True Grit, The King’s Speech, Pina.

In diesem Jahr hat es Hollywood geschafft, mich ins Oscar-Fieber zu ziehen. Hallo Herr Schönlau, schön, dass sie sich auf den Walk of Fame gemacht haben, und ein paar Sterne vergeben wollen, die Menschen an den Himmel schießen. Gute Überleitung, Sterne, Western, US-Marshall Jeff Bridges und Texas-Ranger Matt Damon. Beide tragen einen, wie einst John Wayne, in dessen Fußstapfen sie mehr oder weniger treten. True Grit. Gestern Abend in Siegen. Skurriles Publikum, die Popcorntüten werden immer größer, für die Becher mit der schwarzen Geheimniskrämer-Limonade dürften 10.000 Xe vor dem L nicht mehr ausreichen. Wieso erinnert mich das – ich werde jetzt mal im Stile der Coen-Brüder böse und sarkastisch – an die Fütterung von diesen netten intelligenten Tieren, die im Kino manchmal Babe genannt werden? Neben mir zogen sich zwei Jungs auf ihrer Kuschelbank die Mega-Portion Tortilla-Chips mit Doppeldip rein. Das knackste und roch streng nach chemischen Gewürzen und Dip. Die Jungs waren zudem über ihre Kuschelbank überrascht – „Hey, wie assi is das denn? Deshalb hat die Alte so gegrinst.“ True Grit. Western, harte Burschen.

Ziemlich viele Oscars sollen die Coens, Bridges und Damons bekommen. Moment. Ein Name fehlt: Hailee Steinfeld. 14 Jahre alt, oscarnominiert. Sie spielt in diesem Remake des 70’er Klassikers mit John Wayne die Mattie, die den Rachefeldzug am Mord ihres Vaters in die eigenen Hände nimmt. Was sie da spielt, ist nicht nur für ihr Alter oscarverdächtig. Ganz in der Rolle, zweihundertprozentig überzeugend. Bridges spielt schon gut, aber Steinfeld ist grandios. Leider kackt Damon ab. Vielleicht auch nur durch die leicht veralbernde Synchronstimme, vielleicht wollten die Coens zu viel. Er wirkt als Texas-Rancher La Beef ein wenig turtelig überzeichnet. Schade, wo ich diesen Sexiest Man Alive (nicht meine Aussage) doch tatsächlich ziemlich gerne mag. Allerdings nicht, wenn er durch Szenen hampelt.

Was passiert im Film? Einiges Skurriles. In Sepiafarben gemalt, werden die rauen Zeiten inszeniert. Schmutzige Unterwäsche, Whiskeyflaschen, da hängt jemand hoch an einem Baum, wird abgeschnitten, fällt herunter, von einem vorbeiziehenden Indianer mitgenommen, um an einen weißen Medizinmann verkauft zu werden, der ihn weiterverkaufen will, nachdem er ihm die Zähne gezogen hat. True Grit. Wahrer Mut. Klar, den haben die Coens. Die machen einfach. Deshalb kommt Bridges so gut, weil er sich fett – im wahrsten Sinne des Wortes – auf den breiten Rücken der Rolle setzen kann. „Ich wollte mal auf einem Pferd sitzen“, sagte er in etwa so. Den alten Stinkstiefel kann er wie kein zweiter. Oscars? Ja. Auf alle Fälle für Hailee. O.K., Jeff würde ich auch einen geben. Für den Film? Muss nicht unbedingt. Total umgehauen hat er zwar viele Cowboys, die mit klaffenden Wunden von Pferden fielen oder an die Wand geknallt wurden, mich aber nicht. Emotional hat er nicht gepackt. Frech ist er, verspielt. Den Kick hat er nicht.

Vielleicht The King’s Speech? Hab ich letzte Woche gesehen. Auch in Siegen. Kaum Publikum. Eindeutiges Oscar-Votum? Langsam. Auch hier schreibt die Presse und die Werbetrommel rührt. Bombastische Superlative der Kategorie über allem sind da zu vernehmen. Welche Kraft die Maschinerie entwickelt. Welchen Sog. Wie von Sinnen tippte ich mein Ja unter die Online-Reservierung und ließ mich wie ein Schaf vom Hirten in den Kinosessel locken. Dieses Mal von den werten Engländern, die in Hollywood gerne groß auftrumpfen würden.

