Mensch, Mensch, Mensch, Mensch, Leute!

Der Freitag nach einer intensiven Blogwoche. Die Themen schwingen nach und ich möchte heute noch dran bleiben am Thema Mensch. So viele spannende Kommentare, die eingegangen sind. Veranstalten wir hier also in alter Arte-Manier einen Themenabend am Tag. Gestern ging es ums Ich und die Auflösung und die Veränderung. Heute nun möchte ich einen konkreteren, wirklich anfassbaren Punkt ansprechen und thematisieren. Den Mensch neben uns. Die Menschen neben uns. Das Miteinander.

Ist ja ein sehr altes Thema, dass im Paradies angefangen hat. Adam und Eva nackt. Ich würde mal sagen: Eigentlich beste Voraussetzungen. Leben im Land in dem Milch und Honig fließen. Dauerferien im Club Robinson. Wunderbare Landschaft all inclusive. Keinerlei Stress und Hektik in Sicht. Keine Staus, keine Arbeitslosigkeit, keine Kriege, keine Umweltverschmutzung. Die Früchte wachsen in den Mund. Einziges Problem ist ein einziges Verbot: Der Apfel. Dieser blöde Apfel, der nicht gepflückt und gegessen werden darf. Ist ja eigentlich kein Problem, weil der Birnenbaum daneben voll hängt und die Papayas mundgerecht am Baum hängen und Milch und Honig sowieso fließen.

Nein, es ist wie am Buffet im Hotel in Antalya. Gibt es da nur einen einzigen Apfel, wollen ihn alle. Die innere Schlange Ka züngelt „Nimm doch. Weshalb sollst du verzichten und ein anderer bekommt. Wo du doch sonst schon immer zurücksteckst. Du hast ihn verdient…“ Und Zack ist der Sündenfall da. EGO. Nun leben wir mittlerweile nicht mehr im Paradies (sage ich nur, falls ihr das noch nicht gemerkt habt), sondern in einer Welt mit mehreren Milliarden Menschen und Steuererklärungen und Fußpilz. Wir müssen nicht mehr nur mit Adam oder Eva zurechtkommen, sondern mit Frau Schmitz an der Ecke, dem Herrn vom Finanzamt, den Nachbarn über uns, dem Chef, mit Dieter Bohlen, Ex-Doktor-zu-Guttenberg und Angela Merkel. Zu all diesen Menschen haben wir eine Meinung entwickelt. Das heißt, wir haben auf der Grundlage unserer Erfahrung ein Urteil gefällt und dann eine mehr oder weniger verschließbare Schublade geöffnet, um den Menschen darin einzuordnen. Bis neue Erkenntnisse da sind und eine Ab- oder Aufwertung stattfindet, die zu einem Umzug in eine andere Schublade führen kann.

Wieso machen wir das? Wahrscheinlich, weil wir ja wissen müssen, wo wir dran sind. Wer für uns den schwarzen und wer den weißen Cowboyhut trägt. Jetzt ist dieser Entscheidungsprozess aber nicht ganz so einfach und rational. Vielleicht kennt ihr den Effekt, dass ihr Menschen erst super nett findet und mit den Jahren werden die dann doch doofer. Da stört plötzlich dies oder jenes. Entfremdung. Auseinanderleben. Unser EGO wertet Schritt für Schritt ab.

Leider verlieren wir auf diese Weise Menschen, weil Distanz entsteht. Oder diese Distanz entsteht nicht, sondern ist von Anfang an da, weil der Mensch gegenüber durch unser Kontrollraster fällt. Passt nicht, sieht anders aus, stinkt. Wir werten. Über unsere selbstgebastelte Punkteskala auf die wir vertrauen. An die wir glauben. Die gibt uns Sicherheit. Manchmal merken wir zwar, dass die nicht immer ganz stimmt, aber da justieren wir halt einfach ein paar winzige Grad nach.

