Schnellzulassung eines Kraftfahrzeugs auf einer deutschen KFZ-Zulassungsstelle in 14 Minuten

Kennzeichen

Ruckizucki!

Auto zulassen stand auf dem Programm. Behördengang. In meinem Innersten rumorte es und Vorstellungen von stundenlangem Rumsitzen, endlos langsamem Umklappen der mechanisch betriebenen Wartenummeranzeige und von schlechtem Automatenkaffee kamen hoch. In meinen Händen sah ich schon eine Ausgabe des Spiegels aus dem Jahr 1989, die schon Generationen von KFZ-Zulassern die Wartezeit verkürzt hatte.

Kurz: Ich hatte Angst. Moloch. Kafka. Verschwunden in den endlosen grauen Gängen einer original deutschen Behörde. Es müsste international ausgeschriebene Reisen in solche Häuser geben, um den Eindruck der German Autobahn um einen weiteren zentralen Eindruck zu erweitern. Ein Ort der Ordnung direkt neben dem Ordnungsamt, der Paragraphen, Regelungen, Amtshandlungen, Stempel und Gebühren. Ein Ort des Kuschens, Unterordnens, Klappe halten und tun und machen, was gesagt wird. Zimmer 5! Unterschreiben! Zur Kasse! Lichtbild? Formular ausfüllen. Stramm stehen. Ah nee, letzteres nicht. Aber so ähnlich. Meine Annahme, mein Grundgefühl.

Ämter sind wie Krankenhäuser. Strecken die Arme aus, um einen abzuwehren. Fernzuhalten. Deshalb habe ich mich vorbereitet. Früher habe ich im Vorfeld angerufen, habe mir den Namen des Gesprächspartners geben lassen, um ihn mir zu notieren und habe dann aufgeschrieben, was ich alles in welcher Form zwingend mitbringen muss, um das zu bekommen, was der Grund meiner Anreise ist. Denn: Ich habe schon mehrfach erlebt, das ein Detail nicht stimmt und deshalb… Tut uns leid, sie müssen verstehen, bitte kommen Sie doch noch einmal vorbei.

Nun leben wir im zentral organisierten Informationszeitalter, in dem man nur wenige Klicks von Information und den Abhörmikrophonen und Mitschneidegeräten der NSA weg ist. Die Firma Google hat mir freundlicherweise geholfen, das Oberbergische Straßenverkehrsamt im Netz zu finden. Jetzt wissen die das auch. Dort habe ich nach ein wenig Suchen gefunden, was ich suchte. WAS SIE IM RAHMEN DER ZULASSUNG EINES KFZ ALLES MITBRINGEN MÜSSEN. Ich bin die Liste durchgegangen, habe alles abgehakt und in einen großen Umschlag gesteckt, damit nix verloren geht. Inklusive der Visitenkarte des Gebrauchtwagenhändlers meines außerordentlichen Vertrauens (das hat später noch eine Bewandtnis).

Nach dem Faktencheck (Ne, Jungs vom FOKUS: Fakten, Fakten, Fakten) die Vereinbarung eines Termins. Da war noch einiges frei im Terminkalender und ich entschied mich für die Pole-Position um 7.30 Uhr, um anschließend noch meiner Tätigkeit als Texter nachkommen zu können. Mittags war ich dran mit Kochen, das Zeitfenster war also begrenzt und die bevorstehende Aufgabe umfassend – dann müssen die Finger immer in diesem Turbotempo fliegen und die Ideen durchs Hirn rauschen wie der Rhein bei Hochwasser. Geschafft. Ready for German KFZ-Zulassung.

7.22 Uhr Eintreffen in der Parkgarage der Behörde. 7.24 Uhr Ziehen einer Wartenummer, von der ich überzeugt war, sie nicht zu brauchen, weil ich ja einen Termin hatte, aber man weiß ja nie und Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ich mag die Frage nicht: Haben Sie keine Nummer gezogen? AAAAHHH!!!

7.26 Uhr Eintreffen der Dame des Informationsschalters. Ich schaue auf die Uhr. Vier Minuten. Grenzfall. Ich entscheide, ihr zwei Minuten für das Einfühlen am Arbeitsplatz zu geben inklusive Starten des Rechners. Mein Ziel ist es, um 7.30 Uhr pünktlich am Zulassungstisch zu sitzen und mich durch das Zulassungspalaver zu schnaufen. Ich gebe zu, ich war unentspannt. Der Raum, die Nummern, der Charme des Neonlichts, die nervös zuckenden Menschen neben mir mit ihren Nummernschildern unterm Arm. 7.28 Uhr. Guten Morgen, mein Name ist Jens Schönlau, ich habe einen Termin. Guten Morgen! Sie lächelt. Hach. Was sind schon Zeit und Raum, verwehende Minuten im Wind?

