Zuckerberg und die Tür zu Dantes Paradise

Sonntag. Ausflugstag. Zeit für eine Landpartie, wenn man in der Stadt wohnt. Zeit für eine Stadtpartie, wenn man auf dem Land wohnt. Ich hatte Lust auf Stadt, Fotografieren, Bilder, Input. Es sollte ein wenig Sonne geben, sagten die Menschen im Radio. 20 Grad standen im Raum. Hoffnung. Also habe ich Trash Treasure kontaktet und gefragt, ob sie Lust auf Kaffee und Fotos hat. Yes. Startpunkt 13 Uhr in ihrem Ehrenfelder Atelier. Abflug.

Als ich ankomme, große Überraschung, großes Hallo. Tilmann ist auch dort. Wie schön. Der Autor aus Braunschweig. Endlich lernen wir uns kennen. Real life. Lesen einander nicht, sprechen miteinander. Worte. Unser Metier. Wie außerordentlich. Tee trinken inmitten all der Bilder. Reden, lachen, schwadronieren.

Fotografieren. Es regnet. Viel schöner Land in dieser Zeit. Raus. Dennoch. Der Plan ist geschmiedet, wir lassen uns nicht aufhalten, werden auch ohne Licht und Sonne jagen und einfangen. Mikrochips durch Linsen belichten. Wir fahren raus in den Hafen nach Niehl. Dieser unwirtliche Ort hinter den durchnummerierten Ford-Werken. Stellen das Auto an der geschlossenen, mit Fenstergittern geschützten Hafen-Bar ab. Direkt am riesigen Hafenbecken, in dem zwei deutlich verbrannte Riesentoasts, eine Clownsnase und einige andere Nettigkeiten schwimmen.

Rantasten. An den Ort, die Gegebenheiten. Aufgetürmte Container aus aller Welt. China. Amerika. Weite Welt. Englische Texte, Zahlenkolonnen, Wohnblocks aus Stahl, verlassene LKWs, verlassener Ort, verschlossene Einsamkeit. Aki Kaurismäki, Le Havre, wo verbirgt sich die vietnamesische Familie? Geräusche? Leises Klopfen, Jammern, Singen?

Klick. Fotos. Klick. Viele. Sich dem Ort durchs Objektiv nähern. Ausschnitte ranzoomen, ins Hafenprogramm schalten. Tilmann und ich schlendern. Sprechen, haben Spaß an Worten. Seine tiefe Synchronstimme schallt. Klang. Schön. Die Container zu einer Bühne aufgehäuft, ein Bühnenbild für uns inszeniert. Eine Rampe, eine Spur, ein Material auf dem Boden mit Reifenabdrücken. Wie Sand, aber doch ganz anders. Eher wie Zucker, grobkörniger Rohrohrzucker. Fingertest. Tatsächlich! Süß! Es lockt uns, das Innere, das Ende der Zuckerspur. Bienen, summ. Die riesige Betonöffnung ins Dunkel der Lagerhalle. Das Tor des Agamemnon. Als wären wir Legionäre auf dem Heimweg aus der Schlacht beim Einzug in die heimische Stadt.

WOW! Ein Raum. 30 Meter hoch, 40 Meter breit, 120 Meter lang. Dachfenster in Zweimeter-Abständen geben Licht. Zuckerberge. Aufgeschüttet wie Sand. Hoch, sehr hoch. Mittendrin ein Radlader, der Teelöffel, der den Zucker bewegt. Ein gigantisches Bild. LKWs, die still auf Ihre Ladung warten, ein Traktor mit Ladehänger und Zucker, Zucker, Zucker. „Trash, komm, das musst du sehen!“ Sprachlosigkeit. Klick! Tilmann nimmt sich den Raum, erklimmt den höchsten Punkt, spricht Textpassagen in den gewaltigen Raum. Kino! Freude. Das Wetter ist jetzt so egal.

Wir sind alleine, haben das Gefühl, gleich kommt der Werkschutz „Was machenSie hier?“. Nuschel, Erklärung, tun doch nix. Niemand kommt. Wir sind allein mit 100 Millionen Tonnen Zucker und einem faszinierenden Ort. Expidition. Das Förderband aus dem Tunnel. Von dort kommt der Zucker aus dem Bauch der Schiffe. Ein lockender Durchgang. Überall Schalter und Sicherungen für die Förderbänder. Leicht improvisiert. Eine Tür in der hohen Wand links. Ein dunkler Raum. Dante. Neonlampnen brennen und zeigen den Boden voller Taubendreck. Es riecht intensiv. Gittertreppen führen nach oben. Dunkle Ecken, alte Maschinen, Holzverschläge, Taubenkadaver. Gruselig. Ein Ort, an dem man vergessene Entführungsopfer erwartet. Langsam die Treppe rauf mit dem Gefühl, gleich eine Hand auf der Schulter zu haben. Nicht die eigene oder eine bekannte. Mehr tote Tauben. Knochen, Flügel, Federreste. Uuaaah!

