Ab in die Wellen.

Nachdem Gitta meinte, ich hätte meine ruhige Schreibe verloren, habe ich mich gestern bemüht, mal wieder zu entschleunigen. Dazu habe ich einen Gang runtergeschaltet und kleine Freiräume genutzt, die sich mir geboten haben. Nach einer gut gelaufenen Präsentation am Morgen war ich nachmittags aus der Agentur nach Hause gefahren und da hat mir die Natur schon ein schönes Schauspiel geboten, das ich mir gerne angesehen habe. Der Biggesee im Licht der flach stehenden Nachmittagssonne. Das war wirklich ein Schauspiel der besonderen Art, weil überhaupt kein Wind war. Morgens waren wir zur Präsentation quer durch das bergische Land gefahren und alle Windräder standen still. Als wäre für einen Augenblick die Zeit angehalten worden und als wären die Räder des Lebens zum Stehen gekommen. Ein Zeichen:) Ein guter Tag, die Dinge langsamer angehen zu lassen und sich im gemachten Nest des Lebens zurückzulehnen. Schön. Ruhig.

Die Wasseroberfläche der Bigge war spiegelglatt. Kein Kräusel, keine kleinste Welle. Die Bigge war ein einziger Spiegel, in dem sich überall das Ufer klar und deutlich gespiegelt hat. Ein Naturschauspiel, das wirklich sehenswert war. Die Farben der gelben Lärchen. Manchmal noch ein Rest Grün der Laubbäume. Ich hatte keine Kamera dabei, hätte aber auch nicht angehalten. Ich wollte nach Hause. Mir die Kinder und den Hund schnappen und raus. Der Hund wollte, die Kinder wollten nicht. Ich bin runter ins Tal an den Bach und habe mir dort die Spiegelungen angesehen. Das war auch schön. Die Sonne ging langsam unter, die Schatten wurden länger.

Abends ist es mir dann doch gelungen, die Kinder zu schnappen und sie zu entführen. Ela war in Köln und wir sind schwimmen gegangen. Das haben wir ewig nicht gemacht, weil es irgendwie komisch ist, wenn man in den Sommerferien am und im Mittelmeer war, wenn man von Felsen gesprungen ist und sich in Wellen gestürzt hat, und sich nun plötzlich in einem chlorierten, gekachelten Becken im Neonlicht wiederfindet. „Wie Spaghetti in öligem Wasser.“ (Jim hat mich zitiert und gegrinst.) Realität nennt man das dann wohl und die Herausforderung, die Ansprüche nicht ins Unermessliche zu steigern, um lebenskompatibel zu bleiben. So ist es halt und so ist es gut. Wir haben uns in die Möglichkeiten des Hallenbades gestürzt, in die Wellen des Beckens mit der fetten Wellenmacherkugel, auf die Rutsche (verbotenerweise ohne Ring runter – zivilen Ungehorsam proben, weil da überall Verbotsschilder sind, die nicht alle beachtet werden können), haben uns Fritten reingezogen, haben gelacht, getobt, getaucht und hatten Spaß.

Irgendwann habe ich mich hingelegt, ein wenig zurückgezogen, gelesen und gedöst. Da musste ich an den Mann denken, den ich vorher unter der Dusche getroffen hatte. Ein Mann voller Tätowierungen. Ich hatte ihn angesprochen, weil die wild waren. Mein Opener: „Wilde Tattoos“. Er hatte kurz und knapp „Danke“ gesagt und war verschwunden. Zunächst hatte er scheinbar keine Lust, sich schon wieder über seine Körperbemalung zu unterhalten. Aber, er kam zurück – mit Shampoo in der Hand, das er scheinbar vergessen hatte. So kam es doch zum Gespräch über Tätowierungen und das Leben. Von seinem rechten Oberarm strahlte mich ein Jesus mit Dornenkrone an. Der Mann, der übers Wasser gehen kann. Ein Walk über die Bigge bei spiegelglattem Wasser und keine Welle entsteht… (Kopfkino). Der Jesus war wirklich richtig gut. Wie ein Gemälde mit ganz feinen Schattierungen und echter Ausstrahlung. Renaissance, Guido Reni, Caravaggio (muste ich dran denken). Von einem Meister tätowiert. Definitiv. Der Mann sagte mir, er würde sich nun seit vier Jahren tätowieren lassen. Regelmäßig. Immer wieder neue Sitzungen, die bis zu drei Stunden dauern. Das Tätowoieren des einen Armes hätte sich über ein Jahr hingezogen, weil der Tätowierer nicht immer Termine frei hat. Da waren viele Tätowierungen auf dem Körper. Auch Texte und eine Madonna – ich gleicher Qualität. Er würde auf christliche Symbole stehen und der Glaube hätte für ihn Bedeutung. Das hat das für mich in ein anderes Licht gerückt. Kein modischer Schnickschnack, sondern Ausdruck des eigenen Lebens, der Einstellungen, eine Art Visualisierung des Inneren. Die eigene Fahne nach außen tragen. Konsequent.

