Summer of love…

Gestern lief auf1LIVE, dem „Jugendsender“des WDRs, den ganzen Tag Musik der Sixties. Ich hatte Jim zu einem Freund von ihm gebracht, weil er heute frei hat. Er macht gerade ein Praktikum bei einem Fotografen in Köln. Am Montag haben die beiden unsere Landesmutter Hannelore Kraft fotografiert, nächste Woche Samstag ist Nick Heidfeld dran. Und weil er dann am Samstag arbeitet, hat er heute frei. Deshalb ist er nun bei seinem Freund und die beiden reparieren eine alte Hütte, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Auf der Hintour bin ich über die Autobahn geflogen, auf der Rücktour habe ich mir die wunderbare Landstraße gegönnt. Den Soundtrack dazu lieferte das Radio mit dem Programm „Summer of Love 2011“.

Wie ich da so durch diese Welt mit explodierendem Grün und sonnenbeschienenen Wolken tuckerte, präsentierte der Moderator einen Song aus dem Jahr 1965. Der Interpret: Robert Allen Zimmermann mit „Like a Rolling Stone“ aus dem Jahr 1965. In dem Jahr bin ich geboren. Am 18. April, einem sonnigen Ostersonntag. In einer Zeit, als die Welt in einen positiven Umbruch stürmte. Da sang dieser Robert Allen Zimmermann alis Bob Dylan diesen Song und trug dazu bei, die Welt zu verändern. Auf Youtube habe ich einen netten Film gefunden, aber leider sind alle Orginal-Videos zum Song in Deutschland gesperrt. Den Songtext lesen und reinhören könnt ihr auf der Seite von Bob Dylan.

How does it feel
How does it feel
To be without a home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?

Und dann kamen noch eine Reihe anderer Songs und Hintergrundberichte zu der Zeit. Amazing! Ich hätte, hätte, hätte nach Las Vegas reiten können, die Sonne putzen. Oder nach San Fancisco, „with Flowers in my hairs“. Scott McKenzie – San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair). Was für eine Zeit.

Um zurück zu kommen, was ich gerade ungern tue, erinnere ich an einen Kommentar von Eva zu „Big, big Monopoly…“ am Dienstag diese Woche. „Zu den Fünfzigerjahren: Es war genau diese Spießigkeit, in der ein Jahrzehnt später der Aufbruch in eine neue Zeit reifen konnte. Wäre schön, wenn die momentane, von Gier geprägte Zeit dann in der rückwärtigen Betrachtung auch etwas vergleichbar Positives “ausbrüten” würde.“ Ja, das wäre schön.

Bevor ich gestern mein persönliches Road Movie startete, hatte ich ein längeres Gespräch mit der Mutter des Freundes von Jim. Es ging um Schule und darum, worauf es ankommt. Sie selbst hat vier Söhne, von denen zwei Abi gemacht haben, der dritte nächstes Jahr Abi macht und der vierte hoffentlich dann irgendwann mit Jim gemeinsam ebenfalls Abi machen wird. Das heißt, sie hat einige Erfahrung. Und diese Erfahrungen haben mich gestern glücklich und zuversichtlich gemacht. Sie meinte, es kommt nicht auf den Stoff an. Es kommt darauf an, dass die Menschen werden. Persönlichkeiten. Dass sie sie selbst werden, weil sie dann alles machen und erreichen können. Die Söhne sind auch auf die Waldorfschule gegangen und da läuft eben vieles anders. In der zwölften Klasse wird nicht fürs Abi gelernt, sondern der künstlerische Abschluss gemacht. Ich weiß, das hört sich jetzt wieder realitätsfern und nach „die können ihren Namen tanzen“ an. Geschenkt. Aber was die da lernen, das macht sie so stark, dass sie dann in der Dreizehn sich in einem Jahr den kompletten Stoff reinziehen. Und dabei ein sehr gutes Abi machen – bei uns im Kreis weit über dem Durchschnitt. „With Flowers in my hairs“.

