Projekt-Update nach zweieinhalb Monaten…

Wie sieht’s aus?

Puh, ich sage euch. Mal eben so sein Leben auf den Kopf stellen, sich neu erfinden, das haut einen ganz schön aus den Socken. Ich habe das Gefühl, mein Kopf wird umgebaut. Alles neu denken. Das Projekt läuft, etabliert sich. Am Sonntag waren Ela und ich mit Freunden in der Kölner Philharmonie. Jens, ihr Freund, war hier und hat auf die Kids aufgepasst. Jens und ich tauschen Musik, haben teils den gleichen Geschmack, haben zu meinem Geburtstag zusammen gekocht. Gestern Morgen hat er die Kinder zum Bus gebracht, ich hab ihm nen Kaffee gekocht. Es geht nur zusammen. Es geht. Immer besser. Wir werden, wenn das zeitlich klappt, mit der ganzen WG gemeinsam nach Italien fahren. Sommerurlaub. Und ich freue mich drauf. Ehrlich.

In der Zwischenzeit suche ich. Nach neuen Wegen. Habe mir die Haare abgeschnitten, mein Gewicht bei 60 Kilo eingependelt, mein Zimmer umgebaut, viele Gedichte geschrieben, Konzerte besucht, Pläne geschmiedet… Für mich wichtig: Ich habe mich entschieden. Nichts, nichts, rein gar nichts geht hier am Projekt Familie vorbei. Ich werde meinen Papa-Job durchziehen. Bis die beiden auf eigenen Füßen stehen.

Letztlich muss ich sagen: Diese Freiheit, diese neue Freiheit fühlt sich gut an. Wo Schatten ist, ist auch Licht. Vieles ist jetzt leichter. Die alten Fesseln, die ich so nie empfunden habe, sind jetzt weg. Plötzlich kann ich, abgesehen von meinen Papa- und Hausmeisteraufgaben, tun und lassen, was ich will. Niemand redet rein. Die letzten Wochen hab ich nachts meist nur drei Stunden geschlafen. Mein Ding. Komplett. Kann absolut für mich allein entscheiden. Nach zwanzig Jahren Beziehung gibt es doch viele Dinge, die unterbewusst arbeiten. Einschnüren. Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken: Das kannst du jetzt einfach tun. Ohne zu fragen, ohne abzustimmen. Termine, klar, die müssen geregelt werden. Aber was ich tue, komplett mein Ding. Ich kann jetzt wilde Dinge tun.

Die größte Neuentdeckung ist die Musik. Wiederentdeckung. In den Neunzigern habe ich viel verpasst. War mit Karriere, Ela, Kids, Haus beschäftigt. Familienphase. Die läuft allmählich aus und mein Leben kehrt zurück. Da ist nun viel Platz. Für Portishead, Massive Attack, Faithless, Rage against the Machine. Liege abends in meinem neuen Bett, schaue durch das Dachfenster in den Himmel, höre die CDs. Platten hören. Komplett. Ewig nicht gemacht.

Jede Medaille hat zwei Seiten. Manchmal kommt die Trauer. Das die Familie als konventionelles System nicht funktioniert hat. Das sich die Liebe zwischen Ela und mir aufgelöst hat. Manchmal fühlt es sich an wie versagen, dann wieder ist es gut. Das wird noch eine Weile so gehen. Was ich weiß: Ich will nicht mehr zurück zu dem, was vorher war. Das Neue hat sich noch nicht komplett gefunden, aber es kommt. Stück für Stück. Und es ist aufregend, so, wie es mir gefällt, weil viel, viel passiert. Mein Leben ist jetzt lebendig und bunt wie seit Urzeiten nicht mehr. So gehe ich weiter. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Mit Menschen, die mir zunehmend ans Herz wachsen. Neue Menschen. Alte Menschen. Da ist jetzt viel Platz…

4 Antworten auf „Projekt-Update nach zweieinhalb Monaten…“

  1. Hallo Jens,

    es freut mich, daß Du mit eurem Familienprojekt zufrieden bist. Ich stelle mir vor, daß die emotionale Ebene am schwierigsten ist. Statt mit Ela, einer Dir vertrauten, sehr nahen Person, tauscht Du Dich mit Freunden aus. Das scheint mit ein anderes Level zu sein. Wie soll ich erklären, was ich meine? Nicht von Herz zu Herz, sondern von Herz zu Kopf. Oder so.
    Die Familie als konventionelles System scheint heutzutage ein Ideal zu sein, das an Sicherheit, an Dynamik, an Glaubhaftigkeit enorm verloren hat. Kehren wir zum Individualismus zurück.? Ich will, ich will …Wie werden unsere Kinder in 20 Jahren leben? Wir werden es sehen.

