Mein wunderbarer Freund.

Es gibt Menschen, die sind ein Teil von einem selbst.

Manchmal kommen sie einem abhanden. Wie ein Stock oder Schirm. Über die Jahre wie Schleifstaub im Wind des Lebens weggeweht. Der Blick, das Wollen überall hingerichtet. Kinder, Küche, Kirche. Die Zeiten ziehen mit Macht wie eine Dampflock. Es passiert so viel.

Andreas und ich haben uns nun einige Jahre nicht gesehen. Wir haben uns während des Studiums in Aachen kennengelernt. Er war der Freund einer Freundin, sah aus wie Frank Zappa, fuhr einen Strichachter, spielte Gitarre und war neben Lenny Kravitz die zweitcoolste Socke der Welt. Er war in meine WG eingezogen, die ich irgendwie übernommen hatte, nachdem mein Ex-Mitbewohner mir einen von der Polizei gesuchten DJ in die Wohnung gesetzt hatte. Tom Voice, der dauernd Sex mit irgendwelchen Groupies hatte und ich musste durch sein Zimmer, um aufs Klo zu kommen. Da musste ich die Geräusche verfolgen, um zu wissen, wann ich klopfen kann. Hausarbeiten schreiben, Pipi müssen. Harte Bedingungen. Tom Voice war mit nur einem Seesack, tausend Geschichten und einer Pistole gekommen. Er hatte eine Freundin, deren Haustür er eingetreten hat, weshalb sie dann eine Nacht in meiner neuen Wohnung geschlafen hat. Wirre Zeiten, die mich die WG übernehmen und mit Andreas und Sonja zusammenziehen ließen.

Wir haben in der WG die Welt gerettet. Ich weiß nicht wie oft. Bis morgens um drei, vier, fünf Uhr. Noch ein Bier? Marx. Frankfurter Schule. Dritte Welt. Die Umstände, Gesellschaft, Entwicklung, die Welt, die Welt, die Welt. Ich muss noch schnell die Welt retten… Große Fahnen. Andreas war ein Großteil meines Politikstudiums. Legendäre Partys. Wir hätten jedes Mal renovieren müssen. Ich habe dann Ela kennengelernt, wir sind nach Mannheim gezogen, mein erster Job, und haben ein Leben begonnen. Irgendwann habe ich Andreas aus den Augen verloren. Vor ein paar Jahren. Eine eigene Geschichte. Haken dran.

Für dieses Wochenende haben wir uns verabredet. Freitag habe ich ihn in Köln von der Bahn abgeholt. Da stand er. Mit Koffer. Mein Freund. Wie habe ich mich gefreut. Sein Lächeln, seine glänzenden Augen. Den kenne ich. Wir würden reden, all night long. Ich hatte Wein eingekauft, Leckereien, Kleinigkeiten, Baguette, Käse, eingelegte Dinge. Wir haben uns an den Küchentisch gesetzt, die Zeit Revue passieren lassen, haben gegessen, getrunken, Musik gehört, geredet, geredet, geredet. Ohne Punkt und Komma. Zwei Nächte lang. Bis morgens halb vier.

Am Samstag haben wir mit Zoe frische Pfifferlinge im Wald gesucht, um abends Troffie mit frischen Pfifferlingen zu kochen. Wir haben oft zusammen gekocht, in der WG damals. Haben gemeinsam kochen gelernt. Gutes kochen. Nicht das für das Sattwerden, dieses andere Kochen. Das feine Abschmecken. Welchen Wein dazu? Welche Musik? Andreas hat Jims E-Gitarre entdeckt. Angeschlossen, gespielt. Ich habe ihn mir geschnappt und samt Verstärker in mein Zimmer verfrachtet, ins Sonnenlicht, damit ich fotografieren kann. Hat er mit sich machen lassen. „Was hast du vor?“ „Egal. Komm mit.“ Klick. Die Finger fliegen noch. Satter Sound im Haus. WG. Sag ich doch. Den Nachmittag über haben wir draußen in der Sonne gesessen, haben die Wolken ziehen sehen. Cappuccino. Viel. Noch einen? Ja. Treppengespräche.

Zum Abend haben wir uns den Trecker geschnappt und sind über die Felder rauf ins Nachbardorf zu Jean-Luc. Apero. Einen Rotwein trinken. Auf der Terrasse sitzen mit Blick auf die Wiesen, die Wolken, die vorbeiziehende Zeit. Zurück zum Kochen. Ela und Jens sind gekommen. Wir sitzen zusammen, essen, genießen. Eine sehr gute Flasche Wein aus dem Jahr 2003, die mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte. Eine besondere Köstlichkeit. Chile. Elas iPhone liefert die Musik bis tief in die Nacht. Irgendwann bleiben Andreas und ich über, reden. Lachen. Wie früher. Als hätte der Rhein keinen Tropfen Wasser bewegt in der Zeit. Sonntagmittag muss er weg. Arbeit ruft. Kurzes Frühstück, während Ela und Jens das Mittagessen vorbereiten. WG. Fühlt sich gut an. Bahnhof. Abschied. Winken. Weg. Bald wieder. Wert und Wichtigkeit.

Ein Song, wie ihn Andreas gerne gespielt hätte: dr ring ding Golden Gate Für uns alle.

