Pedro Almodóvar: Die Haut, in der ich wohne

Pedro Almodóvar. Immer wieder Almodóvar. Volver, Zerrissene Umarmungen und jetzt Die Haut, in der ich wohne. Dieses Mal liefert Almodóvar eine Romananverfilmung (Thierry Jonquet, „Die Haut, in der ich wohne“, 1984). Großes Kino mit Antonio Banderas, starke Bilder. Keine Penelope Cruz.

Fast könnte man denken, man befinde sich in einem Hollywoodstreifen. Der schöne Antonio Banderas und die sehr schöne Elena Anaya. Dazu ein schönes spanisches Landhaus voller Kunst und ein immer wieder ins Bild fahrender weißer BMW. Das Modell kommt übrigens zufälligerweise aktuell gerade in die Autohäuser. Ein wirklich schönes Auto, das gleich klar macht, in welcher Liga der Hauptdarsteller spielt. Schönheitschirurg.

Nun wird es schwierig, den Film weiter zu beschreiben, ohne ihm das Geheimnis dieses von Wahnsinn durchzogenen Psychothrillers zu nehmen. Es geht um Veränderung, eine Metamorphose, der Eingriff des Menschen in die Schöpfung. Am siebten Tage schuf Gott den Menschen, heißt es. Und es entstand ein Mann Adam, aus dessen Rippe eine Frau Eva geschaffen wurde. Schon war der Dualismus geboren, die Zweipoligkeit der Menschheit, der Kraftmensch und der Emotionsmensch, der Vater, die Mutter. Archetypisch gesehen.

Der Film beginnt mit dem Blick auf die Frau. Eine Frau in einem Raum. Sie beschäftigt sich mit ihrer Kunst, zerreißt Kleider und beklebt damit Figuren, trainiert ihren Körper durch Yoga. Verstörend ist ihr hautfarbener Ganzkörperanzug, ein zweite Haut. Alles wirkt kalt, antiseptisch, verworren. Man glaubt eine Frau zu sehen, die einem Gesundheitswahn verfallen ist. Die Haushälterin schickt im Aufzug das Essen zu ihr rauf – ein Tablett voller Tuben und Plastikflaschen. Astronautennahrung. Es ist klar: Mit dieser Frau stimmt etwas nicht. Bis hierher läuft das Klischee.

Dann schwenkt Almodóvar um. Geht in die menschlichen Abgründe, führt den Arzt ein, sein Projekt der künstlichen Haut, zeigt seine geheime Welt im Landhaus. Ein geheimes Laboratorium, ein geheimer Operationssaal, in dem er mit anderen BMW-Fahrern illegale Schönheitsoperationen durchführt. Unter anderem. In ruhiger Erzählweise wird dann die Geschichte der Frau im ersten Stock erzählt. In Rückblenden wird gezeigt, was geschehen ist. Die Situation wird deutlich. Es ist schlicht unfassbar.

Was auf der Leinwand in schönen, ruhigen Bildern daher kommt, verwandelt Almodóvar in den Betrachtern in Kopfkino. Sich in das Geschehen hineinzuversetzen, schmerzt. Psychisch, körperlich. Dabei ist Almodóvar sunbtiler geworden, psychologisch feinspuriger. Am Ende bleibt man mit dieser Gefühlswelt in der eigenen Haut zurück und fragt sich, wie das alles möglich ist.

Ein sehr spannender Film, sehr ästhetisch, manchmal auch brutal verstörend. Die äußeren Bilder stehen im Widerspruch zu all dem, was passiert. Letztlich ist der Film eine Experiment, in das man sich hineinbegibt. Kein Kunstfilm, Erzählkino. Spannend. Aber eben, typisch Almodóvar, verstörend, verstörend. Und sehr lohnenswert.

Trailer, Fotos zum Film und viele Infos findet ihr unter http://www.almodovar.de/.

16 Antworten auf „Pedro Almodóvar: Die Haut, in der ich wohne“

  1. Guten Morgen Jens,

    eine wirklich schöne Beschreibung des Films, die ein wichtiges filmisches Thema auf den Punkt bringt: „Ein guter Film spielt sich nicht auf der Leinwand, sondern in den Köpfen des Zuschauers ab.“

    Einen schönen Tag
    Liebe Grüße
    Tine

  2. Hi Tine,

    Kino – Kopfkino. Je feiner die Mittel, desto größer die innere Wirkung. Die Bilder, ästhetisiert schleichen sich ein. Verwinden sich im Kopf. man muss schon einige Filme gemacht haben, um die Droge Bild so geschickt einsetzen zu können. Es wirkt alles leicht, schön, reich, vornehm, intelektuell. Fast wie eine Serie. Das Auto fährt vor, der teure Wagen, der Arzt steigt aus. Klischee. Doch hinter den Türen, hinter der Stirn, wartet das Perfide. Das Verworrene. Das Schädliche gehüllt in eine Maske. leider lässt sich das alles nujr in Andeutungen erzählen, weil die Geschichte geheim bleiben muss, sonst ist der Film reizlos. Schaust du ihn dir an? Ist schon auch ein wenig brutal, an einigen Stellen…

