Alcatraz im Reichshof

Hier ist was los!

Meine Güte. Letzte Woche Dienstag im Radio. Ich war auf der Autobahn unterwegs, als ich es erfuhr. Die Gemeinde Reichshof soll um eine forensische Klinik bereichert werden. Also eine Klinik, in der Straftäter untergebracht werden, die aufgrund psychischer Probleme irgendetwas angestellt haben.

Es gibt zu wenige Plätze in Nordrhein-Westfalen, weshalb dringender Bedarf besteht. Schon jetzt sind die Einrichtungen überfüllt und unser Bundesland ist auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen. Also muss etwas getan werden. Es wurde überlegt, gemacht und getan. In Düsseldorf. Im Gesundheitsministerium der Barbara Steffens von den Grünen. 14 Orte und vorausgewählte Möglichkeiten standen zur Auswahl, fünf wurden gewählt. Darunter wir hier.

Im Vorfeld hat niemand etwas erfahren. Wir dachten, oben, ins alte Munitionsdepot, würden ein Holz-Recycling-Platz und ein Tier-Gnadenhof kommen. Das 55 ha große Areal, dass seit 2004 ungenutzt ist und wo ein Naturparadies gewachsen ist, soll nun Großbaustelle werden. Eine komplett neue Einrichtung mit entsprechenden Zaun- und Sicherungsanlagen soll da errichtet werden. Mitten im Wald fernab der Zivilisation. Da ist man die Leute los. Ab aufs Land, Zaun drum, vergessen. Unterbringung inmitten der Gesellschaft? Nah zu den Verwandten? Fehlanzeige. Und Naturschutz? Da kommen die Bagger und das wunderschöne Areal wird geplättet. Super Idee.

Die Alte Schule, in der wir wohnen, war auch so ein Kurzsicht-Projekt, bevor wir eingezogen sind. Ein Asylbewerberheim. Auf dem platten Dorf. Ohne Busanbindung, ohne irgendetwas. Rein ins Haus, Tür zu, schönen Tag noch. So Dinge geschehen, wenn man einfach nur ein Haus, ein Grundstück sucht und nicht weiter denkt, ob das, was man macht, auch Sinn hat. Es war keine gute Lösung. Das Haus war isoliert. Die Asylbewerber haben sich mit Sicherheit nicht wohl gefühlt. Das war Quatsch.

Für uns hier ist eine forensische Klinik auf dem Berg ein absoluter Fremdkörper, weil es keinen erklärbaren Grund, außer den des dringenden Bedarfs, gibt, weshalb sie aufs platteste Land kommen sollte. Nur weil es hier ein Grundstück gibt. Sehr kurz gedacht. Und so bekommen wir aus Düsseldorf als strukturschwache Gemeinde keine Unterstützung, sondern bekommen eine forensische Klinik, die hier niemanden glücklich macht und die hier sicherlich keinen Sinn macht. Das ist eher eine Abschiebung der Insassen weit weg an den Rand der Zivilisation. Denn hier gibt es nichts. Eine Flächengemeinde mit 112 Dörfern. 20.000 Einwohner. Wenn hier ein Patient aus der Forensik Freigang hat, weiß jeder: Der kommt vom Berg. Und natürlich stellt sich dann die Frage – was hat er getan? Sexualstraftäter? Ist ein tolles Konzept, so jemanden zum Beispiel aus therapeutischen Gründen hier im Rewe einkaufen zu lassen. Der könnte sich auf Blicke gefasst machen. Das passt einfach nicht.

Gestern war nun eine Infoveranstaltung mit Ministerin im Nachbardorf. Die Glück-auf-Halle voll, ich stehe draußen im Regen und höre über Lautsprecher zu. Klar, zwei Meinungen. Die Ministerin will ihr Vorhaben durchziehen, weil sie Forensikplätze braucht, die Gemeinde will klagen. Die Dörfer sind mobilisiert. Es gibt eine Bürgerbewegung, alles hängt voller Plakate und Banner. Ich hoffe, das alles kommt zu einem guten Ende und die Gemeinde bekommt einen Holzrecyclingplatz, der in ein lokales Energiewendeprojekt mit Gemeindewerken mündet. Das würde passen und Sinn machen.