Als unser Zweistundentarif fast abgelaufen war, sind wir raus. Die Kinder und ich. Die Mädels, Zoe und ihre Freundin, haben es knapp geschafft, dass wir nicht nachzahlen mussten. Rharbarber, Rharbarber, erzähl, erzähl. Und gefönt waren sie auch noch nicht. Ein schöner Tag mit einem gut gelaufenen Job, einem Naturschauspiel, einem Nachmittagsspaziergang, Abendschwimmen und einem tätowierten Christen mit faszinierendem Jesus auf dem Oberarm. Und mir wurde die Ehre zuteil, mit dem Tattooträger reden zu dürfen. „Ich red nich mit jedem darüber. Das nervt. Die meisten labern doch nur, reden irgendeinen Mist. Hör ich mir nicht an.“ Danke. Ein raues, nettes Kompliment. Kann ich nur zurückgeben an einen, der was zu sagen hat. Wieder einmal ein Duschgespräch unter Männern.

Bleibt mir, mich bei Gitta zu bedanken. Deine „Kritik“, die ich als Anregung verstanden habe, ist zwar manchmal etwas rau formuliert, aber ich weiß sie zu schätzen. Das kann das Boot ab und hilft, auf Kurs zu bleiben. Deshalb: Danke.

5 Antworten auf „Ab in die Wellen.“

  1. Hallo Jens,

    das freut mich, daß Du Dir auch mal Luft verschaffen konntest. Muß zwischendurch mal sein, um seine eigene Batterie aufzuladen.
    Apropos Duschgespräche, ich nehme an einem Refresher-Englisch-Kurs der VHS teil. Wir sind nur 4 Frauen + 1 Lehrerin= 5 Frauen. So mordsernst ist unser Kurs nicht. Es wird gearbeitet und gelacht. Und natürlich ab und zu gequatscht. Gestern hatten wir es mit schwarzen T-Shirts. Warum stinken die bisweilen so? Liegt das an der Qualität? Nein, es liegt am Waschmittel. „Wenn uns jetzt unsere Männer hören könnten!“ – „Ja, aber gepflegte Kleidung wollen die auch haben.“ – „In English, please.“

    Danke für Dein entschleunigtes Posting. Ist aber nicht Pflicht!

    LG
    Annegret

  2. Lieber Jens,

    wie schön Dein Bild, wie viel Ruhe es hat. Ich war nun dabei bei Deinem Spaziergang, habe die Bigge und die Spiegelung darin gesehen und es geht mir gut dabei.
    Es gehört schon etwas dazu seine innere Überzeugung auf der Haut zu tragen. Ich glaube ich hätte auch gefragt, unter der Dusche, als Mann – Männerdusche. Frauen sind da nicht ganz so redselig. War schon lange nicht mehr in einer gewesen. Ich überlege schon einen Weile mir in eine kreisrunde, Fünfmarkstück große Narbe, die ich vom Babyalter an habe, einen kleinen Schmetterling tätowieren zu lassen, ich denke aber eher, dass das nicht gehen würde. Keine Ahnung, noch nie die Zeit gehabt danach zu fragen.
    Dein Tag, vor allem der Nachmittag klingt nach relaxen, nach Verbannung der Hektik, nach Spaß mit den Kindern, nach allem was schön ist. Ich hoffe es hat Dir selbst gut getan.
    Ich weiß, dass ich manchmal etwas rau formuliere, aber wenn ich bei Menschen, die ich obendrein sehr schätze so ein bestimmtes inneres Gefühl bekomme, dann kann ich nicht anders als ehrliche Worte zu sagen oder zu schreiben. Danke, dass Du mit meine Worte nicht übel genommen hast.

    Herzlich
    Gitta

    P.S. @Annegret Klingt gut, ich wäre da manchmal gerne ein Mäuschen und würde Eurem Spaß gerne lauschen.

    1. Hi Gitta,

      du sollst auch nicht anders. Deine Anregungen sind willkommen und mittlerweile kennen wir uns ja ein wenig, so dass wir klar kommen. Tattoo auf eine Narbe? Keine Ahnung. Ein kleiner Schmetterling wäre süß – auf einer Babynarbe.

      Liebe Grüße

      Jens

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