Beck’s löscht Männerdurst

Beck's_red

Friday:) Yippie ey yeah.

Und: Ein schönes, kühles Feierabendbier. Von Beck’s. Ob ich hier Schleichwerbung betreibe? Nein, das ist keine Schleichwerbung, das ist maximal offene Werbung. Hab ich zwar nix von, aber man kann ja auch mal ’ner Brauerei was Gutes tun. Auch, wenn sie neben den B’s für Bremen und Beck’s ein weiteres in Anspruch nimmt: Belgien. Herrje. Die Belgier haben den Laden gekauft. Schon vor langer Zeit. Aber da wir ja alle im Herzen Europäer sind…

Kürzlich. Genau genommen gestern. Da fuhr ich durch Köln und schaute mir all die schönen Bilder links und rechts und über der Straße an. Und plötzlich. Zappadau. Eine große Beck’s-Flasche auf einem Plakat. Nur: Irgendetwas war anders. Das Etikett. Retro. Eine besondere Edition. 140 Jahre. Happy Birthday.

Nun muss ich sagen, dass ich die Marke Beck’s mag. Wegen des Segelbootes und wegen der grünen Flaschen. Sieht so schön schick aus. Und dann, ja. In Italien ist Beck’s das teure Importbier. Das Edelbier. Normalerweise trinkt man Peroni oder Moretti. Aber. Also wirklich. Dieses italienische Bier ist schon sehr süffig. Öffnet man dann die grüne Flasche, schaut aufs Meer, sieht die Sonne versinken, Segelboote am Horizont verschwinden und trinkt den ersten, kühlen Schluck – ja, da ist er, der Moment. Ein inneres
Sail away.

Dieses Bier hat einfach eine wunderbare Story. 1873 gegründet und dann von Bremen in alle Welt verschifft. Ich sehe Windjammer, Matrosen in Wind, Wetter und Sturm. Geschunden, unterwegs im Ungewissen, nicht wissend, ob sie jemals wieder… Gebete in der Kajüte, Fluchen an Deck, Befehle, Skorbut, Tränen, Streit, Schlägereien, Männerliebe, Glücksspiel, Zeitvertreib und das schlechteste Essen, das man sich vorstellen kann. Pampe, Brei, schlecht gespültes Geschirr. Und dann? Und dann? Ein Beck’s! Ausgegeben vom Koch, gehütet wie das Gold in Fort Knox. Verteidigt mit Küchenmessern und Waffengewalt. Wie sehr sie sich nach einem Rausch sehnen. Nach Klettern in den Wanten im Starkwind, den durchnässten Klamotten auf der Nord-Ost-Passage, den an Hanfseilen beim Segelreffen blutig gescheuerten Händen. Ein Moment des Glücks. Nur für sich. Die Lippen umfassen zart Glas oder Flasche, der Kopf neigt sich leicht nach hinten. Bier. Frisch, bitter. Im Mund halten, den Augenblick auskosten, dehnen, weiten. Die geschlossenen Augen, das Lächeln, der Moment.

Nun. Diese Flasche dort oben im Blog war in allen Häfen der Welt, ist mit untergegangen, war die letzte Ration, Hoffnung, Freude.

Mein Vater mochte kein Beck’s. Er hatte einmal, früher, viel früher, bei einer Keilerei eine grüne Flasche auf den Schädel bekommen. Das waren noch Zeiten, als Beck’s Männerdurst löschte und echte Männer sich betranken, um die Fäuste fliegen zu lassen, um sich mit blutigen Nasen zu versöhnen und hoch die Tassen und weiter im Takt und morgens bei Sonnenaufgang Eier braten bei irgendwem… Was für eine Nacht.

Mir gefällt dieses Retro-Etikett sehr. 140 Jahre alt. Bier brauen und Brot backen, das können sie, die verfluchten Deutschen, die doch immer irgendwie wieder auf die Beine kommen und zurück in den Hafen. Sie sind schon merkwürdig, manchmal, aber auch Himmelhunde. Weiß Gott.

