’nen Korb bekommen…

Voll den Korb bekommen. Von Jim. Gestern nach der Schule kam er in mein Büro. „Hi Papa, hier, für dich. Zum Pilzesammeln.“ Oh. Überraschung. „Aber, äh, es ist doch noch gar nicht Weihnachten. Also, ich meine. Wäre es nicht vielleicht besser, sich den als Geschenk aufzuheben? Bis Samstag?“ Grins. „Nö, nö.“ Grins. Also wirklich. Dieser Herzenbrecher. Wie sagt man dann? Guter Junge. Wirklich. Ich bin schon sehr, sehr froh, ihn zu haben.

Und deshalb möchte ich auch die Gelegenheit nutzen, auf einen Blogbeitrag von Frau Sibylle Berg kurz einzugehen. Der war auf Spiegel Online zu lesen und hieß Oooooooh! Ihr Armen! In dem Beitrag machte sie sich darüber lustig, dass es eine Tendenz gibt, Jungen zu stärken. Dass in Männer- und Kerlsblogs Maskulinistenclubs (hat sie sich selbst ausgedacht, schreibt sie) entstehen.

Sie macht sich darüber lustig, weil sie dahinter den Wunsch sieht, dass die Frau wieder in die zweite Reihe tritt. Kann ich einerseits gut verstehen, andererseits denke ich: Sie hat wahrscheinlich entweder keine Kinder oder keinen Sohn. Ich glaube nämlich, dass sich das mit den männlichen Vorbildern durchaus positiv und auch im Interesse der Frau interpretieren lässt. Ich denke, wenn Jungen mit männlichen Vorbildern aufwachsen, trägt das durchaus zu einer positiven Sozialisierung bei. Ohne! Ohne, dass hier Unterdrückungsmechanismen weitergegeben werden. Männer sind ja nicht nur Idioten!

Ich gebe zu, das fällt teils schwer, dass so zu sehen, weil auf der internationalen Bühne viele Männer durchaus ordentlich viel Scheiß bauen. Und ja, es sind immernoch die Kerle, die in unserer Gesellschaft überwiegend das Sagen haben und zu Wort kommen. Und immernoch verdienen Frauen in Deutschland bei gleicher Tätigkeit weniger Geld. Und in den Top-Positionen in Wissenschaft und Wirtschaft tummeln sich viel mehr Männer als Frauen. Und selbst bei Spiegel Online stehen fünf männlichen Bloggern nur zwei Bloggerinnen entgegen.

Gerade deshalb ist es wichtig, eine positive, nicht schräge Männlichkeit weiterzugeben. Denn Jungs, denen Vorbilder fehlen, die neigen dazu, sich nur durch Rumprügeln und Unterdrücken beweisen zu wollen. Jungs, die keine Vorbilder haben, die in einem Vakuum aufwachsen, haben eher ein Problem und reagieren oft aus einer Schwäche heraus. Sie denken, sie müssten männlich sein, wissen aber nicht, was das ist, und suchen sich dann die Klischee-Abziehbilder. „Ich bin ein Mann, wenn ich Stärke zeige und andere dominiere.“ Krach! Bumm! Das ist Mist. Gerade so ist es doch oft in der Vergangenheit gelaufen, weil die Väter weg waren. Weg sind. Beruf. Jagen. Sich beweisen, da draußen. Die ihre Familien, ihre Söhne vergessen, nichs mitbekommen. Die irgendwann merken „Och. jetzt ist es zu spät.“

