Der Pfannenheber mit Namen Bernhard

Es war ein verdammt langer und steiniger Weg, bis er endlich bei mir ankam.

Im April hatte ich Geburtstag. Zoe war verzweifelt. Sie hatte ein Geschenk für mich, aber das war in den Händen ihrer Werklehrerin, die es nicht rausgeben wollte. Ein Pfannenheber. Von Zoe liebevoll geraspelt, gefeilt, geschliffen, in Form gebracht, geölt.

Der letzte Punkt, die letzte Ölung, hatte im April gefehlt. Deshalb das „NO“ der Lehrerin. „Papa, die hat den nicht rausgerückt. Keinen Tag. Ich konnte sagen, was ich wollte. Nichts zu machen. Oh…“ Ich kann mir vorstellen, dass es für die arme Werklehrerin nicht einfach war, diesen Kampf auszufechten und hart zu bleiben. Wenn Zoe etwas will.

Die Geschichte ging weiter. Wöchentliche Verhandlungen, bis es fast soweit war. Duseligerweise an einem Mittwoch. Der Deal sah vor, den Pfannenheber, den Zoe auf den Namen Bernhard getauft hat, für 24 Stunden auf freien Fuß zu setzen. Freigang für Bernhard. Ein Deal unter Frauen. Bingo, könnte man meinen. Geschafft. Doch dann die Erkenntnis. Mist. Zoe kam nicht nach Hause, weil sie bei einer Freundin geschlafen hat. Sie hätte ihn mir nicht geben können und es war keine Zeit mehr, ihn Jim mitzugeben. Der lange Weg eines schönen Geschenks.

Die Lehrerin will die Pfannenheber als Projekt auf dem nächsten Elternabend vorstellen. Deshalb bleiben die unter Verschluss. Und ist erst einer rausgegeben, dann ist das mit Pfannenhebern wie mit dem kleinen Finger und der ganzen Hand. Revolution, Chaos, Unruhen, Demonstrationen, Sprechchöre auf dem Flur, Störung des Schulfriedens. „FREIHEIT FÜR BERNHARD!“ „LASST BERNHARD FREI!“ „NIEDER MIT DEN OKKUPATOREN!“ „BERNHARD HAT NICHTS GETAN!“

Zoe ist drangeblieben. Und gestern nun. Tatsächlich. Wieder ein Mittwoch und wieder hat sie bei ihrer Freundin geschlafen. Aber. Jim hatte ihn. „Papa, ich soll dir von Zoe den Bernhard geben. Sie hat ihn für eine Woche befreit, dann muss er zurück.“

Ich halte ihn in den Händen. Tatsächlich. Wer keine Kinder hat, weiß nicht, was solche Geschenke bedeuten. Is auch egal. Nicht wichtig. Im Allgemeinen. Weltgeschehensmäßig. Aber für so ein kleines Papaherz. Bernhard ist so weich. Und die Maserung. Wirklich. Das Auge, die konzentrischen Kreise des Holzes, wie gemalt auf dem Rücken. Ein Tattoo. Bernhard ist so schön. Und den soll ich wieder abgeben. Härte. Er kommt in mein Zimmer. Gut sichtbar, bevor er zu den anderen Schätzen wandert. In dieses kleine Fort Knox, in dem die Erinnerungen ruhen. Jims Geburtsarmband. 1997. Dieses kleine Neugeborenen-Handgelenk. Das Blatt mit den aufgeklebten Herzen. Zum Vatertag irgendwann. Und jetzt der zarte Bernhard, der niemals eine Pfanne sehen wird. Zu Höherem bestimmt. Ein Objekt, eine Skulptur. Leben mit Bernie, der Pfannenheber meines Lebens:)

4 Antworten auf „Der Pfannenheber mit Namen Bernhard“

  1. Der ist schön!

    Aber, mal ehrlich. Ist es nicht schlimm, wenn man nicht seiner Bestimmung folgen darf? Was, wenn Bewrnhard sich nicht als Skulptur sieht, sondern ein nützliches Mitglied der Küchenutensilien-Gemeinschaft werden will, das auch seinen Teil zum Gelingen eines, beispielsweise, Spiegeleis mit knusprigem Rand, beizutragen hat? Was, wenn er depressiv wird?! Ich glaube, du solltest das mit ihm in aller Ausführlichkeit besprechen. Frage ist doch nicht: Was denken wir, was das Beste für Bernhard ist. Sondern: Was möchte Bernhard?!

    Just kidding today…..LG, ElaE. ;-)

    1. Ja, der ist schön. Und so sanft, wie ein Bernhard nur sein kann.

      Ich verstehe Ihre Sorge, Frau Dr. Dr. h.c. ElaE. Sie haben Recht. Psychologisch betrachtet ist es nicht einfach, mit Vorenthaltungen zurecht zu kommen. Zurückgewiesen in der eigentlichen Aufgabe. Talente nicht entwickeln, ausbauen zu können. Eine Bürde. Aber, um es mit einem Satz aus dem Fußball auf den Punkt zu bringen: „Ich gehe dorthin, wo der Trainer mich hinstellt.“ Manchmal ist es einfach so, da müssen wir für das Große, das Ganze, Opfer bringen. Da muss ein Gomez mal Libero spielen oder von der Bank zusehen. Bernhard ist ein echter Kerl. In seiner Maserung zentriert, feste Fichte, der kommt klar. Ich werde mit ihm sprechen. Wir werden uns ansehen und aufrichtig sein. VERSPROCHEN! Und mal ganz ehrlich: Wer möchte schon in heißen Pfannen fettiges Spiegelei lösen? Sich zwischen Boden und Einansatz schieben. Beim Spülen zum Abkratzen der angebrannten Steakreste missbraucht werden, Fleischfasern lösen. Frikadellen hin und her schieben. Es gibt eine Sonnenseite. Für Bernhard. Das ist quasi Mallorca schon am Anfang. Ganz ohne Arbeit. Rente from the very beginning. So gesehen. Also… Wenn ich tauschen könnte…

  2. Hallo Jens,

    „wer keine Kinder hat, weiß nicht, was solche Geschenke bedeuten“. Der Satz ist schon richtig, nicht unwichtig. Die Kinder packen da viel Liebe rein. Und die Geschenke kommen vom Herzen. Von Herz zu Herz. Kostbarkeiten. Schätze.
    Ich habe ein schwarzes Lederherz an meinem Schlüsselbund hängen. Das hat mein Sohn für mich gemacht, als es ihm nicht gut ging. Trotzdem ist es wunderschön und strahlt Power aus.
    Kinder sind einzigartig.

    Viele Grüße
    Annegret

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