Armbrust, sägen, Papa sein

Ich habe einen Sohn. Der heißt Jim und ist 13 Jahre alt. Er geht in die 8. Klasse, spielt Gitarre, macht Judo und liest ein Buch nach dem anderen. Jim ist mittlerweile in dem Alter, wo Eltern schwierig werden. Insbesondere Väter, wenn es sich bei den Pubertierenden um Jungen handelt. Diesen Sommer habe ich einige Male mit voller Wucht erleben dürfen, was es heißt, Vater eines pubertierenden Jungen zu sein. Wir hatten uns teils intensiv in der Wolle, was Ela und Zoe so gar nicht gut fanden. Aber manchmal geht es nicht anders, da müssen Konflikte ausgetragen werden. Allerdings muss ich sagen, dass das ganz schön viel Kraft und Energie raubt.

Seit einigen Wochen nun herrscht eine Art Burgfrieden. Scheinbar haben wir uns erst einmal genug in den Haaren gehabt und genießen nun beide die Ruhe. Momentan ist eher Ela Jims beliebtester Sparringspartner. Für mich ist das sehr angenehm, nicht dauernd in der Schusslinie zu stehen und Angriffe parieren zu müssen. Gestern Abend dann hatte ich ein besonderes Erlebnis mit Jim. Nichts Großes, aber doch sehr intensiv. Am Wochenende hat er sich auf einem Dorffest eine Armbrust gekauft. Ein Kinderspielzeug aus Holz, das kleine Holzpfeile einige Meter weit schießt. Die Armbruist wird über ein Flacheisen, an dem die Schusssehne befestigt ist, gespannt. Anfangs war das für Jim ganz nett, aber dann war sie ihm einfach nicht stark genug. Er wollte das Flacheisen verstärken, um mehr Zug auf die Schusssehne zu bekommen. Also hat er mich nach einem Stück Eisen gefragt. Auf dem Speicher haben wir ein altes Eisensägeblatt gefunden, das wir kürzen mussten. Ich habe die eine Seite abgesägt, die andere sollte Jim absägen.

Ich habe festgehalten, er hat gesägt. Nichts geschah. Das Sägeblatt schnitt kaum ein. Er mühte sich, ich hielt fest. Spannung lag in der Luft. Er wollte sich keine Blöße geben und das Sägeblatt ebenso gut durchsägen wie sein Vater. Nun hat er das noch nicht so oft gemacht, weshalb einfach die Übung fehlt. Normalerweise hätte ich ihm gesagt, wie es besser funktioniert. Aber das wäre für ihn schwierig gewesen, anzunehmen. Also habe ich mir gedacht, wenn er wissen will, wie es besser geht, kann er fragen. Wenn er es nicht wissen will, muss er einfach ausprobieren. Er hat ausprobiert. Eine halbe Stunde lang hat er gesägt und ich habe gehalten. Kein Wort ist gefallen und in stiller Übereinkunft, dass jetzt gemeinsam durchzustehen, hat er gesägt, gesägt, gesägt. Zwischendurch hat er immer wieder seinen Arm ausgeschüttelt, der höllisch weh getan haben muss. Aber er hat nicht aufgegeben. Es wäre ein leichtes gewesen zu sagen „Papa, kannst du mal gerade?“ Hat er aber nicht gesagt. Er wollte dieses duselige Sägeblatt durchsägen und er hat es durchgesägt.

Danach haben wir uns angelächelt, weil wir wussten, dass es letztlich nicht um das Sägeblatt ging. Ich denke, wir haben beide etwas übereinander gelernt. Erziehung und Selbsterziehung sind ganz schön kompliziert und manchmal extrem anstrengend – eine halbe Stunde einfach nur ein Sägeblatt festzuhalten, ist eine ganz schöne Herausforderung. Für mich zumindest.

Ich wünsche euch einen schönen Tag und viel Spaß mit allem, was ihr macht und was euch geschieht. Jens.

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