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hallo Jens,

      ich hab´ihn gesehen! Whow, bin begeistert. Ein Film, der während des Schauens die rechte und anschließend die linke Gehirnhälfte aktiviert.
      Wie fand ich den Film aus Frauensicht? Auf keinen Fall ist es Horror, Gewalt an Frauen, sexuelle Gewalt, all´ das berührt mich natürlich – als Frau. Ich gebe zu, die Bestrafung des „Täters“ hat spontan etwas befriedigendes in mir ausgelöst (ob ich mich jetzt oute?…;-) ) Das Thema Vergewaltigung – ja oder nein. Gerechte Strafe, Selbsjustiz… Später mußte alles neu hinterfragt werden. Ich hatte eine interessante Diskussion darüber mit meinem Freund.

      Als mir klar wurde, wer die Frau ist, war ich mega überrascht. „Boah, wie krank ist das denn“ war mein spontaner Gedanke und vorangegangene Szenen und Emotionen spielten sich in sekundenschnelle noch einmal in mir ab, wurden anders betrachtet.

      Skurile, surreale Situationen, gekreuzt mit spontaner Komik in Momenten, in denen man emotional an einem ganz anderen Punkt ist. Viele Überraschungen an den richtigen Stellen.

      Der kurze Auftritt des „Tigermenschen“ und seine Verbindung zur Haushälterin. Auch hier der schmale Draht zwischen Liebe und Gewalt, gefolgt von Tod. Amüsiert, fragend, erschrocken und angewidert, unmittelbar aufeinander folgend, erfährt der Zuschauer wichtige Fragmente der Geschichte, bevor der Tigermensch wieder von der Bildfläche verschwindet.

      Das Ende scheint dramatisch, Tote, das „Opfer“ überlebt, „bleibt übrig“ in einer fremden Haut. Dann der seichte Ausklang, die „Versöhnung“, wenn wir erfahren, dass auf diese Weise das inneres Ziel erreicht wurde…

      LG
      Tine

      1. Hi Tine,

        Sprung zurück. Letztes Wochenende. Aldomovar.

        es freut mich, dass dir der Film etwas gegeben hat. Das ist schon ein alter Fuchs, der mit Vorstellungen und Vorverurteilungen spielt. Da muss man schon zioemlich genau wissen, was man tut und wie Bilder wirken. Wer ist denn nun hier der Täter? Nun, ich denke, einige sterben ja durch die Waffe. Der Tiger, der Chirurg. Männer, die sich ihrem Wahn hingeben, die Gewalt ausüben. Gegenüber Frauen. Beziehungsweise im Fall der Gefangenen… Ja, was ist das? Gewalt gegenüber einem Menschen. Wobei die Verurteilung schwierig ist, weil die Frau, die „entstanden“ ist, wesentlich sympathischer rüberkommt als der junge Mann, der sie vorher war. Da war dieser Pillenschlucker, der nicht gerade viel Rücksicht genommen hat. der seine sexuelle Begierde ausleben will und die junge Frau schlägt. Ätzend. Aber eine merkwürdige Szene, weil beide auf Pillen sind und sie die Situation nicht mehr raffet und ihre Pillen gegen ihre Psychosen mit seinen Draufkomm-Pillen vergleicht. Das hat Aldomovar schön verpackt. Klar, der moralisch Schuldige ist der junge Mann, der sich wie ein Idiot benimmt. Aber was dann geschieht. Die Rache des Vaters. Traditionelles Spanien? Schwanz-ab-Feminismus in Form der spanischen Edelmann-Rache. Alles verschwimmt. Dier Klischees, die Kriterien lösen sich auf. Am Ende bleibt eine wunderschöne, traurige Frau, die nun in den Armen der geliebten Angestellten „seiner“ Mutter liegt. Ein merkwürdiges, schräges Happy-End voller Tränen. Shakespeare. Am Ende ist das Glück unter dramatischen Umständen gestorben, weil die Menschen ihren Vorstellungen, ihrem verkürzten Denken unterlegen sind. Die Botschaft? Nichts ist, wie es scheint. Nicht zu vergessen, Aldomovar ist homosexuell. Am Theter habe ich mit vielen homosexuellen Männern zusammengearbeitet. Oft war da das starke Gefühl der Weiblichkeit. Als männlicher Zuschauer werde ich in die Perspektive gezwungen. Wie fühle ich mich als Frau, die vorher ein Mann war? Wie würde ich reagieren, wenn mikr das passieren würde? Genial gemacht. In ästhetischen Bildern, die ein Wegschauen verhindern. Ein so intelligenter Regisseur.

        Danke für deinen Kommentar.

