Es dauert nicht mehr lange…

Jens 014

Dann wird der fiftyfiftyblog 5 Jahre alt. Ihr könnt zurückscrollen oder durch die Zeiten gehen, wie es in schön heißen würde.

Der erste Beitrag. Ein Gedicht. Kirschblütenblättersehnsucht. Siehe unten.

Fünf Jahre. Intensive Jahre. Es freut mich, sie nachlesen zu können, was ich nie tue. Nur Viveka macht das, weil sie mich liebt. Weil es sie interessiert, weil es viel über mich erzählt. Geliebtenforschung, nachfühlen, einfühlen, nachvollziehen, anfassen. Hätte sie einen Blog, ich würde versinken, Zeiten verlieren, den Überblick.

Ein Blog. Anfangs hatte ich Angst. Herrje, alle können das lesen – worldwide. Und jetzt? Hey, wir leben tatsächlich in einer offenen Gesellschaft (sofern man nicht den Status Refugee trägt, Kacke). Kann ich machen. Schreiben, denken, Gedichte posten.

Was mich ein wenig kratzt? Den Highscore in diesem Blog, den Tag der meisten Besuche, hält der Beitrag, in dem ich die Trennung gepostet habe. Fast 600x aufgerufen. Nichts hat mehr interessiert. Kein Gedicht, kein Text, kein Foto. Hm. So it is.

Ja, ich gebe zu, meine tatsächliche Sehnsucht ist es, dass eines meiner Gedichte durch die Decke gegangen wäre. Naiv. Nein. Sagen wir hoffnungsfroh. Grins.

Ihr wisst, so ein Blog ist bei aller Freude und der Lust des sprachlichen und virtuellen Austobens eben immer auch Arbeit. Er ist ein Teil von mir, wie immer das geschehen konnte. Keine Ahnung. Eine Bühne. Ein Präsentationsraum, ein Kontaktraum, der Aufmerksamkeit schenkt. Egopflege, Spiegelbild, Kontrollzentrum.

30. September 2010. Es ist noch ein wenig Zeit hin. Vorher feiere ich mit Ela und Freunden 200 Jahre. 4 x 50. Groundcontrol to Major Tom. Ein schönes Fest. Meine Mutter wird 77. Im Zeichen der Jungfrau.

Es stehen Dinge an. Ein Treffen mit Norbert van Ackeren. Er hat Viveka und mich gemalt. Öl. Kupfer. Ein großes Bild. Vielleicht wird es eine Lesung geben. Eine Ausstellung. Texte. Bilder. Ich bin aufgeregt. Mal wieder Publikum nach all den Jahren. Bühne. Keine Konzeptpräsentation vor Kunden, kein Business. Texte, Gedichte. Stimme. Vielleicht. Oder auch nicht. Wir werden sehen. Es würde mich ausgesprochen freuen.

Das Bild hängt in Köln. Bislang habe ich mich nicht getraut, es zu fotografieren. Aus Respekt. Aber es kribbelt. Ich möchte es fotografieren und spüren, was es mit mir macht, uns so zu sehen. Ich möchte es beschreiben. Freien Lauf lassen. Eine Köstlichkeit, die wartet.

Nun.

Wie geht es weiter? Allgemein? Blog? Leben? Wohnen? Genau genommen weiß ich es nicht. Allmählich löst sich hier die Familie auf, weil die jungen Mitglieder ihr entwachsen und Ela und ich Schritt für Schritt nun doch eigene Wege gehen. Wir haben über drei Jahre durchgehalten und die Familienkonstellation getragen. Viveka und Jens mussten das erdulden. Nicht immer einfach, wie ihr euch denken könnt. Wir werden sehen. Die Dinge ändern sich, das Leben läuft weiter, der Horizont wartet (was so viel heißt wie: Ich habe keine Ahnung, was in den nächsten Monaten mit meinem Leben konkret geschieht.)