Hier geht es zur Petitionsseite mit Pro- und Contra-Debatte. Ich denke, die Argumente gegen die Forensik hier überwiegen. Wer mag, kann unterschreiben und uns im Kampf David gegen Goliath unterstützen.

8 Antworten auf „Alcatraz im Reichshof“

  1. Hallo Jens,

    ich habe neulich in der Zeitung schon den Namen Reichshof gelesen und habe sofort an euch gedacht. Trotz allem Verständnis für die Forensik, kann ich mir nicht vorstellen, daß eure Region dafür der richtige Standort ist. Da ist eine anonyme Großstadtumgebung schon eher geeignet.
    Ich drücke euch die Daumen, daß ihr Erfolg habt.

    LG
    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ich dachte erst: O.K. – irgendwohin müssen die Leute ja. Mittlerweile denke ich: Da wurde einfach irgendein Grundstück gesucht. Eigentlich sollen die Leute in der Nähe ihrer Familien untergebracht werden in dicht besiedelten Gebieten, wo eine Integration einfacher möglich ist. Gibt’s hier nicht. Weder Nähe zu Familien noch dichte Besiedelung. Hier kennt jeder jeden zumindest vom Sehen. Ich weiß nicht, wie sich die Ministerin das vorstellt. Wie sie die Ablehnung hier überwinden will. Ich sehe da eher für spätere Zeiten ständiges Konflikpotenzial, weil die Forensik allein auf dem Hügel im Wald komplett von der Lage her isoliert ist. Das passt alles nicht.

      Bin gespannt. Danke

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Ja, das ist ein heißes Eisen. Keiner will die bösen Buben haben. Vielleicht kann aber gerade ein Dorf eher Strukturen schaffen. Jeder hält ein Auge auf den anderen. Prinzipiell nicht schlecht.
    Angst spielt hier eine sehr große Rolle. Nur mit Offenheit und Ehrlichkeit kann man hier vorwärts kommen. Schönreden – ein absolutes „No-Go“.
    AHOI!
    Holzbeinpiratin

    1. Hi Piratin,

      ja, ein heißes Eisen. Es mag sich komisch anhören, aber es ist komisches Gefühl. Nicht wegen Angst, sondern weil Düsseldorf die Bagger schickt und hier bei uns in der Landschaft so einen hässlichen Hochsicherheitstrakt hochzieht. Alcatraz. Ein Fremdkörper mitten in ein Gebiet, das normalerweise Naturschutzgebiet sein müsste. Das ist mit der Brechstange. Das passt so gar nicht. Ja, das hier ist ein Idyll. Deshalb leb ich hier fernab der geliebten Kölner Kultur. Und ja, ich hätte gerne, das möglichst alles so bleibt. Schön, maximal unberührt. Wir werden sehen. Die Ministerin wir alles tun, ihr Vorhaben durchzusetzen und hier wird alles getan, dass sie es nicht schafft. Demokratie. Politische Auseinandersetzung.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Lieber Jens,

    ein Gnadenhof für Tiere wäre toll.
    Aber das nun vorgesehene Projekt in Sachen Gemeindeplanung schreit nach einer PETITION.
    Wieder soll NATUR für NICHTS platt gemacht werden.
    Straftäter welche in Kliniken untergebracht werden, gehören in ein städtisches
    Umfeld, wo eine Verhältnismäßigkeit von Straftäter zu Einwohner, und Logistik
    der Sicherheit eher unauffällig gewahrt werden kann.
    Das paßt wirklich nicht in eine Naturnahe und eher Menschenrare
    Infrastruktur.

    Ich wünsche Euch bei der Verhinderung des Projektes viel Glück !!!