        Liebe Grüße

        Jens

        1. P.S.
          Über die Szene im Park und ob es tatsächlich eine Vergewaltigung war (wurde in einer Szene im Labor ja auch in Frage gestellt…) habe ich lange mit meinem Freund diskutiert. Für ihn war es eindeutig keine. Dieser Aspekt und der schmale Grad zwischen Wahrheit und Wirklichkeit hat ihn sehr berührt und aus männlicher Perspektive verunsichert.

          Ja, wer ist Opfer und wer Täter? Die Frage der Schuld wäre vielleicht noch ein Aspekt… Na ja, ein gelungenes Stück auf alle Fälle und in jedem Fall empfehlenswert!

          Bye

          1. War es oder war es nicht. Er war auf jeden fall recht gewalttätig und hat nicht gerade auf ihre Signale geachtet und sie dann ja sogar geschlagen. das ist natürlich schon einmal unterste Schublade. Zudem hat er sie mit seinem Verhalten zurück in ihre Angstwelt gebracht. Gerade hatte sie weider gelächelt, sah auf der Party so schön und befreit aus, hatte scheinbar das Trauma der toten Mutter überwunden und dann kommt so ein vollgedröhnter Idiot, der ihr Wesen nicht sieht, der sie nur als Objekt wahrnimmt, weil die Chemie seine Sinne vernebelt hat. Menschlichkeit im Ruasch der Chemie untergegangen. Schuld hat er auf alle Fälle auf sich geladen. Die Strafe dann war grausam. Allerdings war das Ergebnis der Szene im Park auch der Tod des Mädchens, die ihr Leben nicht mehr verkraftet hat. Das war eine Verletzung zu viel… Kann man lange drüber reden, über diesen Film.

          2. was gibt’s da zu interpetieren? „nicht gerade auf ihre signale geachtet“ (s.u.) ist ja wohl quatsch, sie hat „nein“ gerufen und ihn dann gebissen – das er sie dann geschlagen hat, war wohl nicht das schlimmste.

          3. Hi bine,

            da gibt es schon einiges zu interpretieren. Sonst wäre es nicht Aldomovar. Ganz so einfach macht er es nicht, finde ich. Du hast absolut recht, dass das auf gar überhaupt keinen Fall gemeinsamer Sex war. Sie hat Nein gesagt und wäre es dazu gekommen, wäre es ganz klar eine Vergewaltigung gewesen. Aber es ist nicht dazu gekommen. Der Typ war brutal und ätzend und war ein ziemliches Arschloch. Und es war für die Frau demütigend und hat sie zurück in ihre Angstwelt geworfen. Aber so einfach hat es Aldomovar dem Betrachter nicht gemacht, dass der Typ dann als Vergewaltiger bestraft wird durch den Vater. Das wäre Hollywood gewesen. Die Frage ist: Was hat er als Strafe verdient? Einsperren, umoperieren. Ist das die gerechte Strafe?

            Liebe Grüße

            Jens

  3. Hallo Jens,

    so gerne ich Antonio Banderas in Filmen sehe: Diesen Film werde ich mir garantiert nicht anschauen. Zu viel Brutalität ist nichts für meine Nerven. Dann bekomme ich Alpträume. Der Titel erinnert mich ein wenig an „Das Parfum“, das ich weder gelesen noch angeschaut habe, über den Inhalt wurde mir aber berichtet.

    Viele Grüße

    Annegret

  4. Hi Annegret,

    mit „Das Parfum“ ist der Film nicht zu vergleichen, dennoch gibt es einige Szenen, die nicht so nett sind. Da ist es schon besser, sich zu schützen, wenn man weiß, dass das an die Nerven gehen könnte. Und am Ende wäre ich schuld, herrje. Lieber nicht.

    Liebe Grüße

    Jens

  5. Bis vorhin habe ich überlegt, vielleicht könnte ich mir diesen Film ja anschauen, klingt interessant. Jetzt habe ich diesen Artikel gelesen und überlege, den Film sollte ich mir aber wirklich unbedingt anschauen. Auf die Gefahr hin, daß ich einige Szenen zu gruselig finde – aber meine Augen haben ja diese praktischen kleinen Deckel, die ich bei Bedarf mühelos zuklappen kann.

  6. Hallo Jens,

    es ist schon sehr interessant. Meine Kinder (16/20) waren mit ihrem Vater im Kino und haben den Film gesehen. Beide fanden den Film gut. „Das war gar kein Horrorfilm!“ Antonio Banderas spielt den Bösewicht. Auf die Frage, ob der Film etwas für mich wäre, kam die Antwort: „Nööö.“ Ich gestehe, daß meine Tochter auch Horror- oder Gruselfilme mag, im Gegensatz zu mir.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ist schon spannend der Film, aber tatsächlich nicht in allen Szenen was für schwache Nerven. Ein Gruselfilm ist es nicht, tatsächlich. Obwohl manche Ideen und Vorstellungen schon gruselig sind.

      Liebe Grüße

      Jens

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