Libyen, Yen, Fukushima und die Liebe

Was für eine Woche. Atemlos. Aber: Es kommt eine merkwürdige Hoffnung auf. An allen Ecken und Enden wird gearbeitet, gemacht, getan. Die Journalisten/innen hier im Lande schreiben sich die Finger wund, die Blogger/innen versuchen, zu fassen, was nicht zu fassen ist. Gaddhafi hat die Woche genutzt, um zu metzeln. Die Bilder sind hinter den explodierenden Reaktoren von Fukushima verschwunden. Der Sieg über die Menschen, die sich dem Diktator entgegenstellen, steht kurz bevor.

Oder doch nicht? Der UN-Sicherheitsrat hat eine Resolution verabschiedet, die zur direkten Intervention ohne Einmarsch berechtigt. Die USA, Großbritannien und Frankreich haben sich entschieden, dem Treiben nicht länger zuzusehen. Rußland und China haben sich enthalten und von ihrem Vetorecht keinen Gebrauch gemacht, Deutschland will nicht dabei sein und nicht in einen Krieg verwickelt werden. Ein weiterer Krieg? Ägypten versorgt die Rebellen über die Grenze hinweg mit Waffen – in Abstimmung mit den USA. Mehr Waffen bedeutet, dass mehr Menschen sterben werden. Der allgemeine Tenor zur UN-Resolution: Endlich! Die arabische Liga steht hinter der Resolution, wollte sie. Die Rebellen feiern. Hier ist das letzte Wort der Geschichte noch nicht gesprochen.

Nächste Baustelle: Japan. Neben Fukushima ist es die Währung, die Sorge bereitet. Weil für den Wiederaufbau so viel Geld benötigt wird, ist der Kurs des Yen auf Rekordhöhe gestiegen. Das verteuert japanische Produkte und macht sie auf dem Weltmarkt unattraktiver. Was für ein unmenschlicher Mechanismus. Das ist, als würde man auf einen am Boden Liegenden einschlagen. Aber auch hier hat sich die Welt entschieden, einzugreifen. Spiegel Online meldet: „Japan, die USA, Großbritannien, Kanada und die Europäische Union verkauften daraufhin in einer koordinierten Aktion große Anteile der japanischen Währung und kauften zugleich Anteile am Dollar. Die Intervention zeigte sofort Wirkung: Der Yen verlor bereits nach der Entscheidung an Wert.“ Eine solche Aktion hatte es lange, lange nicht mehr gegeben. Kleines Aufatmen in Japan. Ein Zeichen.

Und auch in Fukushima kommt Hoffnung auf. Scheinbar breitet sich die atomare Versuchung nicht aus. Zumindest nicht über das Land. Heißt es. Zudem ist ein Starkstromkabel gelegt worden, mit dem die Kühlung teilweise repariert werden soll. Feuerwehrmänner aus Tokio helfen zusätzlich, mit Wasser zu kühlen. Es könnte noch einigermaßen gut ausgehen. Bleiben wir dran. Denken wir an die Menschen und Helfer/innen vor Ort. Ich weiß, es klingt naiv, aber Glauben versetzt Berge und gibt Kraft. Kerzen. Schweigeminuten. Denken, mitfühlen, Kraft und Energie senden. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Bitte.

Und plötzlich bewegt sich etwas in Deutschland. Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich eine Meldung las, in der stand: Vielleicht steht die Atomkraft in Deutschland komplett vor dem Aus. Angeblich gibt es Pläne des Bundesumweltministeriums, die Sicherheitsauflagen für Atomkraftwerke so eng zu fassen, dass sich ein Betreiben nicht mehr lohnen würde. Die Zeit zitiert die ARD. Hier der Link zum Zeit-Artikel. Ist so ein Gedanke in der Luft, ist schwer gegen ihn anzukommen. Ich erinnere an den Fall der Mauer, der für unmöglich gehalten wurde. Es gibt andere Beispiele.

