Projekt Elaine.

Nur die rote, blinkende Lampe des Anrufbeantworters bringt Farbe in den Raum. Alles andere ist weiß. Der Boden aus weiß lasiertem Holz, die Ledercouch, der Ledersessel, der kleine Tisch mit dem weißen MACbook, der Schrank. Seit Stunden sitzt sie auf der Couch, sieht zu, wie sich das Licht im Raum verändert, wie die weißen Wände es zurückwerfen, tanzen lassen. Sieht wie und wo Schatten entstehen, die die wenigen Möbel verändern, ihnen neue Oberflächen geben. Auf dem Schrank wollte sie die Schatten mit einem Edding nachzeichnen. Den Augenblick festhalten, minütlich. Ein Muster des Tages. Sie will keinen schwarzen Edding mehr. Niemand hat ihre Nummer. Seit einem halben Jahr wohnt sie in dieser sündhaften teuren Wohnung über dem Fluss. Das Haus wie ein Kran daran gebaut. Die großen Fenster nach Osten ausgerichtet, in die aufgehende Sonne. Morgens schläft sie. Lange Nächte. Zu lange Nächte. Sie arbeitet an ihrem Projekt, ihrem Projekt.

Niemand hat ihre Nummer, den Anrufbeantworter hat sie einfach mitgenommen, aus Ordnungsgründen angeschlossen. Das Telefon benutzt sie so gut wie nie, ihre Rufnummer ist unterdrückt. Sie will so wenig wie möglich in Erscheinung treten. Wieso blinkt der Anrufbeantworter? Sie will ihn nicht abhören, will niemanden, den sie nicht eingeladen hat, in ihren weißen Raum lassen. Hier ist alles sauber, clean. Sie hat ihn selbst entworfen, hat jedes Detail lange geplant. Ihr größtes Problem war, die Elemente zu vereinen, ohne Farbe, irgendeine Farbe in den Raum zu lassen. Das Feuer, das Wasser, die Erde. Beim Feuer hat sie sich für eine kleine Flamme an der Wand entschieden. Ein schlichtes Brennerrohr ragt aus dem Mauerwerk. Die Gasflamme brennt seit ihrem Einzug Tag und Nacht. Die Erde hätte der Boden eines Bonsais sein sollen. Dann hätte sie die Farben Braun und Grün der Erde, des Stamms und der Blätter zulassen müssen. Das Problem hatte sie lange beschäftigt. Sie hatte telefoniert, gemailt, Meinungen eingeholt und sich zuletzt für einen weißen, etwa kniehohen Würfel entschieden, der mit japanischer Erde gefüllt ist. Die Erde ist nicht sichtbar, aber sie weiß, dass sie da ist. Das Wasser ist der Fluss draußen. Sie spürt ihn, den Strom, den übermächtigen Fluss, wegen dem sie diese Wohnung gewählt hat. Er nimmt alles mit, fragt nicht, ist immer da. Ihr Freund.
Sie kann den Anrufbeantworter nicht ignorieren. Sie möchte ihn aus der Wand reißen und in den Fluss schmeißen. Sie hatte die rote Lampe einfach übersehen. Der Anrufbeantworter ist weiß, selbst das Kabel ist weiß. Alles bis ins Detail durchdacht, kein Fitzelchen Farbe irgendwo. Bettwäsche, Pyjama, Tassen, alles, alles, alles weiß. Nur diese kleine LED nicht. Bevor es Nacht wird, muss sie etwas tun. Rotes Blinken akzeptiert sie nicht. Sie hat eine schwere Nacht vor sich, weil sie in ihrem Projekt an einen wesentlichen Punkt gekommen ist. Ihr Projekt ist ein Kunstprojekt. Eine Arbeit für ein großes Museum. Eine Ausstellung zum Thema Frau. Ihr Thema. Schon immer. Ihre Welt, ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Zerrissenheit.
Sie fotografiert Frauen. In dieser Wohnung. Nur dann ist sie bereit, Farbe reinzulassen. Die Frauen, die sie fotografiert, dürfen das. Sie sitzen in dem schlanken weißen Ledersessel ihr gegenüber und reden. Manchmal die ganze Nacht. Sie spricht sie an. Draußen. Schon immer. In diesem Projekt ist sie einen Schritt weiter gegangen, hat sich an ihre Ängste heran getraut, ist an die Orte gegangen, die sie so sehr fürchtet. Seit zwei Monaten besucht sie nächtlich den Straßenstrich oder Bordelle. Anfangs war es hart. Sie wurde beschimpft, vertrieben. Als Perverse gesehen. Sie hatte in ihrem Bett gelegen, hatte geheult, sich gequält. Trotzdem war sie wieder hingegangen. Anfangs stand sie da, abseits, wie eine Außenseiterin. Oft war sie von Männern angesprochen worden, denen sie einfach immer nur „Verpiss dich“ mit kaltem Blick entgegengeschleudert hat.
Nun hat sie die ersten Fotos. Marian hatte sie in die Szene eingeführt. Eine Studentin, die sie als Kundin gewinnen wollte. Sie waren ins Gespräch gekommen. Sie hatte sie bezahlt und mitgenommen. In ihre Wohnung. Marian hatte sich bereit erklärt, an dem Projekt teilzunhemen, auch wenn es sie als Prostituierte outen würde. Sie wusste eh nicht, ob das Studium und die Aussichten eines Abschlusses noch ihre Welt waren. Marian hat sie in die Szene eingeführt, hat sie den Frauen vorgestellt, hat den Zuhältern erklärt, dass es um Kunst geht. Wenn sie zahlt und es dem Geschäft nicht schadet. Heute Nacht würde sie Elaine mitnehmen. Die für sie faszinierendste Frau. Sie hatte sie auf der Straße, auf dem Strich fotografiert. Intensive Fotos. Ein Blick, ein Ganzes, ein kostbares, feinfühliges, starkes Ganzes. Sie war nur an den Gesichtern der Frauen interessiert. An den Gesichtern im Gespräch. Grundvereinbarung: Kein Leid, keine Ausbeutung, kein Dreck, kein Sex. Sie wollte keine Lebensbeichten, keine Seelenschau, kein Moralisieren.
Sie sucht. Bevor es dunkel wird, muss sie etwas unternehmen. Sie kann nicht mit Elaine zurückkommen und den Anrufbeantworter blinken sehen. Sie steht auf, zieht den Stecker, klickt das Telefonkabel aus der Buchse. Kein Blinken mehr. Sie öffnet das große Fenster und schleudert das Gerät samt Kabel in den Fluss. Ein schönes Bild. Wie ein Drachen im freien Flug, die Drähte als Schweif im Wind. Sie will es nicht mehr. Sie will es nicht mehr hören. Dieses andere Gerede. Schluss. Sie schließt das Fenster, bereitet sich vor für die Nacht. Geht zu Elaine.

