Quäl dich, du Sau!

Etwas heftig am frühen Morgen. Was für eine Überschrift. Udo Bölts. Radsport. Tour de France. Jan Ullrich kämpft um den Sieg (ja, ich weiß unter welchen Umständen er da hoch gesprintet ist). Alpe d’Huez. Schmerzen in den Muskeln. Und dann sagt es Bölts zu Ullrich: Quäl dich, du Sau! Ullrich gewinnt die Tour de France. Wie ich jetzt darauf komme? Vom gedopten Leistungssport zurück ins Weltgeschehen des hobbymäßigen, dopingfreien Breitensports. Zumindest in meinem Fall dopingfrei, abgesehen von… Ach. Ja, ja.

Gestern Abend in der Muckibude. Ich absolviere mein Programm. Während der fünf Kilometer auf dem Laufband (bin ich ein Hamster?) sehe ich Eurosport. Fernsehen. Einmal in der Woche. Was wird gezeigt? Dart. Das Spiel mit den Pfeilen. Ein Wettkampf in England. Stundenlang werden Pfeile geworfen. Die Massen im Saal sind aus dem Häuschen. England. Ein wenig anders. Nach fünf Kilometern erlöse ich mich von den bunten Bildern und starte mein Programm. Erst Maschinen, dann Hanteln. Ganz entspannt. Zu entspannt, wie mein Trainer befand. „Hey! Ganz runter.“ Ich liege auf der Hantelbank und stemme Gewichte. So eine Stange wie beim Gewichtheben über mir. Hebe und senke die Stange mit ihren Gewichten puppenlustig leicht und locker. Da kommt er. „Jetzt aber mal ordentlich.“ Dann kommen die Anweisungen. Also: Normalerweise hebe ich die Stange 12x. Ich war bei 7. Da sagt der Trainer „Jetzt mal nur halb hoch.“ Boah, ist das anstrengend. Noch 4x. Echt? Das tut alles weh! 3x, 2x, 1x. Ich will die Stange einhängen. Mein Bizeps droht zu explodieren. Der Trainer: „Moment. Jetzt von oben halb runter. Ja, genau so. Noch 5x.“ Ist der wahnsinnig? Weiß der nicht, wie scheiße weh (sorry, aber war so) das tut. 4x, 3x, 2x – ich kann nicht mehr!!! „Doch, du kannst. Noch 1x.“ Geschafft. Ich will einhängen. Ach quatsch, will weg sein. Planetenwechsel. Fluchttendenz. Da. Genau in diesem Augenblick, als ich gerade einhängen will, sagt er: „Ne, ne, ne. Jetzt die ganze Strecke. Runter bis auf die Brust und dann hoch. 7x.“ Ich habe Hörprobleme. Ich meine das ist unmöglich, das die Info stimmt. Dringend mit Q-Tipp sanft reinigen. Du hast jetzt nicht 7x gesagt! „Doch, mein Freund. 7x. Los.“ Was hat der mir überhaupt zu sagen. Ich bin ein freier Mensch.

Darf der das überhaupt? Hier Menschen quälen. Und dann noch ausgerechnet mich. Ich glaube, der hatte keinen guten Tag. So viel Neue. Januar. Das Telefon steht nicht still. Massenhaft Anmeldungen. Gute Vorsätze. Die Bude ist voll, voller, am vollsten. Immer nach Silvester. Die guten Vorsätze. Ordentlich beleibte Menschen quälen sich auf dem Laufband. Viel zu schnell, der Schweiß wird aus den Poren gesprengt und fliegt nur so umher. Gehen. Gehen wäre am Anfang besser. Langsam anfangen. Die Leute kommen, habe ihre guten Vorsätze und neue Sportklamotten im Gepäck, unterschreiben einen Vertrag für ein Jahr, bleiben die Probezeit und werden nie mehr gesehen. Zahlen aber weiter. Ablass. Auch eine Art Fitnesstraining, für eine nicht in Anspruch genommene Leistung zu zahlen und arbeiten zu gehen. Futsch. Einfach futsch.
Vielleicht wollte er an mir ein Exempel statuieren? Seht mal, wie es euch geht, wenn ich euch in die Finger bekomme! Ihr werdet noch froh sein… 7x. Herrje! Ich kann nicht mehr. Das tut so schweineweh. „6x noch.“ Ich gebe ihm innerlich nicht gerade sympathische Namen. Ich wollte doch freundlicher werden. Da ist doch noch was von dieser Unbändigkeit in mir. Das Tier!!! Sagen wir ein kleines Tier. 5x. Können Muskeln platzen, zerspringen, explodieren? 4x, 3x, 2x. Ich beschließe, egal was er sagt, danach einzuhängen. Der kann mich mal. Ich bin ein Bürger dieses Landes und habe Rechte. 1x. Ich hänge ein. Wahrer Widerstandskämpfer. Ich lächle verzweifelt. „Siehste, jetzt lachste!“ Was? Ich lache? Boah, ey. Jetzt dreht der das auch noch und tut so, als wäre das mein ultimatives Glück. Ich sage ihm „Geh doch einfach!“ Und er meint: „Fünf Minuten muss ich noch rumkriegen, hab‘ gleich Feierabend!“ Aber nicht bei mir. Lass‘ mich bloß in Ruhe. „Du bist doch nicht zum Spaß hier!“ Was? Aber genau deshalb. Bin ich Masochist oder was? Muss mir mein Leben weh tun, damit ich was spüre? Schönen Tag noch, tschüss Trainer.

Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert und schreib‘ auf teurem Papier. Ach quatsch, das war Marius. Ich sitze hier und habe Muskelkater. Schulter, Arme. Wenn ich den in die Finger kriege. Erst 7x und dann langsam bis zu 1x runter. Und dann von vorne. Bin nämlich kein Masochist, Trainer. Warte nur…

Euch wünsche ich einen muskelkaterfreien Tag. No Sports! Winston Churchill. Gebt mir eine Zigarre. Ciao.

9 Antworten auf „Quäl dich, du Sau!“

  1. Hallo Jens,

    mein kleines Autochen ist immer noch richtig eingecastled von Schnee- und Eismassen. Wenn es dann mal „wärmer“ wird, werde ich wohl zur Schaufel greifen müssen, um es auszugraben. In der Zwischenzeit überlege ich beim Einkaufen genau, was ich da nach Hause schleppen möchte. Und Sohnemann futtert wie ein Scheunendrescher. Ist Schleppen auch Sport?

    Dein Trainer meint wohl, wenn es weh tut, tut es auch gut?!

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      du glaubst, es wird wärmer? Also ich weiß nicht. Gewagte Prognose. Ich glaube, du solltest dein Auto jetzt schon einmal ausgraben. Und vielleicht zwischendurch mal starten (allerdings vorher Auspuff freigraben!), damit die Batterie nicht total entlädt. Und dein Sohnemann? Kann der nicht graben? Wenn dcer so viel futtert, ist doch viel Energie da.

      Mein Trainer ist Profi. Der trainiert selbst knallhart. der wollte mir nur zu verstehen geben, dass ich mal aus dem Quark kommen soll. Ende Gemütlichkeit. Feiertagsausgeruhe. Schon verstanden. Ah.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    ich kann dich gut verstehen. Habe das gleiche mal vor Jahren erlebt. Mit einem Arbeitskollegen nach langer Muckibudenabstinenz mal wieder ran an die Geräte. Und da wollte ich mich nicht lumpen lassen, lieber ein paar Wiederholungen mehr als gesund gewesen wäre. Das Ergebnis am nächsten Tag war verheerend. Wie ich es gecshafft habe, den Schaltknüppel im Auto noch zu bedienen ist mir heute noch ein Rätsel. Und eine Jacke anziehen war eine langwierige Angelegenheit. Nach 3 Tagen war alles vorbei ;-)

    Mitfühlende Grüße

    Raoul

    1. Hi Raoul,

      was soll ich sagen. So sind wir Männer dann auch. Wahnsinnig. Statt gemütlich Galama gesund die Dinge anzugehen, müssen wir einfach übertreiben. Aber bekanntlich macht das, was einen nicht umbringt, nur härter. Au. Die Schultern. Morgen wird es besser sein. Hoffe ich. Drei Tage? Herrje.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Ncht nur Männer sind so. Mein erstes Aufschlagen in einer „Mucki-Bude“ war am nächsten Tag mit katastrophalen Folgen belegt. Ich wusste damals nicht, dass man auf dem Hüftknochen schmerzende Muskeln haben kann, dass man den Mund zur Zgarette führt und nicht dieselbe zum Mund und Treppen lassen sich auch auf dem Hintern bewältigen und ich hatte mich nur an die Anweisungen des Trainers gehalten.

    Nö, so was will ich nicht mehr haben. Übrigens ist Dart eine tolle Sache, ich habe mal den dritten Platz bei einem Turnier belegt ;-).