Es bewegt sich was. Die Menschheit reagiert. Lebt. Zeigt teilweise Einsicht und Verstand. Ich habe für mich eine Theorie, die banal klingt, mir aber hilft, Entscheidungen zu treffen. Die Dinge müssen Sinn machen. Die greift nicht immer – in Libyen zum Beispiel momentan noch nicht. Aber in Japan und Deutschland greift sie. Es macht Sinn, an die Menschen zu denken. Es macht Sinn, alles zu tun, um die weitere Eskalation der Reaktorkatastrophe zu verhindern und es macht in Deutschland Sinn, die Gefahr einer Atomkatastrophe abzuschalten. Es macht sogar doppelt Sinn, weil wir dadurch unsere Kraft in die Entwicklung neuer Energietechnologien stecken. Nach Japan braucht die Welt Ideen und Innovationen, weil sie einen dunklen Schritt weiter ist. Die Hand auf der Herdplatte, mehr als die Finger verbrannt. Das macht keinen Sinn. Ich persönlich möchte, dass Deutschland mit seinen Möglichkeiten hier der Welt nutzt und nicht in einem Krieg in Libyen. Lasst uns dran bleiben. Friedlich. Und sogar, ein merkwürdiges Wort in dieser Zeit: liebevoll. Ich habe in die Überschrift das Wort Liebe einfach reingeschrieben. Damit sie nicht vergessen wird. Bei allem. Nächstenliebe.

10 Antworten auf „Libyen, Yen, Fukushima und die Liebe“

    1. Hi Annegret,

      es scheint Hoffung aufzukommen. Es ist auf jeden fall so, dass sich die Menschen bewegen. Vielleicht sind solche Geschehnisse wie momentan in der Perspektive heilsam. Und vielleicht ist das Mitgefühl letztlich doch größer als alles andere.

      Liebe Grüße

      Jens

  1. Jens, Du bist mein Held der Woche, das ist mit Abstand das Schönste, was zu den furchtbaren Ereignissen geschrieben wurde!

    Aufkeimende Hoffnung und ein Hungern nach Sinn.

    Ich mag Dich nur an einer Stelle ausbessern: „Die greift nicht immer – in Libyen zum Beispiel.“ – das würde ich umformulieren: „Das greift noch nicht … in Libyen zum Beispiel…“

    Ich glaube fest daran, dass sich die Menschen dort nicht mehr unterdrücken lassen. Noch mag die Gewalt regieren, aber die Welt schaut hin, vielleicht nicht in dieser Woche, doch die dortigen Mächtigen können auch wenn es dereinst ein „nach Fukushima“ geben wird nicht zum „business as usual“ zurückkehren, weil unsere Welt eine andere geworden ist. Weil wir alle wissen werden, wer dort sein eigenes Volk bombardiert hat.

    Atemlose und hoffnungsvolle Grüße!
    Claudia

    1. Hi Claudia,

      vielen Dank. Aber ich habe nur geschrieben. Worte. Die wahren Helden sitzen woanders. Mittendrin. Dennoch freue ich mich natürlich über deinen Kommentar. Deinen Einwurf habe ich aufgenommen und den Text optimistischer formuliert:)

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Gut wenn es Menschen wie Dich gibt, die noch Worte finden, noch dazu solche voller Hoffnung – und manchmal sind Worte der Anfang von etwas Neuem, nie zuvor ausprobierten…

        Es würde uns allen gut zu Gesicht stehen, auf die Hoffnung zu schauen anstatt auf den Horror.

        1. Ich denke es ist im Leben oft so, dass es eine Reihe von Warnzeichen gibt. Wie vor einem Herzinfarkt. Mal wird es denn Menschen plötzlich übel, mal schmerzt es, mal passiert sonstwas. Es ist an uns, die Zeichen zu erkennen. Momentan werden die uns mit dem Baseballschläger vor Augen geführt. Allerorten. Da ist es gut, zu sehen, dass Menschen reagieren. Dass die Zeichen wahrgenommen werden. Leider dauert es recht lange, bis Änderung eintritt. Bis wir mit dem Training anfangen, gesündere Sachen essen, unser Leben umstellen. Das ist unbequem. Aber ein Herzinfarkt ist noch unbequemer. Die Welt geht nicht plötzlich unter. Raucher sterben nicht einfach auf den Tag x Jahre früher. Es wird unschöner. Deshalb sollten wir sinngebend agieren, sollten es uns auf der Erde schön machen. Das geht nur mit Vernunft und Disziplin und Offenheit. Prinzipien helfen jetzt nicht weiter. Finanzkrise. GAU- oder Super-GAU, Erderwärmung. Deutlicher geht es nicht. Ach. Bleiben wir bei der Hoffnung, dass Lehren gezogen werden. In größerem Umfang. Ich glaube schon…