Und was wird dann aus denen? Die gehen ihren Weg. Wie alle. Nur vielleicht etwas sanfter. Unrealistischer? Nein! Denn es geht immer auch anders. Seit einigen Jahren arbeite ich der internen Kommunikation eines internationalen Unternehmens in Deutschland zu. Die hatten jahrelang Verluste eingefahren, bis ein Mann kam, ein Geschäftsführer, der einen „Changeprozess“ angestoßen hat. Change in den Köpfen der Menschen des Unternehmens. Er hat das Du eingeführt, er hat mit den Menschen gearbeitet, er hat sie motiviert, er hat am „Gleichklang“ gearbeitet. Ich habe den Prozess begleitet und gesehen, wie sich die Sprache der Mitarbeiter/innen in ihren selbst geschriebenen Artikeln verändert hat. Die Texte wurden immer menschlicher und die Fassade der steifen, als Schutzmantel verstandenen Businesssprache brökelte. Es tauchten Emotionen auf, die Mitarbeiter/innen trauten sich was, gingen mit, lebten auf. Nach drei Jahren war das Unternehmen wieder auf der Gewinnspur. Kein kleines Unternehmen, ein richtig großes. Und der Weg, der dahin geführt hat, war Menschlichkeit. Sinngebendes Miteinander. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen Summer of Love. Vielleicht habt ihr mal wieder Lust in die alten Zeiten einzutauchen und fernab der Hippie-Werbewelt und Retro das Original zu spüren: Janis Joplin, Jimmy Hendrix, The Doors…

The End:)

13 Antworten auf „Summer of love…“

  1. Hallo Jens,

    das, was die Mutter gesagt hat, hat mich sehr beeindruckt. Es kommt nicht auf die Sachinhalte an, es kommt darauf an, daß sie Menschen werden. Ich sehe das eindrucksvoll an meinen Kindern, sowohl beim Jüngeren, als auch bei der Älteren. Es ist eine eigene Faszination, diese Menschwerdung, diese Festigung.

    Eine Gedankenreise in die Vergangenheit mit entsprechender Musik ist beflügelnd. Ach, was waren das für Zeiten!

    So kann man das aushalten: Nach einem Feiertag schon wieder Wochenende vor den Augen. Und am Sonntag soll angeblich auch die Sonne kommen. Schau’n wir mal.

    Dir ein erholsames Wochenende.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      wären wir alle nicht so verdammt ängstlich und hätten den Mut, Menschen zu sein. Wie oft sind es einfach nur Hüllen, Vorstellungen von Menschen. Wie viel wird vorgespielt, wie viel getrennt in dies und jenes. Wir könnten um so vieles besser leben…

      Dir auch ein schönes Wochenende

      Jens

      1. Hallo Jens,

        ich glaube, daß man bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen noch ein wirklicheres (gibt es dieses Wort?) Menschsein sehen kann. Sie entwickeln sich, sind noch offen. Verstecken, vergraben, täuschen, all das wird erst noch erlernt. Das soll nicht heißen, daß sie das nicht erleben, erkennen, aber die Aneignung kommt später. Oder? Was macht es wirklich aus, ein Mensch zu sein?

        Viele Grüße

        Annegret

        1. Hi Annegret,

          ich glaube, Authentizität. Das Weglassen der Schleier. Nicht spielen, sein. Was man ist. Nicht so tun als ob. Nicht mehr sein wollen. All diese Ausgrenzungen, weil Menschen Dinge nicht erfüllen. Diese Vorstellung, es gäbe Eliten, bessere Menschen. Und alle versuchen, zu diesen besseren Menschen, die glauben, mehr Geld und Ansehen verdient zu haben, zu gehören. Und gehören sie dazu, sind sie damit beschäftigt, diesen Status Quo, der sie selbst ausgrenzt und unglücklich macht, beizubehalten. Manche nennen das Realität, dabei ist es Fake. Die Verneinung unserer Möglichkeiten als emotionale Wesen. Wozu sind wir mit Gefühlen ausgestattet, wenn wir sie so wenig nutzen? Wenn wir den Verstand regieren lassen, der uns immer wieder in Sackgassen führt, an deren Ende Einsamkeit wartet. Trennung zwischen den Menschen, Schichten, Völkern, Bildungsebenen… Vollkommener Quatsch. Idiotie.

          Liebe Grüße

          Jens

          1. Hallo Jens,

            ja, Mensch zu sein, bedeutet authentisch zu sein. Nicht streben, verbiegen, verleugnen, verstecken. Mensch, menschlich sein.

            Danke für die Anregung.

