Projekt Elaine 3

Die Lehrerin hatte es vor den Sommerferien angedeutet. Es kommt eine neue Schülerin, ein Mädchen aus der Stadt, aus Berlin. In der Klasse wurde getuschelt, es gab Gerüchte. Berlin, Drogen, Sumpf, Moloch. Cat hörte die Kommentare in den Pausen, das Flüstern. Merkwürdigerweise war ihr diese neue Schülerin nicht gleichgültig. Von Anfang an nicht, als die Lehrerin, Frau Saalbach, von ihr erzählte. Sie hatte gesagt „Die neue Schülerin heißt Susanne Schuhmacher. Ihre Mutter zieht aus beruflichen Gründen hierher und wir werden Susanne aufnehmen, als hätte sie schon immer in diese Klasse gehört. Ich erwarte Kollegialität, Unterstützung und Freundlichkeit. Ihr wisst, was ich meine. Von Anfang an, keine Spielereien, keine testenden Provokationen. Ihr seid in einem Alter, in dem das möglich sein muss“. Ihre Mutter. Sie hatte gesagt, dass die Mutter aus beruflichen Gründen herzieht. Und der Vater? Hatte Susanne einen Vater? Noch nie waren Cat wegen einer Mitschülerin, sogar wegen einer, die noch gar nicht da war, so viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Sie lächelte und ihre Lehrerin fragte gleich „Catherine, ist etwas mit dir?“ Die Klasse horchte auf. Sie war angesprochen worden. Würde sie reden? Den Gefallen wollte sie niemandem tun, sie wollte ihr Schweigen nicht brechen, ihre Isolation nicht aufgeben, ihren Panzer, den Schutzraum, das Innere des Igels nicht verlassen.

Cat war aufgeregt. Es war ihr unerklärlich. Sie flog in den Ferien mit ihren Eltern auf die Kanaren. Der Vater hatte von einem Anwaltskollegen, den er aus Studienzeiten kannte, ein Haus am Meer gemietet. Luxuriös mit vielen Zimmern, Pool, Garten und eigenem Weg zu einer kleinen Sandbucht. Cat versuchte, sich abzulenken, nicht an die Neue, an Susanne, zu denken. Es gelang ihr kaum. Ihr Vater war wieder so gut wie nie da. Er nutzte die Gelegenheit, zu golfen. „Das ist für mich die pure Entspannung, wo ich sonst doch immer arbeite und so viel um die Ohren habe. Einmal im Jahr brauche ich das. Ich hoffe, ihr habt Verständnis?“ Ihre Mutter nickte. Cat war es egal. Sie wollte eh lieber allein sein. Am Strand, am großen Felsen. Einfach dort liegen und denken. Es war eine neue Situation. Sie entdeckte in sich das Gefühl von Hoffnung. Es könnte sein, dass da ein Mensch kommt, der sie versteht. Der sie beachtet, ihr vielleicht sogar nah sein will. Sie hatte Angst, so zu denken. Es stand zu viel auf dem Spiel. Wenn sie nun ein Konstrukt errichtete, ein übergroßes Gebäude, dass dann zusammenbrechen würde. Was wäre dann? Was würde sie dann tun? Es war nicht auszudenken, allein der Gedanke schmerzte, drohte Risse in ihr Inneres zu treiben.

Nach den Ferien war keine Susanne da. „Sie kommt nächste Woche erst, weil in Berlin die Ferien später begonnen haben.“ Sie hielt es kaum aus, war nervös, fahrig, launisch wie nie. Schrie ihre Mutter an, schleuderte einmal sogar ihr Mittagessen vom Tisch, weil ihre Mutter gefragt hatte „Cat, was ist mit dir los?“ Sie war weinend in ihr Zimmer gelaufen, hatte sich eingeschlossen und sich so abhängig gefühlt. Von ihrem Inneren, von ihren Wünschen, von ihrer Verletzlichkeit. Sie hatte eine Vorstellung, eine Fatamorgana in sich herein gelassen, hatte wie beim Glücksspiel alles auf eine Karte, eine Zahl gesetzt.

