Die Kunst des beiläufigen Blicks

Wie schauen?

Gestern. Siegen. Mit einer Freundin in der 9Bar. Auf einen Wein nach dem Besuch einer Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst. Mehr dazu später, im nächsten Beitrag.

Wir saßen da, hatten zwei Rotwein bestellt, Merlot, und etwas Käse, Brot und Oliven. Alles kam wie bestellt. Zwei kleine hübsche Karaffen, zwei üppig große Rotweingläser und die kleinen Speisen dazu. Der erste Schluck. Die Etikette der Neuzeit, also das Diktat des „wie alle das machen“, verlangt ein Anstoßen der Gläser, dazu ein kosmopolitisches Salute oder Santé oder Cheers!

Nun beginnt in größerer Runde dieser Wahrscheinlichkeitsprozess. Ich nenne den mal so. Wie oft wird angestoßen, wenn X Personen ihre Gläser heben und jeder und jede mit jeder und jedem. Irgendetwas mit Fakultät, wenn ich mich recht erinnere. Bei drei Personen sind es drei Mal. Also doch nicht Fakultät. Auweia. Ich hab Abi mit Mathe-Leistungskurs gemacht. Alles weg. A mit B und C und dann noch C mit B und fertig. Also ihr könnt jetzt…

Sind alle damit beschäftigt, kreuz und quer und nach Belieben und Nähe oder Vorlieben anzustoßen, kommt der Ruf: Du musst mir in die Augen sehen! Das ist so eine gesetzte Regel. Eben das Diktat. Und weil es natürlich eine Konsequenz geben muss, wenn man das nicht macht, weil wir im Miteinander immer noch auf das alte Gebrüder-Grimm-Erziehungsprinzip des „das kommt davon, wenn…“ setzen, folgt auf das einander nicht Ansehen beim Zuprosten eine siebenjährige Phase schlechten Sexes. Im Strafkatalog des Lebens also auf einer Stufe mit zerbrochenen Spiegeln. Zumindest in der Zeitspanne. Die anthroposophische Zeitabschnittseinteilung.

Zehn Mal nicht geguckt und ihr könnt die Sache vergessen. Wird nie wieder was. Mist. Und deshalb, weil niemand schlechten Sex haben will, starren alle. Der tiefe Blick in die Augen, damit das Schicksal das auch wirklich als Blickkontakt wahrnimmt. Laserblicke, die einem die Netzhaut verbrennen und dazu führen, das die Männchen in den Abteilungen des Zentralhirns alle Stahltüren schließen, weil sie glauben, sie würde ausgespäht. Ein tiefer Blick in die Seele würde versuchen, das Geheimste hinauszusaugen. Alarmstufe DefCon 10.

Manchmal ist das ja ganz lustig. Ein Gesellschaftsspiel. Manchmal ist es aber auch einfach nur peinlich, wenn sich alle wie die Versuchsschimpansen anstarren, um den neuen Regeln des Anstands gerecht zu werden. Deshalb habe ich beschlossen, dem Starren beim Anstoßen und Zuprosten zukünftig etwas entgegenzusetzen. Weil mir die Blicke zu grob sind und diesem feinen Augenblick der Menschlichkeit, der ja eigentlich prinzipiell freundlich gemeint ist, nicht ganz gerecht werden. Wohlgemerkt. Versuche. Das ist nicht so einfach.

Gestern saßen wir also da und es kam der Augenblick des Anstoßens und des einander in die Augen Schauens. Da habe ich gefragt, ob wir eventuell versuchen könnten, die Kunst des beiläufigen Blicks auszuprobieren. Eine sanftere Variante des einander Ansehens. Nur ein Hauch. Nicht die ganze Energie, nicht dieses Starren, dieses Geradlinige (Ihr seht, das mit dem Herrn Schönlau Ausgehen ist nicht so ganz einfach). Ein wenig feiner. Natürlich mussten wir ziemlich lachen und es hat ein wenig gedauert, bis sich die Blicke in einem kurzen Moment trafen. Prust. Was soll ich sagen. Ich hätte diesen Text nicht geschrieben, wenn dieser Blickkontakt nicht etwas gehabt hätte.

Es ist einfach eine zeitliche Zurücknahme. Eine andere Haltung. Nicht die Erfüllung der Erwartung „Blickkontakt“, sondern das sich Treffen in diesem kurzen Moment der Freundlichkeit. Das kann, in der Reduktion der Geste, deutlich spannender und angenehmer sein. Tatsächlich. Könnt ihr ja mal ausprobieren. Viel Spasssss.