            Viele Grüße

            Annegret

          2. Hi Annegret,

            leider klammern wir in Deutschland an diesem Durchprügel-System fest. Mein Nichte besucht ein bilinguales Gymnasium. Die ist so von Leistung überzeugt, dass sie keine schlechteren Schüler haben möchte, weil die das Leistungsniveau senken und dann die Chancen schlechter stehen, gut zu studieren. Das tut ein bisschen weh. Sie ist eine nette junge Frau, aber vom ausgrenzenden Schulsystem so durchweht. Sie paukt Stoff, Stoff, Stoff. So, wie es dann wiederum im Bachelor-Studium verlangt wird. Und was braucht sie dann später im Job? Die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Mit Menschen gut und konstruktiv umzugehen. Woher soll die Fähigkeit dann kommen? Kommt von allein? Hat man, oder hat man nicht? Nun, da bin zumindest ich anderer Meinung…

            Liebe Grüße

            Jens

  2. Hallo Jens,Ich frage mich immer, was oder wem nützen gute Schulnoten.Natürlich sollte man der deutschen Sprache mächtig und sein Konto sicher im Blick haben.Aber wie viele Einser-Kandidaten können in der Welt nicht bestehen,weil sie das Menschwerden verlernen oder nie gelernt haben.Ich jedoch bin froh das es zu unserer Zeit so viele schöne Lieder gab an die wir uns heute gut erinnern und die zum mitsingen anregen.Hoffe das unsere Kinder in dieser schnellen Welt auch ein paar Schätze mitnehmen werden. Liebe Grüße Christel

    1. Hi Spielfee,

      ja, was sagen Schulnoten letzten Endes aus? Über den werdenden Menschen? Da ist Papier ziemlich geduldig. Letztlich müssen die Jugendlichen doch lernen, in der Welt zurecht zu kommen. Dazu braucht es ein paar mehr Fähigkeiten als die Beherrschung des theoretischen Stoffes. Das geht tiefer.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    so ein dichter, schöner Beitrag! Ach ja, dieSechziger und die Musik! Mein Sohn beneidet uns immer darum, dass wir diese Epoche hautnah miterleben konnten.

    Die Doors liebe ich, auch wenn mir die Musik damals zunächst Angst einjagte, denn Jim Morrison hatte für mich bereits den Tod in der Stimme – ich sollte Recht behalten.
    Und dann war da „Vanilla Fudge“ mit „Where is happyness?“, ein Wahnsinnsstück! Kennst Du „Jefferson Airplane“ und hier „Somebody to love“? Was für ein Lied! In ihm steckte die ganze Aufbruchstimmung, der Ton, den diese Zeit sang, Hoffnung und Hoffnung und Hoffnung.
    Der Untergang der Bewegung aber wurde dann jäh besiegelt mit den Manson-Morden in LA, danach wurde der Zauber grau und war dann vorüber… .

    Meine Tochter hört heute eine andere Musik, aber die finde ich auch sehr besonders und höre sie selbst sehr gern: Artic Monkeys. Blur, The Klaxons, Built to spill u.a.m., ganz toll!

    Apropos Kinder, Dein anderes Thema: Ja, sie gehen ihren Weg und wenn man sie nicht niedermacht und trotzdem nicht aus den Augen verliert, dann klappt das auch gut. So, wie wir unsren Kinder Urvertrauen vermitteln, so tun sie das umgekehrt irgendwie auch, wir müssen es nur zulassen : Haben wir das „Urvertrauen“ in sie, dass es schon gut klappen wird – auch in schulischer Beziehung (bei unsren Kindern waren das übrigens ganz normalen Gymnasien) – so bringt das eine unglaubliche Kraft und Ruhe in die Zeit ihrer Entwicklung, bei allen Höhen und Tiefen, die z.B. die Pubertät für beide Seiten bedeutet. Aber das alles lohnt sich wie kaum etwas anders.

    Eltern sollten da einfach selbstbewusst sein und sich nicht beirren lassen. Sie müssen aber schon wissen, dass sie als „Gestalter“ fungiern und Vorbilder für ihre Kinder zu sein haben. Hierzu aber gehört eine Menge an Disziplin, und zwar sich selbst gegenüber.
    Das wird oft verwechselt und dann umso stärker von den Kindern gefordert …. .