Nun möchte ich euch zu einem Experiment einladen. So wie Sonia kürzlich den aufregungsfreien Tag eingelegt hat, so legt doch mal einen bewertungsfreien Tag ein. Versucht mal, Menschen anders zu sehen. Eure Bewertungsskala auszusetzen. Mit Menschen zu sprechen, die eigentlich durchs Raster fallen. Und: Einen anderen, neutraleren Blick auf die Menschen um euch herum zu werfen. Vielleicht auch auf euren Partner, eure Partnerin. Eure engsten Vertrauten. Versucht mal die Dinge, die euch immer stören, auszublenden und neu zu schauen. Vielleicht positiver, verzeihender, mit dem Blick auf das Gute. Liebevoll. Bin gespannt, ob ihr mitmacht und ob ihr was merkt. Ich bin auf jeden Fall dabei und setze eine andere Brille auf. Viel Spass und ein schönes Wochenende nach dieser Woche der Selbsterkenntnis:)

5 Antworten auf „Mensch, Mensch, Mensch, Mensch, Leute!“

  1. Hallo Jens,

    weißt Du an was ich denken mußte, als ich diesen Deinen Artikel gelesen habe? An die schreibende Feder der Reporterin (Rita Kimmkorn – oder so ähnlich) bei Harry Potter. Nein, nein, nicht mißverstehen – Du bist wahrlich kein Klatschreporter. Ich wollte damit nur sagen, Dein Text fließt und fließt ….. Wunderbar.

    Im Rahmen der philosophisch buddistischen Woche ist nun das Thema Mensch/Mitmensch dran. Du schlägst vor, mal einen bewertungsfreien Tag einzulegen. Eine gute Idee!

    Bei mir ist es so, daß ich Menschen/Mitmenschen selten in irgendwelche entsprechende Schubladen einordne, mit minimalsten Ausnahmen. Jeder Mensch ist unterschiedlich, individuell, hat unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Begabungen, Talente. Man sollte jeden so annehmen, wie er ist. Nur weil jemand groß, dick, klein, geschwätzig, aggressiv oder übellaunig ist, ist er immer noch ein Mensch, so wie Du und ich. Ich versuche, mich der jeweiligen Situation anzupassen, menschlich zu sein.

    Ich erinnere mich noch deutlich an eine algerische Delegation, für die ich in unserer Firma übersetzt habe. Wir saßen beim Abendessen in einem Restaurant und mein Tischnachbar fragte mich: „Wie sehen Sie uns?“ (auf Französisch). Ich sagte zu ihm, daß ich die Frage nicht verstehe, und er stellte die gleiche Frage noch einmal. Ich überlegte und sagte: „Ihre Delegation, Sie sind wie Sie und ich.“ Er lachte und sagte: „Merci“. Sie waren in unsere Firma gekommen, weil sie mit unseren Maschinen technische Probleme hatten. Sie waren nicht gekommen, um unsere Firma zu terrorisieren oder sonst etwas. Ich war damals vielleicht 25 Jahre alt gewesen sein. Meine generelle Einstellung zu Menschen war damals schon die selbe wie heute.

    Wenn ich jemanden in eine Schublade einordne, dann vergesse ich aber nicht seine positiven Eigenschaften und versuche, das Negative bei mir zu behalten. Wie soll ich das erklären? Ich mag keinen Egoismus. Wenn mein Mitmensch aber egoistisch ist oder egoistisch zu sein scheint, so ist das eben so. Das ist sein Ding, nicht meines.

    Die Wetterfrösche habe Aprilwetter vorausgesagt. Ich gehe jetzt mal ein paar Sonnenstrahlen einfangen.

    Dir, Jens, ein erholsames Wochenende.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      hört sich gut. Das ist mit Sicherheit ein sehr positiver Umgang unter Menschen. Ehrlichkeit, Authentizität, keine Spielchen, kein etwas über Umwege erreichen wollen. Offenes Visier – Ehrlichkeit.

      Ich wünsche dir und euch auch ein schönes Wochenende

      Jens

  2. Hallo Jens,

    falls es Dich interessiert, den Philosophen in Dir, kann ich Dir eine Sendung bei ARTE empfehlen, heute 13.30 Uhr im Rahmen der Philosophie – ALTRUISMUS. Ja, ich weiß, daß Du keinen Fernseher hast. Den Beitrag kannst Du online anschauen, d.h. auch nachträglich, im Netz, 7 Tage lang. Ich habe den Beitrag, der eine Wiederholung ist, schon angeschaut. Sehr interessant.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      schön, dass du das schreibst. Seinen Blog hatte ich schon lange in meine Blogliste aufnehmen wollen. Mach ich jetzt…

      Schönen Feiertag

      Jens

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