10 Antworten auf „Die Kunst des beiläufigen Blicks“

    1. Bei Vier müssten das 0.5 mal 4 mal 4 minus 1 sein: 6. A, B, C, D. AB, AC,AD,BC,BD,CD. Bingo! Congratulation. Beim Blick wird es dann schwieriger oder einfacher, je nachdem…

  1. Hallo Jens,

    ich lese da nur: Die neuen Regeln des Anstands. Ist es nicht schon immer so gewesen, daß man, wenn man mit jemandem anstößt und zuprostet, ihn anschaut, freundlich anschaut, womöglich ein klein wenig lächelt? Stures Anschauen ohne eine gewisse Freundlichkeit – nee, dann kann man es ja auch sein lassen.

    Die Kunst des beiläufigen Blicks hat etwas Verstohlenes, etwas Scheues an sich. Schaut er/sie, schaut er/sie nicht. Soll ich es wirklich sagen? Wie frisch verliebt. Nein, kein Kommentar.

    Lieber Herr Schönlau, den beiläufigen Blick gibt es schon. Den kannte der Herr Knigge bestimmt auch.

    LG
    Annegret

    1. Hallo Anngeret,

      ja, das war schon immer so. Seit geraumer Zeit hat sich aber ein Insistieren auf Blickkontakt eingestellt, der zum gegenseitigen Anstarren führt. Was ja, wie wir seit „Männer, die auf Ziegen starren“ wissen, nicht ganz ungefährlich ist. Es geht hier um Bruchteile von Sekunden, die das ganze Procedere komplett verändern. Und nein, es geht nicht um frischverliebt und flirten und schmeicheln. Nicht in erster Linie:)

      Liebe Frau Annegret, den guten Herrn Knigge können Sie kniggen, äh knicken.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Lieber Jens,
    ich als Holzbeinpiratin mit Augenklappe kann eh nur den halben Blickkontakt aufnehmen. Daher bin ich geradezu prädestiniert für ausschweifende Anstoßpartys mit Kniggeniveau. Heikel wird es nur, wenn bei zu heftigem Anstoß der Gläser, Wein in die Augen spritzt. Dann heißt es: Augen komplett schließen – und was soll ich sagen? Mit geschlossenen Augen erlebt man die Zwei-, Drei- oder gar Viersamkeit noch viel intensiver…Wobei ich die Zweisamkeit definitiv vorziehe.
    AHOI!
    Holzbeinpiratin

    1. Hi Miss Caribean,

      das Anstoßen bei Piraten ist dann noch einmal eine Sache für sich. Der Pirate-Style mit Säbeln. Den Rumflaschen den Kopf abschlagen, hoffentlich nur denen, und dann die Flaschen mit Krawummmi aneinander prügeln bis alles zerbricht oder sich in Schwällen aus den Hälsen (Flaschenhälse meine ich) ergießt. Blick in die Augen? Wozu, bitte schön? Beiläufiger Blick? Besser nicht. Der Pirat, der sich dafür Zeit nimmt, führt Arges im Schilde. Dann wird es gefährlich auf der Andrea Doria…

      Tja, denn: Ahoi mit Brause.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. „Miss Caribean“ – was für eine Anrede. Da wird ja mein Holzbein rot und ich überlese mal die Brause. Wenn das kein Grund ist, wieder mal anzustoßen. Wie war das noch gleich? Zwinker, flüchtiger Blickkontakt und es dann aber ordentlich krachen lassen!
    AHOI!
    Holzbeinpiratin

    1. Wie das so ist unter Piraten, da bleibt kein Holzbein trocken und die Feste werden gefeiert wie die Segel fallen. Der Rum fließt aus Fässern und es werden keine Reste übrig gelassen. Mampf, schlürf, hoch die Tassen. Da wird unter der Augenklappe nicht lange gefackelt und in den Kajüten der Äquator zur Sonnenwende gemacht. Lustig ist das Piratenleben und wer verlässt als letzter das sinkende Schiff? Auf guten Fang und fette Beute, Kollegin.

      Volle Fahrt voraus – es geht ins Tucki-Tucki-Land:)

      Captain J Point AHAB

  4. „…in den Kajüten wird der Äquator zur Sonnenwende gemacht“? Mit WAS hast Du angestoßen??? Ich glaube, wir kommen hier mal wieder völlig vom Thema, äh, vom Kurs ab.
    AHOI!
    Holzbeinpiratin

    1. Da kann ich nur ganz beiläufig fragen: Wieso? Wat denn? Isch bin mieer keinär Schuuldd bewust. Quoi? Fluch der Karibik Kopfkino allein über die Erwähnung des Wortes Kajüte. Würde ich mal sagen. Ich war von intelektuellem Beisammensein mit Sextant und Seekarten ausgegangen – Piraten-Kombinationsspiele in Richtung Denksportaufgaben. So eine Art Piraten-SoDoKu. Gelle. Nette Spielchen eben.

      Dann mal in die Wanten!

      Grüße, Grüße

      aus der Leitstelle der SM, äh MS Äquator

      Kapitän zur See Heribert J. Neufunkland

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