Ateliergespräch mit DAVID

Was ist Malerei?
Was ist Malerei?
Was ist Malerei?

Ein Atelier zu betreten, ist ein besonderer Moment. Ein Übergang in eine Welt, die Türen und Tore hat. Fenster, Ausblicke, Einblicke. Kommt man in ein Atelier, in dem die Werke von drei Künstlern stehen (wie in diesem Fall), sind das viele Fenster zu vielen Welten, die dahinter liegen. Ich muss zugeben, zunächst überfordert gewesen zu sein, als ich in DAVIDs Atelier kam. In diese Gespräche gehe ich unvorbereitet, um offen zu sein. Um zuzuhören und dem nachzuspüren, was das jeweilige Wesen der jeweiligen Kunst ist. Ich muss mich also vor Ort orientieren, einen Zugang finden. Entscheiden.

Ankommen im Atelier. Nachfühlen. Ateliers sind für mich die besseren Museen, weil ich näher herankomme an Kunst, Bilder, Künstler. Weil ich sprechen kann, suchen, nachfragen. Bilder hinstellen, umstellen, sortieren, nach dem richtigen Licht gucken. Ich kannte DAVIDs Bilder teilweise aus dem Internet und von Besuchen bei ihm. Es sind Arbeiten, die zu einem großen Teil aus den Neunzigern stammen. Ich war einmal zufällig hereingeschneit, als er seine Pilzserie im Atelier stehen hatte. Zwei Meter mal einssechzig groß. Öl. Imponierend. Da war mir die Idee zu den Ateliergesprächen gekommen.

Wir wählen drei Bilder aus, um zu reduzieren, um einen Rahmen zu schaffen. Drei „Fenster“. Zwei stehen schon im Atelier, eines finden wir im Lager. Verstaubt, nicht vergessen. Ein Frauenkopf aus der Serie „Wella“. Wir räumen Bilder, kämpfen mit den Großformaten, rücken, schieben. Vorsichtig. David macht mir einen japanischen Tee. Einen besonderen Tee. David hat eine Zeit lang in Tokio gelebt.

Währenddessen fotografiere ich. Sehe die Bilder durch den Sucher, komme näher heran, blicke herein. Sie wirken, sie entfalten sich. Kunst ist immer auch eine Sache des eigenen Ankommens im Raum, im Moment, in der Kunst. Wir sprechen über DAVIDs Biographie. Das Aufwachsen im Bergischen, das Leben in einer Künstlerfamilie, die Bibliothek, die sein Spielplatz war, die Kunstbände, die seine Comics waren. Sind. Wir sprechen über den Vater, der Schweißer und Kunstmaler ist, Beuys verachtet und für den die Malerei nach 1830 aufhört. Ein Spannungsfeld. Was ist Malerei?

Die Achtziger in Köln. Die Künstler-WG im Dunstkreis der FLUXUS-Szene. „Wahnsinnige rund um die Galerie 68/11, die Performances zelebrierten und Einrichtungen wie die Akademie für künstlerische Nekropholie schufen.“ DAVID jobbte und malte. In seiner WG. Loslösen vom Alten, Contemporary Art, die Suche nach dem Wesen der Malerei. Ein Prozess, der 1990 in eine Einzelausstellung in der Galerie Kunstschalter von Ulrich Eichhorn mündet. Die Bilder verkaufen sich. Mitte der Neunziger wird DAVID „Scheunenkünstler der Gemeinde Overath“ – ein Atelierstipendium, das ihn letztlich bis auf die Pariser Herbstausstellung im Espace Eiffel-Branly bringt (1999).