Der alte Zuckertrichter. Förderbänder. Allmählich erschließt sich der vergessene Ort. Wir finden den Wiegeraum mit alter Waage und letzem Wiegeprotokoll in der analogen Rechenmaschine: 18. Oktober 1983. Ein Museum. Ein Ort, an dem man den Satz sagt „Hier ist die Zeit stehengeblieben.“ Frozen moment. Reliquien. Ein Schaltpult mit Plan, der zeigt, wie das Fördergut durch Trichter und Laufbänder gelaufen ist und welche Schlater auf EIN gestellt werden mussten, um mit dieser Mörderapparatur zu arbeiten. Nichts anfassen, wer hier den Schalter umlegt, lässt den Turm zu Babel einstürzen.

Wir gehen weiter. Tiefer ins Geschehen. Vorbei an dem Schild „Gefährdeter Bereich! Nicht betreten!“ Nein. Doch. Eine Taube kommt geflogen. Dicht über Trashs Kopf, um gegen den Stahlschacht zu fliegen, der in die Tiefe führt. Das Tier rutscht ab, flattert, fängt sich. Böses Vogelzeichen. Alles voller Vogeldreck. Wir erreichen den oberen Trichter am Ende des langen Förderbandes. Die Neonlampe, die hier seit 1983 nicht aufgibt, hat ihr grell-weißes Licht in einen Feuerton an den Lampenenden verwandelt. Schummerig. „Dante“, sagt Tilmann. Apokalypse. Gleich kommen die Reiter. Wir gehen. Verlassen den Raum. Freuen uns, dass uns dies alles wieder frei gibt, gehen lässt. Keine Hand, die uns hält, keine Tür, die ins Schloss fällt. Wieder so ein Ort, den die Zeit geschaffen hat, den man nicht inszenieren kann. Vergessen inmitten der Welt, unberührt vom Geschehen draußen. Ein eigener Kosmos, in dem Wasser tropft, das auf Stahl trifft, in dem Tauben gurren und irgendein helles Kling in regelmäßigen Abständen den Rhythmus des Vergehens trommelt.

Zum nächsten Hafenbecken. Tatsächlich zwei Vietnamesen. Mit Fahrrädern. Zwei Matrosen auf dem Weg zum Schiff mit niederländischer Fahne. Die weiteteste Fahrt geht bis nach Rotterdam. Es wird gearbeitet. Männer schweißen oder entladen Containerzüge. Nimmt spricht uns an, verscheucht uns. Ein grüner EVERGREEN-Container schwebt hoffnungsvoll durch die Luft. Wir sind uns einig: Wir würden die Farben der Container anders anordnen. Lieber Container-Kranfahrer…

Die Sonne kommt und mit ihr Leben in den Hafen. Ein Mercedes-Kombi umrundet Container – am Steuer der Vater mit dem fünfjährigen Blondschopf auf dem Schoß, daneben die Mutter. Fahrschule. Autos mit niederländischen Kennzeichen verlassen Schiffe und fahren zu Schiffen. Wir fahren auch. In die Keupstraße nach Mülheim. Was essen. In die Kervanserei. Noch so eine andere Welt. Türkisch-orientalisch mit bunten Hochzeitstorten in den Schaufenstern und knalligen Kleidchen und Kinderanzügen für trubelige türkische Hochzeiten. Stadt. Bilder. Blickpunkte. Wir gehen noch ein Kölsch trinken beim Lommerzheim in Deutz, trinken bei Trash auf der Terrasse Espresso und lassen den Tag Revue passieren und ausklingen. So intensiv können Tage sein. Mag ich sehr. Sehr. Zurück aufs Land, Speicherkarte leeren, gucken, erinnern…

2 Antworten auf „Zuckerberg und die Tür zu Dantes Paradise“

  1. Hallo Jens,

    ja, manche Tage können sehr intensiv sein. Deine Bilder sind schön. Entdeckungen fotografieren, das macht bestimmt Spaß!
    Ich hatte gestern auch einen sehr intensiven Tag der etwas anderen Art. Frühmorgens klingelt meine ältere Nachbarin Sturm. Ihr Mann ist ohnmächtig. Sie hat schon die Feuerwehr gerufen. Diese trifft unmittelbar ein. Schwerer Herzinfarkt, Wiederbelebung, Krankenhaus. Ich telefoniere mit ihrem Sohn, spreche beruhigend auf die Nachbarin ein.
    Später – zurück in meiner Wohnung – muß ich erst mal innehalten, werde mir bewußt, wie kostbar Leben ist, wie schnell es vorbei sein kann. Man wird da auf einmal ganz klein und leise.
    Anruf der Schwägerin: Im Haus, wo die Schwiegermutter wohnt, hat es einen Wohnungsbrand gegeben. Der Schwiegermutter ist nichts geschehen.
    An solchen Tagen erfreut man sich wirklich an Kleinigkeiten. Da braucht man keine große Welt.

    Dir, Jens, wünsche ich eine erfolgreiche Arbeitswoche und halt Deine Augen auf für „nichtige“ Schönheiten, Besonderheiten.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ups! Wie bei meinem Vater. Vom einen auf den anderen Moment. Wenn das Herz nicht mehr will. Herrje. Gut, dass du da warst und da sein konntest.

      Danke fpür die Wünsche! Dir auch eine schöne Woche!

      Liebe Grüße

      Jens

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