So. Und jetzt? Schönlau, lande mal, wie Frau Viveka sagen würde. Ich meine ja nur. Ich freue mich über eine schöne Kampagne und eine tolle Marke, die so viele Geschichten in sich trägt. Es geht doch nichts über Authentizität. Die haben Glück, die Werber und Markenmenschen, die die grüne Flasche umsorgen dürfen. Da ist ernten angesagt. Mitnehmen, was eingezahlt wurde.

Die Flasche ist übrigens eine Limited Edition. Gibt es nur im August. Danach isse wieder weg. Wie schade. Gleich werde ich noch eine trinken. Am Feuer mit meiner Liebsten. Viveka kommt. Ich werde die Feuerschale beladen, das Feuer ohne Anzünder entflammen, wir werden dort sitzen, auf’s Meer schauen, die Segelboote ziehen sehn, die Gesänge der Seemänner hören und in Italien sein. Vorne, direkt vorne am Meer, dort, wo es am Schönsten ist, wo das Plankton im Mondlicht grün leuchtet. Habt ihr das mal gesehen? Unglaublich schön. So grün, wie ein Glühwürmchen oder eine Flasche Beck’s im Sonnenlicht. Und die Wellen summen, und die Fische neigen ihre Köpfe aus Ehrfurcht und der große Wagen im Nordwesten steht still, als würde er zum Einsteigen laden. Hossa.

Ich wünsche euch ein schönes, schönes Wochenende. Lebt, liebt, weitet die Grenzen des Lebens. Ciao.

P.S. Die Headline ist natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen. Ein Zitat. In den Sechzigern war das der Werbespruch des Hauses. Da wusste Bauknecht noch, was Frauen wünschen…

Irgendwie alles so Italien…

Surfboard_red

Ciao.

Wer hier öfter ist, ich meine, schon lange, so die letzten Jahre, der weiß… Der Typ, der hier schreibt, hat so ein Italienproblem. Ist er nicht dort, denkt er dauernd dran. War er dort und kommt zurück, hängen die Gedanken zurück. Dann werden die Fotos gezeigt, die Geschichten erzählt und all das findet kein Ende. Erinnert ihr euch an diese Fernreisen-Diavorträge von früher? Klaus vor den Pyramiden. Klaus mit dem ägyptischen Reiseführer. Klaus in einer Oase. Klaus auf dem Basar. Klaus trinkt ein Bier. Klaus lächelt. Und Klaus nimmt kein Ende… Und äh, ich glaube, schade eigentlich, mein Bus fährt, überhaupt hab ich so ein Gefühl, dass mein Haus brennt und ich mal weg müsste. Toller Diavortrag, Klaus. Super Reise. Bisten echter Weltenbummler. So kosmopolitisch und so. Tschüss auch, bis die Tage. Viel Spaß noch. Bis neulich. Ja, so einer bin ich. Nur eben Italien statt Ägypten. So in etwa. Allerdings heiß ich nicht Klaus.

Tja. Müsst ihr durch. Ihr esst gerne Pizza, Lasagne, mögt Espresso, Fiat 500, italienische Schuhe, vielleicht. Und was ich euch zu zeigen habe, ist nun auch nicht das Schlechteste. Ich meine. Tatsächlich ja, es gibt Schlimmeres.

Für mich ist es momentan nur schwierig, irgendwie einen roten Faden in diese grün-weiß-rot gefärbte Brille zu bekommen. Wo fange ich an? Wo höre ich auf? Es ist ein wenig verflixt. Seit Montag arbeite ich. Samstaggnachmittag noch oben auf dem Gotthard, Montagmorgen im Office. Finger fliegen lassen. Projekte abarbeiten. Schreiben. Denken. Als wäre nichts gewesen. Gar nichts. Dabei war so viel. Nun gut, die Welt kann nicht auf einen Herrn Schönlau warten. Sie dreht sich weiter, lächelt, klopft mir auf die Schulter und flüstert „Mach dir keinen Kopf, Baby. So läuft das. Ich drehe mich und wer mit will, der schwinge die Hufe. Avanti-Galoppi.“ Ts.