    1. Hi Monja,

      danke. Es lässt sich schwer vermitteln, wie sich das anfühlt. Mir geht es nicht darum, dass ich Angst vor den „Straftätern“ habe. Es fühlt sich nur so unpassend an. Mitten im Wald auf dem Hügel über den Dörfern neben den Windrädern diese Sicherheitsanlage mit ihren Zäunen und Wache. Uah. Passt nicht. Überhaupt nicht. Es wirkt ein wenig wie „aus den Augen, aus dem Sinn.“

      Ich denke, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Hi Jens,

    selbst wenn der Angst-Aspekt auch mit einfließt, halte ich dies für keine unbegründete Thematik. Wer aufgrund von Strafttaten solcherart Unterbringung „erlebt“ hat keine Brötchen gestohlen, sondern sich in anderen Kategorien strafbar gemacht.
    Ja, auch Straftäter sind Menschen, und sollten im Rahmen des Möglichen eine
    Form von realisierbarer Menschlichkeit erfahren, dabei sollte aber nicht übersehen
    werden, in welchem Maß der jeweilige Mensch die Rechte anderer Menschen missachtet hat in einer vehementen Art und Weise, welche ihn in solchem Kontext „landen“ ließ.
    Hier braucht es ein städtisches Umfeld, da urbane Zentren einen Grad an Anonymität bieten, worin auch Raum gegeben ist, um eine vielleicht doch realisierbare Resozialisation einleiten zu können. Auf dem Land hat schon jeder
    „Eigenbrötler“ ein Problem mit Zuschreibung, geschweige Straftäter mit diesem
    Hintergrund. Das beißt sich auf das übelste.
    Nebenbei bemerkt, finde ich Deine Idee, mit den Angehörigen, welche in der Nähe leben und das Behandeln der Straftäter somit erleichtern könnten, sehr gut.
    Mit Petitionen lässt sich tatsächlich einiges bewegen.
    Das konnte ich nun schon beobachten. Es wundert mich immer wieder.
    Parallel zu Eurem regionalen demokratischen Engagement, könntet ihr über
    eine Petition auch einen gewissen überregionalen sozialen Druck aufbauen.
    Der Politik ist Reputation wichtig, hier lässt sich ansetzen.
    Denn ein „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ist keine Politik im Sinne einer
    Verantwortung gegenüber gesellschaftlichen Belangen.

    1. Hi Monja,

      eine Petition wäre sicherlich nicht schlecht. Werde das mal einfließen lassen. Allerdings bin ich nicht Teil der Bürgerbewegung, weil mir schlicht die Zeit fehlt, dieses Fass noch aufzumachen. Ist so gerade schon an der Kante. Ich glaube, solche Entscheidungen werden manchmal tatsächlich am Reißbrett getroffen. ich denke nicht, dass man sich die Zeit genommen hat, das Projekt ganzheitlich zu sehen. Es musste eine Lösung her – der Sachzwang hat regiert. Und wir sind nur eine kleine Gemeinde mit wenigen Einwohnern, da wird wahrscheinlich mit wenig Widerstand gerechnet. Wir werden sehen. Was ich bislang gelesen habe, hat die Ministerin nicht wirklich gute Argumente. Ihr Hauptargument: Einen Ort finden, wo 150 Menschen sicher untergebracht sind. Ich habe den Eindruck: Egal, wo. Die Ministerin hat sich dem Thema angenommen und scheint auch dringender Handlungsbedarf zu bestehen und von daher ist das natürlich nicht schlecht. Und ja, wir setzen uns hier dem verdacht aus: Überall, nur nicht bei uns. Da ist auch schwierig zu differenzieren. Für mich überwiegt mein Empfinden, dass mir ein Alcatraz-Betonklotz-Hochsicherheitstrakt hier mitten in der Landschaft nicht gefällt. Das ist einfach komplett unpassend.

      Liebe Grüße

      Jens

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