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

    Eva 2

    1. Hi Eva,

      danke. Habe mir Vanilla Fudge und Jefferson Airplane angehört. Jefferson Airplane kannte ich, Vanilla Fudge nicht. Sehr spannend. Ja, das muss toll gewesen sein, in dieser zeit bewusst gelebt zu haben. Ich wurde am 18. April 2003 volljährig. Einen Monat, nachdem Helmut Kohl für eine lange Zeit zum Kanzler gewählt wurde. Und ich durfte noch nicht einmal mitwählen! Sonst wäre das anders ausgegangen:) Danach ging es bergab, die Hippiezeit hatte sich endgültig verabschiedet. Wir hörten dann The Cure und solche düsteren Dinge aus England.

      Kinder sind schon eine sensible Angelegenheit. Der Staat ist leider wenig sensibel und sieht da nur der „größeren Nutzen“ – heranwachsende Steuerzahler. Da kommt dann so ein Unsinn raus wie die Früheinschulung mit 5. Die Kids sind noch nicht schulreif, können Schule noch gar nicht leisten und werden an unserer Schule mittlerweile im ersten Jahr alternativ draußen und im Wald unterrichtet, weil die es noch nicht schaffen, sich ruhig hinzusetzen und zu lernen. Minesterialidiotie. Politik von Männern, die sich um ihre eigenen Kinder nie gekümmert haben, weil sie ständig auf Parteiveranstaltungen sind und um Parteipositionen kämpfen. Ellenbögler par excellence, die selbstverständlich glauben, das müsste so sein. Den Konkurrenten weghauen – und das möglichst ab einem Alter von fünf Jahren lernen. Wenn man mal genau hinschaut, wer Bildungspolitik macht und aus welchem Selbstverständnis…

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Hallo Jens,

    das von Dir angeführte Beispiel Deiner Nichte, die ein bilinguales Gymnasium besucht, ist eine traurige Sache. Nur super Leistungen bringen, das Niveau hoch halten – da macht Schule doch überhaupt keinen Spaß mehr. Und ich finde, Schule/Lernen muß Spaß machen. Wo bleibt da das Menschliche in der Schule? Da ist doch Egoismus-auf-Teufel-komm-raus vorprogrammiert. Was kümmert mich mein schwächelnder Mitschüler? Es geht um meine Zensuren, um meine Leistung. Für andere habe ich da überhaupt keinen Blick.
    Meine Tochter hatte mit zwei weiteren Mitschülern in Teamarbeit ein Referat erarbeitet. Da eine von den Mitschülerinnen unbedingt eine bessere Note brauchte, hat sie den größten Teil des Referates vorgetragen. Die zwei anderen machten die Einleitung und den Schluß. Das Ende vom Lied war, daß die zwei, die nur einen geringen Part vorgetragen haben – aus Rücksicht auf die Mitschülerin – eine Fünf kassiert haben. Und so etwas nennt sich Teamarbeit. Rücksichtnehmen verboten. Da kann man sich über die Lehrer nur noch wundern, die dann keine Diskussionen zulassen, und das bei Schülern, die alle schon volljährig sind.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ja, das ist traurig. Es steht und fällt mit den Lehrern und dem Geist der Schule. Der Glaube, es gehe nur über Konkurrenzkampf, ist weit verbreitet. Und später klappt es dann nicht mit Kollegialität. Gut, dass die Schülerinnen, so wie deine Tochter, ihren menschenverstand bewahren. Im Grunde ist es so: Die 5 zählt nicht. Sie wird ihren Weg gehen. Irgendwann fragt niemand mehr nach Noten, sondern nur noch danach, was einer ist und was er kann. Ganz wichtig ist dann einfach Aufrichtigkeit und Charakter.

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Ja, die Fünf zählt nicht wirklich. Sie war ein widriger Lernschritt. Die Devise lautet: Bei Referaten die Lerninhalte gleichmäßig verteilen. Meine Tochter behält ihre Menschlichkeit bei und sieht trotzdem auf die Mitschüler, ein Charakterzug, auf den ich stolz bin. Daß sie Menschlichkeit auch in der Praxis umsetzen kann, hat sie auch in ihrem Praktikum bewiesen, in der Familie und im Freundeskreis sowieso.

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