An dieser Stelle nun habe ich eine Fotoidee. Endlich passiert mal was in meinem Kopf. Der ist blogtechnisch so träge. Herrje. Da habe ich Geschichten, Material und der macht Siesta. Liegt noch am Strand. Trinkt Cappuccino, Aperol, Peroni. Aus 0,66l-Fässern. (Unter uns: In Italien italienisches Bier zu trinken, hat einen gewissen Kultstatus, aber. Ganz ehrlich? So ein echtes deutsches Bier, so ein Becks zum Beispiel, hey. Aber. Ich versuche mir verstärkt abzugewöhnen, wählerisch zu sein. Nehmen, wie es kommt.)

Das Karussell-Foto vom Wellentag. Dunkle Wolken, ein rosafarbenes Karussell und Musik von Elvis Presley. Sehr skurril die Szenerie.

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An dem Tag ist auch das Foto vom Surfbrett oben entstanden – auf dem Rückweg von der Promenade zum Strand und ab in die Piper-Bar, die ich dieses Jahr wenig frequentiert habe. Lieber mit Viveka sitzen. Irgendwo im nirgendwo. Egal. Dummes Zeug reden. Geschichten erfinden. Lachen. Was haben wir gelacht. Mann. Heia Safari.

Ich meine, wo ich jetzt schon mitten im Wellentag gelandet bin, da nutze ich die Gelegenheit und schiebe hier noch zwei Fotos rein. Zwei Paare. Eines älter, eines jünger. Beide trotzen den Wellen. Die einen professionell, die anderen standhaft – eine lange Zeit schon. Gemeinsam. Komme, was wolle. So sah’s aus und ich zog meinen Hut, der eine Mütze war. In gelb, von Zoe. Eines ihrer Geburtstagsgeschenke, das sie mir öfter geliehen hat. Bis die Tage, vielleicht schaffe ich es doch noch, zu landen (Muss allerdings noch nicht unbedingt sein. :)

Brandung2_red

Salvataggio_red

Es ist etwas passiert…

Viveka und Jens

Wir sind wieder zurück. Und ja, es ist viel passiert. Klar, wenn man auf Reisen ist. Wenn man sich auf den Weg macht in ein Abenteuer. Wenn man mit Freunden und family-mixes unterwegs ist. Wenn man Länder durchfährt, Tunnel durchquert, die Heimat verlässt, das sichere Terrain, die Gewohnheit, die Spülmaschine, die comfort-zone…

Ohne Herrn Cooper, der sich gestern ein Bein abgefreut hat. Was für eine Begrüßung nach drei Wochen. Er hat sich auf meine Füße gelegt, ist nicht von meiner Seite gewichen. Oh, Mann.

Aber nun, was ist passiert?

Viveka hat mich gefragt. Im Urlaub. Ob ich ihr Freund sein möchte. Was ich geantwortet habe? Klar. JA. Wir sind nun also nicht mehr irgendwie heimlich versteckt Geliebte und Geliebter oder sonstwas, sondern ein offizielles Paar. Ein Jahr später. Nach Italien 2012.

Ich hatte wieder, wie im letzten Jahr, ein wenig Schiss vor diesem Urlaub. Würde es wieder so schön werden? So unbeschreiblich? So unfassbar? Bis ins übertrieben kitschig Romantische? Nicholas Sparks ohne Tote. Das Gift der hohen Erwartungen. Ich hatte versucht, ruhig zu bleiben, mir nichts anmerken zu lassen, den Wagen zu lenken, die Dinge zu tun, die getan werden müssen. Konzentration auf das Wesentliche. Ich habe ein gebrauchtes Surfbrett gekauft. Für die Kinder, für mich. Einen Dachgepäckträger über ebay-Kleinanzeigen. Einen Gaskocher, eine Gasflasche. Habe meine Sachen gepackt, meine Sehnsüchte ins Waschzeug geräumt, meine Wünsche in den Socken versteckt. Die Kamera geladen, in neue, optimistische hellblaue Boardshorts investiert. Von Quicksilver, weil Nicola Quicksilver trägt. Wer ist Nicola? Ach.

follow your heart

Wir sind beide Widder. Viveka und ich. Oje. Beide Sonntagskinder. Beide an einem Ostersonntag geboren. Paare suchen Gemeinsamkeiten als Halt und sprechen von Wundern, Besonderheiten, Seelenverwandschaften, Konstellationen, Vorsehungen. Es war ein Sonntag in Italien, als sie mich fragte. Und ich habe keine Sekunde überlegt, weil ich die Antwort längst wusste. Seit Monaten schon. Weshalb ich nicht gefragt habe? Habe ich doch gerade gesagt. Weil es nicht an mir war, eine Antwort zu finden.

