Ojemine, Fernweeh.

Wie schreibt man eigentlich Ojemine? Keine Ahnung. Mach ich mal so. Bei Fernweeh habe ich ein e reingebastelt, weil das dann mehr nach Ferne klingt. Dauert länger, bis man ankommt. Ist ja das Wesen von Ferne. Und das weeh ist größer, wenn es länger ist. Was haben die eigentlich bei der Rechtschreibereform die ganze Zeit gemacht?

Gestern flogen die Kraniche übers Haus. Ich hörte es zunächst schnattern und dachte, Michaels Gänse wären mal wieder ausgebrochen und hätten sich als Selbstmordkommando auf der Landstraße positioniert, um sich highnoonmäßig dem Duell mit den Vierzigtonnern voller Grauwacke aus dem Steinbruch zu stellen. Also bin ich raus, um zu retten, was zu retten ist. Ich war schon auf Mund-zu-Mund-Beatmung und Wiederbelebung durch Herzmassage eingestellt, als mir klar wurde: Das sind die Kraniche. Mein Herz öffnete sich.

Das Vogelzug-Schauspiel im November – spät dran die Reisegruppe. Hatten sich vielleicht verschnattert und dann gleich verflogen oder so. Meine Kamera war nicht schnell genug da, deshalb zwei Fotos oben vom letzten Jahr, das einige von euch schon kennen. Kurz darauf landete ein Gedicht in meinem Postfach. Von Claudia Schönfeld in Brighton geschrieben. Ich hätte es gerne hier präsentiert, aber Claudia wird es in einem amerikanischen Magazin unterbringen. Und da gehört es auch hin. Ein in Sprache und Bildern gleichzeitig radikales wie feinfühliges Gedicht. Sehr mutig, sehr tief nachgefühlt, sich eingelassen auf die Situation. Sie hat mir erlaubt, es hier zu verlinken: Brighton androgynous

So ist das, wenn man in der Ferne weilt. Die Sicht verändert sich und der Horizont gleich mit. Kräfte werden freigesetzt, Impulse schwirren durch Körper und Kopf. Gerade interviewe ich 34 Menschen, die eine Zeit im Ausland gelebt haben. Per Telefon. Damit reise ich auch durch die Welt. Von Moldawien über London bis Kenia. Es ist sehr spannend, mit diesen Menschen zu telefonieren und ihre Geschichten aufzuschreiben. Ein Luxusjob. Nun bin ich also mittendrin in der Welt der Reisenden – Menschen, Vögel, die in der Ferne leben oder die dort hinziehen oder auf Besuch sind.

Das weckt in mir ein ungeheures Fernweeh. Freunde von uns wollten mit Ela und mir im nächsten Frühjahr nach New York. Wir haben abgesagt, weil Ela ihre Yoga-Ausbildung macht und so eine Reise nicht ganz billig ist. Und dann ist da ja auch der CO2-Footprint. Nicht zu vergessen. Bis über den Teich bläst so’n Jumbo oredntlich was raus. Außerdem fliegt Jim nächstes jahr für fünf Wochen nach Kanada. Landwirtschaftspraktikum. Die werden jetzt im neunten Schuljahr aus dem Nest geschubst und müssen mindestens 250 Kilometer von Zuhause weg. Da haben wir gedacht, dann doch lieber einige tausend Kilometer in eine andere Welt. Neue Eindrücke sammeln, Englisch lernen. Die Interviews mit den Menschen haben mich bestärkt, dass das goldrichtig ist.

Und was ist mit meinem Fernweh? Ich möchte im nächsten Jahr unbedingt nach England. Nach London und vielleicht auch an die Küste. Ich war noch nie auf der anderen Seite des Kanals und habe nun, nach einem Gespräch mit einem Modedesigner in London, das dringende Bedürfnis, dorthin zu fahren. Mit Ela. Mal sehen, vielleicht klappt es Ostern. Euch allen einen schönen Tag mit ein wenig Fernweeeeeh.

14 Antworten auf „Ojemine, Fernweeh.“

  1. Hallo Jens,

    Du mußt unbedingt in die Rechtschreibe-Kommission, weil Deine Ideen sind umwerfend anders.
    Hallo, Hallo. Ja! Voraussetzungen Mann von Welt, Webetexter, Theater-Erfahrener, Vater ..
    Engagiert? Bezahlung? Wow, wunderbar!
    Der Tag kann nur frölich beginnen, wenn man Deine Texte liest!
    So allmählich beginne ich die Texte von Claudia zu lieben, weil ich sie nicht als Poetry sondern als Messages sehe, mit wunderbaren Worten. Halt ein anderer Stil, aber nicht weniger spannend, vielseitig.
    Ja, London solltest Du mal besuchen. Ich war dort vor – ohjemineeeee – 35 Jahren, als Schüler. Hat sich bestimmt viel geändert, war aber damals schon beeindruckend für mich, eben anders.
    Ich träume davon, mal nach Irland oder Schottland zu reisen, ins Grüne, Weite. Regen würde mich nicht stören.
    Warum in die Ferne reisen, wenn doch auch vor der Haustür Schönes liegt? Ja, das kennen wir eben schon. Oder doch noch nicht alles?

