Der Sommer, in dem ich das alte Fahrrad meines Großvaters reparierte

Junge mit Fahrrad_red

Der Sommer kommt.

Bald werden wir wie Hannibal mit unseren bepackten Blech-Elefanten über die Alpen ziehen. Mit allem, was man braucht. Diesem kompletten Gerödel für launige Tage. Fahrräder, Surfbrett, Espressokannen. Gen Süden über den Autoput. Mit Dachgepäckträgern und Hörspielen. Wir werden durch die Nacht fahren, den Gotthard überwinden oder durchwinden. Die Sonne wird in Italien aufgehen, das Meer wird rufen, die Blicke werden sich nach dem Blau sehnen, dem ersten Blick. Hinter Mailand, noch auf der Autobahn, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung kennt, an die sich kein Schwein hält, den ersten Kaffee trinken. Wir werden das Rennen durch die Serpentinen fahren auf dem Weg runter nach Genua. Chancenlos mit unseren Elefanten gebenüber den geübten Reitern mit ihren Araberlieferwagen voller Geschwindigkeit und Geschicklichkeit. Es sind Italiener, die uns mit ihrem Glück und Stolz um die Ohren fliegen werden. Diese Leute, die Berlusconi wählen und dennoch am besten wissen, wie man lebt.

Es wird ein anderer Sommer sein als der Sommer, in dem ich das Fahrrad meines Großvaters reparierte. Und unter Mithilfe meines Bruders gleich wieder zerstörte. Es muss Ende der Siebziger gewesen sein. Ich war vielleicht 13 Jahre alt, hatte komplett blonde Haare, war frech wie Dreck und gleichzeitig schüchtern. Tanten fuhren mir mit der Hand durchs Haar und gaben mir im besten Falle zwei Mark für Eis. Ich habe immer gespart, zurückgelegt, Ziele verfolgt, ein Konto gefüttert, Zinsen eingefahren, eine stille Reserve für meine klamme Familie zurückgelegt. Ab und an, wenn es ganz eng wurde, der Mama Geld gegeben für den Einkauf. Als zinsloses Darlehen bis zum Ersten.

Es waren andere Zeiten. Wir Kinder trugen im Sommer T-Shirts und kurze Hosen vom großen Bruder oder Cousin, hatten Sandalen an den Füßen, mit weißen Socken am Sonntag, und trugen im Winter Gummistiefel, in denen Füßlinge und Wollsocken für Wärme sorgten. In den großen Ferien, und auch zu Ostern, ging es im Opel Record Coupé in die Gärtnerei zu den Großeltern. Die Gärtnerei war nicht nur Gärtnerei, sondern auch Pension, die im Sommer nicht frequentiert war, weil die Kurgäste nie im Sommer in die Gärtnerei kamen. Und die Gärtnerei war der aufregendste Abenteuerspielplatz der Welt. Gewächshäuser, Kohlekeller, Taubendachboden, Torfsäckeberg, Schweinestall, Wurstküche, Krims-Krams-Speicher, verlassene Wohnung vom geschiedenen Onkel, Wasserbassins, Geräteschuppen, Außenbeete, Gästeveranda… Ach.

Und: Wowiemowie. Mit das Beste! Ein eigenes Pensionszimmer für 3, 4, 5 Wochen. Eine kleine Tasche und ansonsten nur ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Waschbecken, ein Fenster. Eine eigene Welt. Die Ferien des Monsieur Schönlau. Aufstehen, runter in die große Küche. Alle waren längst auf. Die Oma, der Opa im Tagwerk verstrickt. Keine Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern. Genial. Freiheit. Tun und lassen, was man will. Wild. Natürlich, klar, man musste ein Auge haben für die Umgebung. Jederzeit war es möglich, dass Opa um die Ecke kam und einen dabei erwischte. Bei all dem, was nicht so ganz astrein war. Nennen wir es: Experimente. Ihr wisst. Jungs. Da kommen Chemikalien, Feuer, Wasser, Unsinnigkeiten ins Spiel. So entstehen Katastrophen und Kriege. Am Anfang steht meist ein männliches Wesen mit einer Idee. Und ja, wir hatten viele Ideen und am Ende der Ferien kam die Oma zum gepackten Auto, drückte einem unauffälig 20 Mark in die Hand (ein Vermögen!) und weinte. Ein wenig, weil sie wusste, dass es nun wieder sehr still sein würde, ein wenig aber auch aus Erleichterung. Grins. So eine Jungenhorde, die in Wochen zusammenwächst, die Projekte entwickelt, Banden bildet, Angriffe startet, alles auf links dreht, die kann schon Nerven kosten. Frag nicht nach Sonnenschein.