Levanto Sonnenuntergang

Und dann waren wir ein Paar. Und jetzt gibt es kein fifty-fifty mehr, weil jetzt alles komplett durcheinander ist und kein Stein mehr auf dem anderen steht. Kein wildes Chaos, nein. Alles geht seinen Gang. Aber auch keine Ordnung. Davon ist es weit entfernt. Was wird, steht in den Sternen.

Die Sterne. Ich hoffe, sie werden für uns leuchten. Wieder so viele Sternschnuppen in unseren Nächten vorne auf den Steinen am Meer. Den Wellen zuhören, den Sternen beim Fallen zusehen, Viveka sagt, dass sie sich wieder nichts wünscht, küssen, Bier trinken, nicht nach Hause gehen.

An unserem familienfreien romantischen Abend waren wir in meinem geliebten Vernazza. Haben erst auf einer Bank gesessen, den Menschen zugesehen, wie sie die Hauptstrasse herunter schlendern. Ist man verliebt, braucht man nicht viel. Dann sind wir zu Giannni gegangen, haben auf der Steinbank vor der Bar gesessen, Espresso getrunken, wo sonst die Kellner sitzen und Espresso trinken. Einar kam auf uns zu. Einer der Kellner, den ich kennengelernt hatte, als er noch im Gambero Rosso bediente, wo ich meinen vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Er hatte uns bedient. Seither. Weil er gähnte, sprach ich ihn auf seine Müdigkeit an. Er sagte: „Ramadan. Noch 20 Minuten. Was mir fehlt, sind die Zigaretten. Ach.“ Dann reichte er mir die Hand, sagte, Inschallah. Und ich nahm es als Segen eines netten Menschen und antwortete überzeugt: Inschallah. Einar lächelte, entschwand in die Küche.

Ach. Und ich hatte wieder Sorge vor den Erwartungen. Und dann? Wie sagte mein Papa immer: Kommt alles anders, als man denkt. Ein weiser Mann, mein Papa. Er war mir im Urlaub so nah. Viveka hätte ihn in seiner Verrücktheit geliebt. Wirklich. Ach. Ich kann euch gar nicht sagen… Muss ich den Blog jetzt umbenennen? Den Fokus neu ausrichten? Wisst ihr. Egal. Hauptsache, es macht Spaß. Lassen wir eine Sache einfach so, wie sie war.

Ich freue mich, wieder bei euch zu sein. Wahrscheinlich werde ich euch in der nächsten Zeit mit Italienfotos ein wenig nerven. Meine Kamera wollte ständig etwas festhalten und hat sich über 1.800 mal ausgelöst. Klick. Klack. Leider nur wenig, die wirklich was taugen. Vorstellungen. Es sieht dann doch immer alles anders aus. Wie sagte Tom Hanks als Forrest Gump: Das Leben ist wie eine Pralnenschachtel, man weiß nie, was man bekommt. Ciao.

Die feine Sache mit der guten Kunst – OSTRALE‘ 013

Sebastian Hempel, Rauminstallation, Tor 10
Sebastian Hempel, Rauminstallation, Tor 10

Kunst- und Dresdenwoche hier im Blog. OSTRALE’013.

Nachdem ich nun recht umfassend über DAVIDS Auftritt und die Stadt geschrieben habe, hier nun ein Blick auf die Ausstellung. Ich habe mir erlaubt, sechs Künstler/innen heraus zu picken. Denn die OSTRALE ist ein aus dem Boden gestampftes Museum für moderne Kunst, das 90 zeitgenössische, internationale Künstler/innen präsentiert – und das in einer Form, wie man sie sich nur wünschen kann. Mit viel Raum, Freundlichkeit, Lockerheit und einer sehr schönen Atmosphäre in beeindruckender Kulisse. Letztlich verantwortlich für all das zeichnet Andrea Hilger, die auch diese 7. Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste unter ihre Fittiche genommen hat. Auf dem Ausstellungsgelände ist sie omnipräsent und kümmert sich – zusammen mit den vielen anderen. Man spürt die Menschen, die hinter der OSTRALE stehen. Das tut der Kunst, dem Projekt gut.