Schöne Zähne. Warmer Blick. Sobald die Nummernanzeige erleuchtet, gehen Sie bitte zu Schalter 2, das ist der Terminschalter. Ach, herzlichen Dank. 7.30 Uhr. German Pünktlichkeit. Was für ein Land. Verlässlichkeit, Ordnung. Am Schalter schütte ich im Stehen den Inhalt meines Couverts auf den Counter, wobei der Perso fast in eine Ritze rutscht. Dann wär er weg gewesen. Sagt sie und grinst und ordnet mit flinken Fingern den Haufen Papier. Das heißt nicht mehr Schein und Brief und Versicherungsbescheinigung. Nö. Zulassungsdingsbumms Teil I und II und irgendsoeine elektronische e Nummer aus dem Web. Kann man da ziehen nach endlosem Eintippen von Zahlenkolonnen, die das eigene Leben beschreiben. Danach weiß die NSA alles. Da biste nackt wie’n Frosch.

(Sorry, dass der Text so lang ist. Ich sitze in einem Musikraum, in dem meine Tochter den Flügel versucht gütig zu stimmen. Der Flügellehrer, äh, Klavierlehrer hört nix wegen Schnupfen. Auf jeden Fall schlag ich die Zeit mit Tippen tot…) Also sie heckt das alles in die große Rechenmaschine und schreibt mir dann mein Kennzeichen handschriftlich auf einen Zettel und gibt mir eine Plastikkarte. Mit dem Zettel Kennzeichen holen, mit der Karte zur Kasse. Ah. Wieder was Neues. Hatte einer ne Idee. Die Karte erzählt der gut gelaunten Dame hinter der fetten Glasscheibe, dass ich 34,20 zu zahlen habe. Das System mit der Karte funktioniert. Scheinbar.

Alles läuft hervorragend. Ich habe keine Zeit, mein mobiles Empfangsgerät, das ich gerne im DDR-Style Handapparat nenne (so’ne alte Nokia-Gurke – die bauen auch keine Handapparate mehr, weil die die Sparte vertickt haben. (Machen die jetzt wieder in Gummistiefel?) Das kommt davon, wenn man EU-Gelder in Rumänien abzockt und Bochum den Rücken kehrt. BOCHUM!) zu zücken und nach der Zeit zu schauen. Der Verbleib meiner Armbanduhr ist eine Extrageschichte…

Ich hetze aus dem Amt über eine Baustelle selbstmörderisch mutig durch den stockenden Berufsverkehr und rein in den Schilderladen. Jetzt kommt es: Ich zücke den Zettel mit der Nummer und die Visitenkarte des Gebrauchtwagenhändlers meines absoluten Vertrauens. Ich sage (ein Tipp des zuvor Erwähnten), ich würde die Schilder eben für jenen welchen machen lassen. Die Dame hinter dem Schilderproduktionscounter schaut einen Moment zu lang und dreht sich dann weg, um zu tun, was getan werden muss. Ratsch in die Presse. Krawumm quetschen sich die Buchstaben ins Blech, um meinem Auto eine Identität zugeben. GM. Gummersbach. Ländlicher Raum. Große Handballtradition werden sie zukünftig im Stau auf der Autobahn denken. Das liegt doch bei Köln. Oder, Hertha? Ja, Heinz, weisse doch.