Komischerweise wieder Sepiafarbtöne. Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Alles braun, schwarz, grau, blass. Pastellig. Wie in True Grit. Zeiterscheinung. Eine Ästhetik, die wunderbare Kameraeinstellungen in den Londoner Nebel zaubert. Schön anzusehen. Die Kamera, ihr würde ich den Prinzen in Gold an das Objektiv hängen. Hier, nimm, mein wachsames Auge. Und dann ist da Co-Co-Colin Fi-Fi-Firth, der bereits für den Oscar nominiert ist. Der stottert sich ganz schön was zurecht. Ohne Unterstützung, wie er gesagt hat. Es gibt viele Leute, die einem helfen, mit dem Stottern aufzuhören, eine Einweisung in prachtvolles Stottern ist am Markt der Coaches und Trainer nicht abrufbar. Meint er. Firth hat sich eingefühlt, hat sich das bei Könnern abgeschaut. Und er hat seine Sache britisch stocksteif gut gemacht. Die Gespräche mit seinem Logopäden, der innere und äußere Kampf sind sehenswert. Firth oder Bridges? Es wird ein Kopf- an Kopfrennen. Zumindest aus meiner Perspektive. Wie die Jury drüben in den States denkt und tickt, keine Ahnung. Die haben ein anderes Verhältnis zu Sternen und Sternchen.

Ja, ich habe etwas vergessen. Den Oscar für den besten Film. Hier bringe ich ganz deutsch alternativ ein drittes Pferd auf die Rennbahn. Pina von Wim Wenders. Ich antizipiere, nehme vorweg, weil ich den Film noch nicht gesehen habe. Nur den Trailer. Weshalb dann meine Favoritenbelegung? Ich meine, fernab der Oscars. So weit ich weiß, ist Pina nicht nominiert. Oder? Hab gegoogelt und so schnell nichts gefunden. Egal. Ich werde ihn mir ansehen, wenn das hier in der Gegend möglich ist. Ob Filme über Tanztheater auf dem Land gezeigt werden? Passt nicht zu den XXXXXL-Fressorgien, die hier abgehalten werden. Ich denke, Pina schafft es nicht aufs Land. Egal. Also ein Doppelegal. Zweimal. Was mir der Trailer gezeigt hat, die Poesie, die Bilder, die Ästhetik, die Tänzer/innen, der Ausdruck – das ist mir nicht egal. Sehr vielversprechend. Scheinbar eine authentische Hommage an die Größte des Tanzes: Pina Bausch. Gestorben 2009. Auferstanden 2011?

Macht euch selbst ein Bild, was euch gefällt und wie es euch gefällt. Hier die Trailer-Links (bitte jeweils ein wenig warten, die Trailer beginnen dann automatisch). Viel Spaß mit großem Kino – ob Oscars oder nicht:

True Grit

The King’s Speech

Pina

12 Antworten auf „True Grit, The King’s Speech, Pina.“

  1. Guten Morgen, Jens,

    große Kino-Show zum Wochenende. Das paßt ja. Leider komme ich zur Zeit nicht ins Kino. Aber was ich mir schon ausersehen habe, ist The King’s Speech. Mich haben die Geschichte und die Darsteller beeindruckt. Ich habe sowieso ein Faible für britische Filme. Nachdem ich sowohl den deutschen als auch den englischen Trailer gesehen habe, würde ich die englische Version vorziehen. Eine Szene hat es mir angetan: Der Therapeut sitzt auf dem Königsstuhl. Welch eine bodenlose Frechheit! Der König lamentiert, daß das ja wohl nicht angeht, daß er – der Therapeut – sich auf den Königsstuhl setzt. Und dann kommt urplötzlich: „I HAVE A VOICE!“ Wunderbar. Meine lieben Kinder, denen ich von dem Film erzählte, ja, schwärmte, meinten beide: „Das ist ja langweilig. Da warten wir lieber auf einen besseren!“ Kulturbanausen, diese zwei. Wahrscheinlich muß ich drei Ewigkeiten warten – bis zum Erscheinen auf DVD – bis ich den Film im heimischen Pantoffelkino – ohne eee.. Tortilla-Geruch – genießen kann. Sei’s drum.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Magst Du den Frühling – wenn er denn mal entlich anhaltend kommen würde?

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ich habe Jim weinfach mitgenommen. „Hey, Lust auf Kino?“ „Klar Papa!“ „Da läuft ein ganz guter Film. schaun wir mal…“ der Film hat ihn nicht umgehauen, aber schon gefallen. Mir hat er sehr gefallen, aber umgehauen hat er mich insgesamt auch nicht. Gespielt ist er non den Hauptdarstellern wirklich richtig gut. Trotzdem ist bei mir letztlich nicht der letzte Funken übergesprungen. Die von dir beschriebene Szene ist schon wirklich beeindruckend. es gibt noch mehr davon – zwischen den beiden Männern.