10 Antworten auf „Mein wunderbarer Freund.“

  1. Schöööne, groovige Musik am Morgen!

    Und „der Rest“ klingt nach absolut nährendem Wochenende- Freude, Entspannung und tragende Gefühle… es ist wirklich beeindruckend durch´s Mäuseloch mit einblicken zu dürfen! Jawohl!

    Viele Grüße an Dich! :)
    sarah

  2. Hi Sarah,

    es gibt Lebensphasen, die sind einfach sehr komprimiert. Die letzten sechs Monate werde ich in meinem Leben an Intensität nicht mehr toppen können. Da war und ist alles dabei.

    Liebe Grüße an dich:)

    Jens

    1. Hallo du,

      ja, das eine stimmt: Extreme Dichte in bestimmten Phasen. Vielleicht siehst du jedoch auch deshalb so viel, weil du dich geöffnet und hingewendet hast, nicht nur einen Blickwinkel eingenommen hast. Deswegen glaube ich nicht, das es endlich ist. Oder eine Frage von “ Besser geht nicht“…, weißt du auf was ich anspiele? Ich glaube schon! …
      Es ist auf jeden Fall schön. So. Einfach und nicht… .
      Schwester im Geiste, glaube ich, gerade.

      Einen schönen Abend wünsche ich dir und weiter viel Weite… !

      1. Hi du,

        nein, weiß nicht genau, worauf du anspielst. Besser geht immer? Bin schon ziemlich hoch geflogen in diesem Jahr und als Highlight-Junkie kenne ich mich mit Höhenflügen über den Wolken aus. Die Landungen sind manchmal etwas hart. Was solls. Einfach ist es nie. Aber: Es gibt Tricks. Den Blick richten. Konzentrieren.

        Weite, ja. Danke.

        Liebe Grüße, Schwesterherz:)

        Jens

        1. Hmm, wenn der Regentropfen ins Meer fällt und erkennt das er selbst das Meer ist…, an diesen Blick dachte ich.
          Ich wollte dir quasi sagen, das deine innere Haltung, dein Sein doch noch viel mehr möglich machen kann. ( Ich glaube zu wissen, dass du diese zenistisch-buddhistische Haltung sehr lebst…kennst).
          Vielleicht wollte ich aber auch noch den Satz… „werde ich an Intensität nicht mehr toppen können“ nicht so stehen lassen, und noch einen Hauch lichte Ewigkeit mit einbringen. Damit du an mehr ( das Meer ) glaubst und nicht an ein mögliches Ende der Intensität… . Genauer?
          Schnauf- jetzt mach´ich mir einen Kaffee und freue mich weiter…danke für den schönen Austausch!!!

          1. Sarah, ich weiß, was du meinst. Noch viel mehr möglich möchte ich gerade nicht. Demut. Respekt. Bescheidenheit. Alles ist auf eine sanfte Art gut. Trägt, erfüllt. Nie mehr ist natürlich Unsinn. Was weiß denn ich? Ich bin gerade einfach dankbar und möchte nicht mehr verlangen. Was ich diesen Sommer erleben durfte, ist einfach… Alles ist gut. Das ist viel.

            Ich mache mir jetzt auch einen Kaffee und freue mich auch über den Austausch:)

  3. Hallo Jens,

    so ein Freund ist ein Goldstück. Eine Freundschaft, die auch „Leerzeiten“ überlebt, ist Lebensglück pur. Ein Hoch auf die Freundschaft!

    Ich wünsche Dir eine sonnige Woche.

    Annegret

    P.S.: Kleines Technikdrama: Kamera in Betrieb genommen, Fotos gemacht, sollten auf den PC, wollten nicht, nicht bei Tochter, nicht bei Sohn. Ich Dummerchen überprüfe die ganzen Steckverbindungen. Treffer. Die Steckverbindung zur Kamera war nicht richtig drin. Sohnemann: „Wie soll ich so etwas ahnen?“ – „Bei Frauen muß man mit allem rechnen!“

    1. Hi Annegret,

      ja. Wirklich.

      Liebe Grüße

      Jens

      P.S. Annegret! Auch Männer vergessen Kabel und wissen nicht, wie was funktioniert! Das ist kein weibliches Alleinrecht, sondern einfach nur geschlechtsneutrale Schuseligkeit. Shit happens.

  4. hey cool, Jens
    da ist ja viel warmes in Bewegung,
    das freut mich überaus sehr!
    und ganz so cool – direkt nach Lenny – bin ich dann doch nicht so ganz:
    unter Gottes heiß-kaltem Himmel!
    Ich könnte dir einige anbieten, die sich mindestens eine kleine Mühe angetan haben, um dort anzukommen…
    Dr. Ring Ding hat auf jeden Fall eine gute Chance…
    schön auch die Feedbacks zum Sound…

    Vielleicht könnte ich deinen Lesern auch als Zuhöhrern noch weitere Exemplare aus meinem musikalischen Untergrund darbieten – schaumermal…

    küsse dich
    Andreas

    1. Hi Sweetheart,

      du hast dich tatsächlich hier in den Blog und in die Höhle des Löwen gewagt. Respekt. War ausgesprochen schön mit dir und ich würde mich freuen, mehr Sounds aus deiner Schatulle hier zu präsentieren. Bis bald…

      Kiss you too

      Jens

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