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      Frauen auch? Ich dachte immer, die sind vernünftiger. Würden mehr auf ihren Körper hören. Nicht? Hm. Hab heute immernoch ein wenig Muskelkater. Cappuccino zu Mund geht aber, immerhin. Dart ist eine tolle Sache? Also im fernsehen sah’s komisch aus. 20 Minuten lang haben jeweils zwei Männer abwechselnd geworfen. In einer großen Halle. 300, 400 Menschen haben zugesehen. Die mussten immer bestimmte Bereiche des Feldes treffen. Zielwerfen oder so. Das Publikum wa aus dem Häuschen, mir hat sich der Sinn nicht erschlossen. Bist du vielleicht Engländerin? Ahnen? Britische Besatzung? Weißt du da irgendwas nicht? Oh. Ich werde frech. Sorry. Ich kann mich nur an Dart auf diese Automaten erinnern, als in Deutschlands die Pubs aufkamen. Nach Pizzerien und Dönerbuden. Wahrscheinlich bin ich Dart vermurkst. Diese Sportart und ich hatten einfach einen schlechten Start:)

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Man muss nicht alles mögen.
    Meine erste Begegnung mit den Darts hatte ich tatsächlich in einem Pub in Schottland gehabt. Da war women’s day und man lud mich ein mitzuspielen, dabei bin ch fürchterlich abgestürzt :-). Aber schön war’s.
    Du brauchst für Dart eine Menge Konzentration, innere Ruhe und immer exakte Armbewegungen, damit die Peile dorthin treffen wo sie sollen. Wenn der Bewegungsablauf flöten geht, dann triffst Du nicht, so einfach ist das.
    Na klar quälen Frauen sich auch. Weshalb nicht? Wenn Du nach Jahren der Sportabstinenz denselben wieder betreibst, da wirst Du immer Deine Freude am Muskelkater haben. Ich habe mir vorgenommen, wenn ich wieder ganz fit bin, ein leichtes Training aufzunehmen. Mal sehen ob ch das auch umsetzen werde.

    Herzlich
    Gitta

    1. So, abgestürzt in einem Pub in Schottland. Dann hätte ich auch eine andere Beziehung zu Dart. Ich war noch nie, niemals in England. Die Insel und ich sind bislang getrennte Wege gegangen. Essen, Wetter. Weiß auch nicht. Dabei soll es so schön sein. Sagt Pia, die absoluter England-Fan ist.

      tatsächlich mag ich handfestere Sportarten. Fußball, Laufen, Mountainbiken, Bergwandern, Klettern und vor allem Windsurfen. So Sachen mit Wiederständen, die überwunden werden wollen. Gerade fehlt mir das Joggen. Hier ist alles weiß und voller Eis. Freu dich auf den Wiedereinstieg. Aber langsam. Sonst zwickts und macht keinen Spaß.

      Liebe Grüße

      Jens

  5. Wir machten damals eine Tour durch Schottland mit dem Auto. Erst Fähre, dann Südengland, durch Schottland zurück nach London, her noch ein paar Tage gewesen. Das Essen nun ja da decken wir mal den Mantel der Nächstenliebe darüber, die Gastfreundschaft war mit weniigen Ausnahmen sehr gut. Die Landschaft ein Traum und der Chef der Destillery, der sich die Zeit nahm uns beide individuell zu führen, nachdem wir ihm in die Arme liefen und einfach mal fragten ob es so etwas gibt. Der häufige Regen, die dauernd quietschenden Scheibenwischer auch das gehört zu meinen Erinnerungen. Bed and Breakfast waren alle in sich kleine Hotels. Am nördlochsten Ende Leute kennen gelernt, ein paar Tage gemeinsam weiter gefahren bis sich der Weg getrennt hat, Adressen ausgetauscht, irgendwann aus den Augen verloren. Ale, Sherry in Pubs, letzte Runde, noch schnell etwas geordert. Highlandgames in Breamar, tolle Erinnerung, Bilder, werde ich mir, da ich ja gerade etwas Zeit habe, anschauen. Ich werde vielleicht davon berichten :-).

    Ob das alles heute noch so ist? Ich glaube nicht und wenn, dann wäre meine Empfindung sicher eine andere, men Blickwinkel hat sich verschoben, das was ich damals sensationell fand, ist heute vielleicht ätzend, aber auch umgekehrt.

    Will ich das noch mal machen? Ja, das würde ich schon gerne. Vielleicht nicht ganz so lange, aber ein paar Punkte würde ich schon gerne nochmals anfahren.

    In diesem Sinn einen schönen Abend.

    Gitta

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