Um zurück zum Korb zu kommen, den ich bekommen habe: Korbflechten für seinen Papa ist für mich durchaus ein Zeichen von Männlichkeit im menschlichen Sinne. Ich habe das Gefühl, das läuft bei Jim in guten Bahnen. Obwohl wir so männliche Dinge machen wie durch die Natur tigern und im Freien campen. So richtiges Männerzeugs mit Lagerfeuer. Aber ich denke, das trägt nicht dazu bei, Frauen in den Schatten zu stellen, sondern einen eigenen, hoffentlich guten Weg zu gehen, auf dem es nicht nötig ist, irgendwen anderes dominieren oder in die zweite Reihe stellen zu wollen. Und da leisten viele Menschen wirklich gute, sinnvolle Männerarbeit, die nicht diskreditiert werden sollte. Ich plädiere nach wie vor dafür: Männer, kümmert euch um eure Söhne! Und um eure Töchter. Dazu könnte ich auch eine ganze Menge schreiben, weil ich Jim nicht gegen Zoe ausspiele und Zoe nicht gegen Jim. Ich versuche beiden dabei zu helfen, ihr Ding zu machen. Und wahrlich habe ich keine Lust darauf, dass Zoe jetzt oder später einmal von irgendwem als Mädchen und Frau unterdrückt oder dominiert wird. Eine in sich ruhende Weiblichkeit sowie eine in sich ruhende Männlichkeit sind durchaus ein Weg, gut klar und miteinander zurecht zu kommen. Fifty-fifty. Deshalb darf der fiftyfiftyblog gerne auch als Maskulinistenclub gesehen werden.

8 Antworten auf „’nen Korb bekommen…“

    1. Hi Micha,

      ich habe das Gefühl, sie hat einfach nicht nachgedacht und dann das Kinde mit dem bade ausgeschüttet. Sie schreibt sonst gut und ich lese sie gerne. Aber da sie nicht recherchiert und was rausgehauen ohne sich mit dem Thema wirklich zu beschäftigen. Wahrscheinlich hat sie eine falsche Vorstellung von Männerarbeit – sie scheint zu denken, dass da Monster gezüchtet werden oder so.

      Liebe Grüße

      Jens

  1. Hallo Jens,

    die Ansichten der Sibylle Berg sind die ihrigen. Ich kann damit nicht konform gehen. Sowohl Mädchen als auch Jungen brauchen männliche und weibliche Vorbilder, um im Leben zurechtkommen zu können.
    Ich erlebe es beim Sohn meiner Freundin. Sie, alleinerziehend, ist kurz nach der Geburt wieder arbeiten gegangen. Der Sohn wuchs quasi tagsüber bei den Großeltern auf und abends und am Wochenende bei ihr. Von den Großeltern wurde er – als einzigstes Enkelkind – voll betüddelt. Sie erfüllte und erfüllt noch immer alle seine Wünsche, unter dem Aspekt, zu wenig Zeit mit ihm verbracht zu haben. Und in seinen Wünschen ist er ziemlich uferlos. Seit kurzer Zeit ist meine Freundin verheiratet. Es ist ein „Vater“ im Haus, der liebevoll versucht, sich um den Jungen zu kümmern. Man merkt, daß eine männliches Vorbild gefehlt hat, obwohl der Großvater sein Bestes gegeben hat. Der Junge, erst 11 Jahre alt, ist äußerst respektlos, und ganz besonders der Mutter gegenüber.
    Ich verneige mich vor allen alleinerziehenden Müttern und auch Vätern. Das ist wirklich ein schwerer Job.
    Aber solche Ansichten wie die der Sibylle Berg sind da fehl am Platz.
    Es ist ein wunderbares Zeichen, daß Du von Deinem Sohn – vor Weihnachten – einen Korb bekommen hast. Genieße solche Früchte eurer Erziehung.