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      thanx, wie der Franzose sagt. Sehr nett dein Kommentar. Claudias Texte kommen aus der Ecke Poetry Slam. Da wird nicht so kopfig geschrieben, weil das mitreißender ist. So denke ich mir das. Dadurch entsteht eine hohe Bilddichte in Verbindung mit einer offensiven Emotionswelt. wenn ich dagegen meine Gedichte lese, wirken die langsam, behäbig und kopfig. Aber: That’s me. Und ich freue mich, das es diese Gegensätze gibt. Ich könnte nicht so offen emotional schreiben wie Claudia. Auf tumblr habe ich ein Eisbär-Gedicht veröffentlicht, das mit diesem Thema spielt.
      Claudias Gedichte haben auf jeden Fall einen sehr großen Leser- und Fankreis. Da kommentieren jedes Mal unendlich viele Menschen. macht Spaß, die Kommenatre auf Englisch zu lesen. Alles ein wenig locker-flockiger. Freue mich sehr, diesen absolut inspirierenden Lyrikblog entdeckt zu haben und das Beste: Die Gedichte landen automatisch bei mir im Postfach. Was für ein Service. Poems Delivery Service. gefällt mit außerordentlich gut.

      London muss. ich hoffe, hoffe das klappt. Das Nahe ist natürlich auch gut. ich liebe Köln und das Oberbergische. Stadt und Natur. Nur: Das ist mir bekannt. Das ist nie kulturell neu. Nicht so tief inspireirend wie der Feeerrrneeeee. Wünsche dir, dass due es nach Irland oder Schottland schaffst…

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hach ja England… das kann ich dir nur dringend ans Herz legen! Wir waren im letzten und vorletzten Jahr da, in Cornwall, Shropshire und London. Irgendwie ist dort für mich einfach alles stimmig: Landschaft, Essen, Lifestyle – definitiv mein Sehnsuchtsland.
    LG, Micha

  3. Hi Micha,

    bislang ist Italien mein Sehnsuchtsland, wie man unschwer an diversen Beiträgen erkennen kann. Nun aber zieht es mich ins Königreich. Ich werde sehen…

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hi Gitta,

      wie doof ist das denn. ich hatte den Link aus der Browserzeile kopiert und es fehlte ein www. Habe ich eingefügt und jetzt funktioniert der Link. Danke für die Info und Sorry wegen der Umstände.

      Liebe Grüße und viel Spaß mit Brighton androgynous

      Jens

  4. Hi Tine,

    habe ich repariert. fehlte ein www. Ts. Unaufmerksam von mir, sorry. Jetzt klappt es und wich wünsche dir viel Spaß mit Brighton androgynous.

    Liebe Grüße

    Jens

  5. hi jens, vielen herzlichen dank fuer den link zu meinem gedicht und den link zum link.. smiles – habe deinen fernweh post so richtig fuehlen koennen und bin ueberzeugt dass euch london gefallen wird. liebe gruesse – immer noch aus brighton und wieder mal bei starbucks.. ich koennte hier einziehen.. smiles

    1. Hi Claudia, hab doch nen Weg gefunden, den Link zu posten. Brauchte was drumherum und da kamen die Kraniche gerade recht. Storygebastele. Ich glaube auch, dass uns London gefallen wird. Ich mag es, mich durch Städte treiben zu lassen. Zwischendurch in eine Kneipe, oder Starbucks, dann weiter. Hierhin, dorthin. Gucken. Saugen.

      Wenn du von da weiter Gedichte schickst, dann zieh ruhig ein.

      Viel Spasss noch

      Jens

  6. Hallo Jens,

    ich hab mich mal kundig gemacht: Du hast das Ojemine schon ganz richtig geschrieben. Und ich hätte gewettet, dass es, ebenso wie das „Nee“ (im Sinne von nein) mit zwei e geschrieben wird. Wieder was dazugelernt.
    Kommt übrigens aus dem Lateinischen und hat was mit Jesus zu tun. Musst mal googlen!

    Lieben Gruß Eva

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