Sie legt die Schilder vor mir auf die Theke und sagt: NIX. Schweigen im Walde. Normalerweise müsste sie sagen: 18 Euro. Eine prekäre Situation. Hat sich das Vorlegen der Visitenkarte und das kleine uminterpretieren der Wahrheit nun ausgezahlt oder nicht? Sie schaut. Ich schaue und reagiere. Ich lege ihr wie einem Hütchenspieler 20 Euro hin. Ein Schein. Sie nimmt ihn schnell, als wolle sie etwas vertuschen. Konspirativ, sage ich mal. Ein gutes Zeichen. Die Anwesenden im Raum hinter mir sollen nicht erfahren, dass es für dubiose Visitenkarten von Gebrauchtwagenhändlern Rabatt gibt. Satt. Sie drückt mir das Geld samt Bon in die Hand und ist schon weg. Ich gehe raus und öffne die Finger. Das Gefühl erinnert mich an die Abfahrten nach den Sommerferien. Oma am Auto in Tränen. Letzte Amtshandlung: Hier Junge, nimm. Ach, es bricht mir das Herz. Erna. Auch schon lange nicht mehr da. Ruht neben Heinrich. Und was soll ich sagen, die Finger öffnen sich, die Augen überschlagen und finden den Beweis auf dem Bon. 8 Euro. Für beide Schilder. 10 Euro gespart. Die Welt ist komisch. Verstehen tue ich nichts, aber es hat Spaß gemacht. Ich bevorzuge generell immer und überall das Ungewöhnliche. Gerade fahren kann jeder.

(Oh, die Flügelstunde ist zu Ende. Abfahrt. Schreibe ich gleich Zuhause weiter. Das Foto oben habe ich übrigens schon heute Nachmittag zwischendurch geschossen. In der Sonne. Jetzt aber. Zoe, ja, ich komme, ja doch, nur noch den Satz, bitte, also wirklich. Bis später:) )

So, Kinners, da isser wieder, der Meister der Schnellzulassung. In der Zeit, in der ich diesen Text geschrieben habe, hätte ich vier Autos zugelassen. Vielleicht sollte ich das hauptberuflich machen. Ah, ja. Fast durch. Mit den Schildern wieder todesmutig durch den anrollenden Berufsverkehr über die Baustelle ins Amt zum Schalter. Wieder eine Frau. Der habe ich die Schilder gegeben, die sie dann beklebt hat. Alles der Reihe nach. Der schüttelt die Pflaumen, der… Und wer isst sie alle auf? Fertig. Schilder bekommen, Karre zugelassen. In: 14 Minuten tutti kompletti. Um 7.44 Uhr saß ich in meiner dampfenden Kiste und habe den Heimweg angetreten. Das war mindestens Weltrekord. Wieso hat es keinen Pokal, Fotos, Interviews, Laolas gegeben?

Morgen Abend geht es nach Essen, nacher Arbeit und am Samstag in der Früh zur Familie Santirci. Mokka trinken. Und dann: Aufe Autobahn mit meinem Schatzi und volle Kanne Testfahrt. Halligalli, es geht rückwärts. Uiiii….

2 Antworten auf „Schnellzulassung eines Kraftfahrzeugs auf einer deutschen KFZ-Zulassungsstelle in 14 Minuten“

  1. Hallo Jens,

    von mir bekommst Du – leider nur mental – den alternativen Literaturnobelpreis. Die gegenwärtige Nobelpreisträgerin, Kanadierin, 82 Jahre, Alice Munro, schreibt, wie man jetzt gehört hat, Kurzgeschichten von höchstens 35 Seiten. Meine Tochter hat mir – mit ihrem Abitur-Wissen Deutsch – erklärt, was die besonderen Kennzeichen für Kurzgeschichten sind (habe ich schon wieder vergessen – ab 50 bekommt man den Freischein dafür!). Deine Geschichten – und heute insbesondere Deine „Schnellzulassungs“-Geschichte – lassen einem das graue, nasse Wetter draußen sofort vergessen. Mit einem heißen Kakao lehnt man sich zurück und entspannt, mit einem verschmitzten Lächeln.

    Danke für die schöne Geschichte.

    Schönes Wochenende. Und vorsichtig fahren!

    Annegret

    1. Liebe Annegret,

      nun sind einige Tage vergangen und mittlerweile steht das Auto hier vor der Tür. Fährt gut, macht Spaß und ist schön. Heute ist direkt die nächste Geschichte passiert. Das halte ich mir noch offen, darüber zu schreiben. Hat auf jeden Fall was mit meinem alten Auto und der weiteren Verwertung zu tun. Dinge geschehen. Also wirklich.

      Ich danke dir für die Preisverleihung (ganz ehrlich, ich hatte in diesem Jahr echt ein wenig mit einem Anruf aus Stockholm gerechnet, aber – nun gut, Alice, soll sie ihn haben, ich bin da großzügig, weil, bis ich 82 Jahre bin, habe ich noch einige Chancen und letztlich setzt sich Qualität durch, nö:) – (grins, schubidu).

      Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Woche und sende dir liebe Grüße

      Jens

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