Klaut Möhren!

Habt ihr mal Möhren geklaut? Ich schon. Als Kind.

Ein verwegenes Unternehmen. Gestern erinnerte ich mich. Ich war dran mit kochen. Fiftyfifty. Nun hatte ich das Glück, am Morgen rund ein Kilo Pfifferlinge gefunden zu haben. Das war kein Pilzesuchen, sondern ein Pilzefinden. Erst wollte ich Spaghetti mit Pfifferlingen kombinieren, dann kamen mir Gnocchi in den Sinn. Fangfrische Pfifferlinge mit frischen Gnocchi aus dem Kühlregal. Dazu einen Salat. Die letzten Blätter aus dem Garten. Frische Sprossen aus dem Abtropfglas und Sonnenblumenkerne.

Mittags habe ich den großen Brätertopf genommen und die Pfifferlinge in Butter uhd Olivenöl angeschwitzt. Aus dem Garten brauchte ich noch Schnittlauch und Petersilie, etwas Rosmarin und Salbei. Und eben die Salatblätter. Als ich die Blätter zupfte, sash ich die Reihe Möhren. Erst zum Teil geerntet. Mir kam die Idee, Möhre in den Salat zu mischen. Mit dem Sparschäler fein gehobelte Schnitze. Also habe ich einige am Grün herausgezogen. Da musste ich schon schmunzeln.

In der Küche köchelten die Pfifferlinge auf kleiner Flamme und schmolzen in Butter und Öl. Die Kräuter dran, den Salat waschen, die Möhren. Ich musste an früher denken. Die Nächte im Zelt oben im Garten meiner Eltern. Ich hatte mir ein Zelt gekauft, weil Zelten zum Sommerprogramm gehörte. „Mama, darf ich?“ Und dann die Freunde aus der Nachbarschaft gefragt. Andreas, der immer in der Mitte schlafen musste, weil er Monsterfilme ab 16 guckte. Godzilla greift an und son Mist. Da wusste ich: Ist nix für Kinder. Wird man schissig von.

Im Schlafsack gelegen, Unsinn geredet, Andreas Schiss gemacht, gelacht, gerungen, geflucht, die große Welt probiert und irgendwann dann: Die Zeit ist reif! Möhren, Kirschen, Zuckerschoten klaun. Raus aus dem Zelt, rüber über die Zäune und mampf. Klar, gucken, dass es nicht auffällt. Keine Zerstörung, Verwüstung, Spuren. Im Dorf weiß jeder, was da läuft. Eins und Eins zusammenzählen. Braucht man kein Sherlock Holmes plus Watson sein.

Die Möhren waren mir, noch vor den Kirschen, die liebsten. Mit kleinen Händen das Grün gepackt und zupf. Schon war sie in der Hand. Im Mondlicht war der Dreck nur schlecht zu sehen. Mal eben schnell im feuchten Gras und an der Hose abgewischt. Den langen Zipfel unten weggeknickt und HAMM! Kennt ihr das? Der Biss in eine frisch geklaute Möhre ist einfach wunderbar! Das Adrenalin, nehm ich an, stärkt alle Sinneskraft. Denn: Ganz ungefährlich war das Möhrenklauen nicht. Erwischt zu werden in fremden Gärten auf dem Land ist kein Kinderspiel. In etwa so, wie einem Cowboy das Pferd zu stehlen. Wir hatten schon Respekt und wussten, das wir die Klappe halten mussten und nix mit Rumgekicher oder so. Auf leisen Sohlen. Denn hätte uns ein Garteneigner in dunkler Nacht gepackt, herrje! Da hätte es was gegeben. Kein langes Fackeln.

So stand ich gestern vor der Spüle, die frisch geputzten Möhren in der Hand. Den langen Zipfel weggeknickt und HAMM! 10 Jahre alt in diesem Augenblick. Die Nacht, der Mond, die Zäune, das Zelt, der schissige Andreas – alles da. Die Bilder der Erinnerung aus dem Archiv. Längst verschollen geglaubt und dann, im rechten Augenblick. Zack. Vorhang auf. Natürlich würd ich heute keine Möhrn mehr klaun. Klar. Das war einmal. Und ihr nehmt meinen Aufruf bitte nicht sehr ernst. Möhrn klaun, das dürfen nur die Kinder. Die müssen das sogar, um einmal echte Angst und diesen ganz besonderen Frischgeklautemöhrngeschmack zu erleben. Pures Abenteuer. Kann ich nur empfehlen. Aber. Klar. Liegt ja auf der Hand. Mein Vater hat immer gesagt, und er meinte es durchaus ernst (obwohl er grinste): „Jungs“, hat er gesagt. „Jungs, ihr dürft alles machen, ihr dürft euch nur nicht erwischen lassen.“ So haben wir’s gemacht.

11 Antworten auf „Klaut Möhren!“

  1. Guten Morgen lieber Jens,

    kostbar, den Spruch kenne ich auch: „Alles machen, sich nicht dabei erwischen lassen“. Mein Großonkel, Gartenbesitzer (so ein echt Subsistenter), gab mir den Satz mit als er mich beim …. erwischte ;-)
    Einer meiner Großväter hatte auch einen großen Garten aus dem ich am liebsten die süssen Erbsen stibitzte, wohlgemerkt nur die Erbsen, die Schoten ließ ich dran – so ist es nicht gleich aufgefallen :-)
    Einen möhrenorange mit grünen Erbspunkten garnierten Gruss schickt Dir,
    Danièle

    1. Guten Morgen Danièle,

      ich sehe, du weißt, wovon ich spreche:) Onkel und Opas, die konnten schon streng gucken. Da musste man echt aufpassen. Die Schoten aufknacken, leer futtern, hängen lassen – ganz schön schlau. Wir haben die Beute immer genommen und haben uns vom Acker gemacht. Nur nicht zu lange verweilen. Risiko, uaaahhh!

      Ich wünsche dir auch einen schönen, vitaminreichen Tag – liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    schön zu lesen, Deine Geschichte. Ja, frische Möhren, Erbsenschoten, dicke rote Kirschen sind schon was Leckeres.
    Kennst Du das auch noch? Zuckertopf aus der Küche entführen und Rhabarber frisch vom Beet essen. Lecker, lecker. Ist aber nicht so gut für die Zähne. Aber als Kinder wußten wir das nicht.
    Hinterher war der Zuckertopf ein wenig klumpig. Pssst.

    Kindheit ist einmalig.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      wir hatten keinen Rharbaber und mit dem Zuckertopf in fremde Gärten… Ja, Kindheit ist schon besonders. Und Erwachsensein auch. Und alles überhaupt:)

      Liebe Grüße

      Jens

    1. Hi Annegret,

      andere Zeitzone? Nö. Anderer Planet. Quarnanox. Gleich oben links, bei Schönlau schellen. Milchstraße durch und an der Einsteinschen Sackgasse neben dem großen Wagen parken. Da steht ne Milky Way Reklametafel.

      Scherz beiseite. Habe ich in den Einstellungen geändert. Ich war ein wenig zurück:)

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Wer hat das nicht getan? Möhen klauen, aber dazu fallen mir die armen Hühner ein, dich dressiert habe. Eigene Story. Oh mein Gott, fast vergessen. Dagobert, kurz Dago ein riesiger Leonberger, wie ein Fels in der Brandung stand der immer vor mir und ging immer erst dann, wenn er der Kraulerei überdrüssig war, aber er ließ sich von mir vor den Schlitten spannen. Oh was hab‘ ich getan? Ich glaube fast, das ist nur die Spitze des Eisberges. Was die erinnerung an geklaute Möhren doch so alles auslöst :-).

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