Oma und Opa haben uns gelassen. Vielleicht mal ein Blick vom Opa beim gemeinsamen Mittagessen. Nur ein leichtes Heben der Augenbraue und ein etwas längeres Stehenlassen des Blickes. O.K. Verstanden. Zwei Gänge zurück. Das genügte. Ein Meister der Mimik. Lief es gut, kam es zum Highlight. Opas große Las Vegas-Kleingeldausschüttung. Er sammelte das Hose herunterziehende Kleingeld aus seinem Portemonnaie in einem großen Glas im Wohnzimmerschrank. An einem Abend der Ferien versammelte er uns am großen Tisch und startete das Schätzen. The winner takes it all. Puh. Ich meine, da ging es so um 30 Mark. Das war Kapital, Ertrag, Möglichkeit. Wer die Kohle hatte, war für die Ferien durch. Eis vom Italiener im Dorfzentrum, Süßigkeiten, Spielzeug. Da war alles möglich. Dementsprechend engagiert war das Schätzen. Glas in die Hand. Schauen, welche Münzen dominieren. Überlegen, mit welchem Faktor man multiplizieren kann. Rechnen, nochmal nachdenken. Und dann: Rien ne va plus. Abgabe des unumstößlichen Schätzwertes und dann gemeinsames Zählen. Peng. Autsch. Sieg. Freude. Neid. Lachen. Fluchen. Das ganze Leben in einer Aktion. Hallelujah.

Und dann die Sache mit dem Fahrrad. Ich war in den Ferien auch so etwas wie der Gehilfe meiner Oma. Fragte sie, ob ich helfen könne. So richtig. Also stand ich zum Beispiel, sobald die Glocke der Tür den Blumenladens ertönte, an der Kasse. Oma bediente, fügte Blumen zu Sträußen und ich rechnete im Kopf mit. Meist hatte ich ein anderes Ergebnis als meine Oma, die scheinbar ein anderes Preissytem hatte. Ich orientierte mich an den Zahlen auf den Schildern, sie an den Sternen oder Menschen, die vor ihr standen. Meine Oma war eine außerordentlich nette und soziale Frau. Sagen wir es ruhig: Oma Erna war mindestens eine Heilige. Interpretierte Sie die Preisgestaltung zu Ungunsten der Gärtnerei, korrigierte ich das selbstbewusst durch das richtige Eingeben der Einzelpreise in die riesige Registrierkasse. Da hatten es die Kunden schwarz auf weiß und konnten mit den Preisschildern vergleichen. Meine Oma nutzte diese Kasse nie. Ihr Wechselgeld klimperte in der Schürze. Sie glaubte immer, ich sei so, weil mein Opa väterlicherseits Banker war. Ich war so, weil ich wollte, dass sie genügend Geld verdient und der Laden gut läuft, damit der wunderbare Ort gesichert ist, der kürzlich zwangsversteigert wurde, was wieder eine andere Geschichte ist und mit Holländern und Energiekrisen zu tun hat.