Den Rest der Woche hatte ihre Mutter sie in der Schule krank gemeldet. Cat saß in ihrem Zimmer, schaute aus dem Fenster in den Garten und sah den Septemberregen kommen. Zu allem Überfluss verstärkten tiefe dunkle Wolken über der Stadt die dunkle Stimmung. Sie saß dort, bewegte sich nicht, sah den Regen an den Scheiben runter laufen, aß wenig. „Cat, ich weiß, du willst nicht reden, aber du musst. Was ist los?“ Cat schwieg. Sagte kein Wort, blieb einfach teilnahmslos sitzen. Wieder verließ ihre Mutter das Zimmer, weil sie die Spannung im Raum nicht ertrug. Dann kamen die Tränen. Cat weinte und weinte. Warf sich aufs Bett, vergrub sich in den Decken und schlief und schlief.

26 Antworten auf „Projekt Elaine 3“

  1. Hallo Jens,

    entwickelst Du Dich zum Nachtarbeiter? Ich hole mal mein großes rotes Stopp-Schild hervor. Jetzt ist aber wirklich genug mit langen Geschichten. Nicht, daß sie mir nicht gefallen. Sie gefallen mir gut.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      hey? Hallo? Bist du es? Da war doch was mit das kann man so nicht stehen lassen. Ohne Ende. Unfertig. Ts, ts. Wenn ich morgens blogge, dann arbeite, wann bitte schön, soll ich dann Elaine schreiben? Keine Sorge. Mir geht es gut und bald ist Ela wieder da und die Kinder und es gibt einen geregelten Ablauf ohne Nachtschichten. Was dann aus Elaine wird, weiß ich nicht. Miste. Die Kapitel hab ich im Kopf. Nun weiß ich, was geschieht. Was mach ich damit? Mal sehen.

      Jetzt aber gute Nacht, schlaf schön

      Jens

  2. Lieber Jens,

    ich habe erst heute gelesen, habe alle drei gelesen. Schriftstellerisch sehr stark, keine Frage, aber ich muss mich immer wieder damit zurück in die Geschichte holen, dass das reine Fiktion ist.
    Denke ich als Mutter, kann ich das Verhalten von Cats Mutter nicht nachvollziehen, wenn ich die Szene aus den Augen der Lehrer betrachte, dann müssten alle Lehrer versagt haben. Cats Zeugnis kann übrigens nur Mittelmaß sein, selbst wenn sie ansonsten gut mitkommt.
    Du ziehst mich in eine Welt, die ich mit Kopfschüttelnd betrachte und in die ich, auch wenn ich wissen möchte wie es weitergeht, im Grunde gar nicht gehen möchte. Das hat nichts mit der schriftstellerischen Qualität Deiner Texte zu tun, sondern nur mit meinem Inneren, mit meinem eigenen, gelebten Leben und um das wirklich nachvollziehen zu können solltest Du mein Buch „Gänseblümchen“ lesen, sofern Du es noch nicht gelesen hast (Keine Angst, es ist kein schwermütiges, konfliktbeladene Buch, im Gegenteil). Sorry für die Eigenwerbung, es erklärt aber weshalb ich in dieser fiktiven Welt so schwer nur zurecht kommen kann und weshalb ich so viel für mich Unverständliches, Unschlüssiges sehe.

    Ich werde weiterlesen, aber jetzt schon mal sorry, wenn ich da dann vielleicht mehr durchholpere.

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      danke für die offene Kritik. Das stimmt, sie kann in der Schule nur Mittelmaß sein, wenn sie mündlich nichts beiträgt. Nach normalen Maßstäben. Andererseits: Sie ist anders. Es ist Fiktion, sonst könnte ich das nicht schreiben. Erdacht. Ich werde mir mehr Zeit nehmen müssen, um genauer zu arbeiten. Oder ich überarbeite später. Mal sehen. Oder ich lasse es doch liegen. Im Moment weiß ich nicht. Strubbel im Kopf.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Ja, sie ist anders, im Grunde trägt sie authistische Züge. Als Mutter hätte ich das längst schon testen lassen, ich würde mich auch Gedanken machen warum sie ist wie sie ist, gucken was ich tun kann, damit sie da aus dieser Isolation rauskommt.
    Du beschreibst ihre Eltern nur als Ehepaar, aber Du selbst bist Vater, was würdest Du tun? Du bist anders als viele Väter 50:50, würdest Du das so hinnehmen? Würde Ela das tun? Ja natürlich es gibt immer Eltern, die sich nicht kümmern, aber …

