Verwirrt, verirrt in der Walpurgisnacht

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Ich sage nur: Stuttgart. Dienstag hat der Job in der Schweiz bis in den Abend gedauert. Weil ich den 1. Mai mit Familie und Freunden verbringen wollte, habe ich mich ins Auto gesetzt und auf den Heimweg gemacht. Keine weitere Hotelnacht. Familiensehnsucht. Sonst hätte ich den 1. Mai auf der Autobahn verbracht.

Aus der Schweiz raus, nach Deutschland rein, da stand schon das erste Feuerwehrauto quer. Errichtung des Maibaums mitten im Dorf. Auftakt zur Walpurgisnacht. Von wegen Frauen auf Besen – Männer in roten Autos. Männer, die auf Bäume starren. Allerorten. Mit vollem Gerät. Fahrzeugen, Kränen, allem, was man so braucht, um riesige Bäume aufzurichten und festzuzurren.

Mein Plan war, auf der Autobahn schnell durchzurutschen. Es lief, ich kam gut voran, schaute auf die Stauvorschau im Navi und verabschiedete mich von meinem Vorhaben. Vor Stuttgart 7 Kilometer, hinter Stuttgart 3 Kilometer. Von wegen, die sitzen alle schon Zuhause und warten auf Dortmund – Real Madrid. Auf Stau hatte ich so überhaupt keine Lust. Stop & Go. Schalten, bremsen, rollen lassen, anfahren, stehen, warten, hoffen… Ich wollte definitiv einfach nur nach Hause. So wie all die andern, die sich da auf der A81 zum Sit-in auf offener Strecke getroffen hatten.

O.K. Plan B. TMC. Elektronische Stauumfahrung. Weit vor Stuttgart bot mir das System an, die Autobahn zu verlassen und einfach am Stau vorbeizufahren. Tja. Generell eine gute Idee. Dennoch war ich unsicher. Das erste Angebot habe ich abgelehnt. Tatsächlich von der Autobahn runter? Ach. Nö. Nächste Abfahrt wieder der Pfeil nach rechts. Die Schlange Ka. Komm, Süßer! Fahr ab! Umfahr den Stau! Sei nicht dumm!

Habe ich mich drauf eingelassen. Blinker gesetzt, raus, Landstraße. Wenn ich jetzt noch gewusst hätte, was das System plant… Wusste ich nicht. Also folgte ich den Pfeilen vorne im Tachobereich. Rechts. Links. Geradeaus. Puh. Kilometer um Kilometer. Und dann war ich plötzlich mittendrin im Schwarzwald. Glaube ich. Ja. Nord-Schwarzwald, habe ich gerade gegoogelt.

Was hatte mein Navi vor? Quer durch. Am Ende bin ich 90 Kilometer Landstraße gefahren, um von der A81 auf die A5 zu wechseln, was ich hinter Stuttgart per Autobahn gemacht hätte. Aber da waren eben die kleinen Hindernisse. Erst dachte ich. Au Mann. Was soll das denn hier? Die Straßen wurden kleiner, kurviger und dann war ich mittendrin – im Tal der Murg. Was für eine bombastische Landschaft. Gebirge. Die Bundesstraße B462 führt immer am Fluss entlang, der richtig tief im Tal liegt. Rechts und links steil aufsteigende, dicht bewaldete Hänge. Ab und an schnuckelige Dörfer wie aus dem Märklin-Katalog. Und fette Hotels. Richtig dicke Dinger (weils da echt richtig schön ist! So richtig richtig!)

Was soll ich sagen? Ach, lass ich die Firma Wikipedia sprechen: „Dem Tal folgen die Murgtalbahn und die Schwarzwald-Täler-Straße (Bundesstraße 462); beide zählen bautechnisch und landschaftlich zu den bemerkenswertesten Verkehrswegen in Deutschland.“ Jawoll. Ziemlich beeindruckend. Und gut vorangekommen bin ich auch, weil die Straße mir gehörte. Denn in den Dörfern waren die Menschen mit ihren roten Autos damit beschäftigt, Maibäume aufzustellen. Alle in ihren Dörfern, keiner auf der Landstraße. Und so kam ich meinem Ziel Kilometer um Kilometer näher und durfte währenddessen schönste Natur erleben. Aus den Wäldern stiegen Nebel auf, es wurde langsam dunkel, von den Höhen begannen Dörfer und Kirchen ins Tal zu leuchten.

