L’Imprimerie – pralles Leben!

Mais qui! Aber ja, wir haben es geschafft! Diesmal hat uns kein Schneetief Petra aufgehalten. Wir haben den besungenen Jahrestag begangen! In einem eigenwilligen französischen Restaurant in Köln. Eigenwillig? Mais qui! Keine Reservierungen, keine getrennten Rechnungen, keine Kartenzahlung! Der Maitre oder Patron, ein rundlicher Franzose namens Gilles Berthier, von dem gesagt wird, er sei ein Belgier, führt ein hartes Regiment. Weil er in seinem Restaurant, einer alten Druckerei, die mit ihren Betondecken und verzinkten Fensterrahmen den nüchtern-sachlichen Charme einer Pariser Markthalle verströmt, eine außerordentliche Küche betreibt, kann er sich Allüren erlauben. Bodenständige Allüren. Kein Schickimicki. Kein René Lezard leider teuer-Feeling, sondern den Hauch von Verliebtheit in besonderer Liebe zum Detail. Alles was auf den Tisch kommt – Karaffen, Flaschen, Gläser, Körbe, Teller – ist mit wahrlich erlesen Schmackhaftem gefüllt.

Und so saßen wir dort. Bedient von einem Portugiesen, der in Norddeutschland aufgewachsen ist, den es nach Köln verschlagen hat und der nun in einem französischen Restaurant arbeitet. Er hat für uns die Weinkarte interpretiert, auf der es sicherlich keinen Ausrutscher gibt. Profis. Franzosen. In Sachen Essen schafft es nichts, sich da ungerechtfertigter Weise einzuschleichen. Wir nahmen einen kleinen Aperitif, teilten uns eine Vorspeise, entschieden uns für Fisch. Was für ein Fisch. Zoe bekam einen kleinen Teller mit verschiedenen Gemüsen. Während des Essens: Ruhe. Gegenseitiges Probieren. Ein kleiner Schluck Wein und der Mund war voller Aromen. Sinnlichkeit. Und immer wieder die Frage: Wie machen die das?

Dahinter steckt eine Lebensphilosophie. Die Kultur einer ganzen Nation. Keine Kompromisse beim Essen. Wie liebevoll jede Kleinigkeit. Das frisch gebackene Brot. Dunkles Landbrot. Safran im Dessert. Süßes und Safran. Die dunkle Schokolade über dem Eis. Profis. Die Menschen um uns herum saßen, lachten, erzählten, tranken und aßen. Ich kam mir vor, als sei ich tatsächlich in Frankreich. Gesichter voller Freude, Lebensfreude. Trinksprüche. Prusten. Einander kurz berühren, anfassen, einen Arm auf die Schulter legen und reden, reden, reden. Chocolat. Juliette Binoche. Die Kraft der Lebensmittel. Und überall zwischendrin der charaktervolle, unbeugsame Patron. Keine Reservierungen, keine getrennten Rechnungen, keine Kartenzahlung! Ein eigenes Reich, in dem es auf das Wesentliche ankommt: Den Genuss. Satter, praller Genuss. Mit jedem Bissen, jedem Schluck, jedem Blick.

Unsere Teller waren leer. Da lagen nur noch Thymian- und Rosmarinzweigchen. Jim hat seinen Teller leergefegt. Heilbutt. Er war schon immer ein Feinschmecker. Die ersten Urlaube seines Lebens verbrachten wir in der Bretagne. Auf den Märkten der Bretagne, wo wir eingekauft haben, um zu kochen. Dieses Land! Diese Menschen! Diese Weine! Diese Speisen! Culinaria Frankreich: Küche, Land, Menschen. Eine kleine Reise durch das Land! Mache ich immer wieder gerne. Manchmal abends.

Wir sind glücklich nach Hause gefahren. Jim hat die ganze Fahrt von seiner Biografiearbeit erzählt. Beseelt von Mme Curie. Einer Polin, die in Frankreich gelebt hat. Wieder Frankreich. Wieder Leidenschaft. Es ist einfach so faszinierend schön, hier mitten in Europa zu leben. Zwischen all dem, was in so langer Zeit gewachsen und allmählich entstanden ist. Ach. Und mittendrin Ela und ich. 19 Jahre, zwei Kinder. Ein Hund. Ha. Ein wunderbarer Jahrestag. Manchmal läuft es einfach richtig gut.

Genießt. Alles. Egal. Ciao.

4 Antworten auf „L’Imprimerie – pralles Leben!“

  1. Guten Morgen Jens!

    Vielen Dank, dass du mich an diesem bemerkenswerten Abend teilhaben läßt. Ich habe habe spontan Lust aufs Essen bekommen ;-)

    Liebe Grüße und euch eine schöne Weihnacht !

    Raoul

    1. Hi Raoul,

      es ist ja jetzt Weihnachten. Der Text war als „kleiner Gruß aus der Küche“ gedacht. Appetizer. Genießen im vollen Umfang der Wortbedeutung.

      Euch auch eine wunderschöne Weihnacht

      Jens

  2. Hallo Jens,

    savoir vivre, die Franzosen wissen es, königlich zu leben. Savoir vivre, auch wir können das, wenn wir uns anstrengen. Es freut mich, daß ihr noch zu eurem vorzüglichen Mahl gekommen seid, zum Jubiläum.
    Petra läßt nicht locker. Über Nacht war sie wieder da. Ich glaube, sie mag uns.

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein wunderschönes Weihnachtsfest.

    Liebe Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      also bei uns taut es weiterhin. Schneematsch. Wir habwen gerade unseren Weihnachtsbaum im Wald abgesägt – einmal alles komplett nass. Das gute Stück liegt jetzt im keller zum Trocknen.

      Dir und deinen Lieben ein wunderbares Fest

      Jens

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