18 Antworten auf „Projekt Elaine.“

  1. Mir fällt dazu das Wort faszinierend ein.
    Dass es sehr gut geschrieben ist, das muss man nicht wiederholen, ich tu es trotzdem. Nachdenklich bleibt der Leser zurück, zögert zu gehen und weiß, dass er nicht bleiben kann.

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      ein Experiment. Eine Geschichte. Eine Momentaufnahme. Für den Brigitte Woman-Blog habe ich mal eine Geschichte geschrieben. Jetzt eine für Fiftyfifty. Bin gespannt, wie die Reaktionen sind. Ist mal was ganz anderes. Aber es muss ja auch spannend bleiben und herausfordernd…

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    ich habe gelesen und gelesen und gelesen und konnte gar nicht mehr aufhören. Eine Frauengeschichte – Wunderbar. Ich bin sooooooooo gespannt, wie es weitergeht. Ein Hoch auf Deine Fantasie!

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ups. Und nu? Weitergeht? Kann ich nicht. Ich kann immer nur kurz und dann ist Schluss. Morgen früh werde ich wieder bloggen. Ein neuer Tag, ein neues Thema. Wie und wann soll ich an der Geschichte weiterschreiben? Sorry. Das ist das Unbarmherzige von Kurzgeschichten. Die sind dann zu Ende. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Ich kann jetzt nicht auch noch an einem langen Text arbeiten – parallel zu allem. Obwohl das sehr verlockend wäre.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    nee, das ist aber gemein. Du willst mich doch nicht auf den Arm nehmen? Das ist doch keine Geschichte à la Sommernachtstraum? Naja, ich denke mir die Geschichte alleine zuende, wenn es sein muß. Ist aber wirklich gemein!

    Guten Abend,

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      sorry. Habe ich nicht mit gerechnet, dass da „iwe geht’s weiter Wünsche“ aufkommen. Und gemein wollte ich auch nicht sein. Is ja irgendwie nicht meine Art. Dass das trotzdem gemein ist, seh ich ein. Aber was soll ich tun? Ich weiß tatsächlich nicht, wie ich da weiterschreiben sollte. Ist schon aus meinem Kopf raus. Vielleicht kommt es ja nochmal rein. Aber versprechen kann ich nix.