Besucherlounge im OSTRALE Café
Besucherlounge im OSTRALE Café

Die Werke der OSTRALE‘ 013 hängen, stehen, liegen, leuchten, klingen, bewegen sich, lassen sich begehen in den Futterställen und Heuböden des von Hans Erlwein vor über hundert Jahren entworfenen Schlachthofgeländes. Das Schöne, das Gute: Fein ausgewählte Kunst trifft auf die atmenden Möglichkeiten der Improvisation. Nichts ist wie aus dem Ei gepellt. Keine Glasfassaden, kein Edelstahl, kein Parkettboden. Alles so, wie es mal war, als hier noch Tiere ihren letzten Weg gegangen sind. Das Überzeugende am Gelände und an den Bauten ist die Abwesenheit von gewollter Perfektion. Das gibt einen subversiven Rahmen vor, der Kunst authentisch präsentiert und ihr die Möglichkeit gibt, fernab von Hochglanz lebendig zu bleiben. Die OSTRALE ist angenehm weit weg von Investitionen, die zum Beispiel die Zeche Zollverein zu einem institutionalisierten, fixen Kunstraum machen. Mit allen umgesetzten, vermeintlichen Notwendigkeiten.

So, nun viel Spaß mit dem, was es zu sehen gibt und was ihr, wenn möglich, live erleben solltet. OSTRALE‘ 013.

Das Titelfoto oben zeigt eine Rauminstallation von Sebastian Hempel aus Leipzig. Metallfäden sind etwa einen halben Meter über dem Boden quer durch den Raum gespannt. Dazwischen sind Leuchtdioden angebracht, die den Raum in blaues Licht hüllen. Yves Klein. Als Sprachmensch kam mir die Assoziation The Big Blue, Luc Besson. Der Raum hat etwas von einem Hallenbad. Als könne man eintauchen, was letztlich auch möglich ist – im übertragenen Sinne. Sphärische Musik begleitet das Licht, nimmt es auf, verstärkt das Leuchten. Ein beeindruckendes Bild gleich zu Beginn der OSTRALE (Tor 10).

Sehr gut gefallen hat mir die Arbeit von Gunda Förster. MURMELN (2013). Sie hat Leuchtkästen mit Glaskugeln gefüllt, tarnsparenten und farbigen. Ein schönes Bild. Leuchtende Kindheit. Das Kribbeln in den Fingern, sie anfassen, die glatten, handschmeichelnden Oberflächen spüren, imaginieren. Sich nähern, die einzelnen Murmeln entdecken, den Lichtreflexionen nachgehen. Eine Arbeit, die lächeln lässt, berührt, umschmeichelt, die den Raum in der Anordnung der murmelgefüllten Leuchtkästen füllt.

MURMELN, 2013, Gunda Förster, Tor 5
MURMELN, 2013, Gunda Förster, Tor 5

Ein Tor weiter zeigt der Japaner Takehito Koganezawa GRAFFITI OF VELOCITY (2008). Lichtprojektionen schwirren durch den Raum. Man steht mittendrin und sucht Halt. Wohin schauen? Wie das Gesehene halten? Die Bilder ändern sich, der Raum ist voller Farben und Formen. Ein Lichtspektakel, das einlädt, auffordert. Sich im Raum zu bewegen, sich einzulassen, aufzunehmen.