Der Blog wird weiterlaufen. Ich liebe ihn sehr. Genau mein Format, meine Spielwiese. Manchmal wünschte ich, der Blog wäre geheimer und ich könnte meinem Tagebuch mehr von dem anvertrauen, was mich umtreibt. Aber dann. www. Es gibt doch noch Ecken, die sind im Herzen vergraben.

Kirschblütenblättersehnsucht

wirft der schmelzende Schnee

mir kalten Nebel in den Kragen

wann

wirst du kommen

Kirschblütenblättersehnsucht

küss mich

leg deine Hand in meine

die Katzenpfoteninnenseiten

ineinander

aufgelöst eins

nicht wartensehnen

nicht tränentropfen

alles

januar 2010

8 Antworten auf „Es dauert nicht mehr lange…“

  1. Hallo Jens,

    wie schnell doch die Zeit vergeht
    sieht man,
    wenn schon wieder ein Jubel-Jubiläum ansteht!
    Und die Zeit verrinnt
    ohne unser Zutun
    ganz super-superschnell geschwind!
    Deine Gedichte, lieber Jens,
    hatten, haben und werden haben gelesene Präsenz!
    Sie haben sich leise
    und heimlich
    in unseren Hirnarealen eingenistet
    zu vielen anderen gelesenen Weisen.
    Dein Blog war und ist
    mir ein treuer Begleiter
    und es geht
    irgendwie
    immer weiter.
    Du kannst stolz sein
    auf Dein Tun
    und ernte
    dafür ganz viel Ruhm.

    Viele liebe Grüße
    Annegret

  2. Hallo Jens,
    herzlichen Glückwunsch zum Fünfjährigen!
    Zugegeben: ich schreibe nie Kommentare, obwohl ich mich bei Dir schon längst hätte bedanken wollen. Also jetzt: Danke für die Gedanken, die Du uns mitteilst und mit uns teilst, danke für die Gedichte und Geschichten, Fotos, Kapriolen und Pirouetten!
    Danke auch für die Einblicke in Dein Be- und Empfinden – das finde ich sehr mutig und berührt mich oft sehr.
    Vor allem hat mich Eure besondere Familiensituation beschäftigt. Anfang des Jahres war ich dann quasi über Nacht in einer ähnlichen Lage. Nur: ich habe nach einigen Monaten gemerkt, dass unser Zusammenleben mich zu viel Kraft kostet, dass es zu viele negative Gedanken herausfordert, die ich nur schwer in den Griff bekomme, so dass ich dieses Patchwork-Wohnprojekt nun beenden werde. Ich habe Euch immer bewundert, dass Ihr anscheinend so problemlos weiter als Familie zusammenleben könnt. Kann man auf diese Weise die Ex-Beziehung überhaupt verarbeiten? Hattest Du nie das Bedürfnis, den Weg dieses neuen Lebens ganz allein (d.h. ohne Ela) zu gehen?
    Wie dem auch sei: Danke, Jens! Ich hoffe, noch ganz viel von Dir lesen zu dürfen.
    Hilde

    1. Liebe Hilde,

      herzlichen Dank für dein Outing, die Glückwünsche und die offenen Worte.

      Trennung. Man könnte denken, es wäre eine Narbe, ein sichtbares Kainsmal, ein was weiß ich.

      Weiter zusammenleben? Ela und ich sind so verflochten mit Kindern, Job, Haus, dass es schon finanziell, organisatorisch sehr schwierig geworden wäre und schwierig ist. Wie soll das laufen? Wir hatten das Glück, den Respekt voreinander behalten zu haben. Bei uns unten im Flur ist auf die Wand gesprüht in Neon-Orange: LIEBE UND RESPEKT. Ich hatte das gemacht, weil ich mich ermahnen wollte. Weil ich nicht aus Dummheit Gutes verlieren wollte. Weil ich nicht unbesonnen handeln wollte. Die Dinge tun, die einem schnell Leid tun.

