Gespräch mit Noel

Auch in einem kleinen Dorf bekommt man nicht alles mit. Die rasende Zeit ist ein Vorhang, der sich vor die Wahrnehmung legt. Wow, klingt gut. Respekt. Hab ich mir gerade ausgedacht.

Heute kam ich wegen Kopfweh früher von der Arbeit. Vorgestern München bis in den späten Abend, gestern Texten und Steuer, heute eine Präsentation, da hat der Kopf NIET gesagt.

Als ich Zuhause ankam, merkte ich: Schönes Wetter, die Sonne scheint. Also bin ich raus, um mein Fahrrad zu reparieren. Neue Bremsen, Break Shoes, damit ich mich in Italien von den Höhen einigermaßen sicher in die Tiefe stürzen kann (Ich bin Kurt, ohne Helm und ohne Gurt).

Ein letzter, kurzer, nervöser Mailcheck im Office und dann raus. Die Vordertür nach Westen, die drei Stufen. Da sah ich einen Zwerg auf einem kleinen roten Fahrrad am Rande des Schulhofs den Bornerweg (born to be wild) runter rasen. Ohne Helm. Dorf. Wie früher. Du überlebst es und wirst hart oder überlebst es und wirst hart.

Speed. RÄÄspekt. Kleiner Mann, Ole. Ich wusste nicht, wer das ist. Erst dachte ich, der größere der beiden Brüder aus dem Nachbarhaus. Aber ohne Helm? Never. Dann ging alles schnell. Zoe kam runter, umarmte mich auf der Treppe „Hallo Daddy“ und begrüßte die beiden Jungs aus der Nachbarschaft. Die waren um die Hausecke gekommen, zu schnell, um der Radfahrer gewesen sein zu können. Und dann kam er. Rote Hose, rotes Poloshirt, Kragen hochgeschlagen, alles dreckig, blonde Haare auf 5 Millimeter, grüne Augen, fester Blick. Abenteurer, Gefahrensucher, Alpha-Alpha, echter Racker.

Ich habe die Kinder begrüßt und den „Neuen“ gefragt: Wie heißt du? Noel. Ah. Zoe hat mir dann gesagt, der Bruder von. So, klar, sieht man. Oben aus der Straße. Der war doch kürzlich noch ein Baby. Ich habe mein Fahrrad repariert, die Kids haben sich aufgelöst.

Später. Meine Bremsen waren erneuert, funktionierten, quietschten nicht. Ich war oben in meinem Zimmer, als die Türklingel ging. Oje, unten. Ela hatte gerade einen Yogakurs. Also bin ich schnell runter. Paketdienst? Ich hörte etwas von Schwester und sah Elas verstörten Blick. Noel. Er fragte nach Elas Schwester. Zum Spielen. Zoe. Was für ein Kompliment.

Ich habe Noel übernommen, damit Ela weiteryogan konnte. „Wo ist das Mädchen?“ Ah. Zoe. Die hat jetzt bestimmt keinen Bock, mit einem Fünfjährigen zu spielen. Also habe ich frech gelogen. „Nicht da.“ Ja, denkste. Von wegen. Noel sah mich an: „Wo ist sie?“ „Keine Ahnung, bei den Nachbarskindern?“ „Ruf sie an.“ „He?“ „Auf ihrem Handy?“ „Hat sie nicht dabei.“ „Wieso?“ MANN! Also hat sich Noel auf die Treppe gesetzt. Erst mal überlegen, was zu tun ist. „Ich muss nach Hause“ „Ah, gut, dann geh doch.“ „Jetzt noch nicht.“

Die kleine Hand rutschte in die Hosentasche und fingerte ein Kaubonbon raus. Mit den kleinen Fingern zack, zack ausgepackt. Zwei Bisse weg. Dann drückt er mir beiläufig das Papier in die Hand. Wortlos. Selbstverständlich. Erwachsene sind Diener der Kinder. Antworten geben, Papier entsorgen. Lustiger kleiner Kerl. „Ich fahr mal gucken.“ Und weg war er. Aufs Rad und Vollgas. Irgendwann wird Noel ein Auto haben und ein Motorrad. Das wird lustig… Nosbach, schnall dich an, setz den Helm auf, es kommen noellige Zeiten.