Graffity of Velocity (2008), TakehitoKoganezawa, Tor 4
Graffity of Velocity (2008), TakehitoKoganezawa, Tor 4

Tor 6. Rocco Dubbini. Drei alte Kühlschränke. Die Türen leicht, verschämt geöffnet. Aus den Türspalten tritt grünes Licht, orangenes Licht. Wer hat vergessen, sie zu schließen? Was tritt aus? Was ist im Innern? Ein Kopf, im Kühlschrank mit dem grünen Licht. Ein Opferraum. Zu dritt stehen sie dort, die Türen voneinander abgewandt. Alt, rostig, wie vergessen im Keller. Altes Eisen, alte Zeiten. Und doch groß, heroisch, füllend. Die Raumkonstellation, das Verhältnis der Drei untereinander erzeugt Spannung. Die Inhalte erzählen die Geschichte.

Rocco Dubbini, Tor 6
Rocco Dubbini, Tor 6

AND AGAIN (2012) von Katrin Caspar. Fünf Slinkys. Diese faszinierenden Metallspiralen, die irgendwo zwischen Kinderspielzeug, Wohnzimmerdeko und Naturwissenschaftsphänomen rangieren. Dort stehen sie aufgereiht wie die Orgelpfeifen nebeneinander auf dem Betonboden, recken die Spiralen zur Decke und lauschen den Klängen der Lautsprecher. Kabel führen zu ihnen, die ein Gewirr auf den Boden zaubern. Kleine schwarze Plättchen am Ende, die irgendetwas mit den kleinen, filigranen Bewegungen der Slinkys zu tun haben. Sie tanzen. Schüchtern, zurückgenommen. In ihrer Bescheidenheit liegt ein menschlicher Zug. Unaufdringlich sind sie und doch magisch.

AND AGAIN (2012), Katrin Caspar, H2 Ost
AND AGAIN (2012), Katrin Caspar, H2 Ost

Und. Eine Arbeit, die ich mir mehrfach angesehen habe. Mit Anziehungskraft. Olaf Mooij, RELICS OF A BYGONE ERA (2010). Einmachgläser wider des Vergessens. Eingelegte Autos, Reifen, Räder. Wie Pfirsiche, Birnen, Möhren im Kellerregal. Einst werden wir uns erinnern… Zeit, Realität in Formaldehyd eingelegt. Alles sieht sehr schön aus, die Farben sind stimmig und doch verbindet sich im Gehirn die Kunst mit dem Erlebten. Embryo im Glas. Anfang. Ende. Es gibt viel zu sehen in diesem Kellerregal der Kuriositäten einer noch nicht vergangenen Zeit.

Relics of a bygone era (2010), Olaf Mooij, H1 West
Relics of a bygone era (2010), Olaf Mooij, H1 West

Dresden sehen und sterben

dance
dance

Die Überschrift stammt nicht von mir, sondern von Viveka.

Die Stadt hat uns ziemlich umgarnt und gefangen genommen. TANZT! stand da in der Neustadt an der Wand (Scheune Dresden). Und in einer Seitengasse unweit der Frauenkirche in Beton gegossen: „ICH WILL NICHT HÜBSCH UND LIEBLICH TANZEN!“ (Palucca).

palucca
palucca

Die Menschen in Dresden tanzen das Leben. Noch. Vielleicht. Kürzlich habe ich über die Kranhäuser in Köln geschrieben. Investorenprojekte. Rendite. Quadratmeter aus Gold. Zum Erliegen gebrachtes Leben, das über den Köpfen der anderen stattfindet. Wie war das? „EURE ARMUT KOTZT MICH AN“?

Noch ist das Wohnen in Dresden relativ preiswert, obwohl die Mieten in den letzten Jahren von niedrigem Niveau um 60-70% gestiegen sind. Meinte ein junger Mann, den wir auf der Straße getroffen haben. Monopoly. Irgendwann ist ein Wert erreicht, bei dem es sich lohnt, als Investor einzusteigen. Dann fallen die Altbauten, die Szene- und Künstlerviertel den Banken und Architekten und Planern in die Hände, die das ja gelernt haben. Wie man baut, wie man gestaltet. Dann ist Schluss mit Wildwuchs – und lustig. Hoffentlich nicht. Dresden möge so bleiben. So ruhig, so menschlich, so freundlich, so lebens- und liebenswert. Mit so viel Platz für Kunst und Improvision und für Projekte wie die OSTRALE. Das sind die blühenden Landschaften, das ist der Aufbau Ost (Sage ich jetzt mal naiv romantisch, ohne die Lebenswirklichkeit der Menschen tatsächlich zu kennen.)