    Ich will Dich nicht in irgendwelche Zweifel stürzen, die vielleicht zuvor gar nicht da waren. Es sind meine Gedanken zu dem Text nicht mehr und nicht weniger. Laß Dich aber bitte nicht von meiner Kritik runterziehen, oder zweifle an Deiner Geschichte, dazu besteht absolut kein Anlaß

    herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      ich habe da durchaus Menschen vor meinem geistigen Auge, die so ganz anders sind. Die mit „normalen“ Maßstäben nicht zu messen sind. Und ganz ehrlich: In diesem Fall interessiert mich gerade das Extreme. Der Weißraum. Keine Sorge, deine Kritik zieht mich nicht runter. Sie ist ein Baustein im weitern Verlauf von Projekt Elaine. Wir werden sehen…

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Den Weißraum finde ich gar nicht so extrem. Extrem? Hmm.. nein eher nicht, unerklärlich. Da ist ein Kind, denn bei Cat hat das ja whl im frühen Kindesalter angefangen, dass sie so ist wie sie ist. Das Extreme für mich ist, dass die alle zugucken, wie sie so wird wie sie ist? Können Kinder Blicke anderer Kinder so deuten, dass sie sich niemals annähern? Und wenn sie von sich aus keinen Kontakt aufnimmt seit wann? Immer schon?. Egal wie Kinder kontakten immer irgendwie. Pubertär wird das sehr schwierig, das kann bis zu Depressionen und Suizidgedanken gehen. Ein Kind zieht sich in sich zurück, einfach so sagt sich, weil heute nun der 15.10.2010 ist rede ich ab heute keinen Ton mehr?

    (Ich habe gerade einen lektorierten Text zur Bearbeitung zurück bekommen, deshalb sehe ich vielleicht Deinen Text unter diesen Aspekten)

    Dennoch bin ich gespannt wie das weiter gehen wird.

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      ich werde einfach schauen, wie es weitergeht. Hat ja jetzt tatsächlich wenig Zweck darüber zu reden. Ich schreibs oder auch nicht und es ist gut oder für die Tonne. Wir werden sehen. Ich kann eh nur das schreiben, was ich schreibe.

      Vielen Dank und viele, viele Grüße

      Jens

  5. Es sind Geschichten, Personen die in den Gedanken festsitzen die sich bilden aus Alltag,Fernsehen,Median usw, aber diese Geschichten mit der persönlichen Familie aufmischen in den Kommentaren find ich nicht so inordnung,das möchte der Schreiber auch nicht hören denke ich ,sonder was man fühlt vom Inhalt her,man selbst erkennt sich in den Geschichten wieder, also sollte man an sich denken und nicht so sehr an die Familie des Schreibers.

    1. Tatsächlich wirken Geschichten und Figuren auf jeden anders. Der Zugang und die Bilder und Assoziationen, die entstehen, dürften immer anders aussehen. Vieles hat ja mit dem zu tun, was in uns ist. . Ich freue mich, wenn die Story und die Figur etwas auslöst und bewegt.

        1. Gehe an die Orte, die du fürchtest. Hier schon mehrfach erwähnt. Die Vergangenheit bearbeiten, verarbeiten, ruhen lassen, akzeptieren und vielleicht sogar irgendwie positiv sehen.

    2. Hallo Eifelsternchen, hallo Jens,

      ich seh‘ das auch so. In der Regel kennt man die Familie des Autors und ihn persönlich nicht, und das ist auch gut so. Immer noch werden genug Rückschlüsse auf die Privatperson gezogen; die aber nicht kommuniziert werden können. In einem Blog ist es anders; in diesem speziell, weil sich hier eine Vielfalt von Themen und Genres tummelt und weil du, Jens, in deinen „freien“ Texten „aus dem Alltag plauderst“.

      Ich würde es schade finden, wenn nun der Rest der Geschichte in der Fantasie/auf einer Festplatte vor sich hinmodern würde.