      Manches war schwierig. Manches hat geschmerzt. Es ist ein Entwirren der Verpflechtungen und nicht alles lässt sich auflösen. Darüber freue ich mich. Für uns bleibt die Verbundenheit und für mich ist das eine wichtige Nachricht meines Lebens.

      Nun lässt sich nicht alles vergleichen, übertragen oder als Masterplan festlegen. Immer ist es anders.

      So ist es gut, anders ist es auch gut. Keine Wertungen.

      Ob ich allein meinen Weg gehen wollte? Nie ohne meine Kinder. Das wäre keine Alternative gewesen. Nie.

      Mein Weg: Mit Tricks arbeiten. Mich selbst belügen, ablenken, den Fokus auf Anderes richten, mich beschäftigen, mit dem Geist fliehen, lachen, die Gefühle beschäftigen. Ach, es ist schwierig zu erklären. Jeder macht es anders.

      Liebe, liebe Grüße – toi, toi, toi

      Jens

  3. Hallo Jens,
    immer wieder bringst Du mich zum Nachdenken. Daher gleich noch ein Outing:
    Leider hat sich in meinem Kopf ein kleiner Rohrspatz eingenistet, der eben beim Lesen schon wieder anfing zu schimpfen: „Wieso ermahnt er sich – SIE hat ihn doch verlassen, soll sie doch mal…“ Blöd, ich weiß. Daher bin ich von Deiner Haltung auch sehr beeindruckt. Seitdem ist es für mich eine tägliche Übung, bei mir zu bleiben, das Sein zu leben, die negativen Gedanken zu neutralisieren. Gelingt mir nicht immer.
    Aufräumen möcht ich noch mit einem Missverständnis, denn: ganz klar – ohne Kinder geht es nicht. Nie! So meinte ich das auch nicht. Ich wollte damit sagen: Ich finde es schwer, meinen eigenen Weg zu finden, wenn ich nach wie vor mit meinem Ex-Partner einen Alltag teile – noch dazu, wenn er mir sein neues Glück vorlebt.
    Aber das Spannende sind wirklich die unterschiedlichen Lösungen, die denkbar und lebbar sind.
    Herzliche Grüße!
    Hilde

    1. Liebe Hilde,

      ach. Ja. Der Kopf, die Gedanken. Früher gab es bei Trennungen die von Richtern beantwortete Schuldfrage. Schuldig im Sinne der Anklage. Eine Beziehung zerrüttet, das Zusammenleben als Familie den Bach runter gehen lassen… Ein Nachbar hat zu mir voller Verständnis gesagt: Es gehören immer zwei dazu. Meine Meinung: Die Liebe lässt sich niemals zwingen. Sie ist ein luftiges Wesen, dass sich ab und an verliert. Man kann nicht davon ausgehen, dass sie bleibt. Zu viele Einflüsse, Parameter, die zählen, wirken, beeinflussen.

      Es ist einfach zu sagen. DER. DIE. Klar. Aber so ist es nicht. Je weniger Porzellan zerworfen wird, desto besser. Ja, Stärke ist gefragt. Man hält es nicht immer aus, manchmal brennt es. Das kommt, geht. Den Blick umlenken, sich ablenken, das Schöne sehen. Bei mir ist es die Kunst. Ich habe mir viele Bilder angesehen, nach Gedanken gesucht, nach Einstellungen, Beweggründen, Menschlichem. Es gibt so viel Gute, das es wert ist. Sich darauf zu stürzen.

      Alles ist denkbar, alles ist lebbar. Was null hilft, sind die Mechanismen der Konvention. Es hilft, sich zu lösen. Adieu zu sagen. Fühlt sich sehr gut, den alten Schrott hinter sich zu lassen. Die Blaupausen. Die vorgefertigten Meinungen, die einem jeder ins Ohr drückt.

      Es ist ein neuer, hoffnungsvoller Weg.

      Liebe Grüße

      Jens

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