Wir sehen uns seine Bilder an, sprechen darüber. Vorsichtig, nicht interpretierend. Das würde erdrücken, nehmen, stehlen, reduzieren. Ein Frauenkopf aus der Serie Wella, eine übermalte Pistole aus der Serie Waffen und eine Stinkmorchel aus der Serie „Pilze beim Betrachten der Sammler“. DAVID redet. Er weiß, was er tut. Er sortiert, erläutert seinen Plan, Weg. „Ästhetik interessiert nicht. Kunst ist ein Prozess mit Gewaltpotenzial. Man darf nicht pingelig sein.“ Mitte der Neunziger stellt DAVID seine Waffenserie aus. Pistolen, Gewehre, akribisch in Öl gezeichnet, realistisch gemalt – die Ästhetik des Objektes. Während der Vernissage übermalt er die Bilder – das Publikum ist entsetzt. Die schönen Bilder, die ganze Arbeit. Zerstörung in der Zerstörung. „Es ging nicht um die Waffen, das hätten auch Igel sein können. Malerei hat nicht die Aufgabe, darzustellen. Die Gegenstände sind nur die Lockvögel, die in die Malerei hineinziehen. Malerei hat an sich einen Wert. Das ist wie Tanz auf der Bühne. Das muss nichts darstellen.“

Ich sehe Wella mit anderen Augen, den Pilz. Sirenen, die locken, die reinziehen. „Malerei ist eigenständig, braucht keine Botschaft, ist Botschaft für sich selbst. Sie spricht unsere Synapsen an. Wir haben eine Metaebene in uns, die auf wertfreie Emotionen reagiert. Das macht uns zu Menschen, zu Lebewesen. Lebendig sein. Sei einfach!“ Ich mag die Bilder. Die Wella, die sich gegen ihre Schönheit wehrt und unterschwellig etwas Morbides zum Ausdruck bringt, die übermalte Pistole, die sich wehrt, versucht Zerstörung zu zerstören und dabei letztlich verfüherisch schön bleibt und den Pilz. Die Morchel, die die Fliegen fängt. „Pilze beim Betrachten der Sammler“. Humor. „Als ich die Pilze malte, war das eine Zäsur. Die Pilze an sich sind nicht wichtig. Es geht um die Malerei dahinter, um den Prozess des Malens. Für mich war das der Übergang vom Konzept zum Malerischen.“

Der Prozess geht weiter. Aktuell arbeitet DAVID an einem Bild für eine Ausstellung 2013. Es lag im Atelier. Die nächste Generation, der nächste Schritt. Ich konnte die Linie sehen, an der Hand von DAVID den Weg nachgehen. Das war ein großes Vergnügen, weil Kunst, Malerei letztlich immer im Betrachter entsteht. Bei mir ist gestern Abend wieder viel entstanden – das ist das, was diese Ateliergespräche so besonders macht. Danke, DAVID.

5 Antworten auf „Ateliergespräch mit DAVID“

  1. Hallo Jens,

    Deine Ateliergespräche sind sehr interessant, geben sie doch Anhaltspunkte zum Künstler und seiner eigenen Kunst. Ein „Objekt“ entsteht ja nicht in einem Augenblick, sondern in einer Zeitphase. Und wenn der Künstler dann noch seine Objekte erklärt, werden sie verständlicher.
    Wenn die Putzfrau Beuys „Kunstobjekt“ erklärt bekommen hätte, hätte sie sich nicht an die Badewanne herangewagt. Fataler Fehler!
    Danke für die Präsentation.

    Viele noch sonnige Grüße
    Annegret

    P.S.: Sohnemann hat Prüfung überstanden und bestanden. Du weißt, die Geschichte mit dem Kopf.

    1. Hi Annegret,

      erst einmal Glückwunsch zur bestandenen Prüfung. Super! Die Kuh ist vom Eis:)

      Die Ateliergespräche sind für mich ein wahrer Luxus. Ich mag die sehr. Statt Erklärung würde ich Annäherung sagen. Kunst tatsächlich zu erklären, ist weniger möglich, als viele Menschen denken. Eun Prof von mir hat einmal behauptet, für ein bestimmtes Goethe-Gedicht gäbe es eine offizielle Interpretation. Aha. Ich denke, das Kunst immer Projektionsfläche ist, die Künstler und Betrachter zusammenbringt und daraus entsteht in dem Augenblick etwas. Allgemeingültig ist das nicht.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. „Pilze beim Betrachten der Sammler“. Erst jetzt verstehe ich das Bild. Habe ich mich doch gefragt, warum ich Köpfe bei den Morcheln sehe.
    Manchmal muß man öfter hinschauen.

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