  2. Die Welt braucht Ideen und Innovationen, weil sie „einen dunklen Schritt weiter ist“ – an dem Satz bin ich diesmal hängengeblieben, lieber Jens. Darin hast du das so gut zusammengefasst: das Dunkle, Finstere, Bedrohliche, Erschreckende und Traurige der vergangenen Tage – und doch geht es weiter, vielleicht sogar besser weiter, auf jeden Fall anders als zuvor. Es geht aber eben nicht einfach steil aufwärts mit der Menschheit, leider. Das Böse, Dunkle, Sünde, Tod und Teufel oder wie immer man sie nennen will, sind immer schon mit von der Partie. Die Dynamik ist da, aber nicht einfach progressiv, sondern dialektisch. Und wir mittendrin, manchmal fassungslos, manchmal schuldbewusst, oft ahnungslos. Wenn da jetzt Hoffnung wäre, eine Lehre aus dem Disaster, das wäre so gut.
    Im Übrigen teile ich deine Skepsis was den Militäreinsatz in Libyen angeht (wenn ich dich richtig verstanden habe). Ich habe das Gefühl, es sind dieselben Menschen die „Raus aus Afghanistan!“ rufen und „Rein nach Libyen“ – versteh ich nicht so ganz… Aber so richtig weiß ich auch nicht, was klug wäre…
    Danke für deine Worte, ich hoffe, de haben viele gelesen!
    LG, Uta

    1. Hi Uta,

      danke für deinen netten Kommentar. Zu Libyen: Das Kind ist schon vor langer zeit in den Brunnen gefallen. Der Krieg ist das Ergebnis eines langen Aussitzens. Würden die Menschen jetzt in China auf die Straße gehen, würde ihnen zur Durchsetzung ihrer Freiheit auch nur Kämpfe bleiben. Das muss von außen kommen, von der Weltengemeinschaft. Nun ist das ziemlich schwierig, weil es immer Interessen gibt. China wollte nicht, dass es eine Flugverbotszone gibt, weil das ein Exempel für die Einmischung in einen Konflikt Demokratiebewegung – Diktatur ist. Das dürfte den Chinesen bekannt vorkommen. Nach der Logik des Augenblicks hätten dann damals auch nach den Vorkommnisssen auf dem Platz des himmlischen Friedens fremde Flieger nach China fliegen müssen. In Libyen gibt es gerade keine Lösung, weil die Gewalt bereits eskaliert ist. Der Krieg ist da. Noch. Auf der einen Seite wünschen wir den Menschen die Freiheit, auf der anderen den Frieden. Es scheint aussichtslos. Gaddhafi hätte früher in die Knie gezwungen werden müssen. Zu Reformen bewegt. Nu gibt es aber so viele Diktaturen auf der Welt, es gäbe bald nur noch Sanktionen. Deshalb: Ich hab keine Lösung für Libyen. Ich weiß es nicht. Nur: Noch ein Krieg bringt die Welt als Ganze nicht weiter. Das schürt neuen Hass und zeigt wieder, wie es geht und es gibt Nachahmer und… Es ist zum Heulen. Das ist eben das Schicksal der Welt, des Menschen. Die Konflikte der griechischen Komödie. Und wir sind an vielen Stellen noch nbicht weiter. An anderen dafür schon. Veränderung dauert so lange… Nichts für ungeduldige Menschen. Sehen wir jetzt zu, dass wir aus dieser Krise gut rauskommen. Mit guten Mitteln.

      Liebe Grüße

      Jens

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