündeln zwischen den Sitzreihen und dem Podium hin und her, und ihr Gesichtsausdruck entspricht dem gewichtigen Anlass: Die Abgeordneten dieser neuen Weltorganisation, der Vereinten Nationen, sind im Begriff, durch eine schlichte Abstimmung den Lauf der Geschichte zu verändern.“ (Matti Friedmann, Der Aleppo Codex – Eine Bibel, der Mossad und das Staatsgeheimnis Israels, Seite 22, erschienen im Herder Verlag.)

Und einen fortwährenden Krieg zu starten. Es ist der Tag, als die Weichen für einen Staat Israel gestellt werden. Die Weichen für das, was immernoch geschieht. Raketen und Gegenraketen. Gerade habe ich das Buch gelesen, aus dem das obige Zitat stammt. Es beschreibt den Weg des Aleppo Codex, der ältesten, genauesten Überlieferung und Deutung der hebräischen Bibel. Ein Blattwerk von äußerster Exaktheit, das die Überlieferungen detailliert kommentiert. Wenn es euch interessiert, lest einmal das Buch von Matti Friedmann. Oder schaut auf die Seite des Ben-Zwi-Istitutes in Jerusalem, das allerdings eine zwielichtige Rolle rund um das Thema Aleppo Codex spielt. Hier sind Teile der Handschrift verschwunden. Weg. Das hat Matti Friedmann aufwändig recherchiert. In den Wirren der Staatsgründung und Kriege des Staates Israel untergegangen. Entwendet. Unwiederbringbar verlorengegangen. Egal? Nein. Wo sind unsere christlichen Wurzeln? Was steht im Alten Testatement? Wer war König David? Wer war Jesus? Das sind gemeinsame Wurzeln. Für uns begann alles in Bethlehem. Und Bethlehem fußt auf der Geschichte des jüdischen Volkes. Wir werden immer gemeinsame Wurzeln haben.

Wusstet ihr, dass es vor diesem Tag im Jahr 1947 überall in der arabischen Welt jüdische Viertel gab? In Aleppo, in Syrien zum Beispiel und auch in Kairo. Nach der Abstimmung begann die Gewalt. Synagogen gingen in Flammen auf, jüdische Nachbarn wurden gejagt und verprügelt. Mit den Siegen der israelischen Armee nahmen die Repressalien zu.

„Während er unauffällig gegenüber der großen modernen Synagoge des Viertels am unteren Ende der Straße stand, beobachtete Isaak, wie Polizisten Randalierer durch die Fenster in das Gotteshaus hoben. Einige hatten Kanister mit Kerosin bei sich. Der angesehenste Weise der Gemeinde, Moises Mizrahi, ein gebeugter Mann in einem roten Fez, von dem jeder glaubte, er sein ein Jahrhundert alt, hielt sich noch im Innern auf. Isaak sah, wie dieselben Polizisten ihn hinausführten. Auf der Straße vor der Synagoge schichteten die Aufrührer einen gewaltigen Stoß aus Gebetbüchern, Torarollen und Talmudtraktaten auf und steckten ihn in Brand.“ (Seite 38)

Die Vertreibung begann, die Feuer brennen heute noch. In Form von Raketen. Von links nach rechts, von rechts nach links. Viele Juden flüchteten. Nach New York, Südamerika und nach Israel, um für den neuen Staat und das eigene Land zu kämpfen. Der Kampf geht weiter. Mit unverminderter Härte. Sechzig Jahre später, immernoch. Unfassbar.

Nun haben wir nach 2008 den Israel-Gazastreifen-Krieg 2012. Wieder sterben Menschen, wieder brennt es. Häuser im Gazastreifen, getroffen von israelischen Kampfbombern. Auf der anderen Seite, im Grenzgebiet und bis nach Tel Aviv heulen die Sirenen, die Raketen der Hamas ankündigen. Wer will so leben? Kein Frieden in Sicht, kein Schalom, kein Salām. Ein Krieg der Religionen. Irland hat es geschafft, Katholiken und Protestanten zu befrieden. Vielleicht… Leider ist am Horizont nichts zu sehen und jeder Krieg bringt neues Leiden und frischen Hass. Rache.

Hier wären die Vereinten Nationen gefragt. Ein Verhandlungstisch. Ein starkes Friedensmandat. Es kann doch nicht sein, dass 2012 Raketen die einzige Antwort auf alle offenen Fragen sind… Klar, ist so. Ende, aus, Mickey Maus. 2008 starben 1.000 palästinensische Zivilisten. Aktuell sind es bereits 90. Drei Menschen starben bislang auf israelischer Seite, was sich gegenrechnen lässt, aber zu keinem Ergebnis führt. Beide Seiten haben ihre Gründe. Ich möchte auf keiner Seite stehen, weil die Schlussfolgerung aus allen Argumenten letztlich dumm ist. Wenn nicht eine Seite anfängt, aufzuhören, hört niemand auf. Ja, ja. Klar? „Wenn du beschossen würdest? Wenn deine Kinder in Gefahr wären?“, „Wenn deine Familie bei Bombenangriffen umgekommen wäre?“. Hilft nix. So kommen wir nicht weiter. Die Welt behält ihren Stellvertreterkrieg zwischen zwei Welten – beide Seiten supported. Mit Waffen, mentaler Unterstützung. Fight for your right. Wer legt den ersten Stein zur Seite?

