Paul Bowler & Georg Weißbach bei BRUCH & DALLAS

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Nimmt das mit der Kunst hier gar kein Ende?

Nicht, wenn solche Schauspiele geboten werden. Der Blog hier steht zeitlich immer noch auf Freitag und befindet sich weiterhin in der Unterführung am Ebertplatz. Jim und ich kamen gerade aus dem Labor, haben einen Schlenker durch die Galerie BOUTIQUE gemacht und sind geradewegs bei BRUCH & DALLAS gelandet. Eine weitere Vernissage. Diese Stadt ist verrückt. Geradezu barockarrabesk. Überladend großzügig. Die Augen wissen nicht, wohin, der Geist muss galoppieren, um alles zu erfassen.

Wir nähern uns. Eine andere Galerie, ein anderes Publikum, eine andere Vernissage. Bunt hier. Die Wände hinter dem Glas des Schaufensters die Fläche. Die gestaltete. Das Projekt. Das Bild.

Paul Bowler & Georg Weißbach aus Leipzig stellen aus, treten auf. Jim und ich schauen, versuchen zu verarbeiten. Zu viel des Guten im ersten Augenblick. Wir gehen raus in die Unterführung. „Was riecht hier so gut?“ Ah. An der afrikanischen Bar mit den nahezu ausnahmslos schwarzen Gästen steht Restaurant. Klein. Wäre ich nicht drauf gekommen, hätte es nicht so gut gerochen. Wir setzen uns an die Theke. Bestellen, warten, schauen, essen. Tom kommt. Der Engel. Sagt Sachen, die in einem Gedicht vorkommen. Später. Leicht angetrunken, das beflügelte Wesen. Ein Lächeln, nicht von dieser Welt. Ansonsten handfest, Handwerker, Pfleger – von Pflanzen und behinderten Menschen. Das Spiel, die Realität, die Wirklichkeit und das Leben. Sommer 1990. Ganz Deutschland wird Weltmeister.

Paul & Georg lassen mich nicht los. Jim erzählt. „Die arbeiten mit Zitaten. Da steckt viel Internet drin.“ Hat er abgecheckt. Ich frage ihn: „Fahren wir zurück oder schauen wir uns das genauer an? Ich hätte gerne ein Foto von den beiden. Vor der Wand.“ „Gehen wir.“ Also sind wir rüber. Nach einem ziemlich leckeren afrikanischen Essen und einer skurrilen Unterhaltung mit einem Weisen, der Waise ist. Da gehen Filter verloren und Zartheit katapultiert sich durch die geöffneten Schleusen der erinnerten Verzweiflung in ein tieferes Sehen. Wer da war, weiß, wo es ist, wie es ist. Die Nerven sind feinfühliger, bedachter, brauchen weniger Information. Respekt, junger Mann. Der Rausch, ach, beiseite.

Sie lassen sich fotografieren. Paul nimmt sich Zeit, erzählt. Mir und Jim. Ja, mit Internet hat es viel zu tun. Er kommt aus München und lebt in Leipzig. Mit Georg macht er Kunst. Ist es wegen der Vornamen? Ist es wegen dieses britischen Künstlerpaares, diese beiden Männer, dass sie englisch wirken? Als kämen sie aus London? Oder ist es die Kunst, die sie betreiben. Wirkt so metropolenhaft kreischend. Gut.

Mit Büchern haben sie angefangen. Sich ins Zimmer gesetzt für Tage. Tür zu, Sonne raus, Netz an. Sammeln, jagen, Bilder, Zusammenhänge. Bilderbücher sind entstanden. Zwei mit den Titeln Online-Buch und Online-Buch 2. Jim und ich blättern sie durch. Laute Bilder, schwule Szenen, Frauen mit riesigen Brüsten, Persiflagen, Karikaturen, Verarschungen. Spiel mit Klischees. Laut, bunt, frech. HEUTE. Ganz genau heute. Trash im September 2013. Alles da, alles greifbar.

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Mir kommt der Gedanke, dass dieses Webzeitalter mit all den Irrwegen und verschlungenen Entwicklungen Kultpotenzial hat. Verändert hat sich eh alles. Jedes Kind, jeder Teen ist nur Klicks vom Pornomaterial entfernt. Gewalt, Terror, Faschismus, Perversion – alles gute Nachbarn im Web. Gleich nebenan. Porsche, BMW, Siemens, die Deutsche Bank Tür an Tür mit… Der Youtube-Clip von den hippen Youtubern neben allem anderen. Dazwischen Viren, Geldflüsse, Lauscher, Verrückte und Künstler. Wie Paul & Georg. Ihre Bücher gibt es per Print on Demand im Web. 54 € und 55 € das Stück. Die Webadresse?

Keine Ahnung. Ist alles noch nicht so organisiert. Wunderbar. Frisch. Man muss sich die beiden im Web zusammensuchen. Ihr Projekt auch. Art’n’more. Den Trailer zur Ausstellung in Köln auf Vimeo. Und eigene Seiten haben sie auch. Der Grafiker Paul Bowler & der Maler Georg Weißbach.

In der Kölner Ausstellung treten sie aus ihren Büchern heraus und inszenieren sich selbst. Bilden sich auf den Wandtapeten ab, schaffen sich einen Rahmen aus Sprüchen und Plakaten. Fick dich Paul Klee. CUTE GUYS WITH AMAZING PERFECT DICKS, THAT’S ART NOT PORN. Irgendwo tickt eine Uhr. Es gibt einiges zu entdecken. In den Büchern, an der Wand, auf dem Bildschirm, der dort steht. Es macht Spaß, es ist leicht, es ist in der Buntheit laut. Und es ist JETZT. Kein Retro, kein 68, kein Sonstwas. Leben in dieser Welt im Jahr 2013. So waren sie damals. Das hat es gegeben.

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Tja, und nett sind die beiden. Sehr sympathisch. Keine Allüren, keine Berührungsängste. Diese Unterführung in Köln ist momentan besser und lebendiger als jedes Museum of modern Art. Du gehst rein, du sprichst mit den Leuten, du gehst in die Kunst. Keine Rumschnauzerei des Museum-Ludwig-Wachpersonals: Aufstehen. Sie dürfen sich hier nicht hinsetzen!

Ja, ein wenig Happening. Kunst, die lebt. Wunderbar authentisch und anfassbar. Ihr solltet euch Art’n’more von Paul Bowler & Georg Weißbach ansehen – bis zum 5. Oktober bei BRUCH & DALLAS am Ebertplatz. Lohnt sich. Die haben Potenzial. Grüßt mir Tom, genießt afrikanisches Essen, atmet Kunst und vergesst das Labor nicht. Klar. Und nehmt euch ein wenig Zeit mit. Ein Freitagabend, ein Samstagabend dürfte gut sein.

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