Wir müssen dringend reden…

Hey, was geht ab. Normalerweise beziehe ich hier irgendwie Stellung und kommentiere das Leben oder gebe Erkenntnisse und Gedanken preis. All dieser Kram, der mich bewegt. Seit geraumer Zeit bewegt mich nichts. Das heißt genau genommen: Es bewegt sich alles, aber ich will nicht. Nicht das. Mein Inneres spielt Toter Mann und wartet auf ein Zwischending aus Inspiration und Erleuchtung. Lieber Gott, schick mir ein Zeichen. Lottogewinn. Wiederauferstehung Jimi Hendrix. Der Papst heiratet. Sowas.

Tatsächlich habe ich mal geglaubt, ich wäre ganz nah dran. Ups. Nun. Das ist das Schöne. Überhaupt und dann auch am Älterwerden. Sich selbst überholen, im Rückspiegel der eigenen Unzulänglichkeit betrachten, den kleinen Jungen dort sehen und Gnade vor Recht ergehen lassen. Komm, komm, ich lege meinen Arm um dich und wir schauen einfach nur. Mehr nicht. Nichts wollen, nichts zwingen, nicht schreien, nicht poltern und auch nicht verzweifeln oder den Kopf in den Sand stecken. Wozu auch.

Viveka und Spotify haben mich durch dieses Jahr getragen. Es war ein merkwürdiges Jahr. Alles gut auf dem Papier, die Bilanz stimmt, im Grunde gibt es nichts zu beklagen. Gut, diese Welt da draußen. Dieses Ungemach.

Auf Ebay habe ich Beuys gesucht. Eigentlich die DVD, weil wir es nicht ins Kino geschafft haben. Jetzt muss ich unterbrechen an dieser Stelle. Versteht ihr jetzt nicht. O.K. Also: Gestern habe ich Beuys auf Ebay gesucht, den Film. Da wurde mir ein Originaldruck angeboten. Für 22,80 €. Yep. Und wisst ihr was ich gemacht habe? Gestern nichts. Aber gerade, als ich daran gedacht habe, habe ich mir das Ding gekauft. Weil ich mich sehne. Weil all das da draußen gerade schmerzt. Ich könnte Gewalt anwenden und einigen echt…

Beuys. Es ist eine gerahmte Karteikarte, auf der steht: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Da wären wir dann ja schon einige weniger. Dann könnten sich einige Maulhelden der Gegenwart erst einmal wieder ganz weit hinten anstellen. Nein, bitte noch ein ganzes Stück weiter ganz hinten. Die Welt ist doof. Mit Doppel-O wie WC.

Mein Kopf sucht nach Auswegen. Ich versuche zu fliehen. Als alles ein wenig smarter war und sich in meinem Körper ein Gefühl der Beruhigung und des Aufgehobenseins eingestellt hatte, da durfte ich mich den zarten Gedanken und Gefühlen hingeben. Das war Denken wie auf Droge. Das hatte eine entspannte Leichtigkeit mit Flughöhe im Himmlischen. Das ist in diesem Jahr 17 im Nebel der Geschehnisse verflogen. Ich denke, ihr habt die Nachrichten verfolgt. Und ja, die hatten einges zu bieten. Nicht, dass die Welt jemals langweilig war. Mitnichten, nein, aber aktuell gehen die Weichenstellungen in Richtung eines kratzenden Ungemachs. Die Bad Boys haben die Oberhand gewonnen.

Jungs der Freude: Weinstein, Gauland, Trump, Amri, Putin. Die Jungs in Saudi Arabien, Nord-Korea, Iran, Somalia, Ägypten, Libyen, Venezuela… Würde man auf einem Globus der Duseligkeit all die Länder des Wahnsinns 17 pink einfärben, würde man glauben, die Welt gehöre der Telekom.

Contenance. Die immer wieder neu heraufbeschworene innere Ruhe. Du schaust zu. Du verfolgst es, siehst es. Wir hatten einmal etwas erreicht. Das Kinde mit dem Bade. Mit dem Hintern einreißen. Sorry: Mit den fetten Ärschen der Idioten.