Jüdische Viertel in arabischen Städten. Zusammen leben. Hat mal funktioniert. Hier steht dann noch einmal deutlich stärker die Frage im Raum: „Wie wollen wir leben?“

Übrigens war es sehr spannend, Matti Friedmanns „Der Aleppo Codex“ zu lesen. Vor allem, weil es Einblicke in die jüdische Geschichte nach 1947 gibt. Der Skandal, den er beschreibt, das Verschwinden von Teilen des Buches und die Vertuschung in Israel ist für uns nicht ganz so aufregend. Hier hatte ich das Gefühl: Es gibt größere Probleme. Dennoch ist das Buch äußerst aufschlussreich und gut zu lesen. Eine Empfehlung meinerseits.

P.S. Das Buch wurde mir vom Herder Verlag über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt.

9 Antworten auf „Der Tag, als der Krieg begann“

  1. Wie wollen wir leben?

    Wie wollen wir leben?
    Wie wollen Menschen in Krisengebieten leben?
    Wie wollen Menschen in Kriegsgebieten leben?
    Wie wollen Menschen in Hungergebieten leben?
    Wie wollen Menschen in Armutsvierteln leben?
    Wie wollen Menschen in verwüsteten Gebieten leben?
    Wie wollen Menschen in Megastädten leben?

    Menschen wollen in Frieden,
    in Zuversicht,
    mit Hoffnung,
    im Schutz,
    menschenwürdig,
    ohne Hunger,
    ohne Schmerz,
    ohne Leid,
    jeden neuen Tag freudig erleben.

    1. Hi Annegret,

      oh, wie schön. So ist es. Da sind alle Menschen gleich. Nur gibt es Orte, da ist das schwierig. Wir waren auch mal ein sehr kriegerisches Volk und haben ja gerade in diesem Jahr das Problem, dass wir viel Geld mit Rüstungsexporten verdienen. Also von weißer Weste ist da nicht zu reden.

      Ich habe noch zwei Punkte zu deiner Liste hinzuzufügen, die mir in meiner Umgebung am Herzen liegen und die für unser „Wie wollen wir leben?“ Relevanz haben: Freiheit und Offenheit. Die Freiheit, Konventionen zu überwinden. Und die Offenheit, anderes, neues zuzulassen oder zumindest nicht gleich zu verdammen. Ich glaube, dass uns eine gewisse Engstirnigkeit in unseren Möglichkeiten begrenzt. Der Kanon der Prinzipien. Es könnte noch schöner sein, wenn es uns gelänge, über den materiellen Tellerrand hinauszuschauen. Das lasse ich jetzt mal so stehen.

      Herzlichen Dank und liebe Grüße

      Jens

      1. Hallo Jens,

        ich habe die Antwort:: Laß uns so sein wie die Kinder.
        Ihre Offenheit ist ansteckend, nicht abschreckend. Sie kennen keine Konventionen. Ihr Horizont ist ein anderer. Sie sind nicht materialistisch, wenigstens nicht von Natur aus. Ihr „Materialismus“ ist eine Sache der Umgebung, der Erziehung.

        Wenn es man nur so einfach wäre!

        LG
        Annegret

  2. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich den Link zu einem Lied von Adamo „Inch Allah“ bei Facebook eingestellt und festgestellt, dass ich nichts geändert hat, das war einige Tage vor der jetzigen Eskalation. Das ist traurig und Du hast recht, wenn du sagst, dass es genug ist, dass jetzt einfach mal Ruhe dort einkehren und bleiben könnte.

    Herzlich
    Gitta

    1. Weißt du, ich habe keine Ahnung, wer von diesen Kriegen dort noch irgendetwas hat. Es geht nur um Stolz und Hass. Und letzten Endes sitzen die Menschen beider Seiten in ihren Häusern und haben Angst, getroffen zu werden und ihre Liebsten zu verlieren. Es ist so dermaßen bescheuert. Der Jubel dann, wenn die anderen getroffen sind. „SIEHSTE! Das kommt da von.“ Häme. Über Jahrzehnte. Jeder entscheidet in jedem Augenblick, wie der nächste Tag aussieht. Drück ich heute ab, muss ich morgen in Deckung gehen. Das Leben hat ein Echo. Und manche sagen: „Ja, so wollen wir leben, mit Hass und Gewalt.“ Und wer Gewalt sät…

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