    Viele Grüße

    Annegret

  2. Hi Annegret,

    alle, die Kinder haben, wissen, was das für ein schwieriger Job ist: Erziehung. Alles ohne Netz und doppelten Boden und fast komplett ohne Ausbildung. Wir kennen fast nur das, was wir selbst erlebt haben. Und das ist nicht immer das Gelbe vom Ei. Also versuchen wir, Dinge zu ändern. Suchen, lesen, sprechen, fragen, überlegen, tauschen uns aus. Die Männer- oder Söhnearbeit ist ein relativ neuer Aspekt. Und ich gebe zu, dass sich das merkwürdig anhört. Tatsächlich könnte man glauben, hier ginge es um die Weitergabe traditioneller Machoallüren. Das Schwert an den Sohn geben. Genau das ist es nicht! Natürlich werden Männergruppen und Männerarbeiter gerne in die Ecke der Schwächlinge und Fantasten gestellt – aber doch gerade eher von denen, die das klassische Dominanz-Männerbild unterstützen. Natürlich müssen sich Männer und Gegenwart rauskommen. Aber gerade darum geht es doch in dieser Form der Männerarbeit. Positive Vorbilder. Überlegen, wie man souverän lebt – nicht auf Kosten anderer. Ich hoffe, ich stelle mich jetzt hier nicht großkotzig selbst als das Superbeispiel dar. Aber darum geht es mir nicht. Mir geht es darum, in ein gutes Fifty-fifty zu kommen. Ohne dieses dauernde „Männer sind aber so und doof“ und umgekehrt. Dieser blöde Klischeekreislauf…

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hallo Jens,
      ja, die Männer- oder Söhnearbeit ist ein neuer Aspekt, der leider viel zu lange unter dem Tisch lag. Zugegeben, es gab sie schon immer. Männer haben sich um ihre Söhne, um ihre Töchter gekümmert. Nur die enorme Wichtigkeit wurde nie auf den Punkt gebracht. Das klassische Bild, Mutter kümmert sich um Kinder, Vater arbeitet, ist verabschiedet. Es ist oft notwendig, daß beide, Mutter und Vater, arbeiten, bzw. ein alleinerziehender Elternteil.
      Es geht weder um Männer- noch um Frauen-Dominanz. Es geht darum, den Kindern Leitlinien zu bieten, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen, an die sich anlehnen können. Eine Mutter kann sich nicht so wie ein Vater in die Lage des Sohnes hineinversetzen, in männliche Gefühle, Wünsche, Vorstellungen. Unter Männern spricht es sich anders als mit der Mutter. Mit dem Vater spricht es sich einfacher über Freundschaften, Mädchen, Frauen, Beruf, Arbeit. Und wenn es nicht der Vater ist, dann eben ein anderes männliches Pendant.
      Ich habe nichts gegen Männergruppen oder Männerarbeit. Das ist vielleicht ein Mittel, besser rauszukommen, die Arbeit mit den Kindern (oder dem Partner) besser aufnehmen zu können, nicht im Sinne von Hilflosigkeit, sondern im Sinne von Verbesserung, Stärkung.

      Ja, 50/50 ist ein guter Weg.

      Viele Grüße
      Annegret

      1. Hi Annegret,

        jetzt hätte ich fast diesen Kommentar übersehen – hier ist gerade so viel los…Leitlinien ist ein gutes Wort. Unterstützung. Support auf dem Weg. Sie selber gehen lassen, aber ab und an den Weg weisen, so lange sie da noch nicht zurechtkommen. Das wirtd immer, immer weniger, was sie an Hilfe brauchen.

        Liebe Grüße

        Jens

  3. Wenn wir Erwachsenen uns nicht ständig als Mann oder Frau beweisen, sondern als Mensch und menschlich, dann denke ich werden auch unsere Kinder den richtigen Weg finden.
    Tolle Kids, Deine Kinder!

    Herzlich
    Gitta

  4. Liebe Gitta,

    die Sache mit mann und Frau wird tatsächlich manchmal zu verkompliziert. Nur da es immer noch starke Gerechtigkeitsdefizite gibt, wird uns das Thema noch lange beschäftigen.

    Das Herz am rechten Fleck, als Mensch, ist mit Sicherheit hilfreich. Jim hat sich gestern beim Judo ziemlich weh getan, sein Schwester fragte heute als erstes, ob es noch weh tut. Zoe wurde heute Mittag ein Milchzahn gezogen, ihr Bruder fragte als er nach Hause kam als erstes: Wie geht es Zoe?

    Das ist schön zu sehen, wie sie sich kümmern und wie sie mitfühlen. Ich denke, die werden als Mensch ihren Weg gehen – so wie deine Kinder.

    Herzliche Grüße

    Jens

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