Als wir aus dem Hotel kamen, trafen wir ihn. Einen jungen Mann mit Fahrrad und Anhänger. Viveka fragte ihn: „Guter Mann, wohin des Weges?“ Und er antwortete mit dem Klang der Stimme eines Mannes, der eine Mission hat: „Zum Schrottplatz.“ Wir haben ihn dann in der Neustadt öfter gesehen und tief in der Nacht, als er mit Anhänger an uns vorbeigeflogen ist, mussten wir lachen. Lange. Sehr sympathisch. Ich hatte versucht, ihn zu fotografieren. Kriegte die Kamera aber nicht aus der Tasche, drückte dann doch kurz vor dem Verschwinden am Straßenhorizont den Auslöser und hatte nix drauf. Irgendwo im Straßenlaternenlicht ein verschwommenes Etwas. Zu schnell, der Mann. Mission.

journey
journey

Wir waren auf dem Weg, Helga, Martina und David in der Alaunstraße zu treffen. Da wären wir fast schon bei einem ersten Kunstprojekt hängen geblieben. Zwei Männer lagen in einem Bett auf dem Gehweg. Mit Kissen, Bettdecke und allem drum und dran. Kemal lag dort, erlaubte mir, ihn zu fotografieren und lud uns ein, Sebastian kennenzulernen, der das Projekt initiiert hat. Später, haben wir gesagt. Am nächsten Tag war es verschwunden. Wie im Märchen. Weggezaubert.

in bed
in bed

Nach dem gemeinsamen Kaffee haben wir uns, Viveka und ich, zu Fuß auf den Weg zur Ostrale gemacht – obwohl wir Straßenbahntickets für den ganzen Tag hatten. Die Alaunstraße runter. Große Augen. Szeneviertel. Die Scheune Dresden mit dem Schaubudensommer. Artisten, Kleinkunst. Hereinspaziert. Dort trafen wir den Betreiber des wohl kleinsten Kinos der Welt. Ein liebevoll gestalteter Wohnwagen. Sitze mit rotem Samt. Gezeigt werden die in 20 Jahren gesammelten Lieblingskurzfilme des Betreibers, der gerade seinen Popcornautomaten FANTASTOMAT für den Abend mit Überraschungen bestückte. Wie so ein Mensch Herzen erweicht. Wie er eine Welt schafft, die Glück bringt. Da ist Platz für Herzenswärme. Menschenverstand im positiven Sinne. Stadtplaner – für solche Kinos braucht es Raum, Platz und Erkennen! Wert und Wichtigkeit.

short cinema
short cinema

Zeitsprung. Die OSTRALE-Eröffnung liegt hinter uns. Der nächste Tag.

Wieder zu Fuß. Wieder durch die Neustadt Richtung Altstadt. Touriprogramm. Frauenkirche. Semperoper. Marcel, den wir auf der Hinfahrt per Mitfahrgelegenheit mitgenommen haben, hatte uns erzählt, dass viele Menschen glauben, die Semperoper sei die Radeberger-Brauerei. Werbung. Ts.

Wir wollten uns von links nähern. Über die Albertbrücke, nicht über die Augustbrücke. Und was hat uns am Elbeufer erwartet? Ein Flohmarkt. Das hatte sich Viveka gewünscht. Sie hat mich über die Brücke gezehrt. Schnellen Schrittes. Schneller! „Jens, nur eine Stunde!“ Klar. Keine Frage. Es waren dann zwei und wir haben alles gesehen. Jeden Stand. Viveka hat Weihnachtskugeln gekauft. Sehr alte, sehr schöne und ein Kleid. Mir fiel UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace in die Hände. Dieses Buch der Bücher. Diese Bibel der sprachlichen Möglichkeit. Ein Euro. Ich konnte den Verkäufer nicht enttäuschen und bin den ganzen Tag mit dem SCHINKEN durch Dresden gelaufen. Und: Es war gut, das Buch dabei zu haben. An diesem Tag habe ich mehrere Lesungen gegeben. Jeweils eine Seite. Viveka hat eine Seitenzahl genannt, ich habe gelesen. Dieses Buch ist mindestens eine Offenbarung.