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Zuvor aber tauchte plötzlich dieser Stausee auf. Weil der Fluss auf rund 80 Kilometer Länge von 800 m auf 110 m fällt, gibt es einige Stauseen und Staudämme, die zur Stromerzeugung genutzt werden. Imposante Bilder. Musste ich kurz festhalten. Und dann war ich auch schon auf der A5 zurück in der Zivilisation und konnte laufenlassen. Wegen Regen leider nicht ganz so schnell. Auf der Höhe von Frankfurt wurde es dann noch einmal dramatisch: Real Madrid hatte in der 82 Minute das 1:0 geschossen und in der 88. Minute das 2:0 nachgelegt. Denen fehlte nur noch ein Tor und aus dem Finale Bayern – Dormund wäre nix geworden. Ich konnte nicht hinhören und habe tatsächlich Sabine Töpperwien ausgeschaltet. Mundtot gemacht. Drei Minuten noch. Drei Minuten gewartet, Radio wieder auf laut. Da spielten die immer noch. Jesses. 96 Minuten! Hey, war der bezahlt, oder was? Wer lässt denn 96 Minuten spielen? Gutes Ende. Für mich dann auch. Zuhause. Ah. Ist es doch am schönsten:)

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6 Antworten auf „Verwirrt, verirrt in der Walpurgisnacht“

  1. Hallo Jens, da bist Du doch tatsächlich durch meine schöne Heimat gefahren. Ich wohne in der Perle des Murgtales, in Gernsbach. Freut mich, dass Dir die Fahrt durchs Murgtal gefallen hat. Und ich hoffe, Du hattest einen schönen 1. Mai zu Hause bei Deinen Lieben. LG aus dem Badischen, Bianca

    1. Hi Bianca,

      und wie mir die Fahrt gefallen hat! Fand ich sehr nett vom Navi, mir das Tal zu zeigen. Scheinbar geht so ein Navi einen Schritt weiter und stellt sich auf den persönlichen Geschmack des Fahrers ein. Wahrscheinlich hat es zu mir auf der langen Fahrt eine persönliche Beziehung aufgebaut:))))

      Hast du dann auch irgendwo an der Straße neben einem Maibaum gestanden? Vielleicht hast du mich vorbeifahren gesehen… Winkewinke.

      Der 1. Mai war sehr schön. Wir haben uns bei Freunden getroffen, mit denen wir im Sommer nach Italien fahren. Die Kids haben die neuen Zelte probeweise aufgebaut, für die Mädels haben wir einen kleinen Maibaum geschmückt und gesetzt, wir haben gegrillt und haben rund um Schloss Ehreshoven Geocaching betrieben – das ist das Wandern, das auch junge Menschen mitmachen… War sehr schön. Abends, Zuhause, habe ich noch ein Feuer in meiner neuen Feuerschale angezündet und den Tag ausklingen lassen.

      Liebe Grüße aus dem Oberbergischen

      Jens

  2. Hallo Jens,

    ja, Stuttgart, der Schwarzwald, die Umgebung – das hat schon was zu bieten. Ich habe dort 11 Jahre gelebt. Leider hat es meinen Ex-Mann in seinen Ruhrpott zurückgezogen, so daß wir mit Sack, Pack und Kind dem schönen Schwabenländle den Rücken gekehrt haben. Warum muß man sich auch in einen Ruhrpottler verlieben anstatt in einen Schwaben? So ist das eben mit der Liebe! Mir bleiben „die Bilder im Kopf“ – wie Sido so anschaulich besingt.

    Schön, daß der Navi, der mir ja kein Freund ist, Dich an der Schönheit der Umgebung hat teilhaben lassen.

    Der Tag fühlt sich heute wie ein Montag an. Dabei geht es nach Morgen schon wieder in das Wochenende. Dieser Monat Mai schüttelt die Tage aber ganz schön durcheinander.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      meine südlichste Stadt war bislang Mannheim. Zwei Jahre. Aber da gab es doch einen gewissen Mentalitätsunterschied und ich bin gerne ins Rheinland zurückgekehrt – hier haben auch meine Freunde gewohnt.

      Eine wirklich schöne, beeindruckende Gegend.

      Ja, morgen schon Wochenende. Freue mich drauf.

      Liebe Grüße

      Jens

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