Manchmal denke ich: Ey, 1965 geboren ist echt Kacke. ’68 war ich 3. Da war ich nicht nicht so weit. Und als es losgehen sollte, kam 83 diese Schlaftablette aus der Pfalz. Die Einheitskanzler-MONOTONIE. 16 Jahre. Da war ich 34 und zweifacher Vater. Und dann hat er in einer Talkshow gesagt, dass er Karamellpudding liebt. Da war mir alles klar. Da waren wir ganz am Ende angekommen. Da blieb nur noch Karamellpudding. Alles eine Sauce. Du kommst endlich an und willst den Ballsaal betreten und dir das Hirn raustanzen, da klappt der Gitarrist einen Koffer zu und sagt Gute Nacht. Fuck.

Gut. Dann kamen Gorbatschow und Perestroika und Glasnost und Abrüstung und G8 plus Russland und die IRA wurde friedlich und selbst die baskischen Separatisten hörten auf, Autobomben zu zünden. Der Weg ins Paradies war frei…

Puff, Beng, Bumm. Aktiencrash, die Türme 2001. Alles, alles, alles vorbei. Gegen das Folgende war Vietnam Kindergarten und Apokalypse now ein kleiner Gruß aus der Küche. Amuse Gueule.

Es sind alle verrückt geworden. Die Welt spinnt. Jeden Tag noch ein wenig mehr Zunder ins Feuer. Nordkoreanische Raketentests. Voila. Jerusalem. Krim. Ausstieg aus dem Klimaabkommen. Brexit. Wir sehnen uns nach neuen Grenzen und Nationalstaat. Orban. Kaczyński. Mitten in Europa. Griechenland war ein Problem?

Ich möchte wieder in meinem Maikäfertal spazieren gehen und mir Gedanken über das Wetter machen. Schauen, wie sich die Wolken im Winde verwehen. Tatsächlich habe ich eine Sehnsucht, wieder über Banalitäten zu schreiben. Sie aus dem Nichts zu überhöhen. Die Zeit ist nicht so. Nicht mehr so. Sie war nie so. Aber es war einfacher, Dinge auszublenden und alles zu romantisieren. Das fällt gerade schwer.

Die New York Times hat heute publiziert, dass Trump bis jetzt 103 Mal nachweislich gelogen hat. Obama in seiner gesamten Amtszeit 18 Mal. Dennoch folgt Amerika Trump. Dennoch verabschieden amerikanische Politiker Trumps Steuerreform.

Wir haben nicht Trump, wir haben eine verfickte Partei mit A. Die lügt auch. 13 % folgen. Beuys. Früher in den Diskussionen um die Rettung der Welt ging es immer darum, was man tun muss. Was der nächste Schritt ist. An welcher Stellschraube man drehen muss. Es geht nicht mehr um Rettung. Das Spiel ist ein anderes. Der Ausgang ist egal. Wir stehen am Roulette-Tisch und sind in den schwitzigen Händen der scheuklappenbeengten Zocker.

Ich schaue zu, lese mit, höre Spotify und telefoniere mit Viveka. Das ist das, was ich liebe. Das ist in einem Satz 2017. Was 2018 wird, weiß ich nicht. Was ich weiß, es muss sich etwas tun. So geht das nicht. Auf keinen Fall. Zu viele Arschlöcher regieren die Welt.

Nun. Sie sind gewählt. Man bekommt immer das, was man verdient. Und dann höre ich die Musik der 70’er. Gil Scott Heron.

Ich verabschiede mich mit einer Perle aus den Neunzigern. Hat mir Spotify vor die Füße gespielt. Stereolab aus London. Metronomic Underground. 9:45. Ihr könntet ein wenig Geduld mitbringen:) Bleibt mir nur, euch und das Leben zu küssen. Lasst uns nicht aufhören, zu fliegen. Und zu küssen. Und all den Scheiß zu machen.

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