    Liebe Grüße
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      das Famileinprojekt ist auf der Schiene. Das freut mich, weil ich anfangs nicht wusste, wie sich das praktisch leben lässt. Es lässt sich leben und ist ein gutes Modell. Mit Ela rede ich natürlich weiterhin. Ich glaueb, wir haben da eine gute Ebene gefunden. Eine Nähe und Distanz, die passt.

      Was die Familie im Allgemeinen betrifft, kann ich dir nichts sagen. Ich kenne gute, intakte Familien, die funktionieren. Hätte ich mir so auch gewünscht. Hat nicht geklappt. Andere Familien versuchen vielleicht, ein Ideal zu leben. Ich weiß es nicht. Ich denke früher war manche Familie die Hölle, aber eine Alternative kam einfach nicht in Frage. Alternative Modelle scheinen eh nicht besonders hoch in der Akzeptanz zu stehen. Als Gesellschaft sind wir weit weg von einem freien Denken. Ich glaube nicht, dass sich strukturell in 20 Jahren viel ändern wird. Technologisch ja, aber in den Köpfen bleiben die alten Ideale. Das wird noch sehr lange dauern…

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Den Absatz, in dem du schreibst, dass es diese „Wiederentdeckungen“ gibt und diese Freiheit, der gefällt mir sehr sehr gut. Da konnte ich mich direkt erinnern, wie ich meine Singlezeit genossen habe – dieses endlich frei-Gefühl („Wenn ich vorm Computer rauchen will, rauch ich eben vorm Computer, und wenn es dabei nachts um drei ist, ist das AUCH okay!“). Für mich hat das gar nicht so viel mit „Ich will ich will“ zu tun, es ist ja kein entweder (ich bin frei und kann machen was ich will) / oder (ich bin in einer Beziehung und MUSS mich anpassen). Hat wahrscheinlich viel mit der Art der Beziehung zu tun, die man will.

    In was für Familienmodellen unsere Kinder leben wollen werden? Ich habe immer wieder beobachtet, dass Trennungskinder (sowohl meiner Generation als auch in der meiner Tochter, die ich ein bisschen beobachten kann) viel Wert auf „Kerngruppen“ legen, auf eine absolut stabile Struktur, vergleichbar wirklich mit Mutter Vater Kind, und sich intensiver damit (mit Beziehungen) auseinandersetzen als Kinder aus vermeintlich „heilen“ Familien. Wir haben z.B. versucht, andere Begriffe für „Stiefvater“ zu finden oder für „Patchwork“. Meine Tochter hat irgendwann genervt entschieden, dass wir “ ihre Eltern“ sind, eh basta. Allerdings erscheint ihr leiblicher Vater auch ausgesprochen selten auf der Bildfläsche (im Schnitt einmal im Jahr).
    Ich glaube, die werden sich wirklich solche Kerngruppen schaffen und sich immer noch (!) am klassischen Familienbild orientieren, aber vielleicht werden sie diese Beziehungen anders anfangen und anders leben? Bewusster als z.B. unsere Elterngeneration? Vielleicht sogar behutsamer miteinander umgehen? Ich seh da gar nicht so den starken Trend zum Egoismus (an meinen optimistischen Tagen)…

    LG! Schöner Artikel, wirklich.

  3. Hi ElaE,

    danke. Für „Schöner Artikel, wirklich“. Ich versuche, meine Erfahrungen möglichst authentisch wiederzugeben, um vielleicht anderen die Möglichkeit zu schaffen, Trennung anders anzugehen. Nicht so wie wir, aber in irgendeiner Form mit einer Alternative zu Streit und verletzen etc.

    Bin gespannt, was die Kinder aus der Situation machen werden. ich weiß es mal wieder nicht, so wie ich nicht wusste, wie es sein wird, wenn sie die waldorf-Schule besuchen. Bislang habe ich für mich mit den alternativen systemen gute Erfahrung gemacht. Ich denke der Vorteil liegt tatsächlich darin, dass mehr nachgedacht wird und mehr Energie in den Erfolg gesteckt wird. Um die Skeptiker zu beruhigen, die sagen: Das Konventionelle ist besser. war schon immer so, wird immer so bleiben. Die Konvention ist eingenistet und akzeptiert. Das neue wird skeptisch hinterfragt.

    Für unsere Kinder dürfte es momentan davon abhängen, wie sich das alles mal auswirken wird, wie gut wir das hier hinkriegen. Wir Erwachsenen. Wir versuchen zu dritt, das Beste draus zu machen. Natürlich ist das noch nicht total entspannt und mit Unsicherheiten behaftet. Aber es ist auf dem weg. Auf einem guten Weg. Wir werden sehen. Es wäre zu wünschen, dass die Kinder da mit einer guten Erfahrung und stark rausgehen. Zumindest haben sie mal einen Plan B erlebt…

    Danke dir!

    Liebe Grüße

    Jens

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