4 Antworten auf „Gespräch mit Noel“

  1. Ach wie ich sie liebe, die Noels dieser Welt. Die Unerschrockenen, die Mutigen, die Direkten, die wissen, was sie wollen und einfach machen. Davon müsste es viel mehr geben. Dreckig und ohne Helm. Darf ich das sagen als Mutter von fünf Kindern? Alle fahren ohne Helm. Okay, Ausnahme: Fahrradprüfung in der Grundschule. Da müssen sie. Klar wäre es mit besser. Sicherer. Vieles ist sicherer heute. Kürzlich sollte der Kleinste (9) eine Streichholzschachtel mit in die Grundschule bringen. Thema Licht und Feuer. Man wollte Experimente machen. Aber: Die Streichholzschachtel sollte leer (!) sein. Ich fragte: Wie wollt ihr Experimente machen ohne Streihhölzer? ‚Die bringt die Lehrerin mit‘ Warum? ‚Damit unterwegs nichts passiert.‘ Aha. Klar. Die Jungs könnten ja die Siedlung anzünden.
    Wir haben Lagerfeuer gemacht als Kinder. Und Streichhölzer mit in die Schule genommen zum Werkunterricht. Die Siedlung steht noch. Wir können unsere Kinder nicht vor allem schützen. Der Freund meiner Tochter war aus Überzeugung und Umweltgründen kein Autofahrer, sondern benutzte seine Füße, sein Rad und bei weiten Strecken die Bahn. Meine Tochter auch. Ich fand das toll, dachte oft, wenigstens fahren sie dann nicht betrunken Auto, kann ja so viel passieren bei den jungen Leuten heute.
    Eine Woche nach Ostern ist der junge Mann (22) tödlich verunglückt. Ein Stolperer am Bahnsteig und er wurde von einem Zug überrollt. Grausam. Nicht vorhersehbar. Und noch lange nicht verarbeitet. Auf seiner Beerdigung haben wir alte Fotos angeschaut. Der Junge im Kindergarten auf dem Dreirad. Auf dem Bolzplatz. Der Junge auf dem Fahrrad. Im Footballteam, im Schlamm, mit Rucksack auf irgendwelchen Berggipfeln. Er war ein Noel. Durch und durch. Wusste, was er wollte. Wohin er wollte. Bis ihm jemand einen Strich durch die Lebensrechnung gemacht hat.
    Vielleicht werde ich es irgendwann bitter bereuen. Aber ich wehre mich gegen dieses Übermaß an Ängstlichkeit. Angst macht auch unsicher.Und ist noch lange keine Garantie. Manchmal darf man der Gefahr ins Gesicht lachen. So wie Noel.
    LG
    Jutta

    1. Lieber David,

      manchmal ist es ein Moment. Ein Sturz, eine Leitplanke. Frei sein.

      In den letzten Jahren habe ich daran gearbeitet, zwei Worte aus meinem Sprachschatz zu eliminieren: Angst. Sorge.

      In Workshops tauchen sie immer auf. Ich habe Sorge, dass… Meine Angst ist…

      Diese Sorge, diese Angst, kenne ich gut. Stark sind sie, die Worte, die Gefühle, die Auswirkungen. Leider schaffen sie Grenzen des Ichs. Da geht es nicht weiter.

      Icvh ahbe die Worte versucht, zu eliminieren, weil sie beherrschen. Dazu bin ich mit dem Fallschirm gesprungen, bin mit Autos weit über 200 lange über die Autobahn geprescht, habe Vernunftgrenzen ignoriert, in den Bergen Lebensgefahr erfahren. Grenzen gesucht. Gefunden. Nun bin ich 50. Xer Krebs kann kommen, der Herzinfarkt, bloß nicht der lähmende Schlaganfall. Leben ist existenziell. Das ist nicht immer schön ocder einfach, aber es ist die Realität.

      Freunde, Verwandte sind gestorben. Beatrix, Sabine, Büse, Opa Heinrich, Oma Änne, Oma Erna, mein Vater. Man könnte in Angst erstarren. Ich kann verstehen, dass der Tod in seiner Unvorhersehbarkeit Angst macht.

      Aber ich habe keine Lust, mich von dieser Angst fesseln zu lassen. 50, 60, 70. O.K. Leben leben. Und es es soweit ist, dann Tschüss.

      Liebe Grüße

      Jens

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