Das hat der Junggesellenabschied, der uns später angequatscht hat, auch gedacht. Denn. Ja. Die vielen jungen Männer in weißen Kitteln, die ihrem Junggesellen einen OP-Kittel und eine Windel verpasst hatten, durften auch eine Seite UNENDLICHER SPASS hören. Mitten in der Fußgängerzone auf einer Treppe. Das war meine Bedingung für den Kauf eines Andenkens aus ihrer Kleinigkeiten-Kiste. Passte gut. Der Titel zum Projekt EHE, die Wallace-Zeitrechnung mit dem Referenzpunkt JAHR DER INKONTINENZ-UNTERWÄSCHE zum Junggsellen mit Windel sowie der Textinhalt, den ich leider nicht wiedergefunden habe. (Warme Worte auf dem Weg in das Abenteuer Beziehung.) Über 1.400 Seiten, da geht schon mal was verloren. Weg. Schade. Aber der Schlusssatz hat auch gepasst. Dresden steckt an. Eine Mitmach-Stadt. Die Aktion war ziemlich lustig.

frauenkirche
frauenkirche

Genauso wie das Treffen mit Klaus am Abend in der Neustadt. Wir hatten uns nach dem Altstadtbesuch und Stunden auf der Wiese im Alaunpark ins Nachtleben gestürzt. Alle saßen draußen auf der Straße, tranken mitgebrachtes Flaschenbier, unser Anhängermann kreiste durchs Viertel, eine Bluesband sang an einer Straßenecke, der Schaubudensommer lief mit vollem Programm, ein junges Paar eröffnete vor unserer Nase einen Bowle-Verkauf, es war warm, schön, unbeschreiblich.

night
night

Da lief uns Klaus über den Weg. Geboren 1949. Baseballkappe mit geradem Schirm, Hornsonnenbrille Marke Honecker. „Dieser Dreck hier. Diese verdammten Amis. Schaut mal dahinten. Pissen alles voll. Wo kommt ihr her?“ Ich konnte nicht anders. Ich richtete meinen Kiefer aus, nahm einen amerikanischen Slang in den Mund und faselte was von „John from New York Citiieeee.“ Oh Wunder. Klaus sprach Englisch und es wurde ein begeistertes viertelstündiges Gespräch, in dem wir uns über unsere Länder und unsere Vergangenheit ausgetauscht haben. Plötzlich hatte Klaus Freunde in Amiland und überhaupt. Um ihm die Tragweite von Radikalität vor Augen zu führen, habe ich mich als begeisterter Anhänger von George W. Bush ausgegeben, was ihn doch kritisch hat anmerken lassen, dass das wohl nicht alles so toll war… Geht doch. Man muss den Menschen nur die Möglichkeit geben, das Gute auszuleben. Wir waren dann ein Herz und eine Seele und ich musste weg, weil Viveka sich kaum noch halten konnte und ich auf keinen Fall Klaus das Gefühl geben wollte, ihn verarscht zu haben. Er hat mich am Arm gehalten, um mir seinen letzten Satz auf meinen Rückweg nach Amerika mitzugeben: „Germany is a clean country.“ Ja Klaus, da hätte ich auch noch ein paar Takte zu sagen können, aber wir sind ja Bruder- und Schwestervölker, oder? Auf jeden Fall haben wir ihn ein wenig glücklicher gemacht und mit einem besseren Gefühl gegenüber den überall hin pinkelnden Amis zurückgelassen. Denke ich.

Ansonsten? So viel. Dieses Stadt ist so prall, voll. Lebendig. Unten nur eine Auswahl der über 600 Fotos vom Wochenende. Klickwahn. Sonntag waren wir noch einmal auf der OSTRALE, haben uns alles angesehen. Ich hoffe, ich schaffe es noch, auch darüber zu berichten. Diese Woche ist Dresdenwoche im fiftyfiftyblog. Viel Spaß, haut rein. Tschüssikowski.

fotokiste
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swissotel
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semper/bath
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schauburg
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