Als der Gehilfe meiner Oma gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die per Fleurop bestellten Blumen zu den Sommergästen im Dorf zu bringen. In die großen Kurhäuser am Kurpark, in die kleineren Pensionen, die frequentiert waren und später auch in die Betonburgen der Krankenkassen, die einfach so gefühllos waren, dass sie Menschen in der Kur in Bettenburgen packten. Die Dinger sind heute geschlossen und verscherbelt. Westdeutsche Plattenbauidiotie. Egal. Ich trug die Blumen zu Gästen, bestand darauf, sie persönlich zu übergeben und wurde für meine Bringleistung mit einem Trinkgeld entlohnt. Eine Mark für einen langen Fußweg, den ich, ohne den sensiblen Strauß in der Hand, zurücksprintete, weil ich zu der Zeit nur gelaufen bin. Gehen war nicht mein Tempo. Also nervte mich der Feintransport der Blumen auf dem Hinweg im Schneckentempo, weshalb ich mir überlegte, den Transport effizienter zu gestalten. Ich erinnerte mich an Opas altes Fahrrad, dass ich sofort zum Firmengründungsfahrrad romantisierte. Schon damals habe ich mir die Welt so zusammengesponnen, wie sie mir gefallen hat.

Ich investierte in Flickzeug, Fahrradöl, neue Ventile und schraubte einen ganzen Tag. Am Ende montierte ich einen Transportkorb vorne an den Lenker und brandete das Firmengefährt mit einem Schild, auf das ich Gärtnerei Spieker schrieb. Fertig. Man, was waren alle stolz. Dieser Junge, der kann was. Was der aus dem alten Fahrrad gemacht hat. Und so zog ich meine Kreise durch den Kurort, stellte im Expressverfahren zu und fuhr Werbung. Man kann durchaus sagen, dass ich mir mit der Aktion Sympathie und Achtung eingefahren habe. Was nicht mein Ziel war, aber durchaus willkommen. Damit konnte ich dann auch ein wenig den Ruf der wilden Bande, der uns drei Schönlau-Brüdern anhaftete, entkräften und das Image glätten.

Bis zu dem Moment. Tja. Ich fuhr die Gartenstraße rauf. Auf dem Lenker vorne mein kleiner Bruder. Wir hatten den Korb demontiert, damit wir zu zweit fahren konnten. Natürlich fuhren wir schnell und wild. Slalom und alles, was so eine Kiste hergibt. Ein Verwandter im BMW überholte uns und parkte ein. So ein feiner Verwandter mit Sakko und Krawatte. Feiner Herr. Wir kamen angeflogen und dann. Peng. Autsch. Ende aus Nikolaus. Bekam mein kleiner Bruder seinen sandalierten Fuß in die Speichen. Vollbremsung, Überschlag, Geschrei. Der Fuß war dran, nur leicht gequetscht, das Fahrrad war hin. Felge und Gabel verbogen. Completti. Nicht zu reparieren. „Typisch Schönlau.“ Tja, so sind sie. Da war die Sache mit dem positiven Image schon wieder vorbei, weil die Geschichte sich in der Verwandtschaft rasend schnell verbreitete. Es ließ sich nichts machen. Und ich trug die Blumen wieder zu Fuß aus und rannte zurück in die Gärtnerei, um die Oma nach Jobs zu fragen oder mich den Sommerabenteuern unvergesslicher Ferien hinzugeben.

4 Antworten auf „Der Sommer, in dem ich das alte Fahrrad meines Großvaters reparierte“

  1. Lieber Jens,
    ich rieche den Duft der Sommerwiesen und den Geruch der Erde des Gartens meiner Großmutter;
    spüre die Wärme der Sonnenstrahlen des Sommers auf meiner Haut, und das Kitzeln des Staubes in der Nase beim Durchwühlen der geheimen vergessenen Kisten auf dem Dachboden beim Lesen deines Textes!
    :-)
    Dankeschön!

    Schönes langes Wochenende wünsch ich Dir.
    LG
    Danièle

    1. Hi Danièle,

      die Sommer der Kindheit wirken irgendwie wärmer und heller. Da scheint es Softfilter der Erinnerung zu geben. Die Kisten des Dachbodens, all diese Schätze…

      Bitte:)

      Liebe Grüße

      Jens

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