      Auf den Frühling freue ich mich riesig. Mir fehlt Licht, das macht mich grantig. Sehne mich nach der Leichtigkeit der hellen Jahreszeit. Ich glaube, ich würde lieber in Äquatornähe wohnen. Dir auch ein schönes Wochenende

      Jens

      1. Hallo Jens,

        ich glaube, das eigentliche Thema ist das Zulassen von Nähe. Das „Königshaus“ ist ein sehr enges Korsett, das auch dem König die Stimme einschnürrt. Wenn ein Erwachsener stottert, wird er wahrscheinlich von Kindesbeinen an dafür Spott und Hohn geerntet haben. Aber ein König muß sein Volk führen. Dazu muß er auch eine Stimme haben, die beim Volk ankommt. Er muß sich mit seinem Stottern auseinandersetzen, sich auf seinen Therapeuten einlassen, auch wenn es innerlich schmerzt.

        Am Frühling gefällt mir, daß alles wieder neu wird, daß die Sonne viel Licht verbreitet …

        Viele Grüße

        Annegret

        1. Hi Annegret,

          du wirst sehen, die Ursachen des Stotterns werden thematisiert. Genial ist die Angehensweise des Logopäden. Auch super gespielt.

          Liebe Grüße

          Jens

          1. Habe entdeckt, daß es The King’s Speech auch als Taschenbuch (englisch) gibt. Also erst Kopf-Kino und später großes Kino.

            Schönes Wochenende

            Annegret

  2. Hallo Jens!

    Ich hab enoch keinen dieser Film gesehen, wobei mich der Film von Wim Wenders über Pina Bausch am meisten interessiert. Ich bin kein großer Kinogänger und sehe die meisten Filme dann im TV.
    Über den Pina habe ich im TV einen kurzen Bericht gesehen, der mich fasziniert hat. Kurz vor Drehbeginn ist Pina Bausch an Krebs verstorben und Wim Wenders wollte das Projekt absagen. Pina und er haben 20 Jahre darüber geredet bis Wenders die Idee zu einer Umsetzung hatte. Die Tänzerinnen und Tänzer wollten diesen Film aber unbedingt. Als Hommage für das Werk von Pina Bausch.

    Diesen Film werden wir uns bestimmt anschauen, denn die ersten Bilder davon sind atemberaubend und schön.

    Liebe Grüße

    Raoul

    1. Hi Raoul,

      Pina Buasch war schon eine ganz besondere Frau. Sie wollte den Film in 3D, um das Tanzen realistisch zu zeigen. Die fliegenden Bewegungen. Ich bin sehr gespannt. Ich habe mir auf der Seite zum Film die Biographie durchgelesen. Beeindruckend, wie sie zu dieser eigenen Tanzsprache gekommen ist, wie sie Ballet in Tanztheater umbenannt hat. Ich freue mich auf jeden Fall drauf.

      Dir auch liebe Grüße und ein schönes Wochenende

      Jens

  3. Huhu Jens! Ich gebe mir die Oscarverleihung heute Nacht on the TV:-) Die Filme muss ich mir später ansehen, die kommen meistens zu mir, wenn ich sie „brauche“:-) Bin ja nicht so die zwischen Leutegequetschtsitzerinundwennichmalmussmeckernalle.
    Ich liebe einfach die Reden und Laudatios bei den Verleihungen!!! Hach, ganz großes Kino! Psychologisch projektionstechnisch äußerst wirksam! Jedesmal wenn ich mir so eine Preisverleihung ansehe, geht es mir einfach supi, weil nur gelobt, gehuldigt und applaudiert wird:-))))
    Die Hollywoodtherapie: hilft immer!
    Liebe Grüße & schönen Abend noch an alle!

    1. Huhu Sonia,

      nette Begrüßung. Ich sehe dich herüber winken. Die Töne fliegen in langsamer Abfolge durchs Tal herauf…. Natalie Portman, The King’s Speech und Colin Firth. War bestimmt schön. Wir haben keinen Fernseher und können deshalb an solchen Events nicht teilnehmen. Habe heute Morgen direkt den Spiegel Online Liveticker gecheckt und mir die Fotos vom roten Teppich angesehen. Das True Grit nix bekommen hat, ts. Die Coens machen es Hollywood nicht immer leicht.

      Dir einen schönen Tag und eine schöne Woche

      Jens

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