      Wünsche dir einen hoffentlich trotzdem schönen Abend

      Jens

  4. Hallo Jens,

    da ich ja ein klitzekleines bißchen enttäuscht bin, möchte ich Dich an Deinen Sommernachtstraum erinnern. Der war aber noch nicht fertig. Oder? Ich meine, Du brauchst ihn nicht jetzt weiterschreiben, denn er paßt nicht in diese plötzlich so kalte Jahreszeit.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      nach nun wie vielen Monaten ist es dir gelungen, meinen schwachen Punkt aufzudecken: Ich kann keine langen Texte schreiben. Keinen Roman. Stücke, ja. Aber keinen langen Text. Geht nicht. Macht der Kopf nicht. Vielleicht irgendwann… Ich arbeite dran und hoffe. Schreibe ja erst seit Februar wieder regelmäßig literarische Texte. Vielleicht kommts ja…

      Liebe Grüße

      Jens

  5. Hallo Jens,

    der Groschen ist gefallen. Peng. Mehr geschmissen als gefallen. Aber dafür kassierst Du leider ein paar Minuspunkte. Mich soooo im Ungewissen zu lassen. Geht aber gar nicht.

    Annegret

    P.S. Für das nächste Mal weiß ich dann aber bescheid.

    1. Hi Annegret,

      ist der Ruf erst ruiniert… Auch Minuspunkte gehören zum Leben eines Bloggers. Asche auf mein Haupt. Ich krieche zu Kreuze. Werde einhundert Mal schreiben „Du sollst keine Erwartungen wecken!!!“ Oder besser 200 Mal? Noch öfter? Annegret! Jetzt bist du zu hart. Ich meine, immerhin, das solltest du nicht vergessen, ich habe dir heute eine Story geliefert! Und du hast sie gerne gelesen. Is das ein Wunschkonzert hier, oder was. :)

      Liebe Grüße

      Jens

  6. Hallo Jens,

    nein, bei Dir gibt es kein Wunschkonzert. Aber Leute, bin ich wirklich die Einzigste, die nicht wußte, daß Du nur Kurzgeschichten, wenn auch wunderbare, schreibst? Outet euch!

    Lieber Jens, ich werde die Geschichte im Kopf behalten und verzeihe Dir.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      das konnte niemand wissen, weil ich das noch nie gesagt habe. Oder nicht nach gefragt wurde? Und vielleicht kann ichs ja doch. Aber weißt du, unter welchen Bedingungen ich hier schreibe? Nix Schriftsteller in einem bretonischen Haus am Meer, der sich den ganzen Tag nach Inspiration sehnt. Ich hänge hier, texte für Geld und blogge so ganz nebenbei. Da ist nicht wirklich Raum und Zeit, eine Story über mehrere Kapitel anzudenken, Inhalte zu recherchieren, Figuren aufzubauen. Das muss hier alles schnell gehen, sonst funktioniert das nicht. Ich denke, du kannst dir das vorstellen…

      Danke, dass du mir nochmal verzeihst!

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Hi Annegret,

        Teil 2 ist online. Es ist fast 24 Uhr. Und ich bin hundemüde. Und verlange jetzt bitte nicht Teil 3…

        Liebe Grüße

        Jens

  7. Also ich hatte mir ehrlich schon Sorgen um Annegret gemacht ;)

    Aber ich denke, sie hat das hier ausgefochten, was in meinem Kopf auch vor sich geht. Allerdings bin ich weniger der Typ Mensch, der das einfordert! Aber ich freu mich natürlich umso mehr auf Teil 2, den ich ganz in Ruhe lesen möchte und hoffe, dass dann nicht die Erwartungen gesteigert werden!

    Viele liebe Grüße euch, Annegret und Jens

    Claudia

    1. Hi Claudia,

      ich hab mit dem neuen Blog alles ein wenig durcheinander gebracht. Es ist einfach so, dass ich hier mehr mein eigenes Ding machen kann. Mir ist das Bloggen ans Herz gewachsen und deshalb möchte ich es unter für mich bestmöglichen Bedingungen machen. Hier habe ich viel mehr Speicherkapazität für Fotos und kann zum Beispiel RSS-Feeds nutzen, um regelmäßige Leser/innen per E-Mail zu benachrichtigen. Das macht mir Spaß, den Blog auszubauen und mit technischen Features zu versehen.

      Ja, Annegret hat gestern hart gekämpft. Da fiel das Wort „gemein“, das ich so nicht auf mir sitzen lassen konnte:). Nun: Sie hat mich motiviert, über meinen Schatten zu springen und eine Story weiterzuschreiben. Jetzt gibt es schon einmal einen zweiten Teil. Wer weiß, was weiter passiert…

      Liebe Grüße

      Jens

  8. Sie wirkt so eingeschlossen, die Wohnung aber gerade zu perfekt, ob wohl alles weiß ist.
    Aber es lenkt nichts ab und vernebelt nicht die Sinne, sie hat einen klaren Kopf und weiß was sie will. Aber sie ist nicht Glücklich.

    1. Hi Eifelsternchen,

      danke für den Kommentar. In diesem Augenblick ihres Lebens ist sie tatsächlich nicht glücklich.

      Liebe Grüße

      Jens

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