      Aber wie ich inzwischen weiter unten gelesen habe: Elaine4 am Montag…
      ok! Beim Fortsetzungsroman in der Tageszeitung mussten wir auch das Wochenende ohne Fortsetzung überstehen… (ggg)

      Viele Grüße
      filomena

  6. Hallo Jens,

    da kommt aber gewaltig Bewegung in die Geschichte. Ich – mit meinem Sohn mit autistischen Tendenzen – finde Deine Geschichten sehr spannend. Ich glaube nicht, daß man Deine Geschichten bis ins Detail analysieren sollte, weil ich meine, daß Du dann Deine Geschichte nicht mehr schreiben kannst. Natürlich wird dem einen oder anderen Leser irgendetwas ins Auge stechen, je nach Tagesverfassung. Aber es sind und bleiben Deine Geschichten. Laß Dich nicht vom Schreiben abbringen.

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ganz schön was los hier. Ich kommentiere heute in zwei Blogs und twittere zwischendurch. Meine Wochenjobs hab ich durch und freu mich nun auf Ela un die Kids. Der Kühlschrank ist voll, die Bude gefegt, im Ofen brennt ein Feuer und auf dem Tisch stehen Blumen. Brav, ne.

      Sag mal, warst du das nicht, die so vehement eine Fortsetzung gefordert hat? Da muss ich doch jetzt mal sagen: Danke! Dadurch hast du es geschafft, dass ich, außer bei meinen Theaterstücken, die hier auf Halde liegen, erstmals einen längeren Fortsetzungstext schreibe. Mal wieder was Neues im Fiftyfiftyblog und jede Menge Leben in der Bude. Hier und auch im Brigitte Woman Blog. Das freut mich ungemein und motiviert. Also werde ich an Elaine weiterschreiben und sehen, wie weit ich komme. Wie und wann das sein wird, kann ich allerdings weder sagen, noch versprechen. Hier ist dann eure Geduld gefragt. Bei einm Buch kann man natürlich einfach abends weiterlesen, hier muss man warten, bis der Autor wieder was in den Blog geschrieben hat. Das ist ein wenig doof, dafür aber so eine Art Experiment. Und du bist beziehungsweise ihr seid dabei. Und ich auch.

      Liebe Grüße

      Jens

  7. Hallo Jens,

    gefordert habe ich es nicht. Ich habe nur gemeint, daß Deine Geschichten Fortsetzungsgeschichten sind und immer auf eine Fortsetzung gewartet – wie bei Sommernachtstraum. Dann wurde ich von Dir eines besseren belehrt. Ich finde es toll von Dir, daß Du Elaine fortgesetzt hast. Aber – wie gesagt – es sind Deine Geschichten und Du bist der Regisseur.

    Danke.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      ich necke nur ein wenig. tatsächlich bauche ich jetzt aber deinen Rat. Ich habe gerade Projekt Elaine 4 geschrieben und den fünften Teil geplant. Was mache ich den jetzt? Da habe ich groß angekündigt, das ich Tempo rausnehme und hier so ein Kuddel-Muddel-Wirbel veranstaltet und jetzt das. Soll ich bis Montag warten und dann Teil 4 als Montagstext reinsetzen? Auch Regisseure brauchen mal rat.

      Danke

      Jens

  8. Hallo Herr Regisseur,

    nimm das Tempo raus und lass Deine Leser warten. Du verwöhnst uns viel zu viel. Es ist doch gut, etwas in der Schublade zu haben, für Zeiten wenn Du keine Zeit hast oder wenn Dir nichts einfällt – was wahrscheinlich nie der Fall sein wird. Deine Leser werden auf Dich warten. Schalte ab und rein ins Wochenende.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      du bist ein Schatz. Danke, genau die richtige Entscheidung. Bingo. Teil 4 also dann am Montag. Dann bleibt auch für alle, die möchten, genug Zeit für 1 bis 3. Diese Zahlen. Dan gehe ich jetzt in den virtuell-digitalen Sleepmodus und beende eine aufregende Woche.

      Dir und deinen Liben ein schönes Wochenende

      Jens

    1. Hi Doro,

      wenn du dich damit näher befasst, solltest du chronologisch lesen. Also alle Teil der Reihe nach, weil sie zusammengehören. Geplant ist, dass mehr Teile folgen. Ich muss immer sehen, wie ich mit dem Schreiben hinkomme. Zeit, Laune, Eingebung, Gefühl für die Story… Danke für deinen Kommentar.

      Liebe Grüße

      Jens

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