Schöne deutsche Einheit

Wiese_Borner_red

Wo wart ihr, als die Mauer fiel und die Einheit kam?

Gestern Abend bin ich mit Herrn Cooper noch einmal raus und über die Wiesen und Felder. Sonne genießen in Erwartung des heute einsetzenden Regens. Tag der deutschen Einheit. Damals. Ich hatte mich entschieden, nicht nach Berlin zu fahren, sondern aus der Eifel zurück nach Aachen. Wir saßen am Sonntagabend nach einem spektakulären Wochenende in einer Kneipe und redeten und redeten. Geisteswissenschaftler. Da kommen ein paar Worte und Meinungen zusammen.

Meine Hoffnung war es, dass aus der Einheit etwas Neues entstehen könne. So etwas wie ein gemeinsamer Neubeginn, eine Überarbeitung des Bestehenden, ein Diskurs, der schaut, was sich gemeinsam verändern, verbessern lässt.

Es kam anders. Übernahme und die Annahme der blühenden Landschaften. Der Osten wurde integriert, der Aufbau Ost gestartet, die Abwicklung der maroden DDR-Staatsunternehmen und nach wenigen Jahren war jedes Verkehrsschild der Deutschen Demokratischen Republik gegen ein westdeutsches Verkehrsschild ausgetauscht. Zurück blieben ein wenig Nostalgie, Rotkäppchen-Sekt und einige Retro-Elemente wie das Ampelmännchen, dass sich vermarkten ließ. Ach ja, klar, und der Zorn einiger. Rechtsradikale. Hoyerswerda. Herrje.

Wie groß hätte die Freude sein sollen? Ich meine, hey, so lange getrennt durch eine Mauer und dann das. Es gab ja auch die Verbrüderungsszenen und Mauerpartys. Tanzen auf dem Todesstreifen. Wahnsinn. Aber es gab auch diese „Zieht die Mauer wieder hoch“-Rufe und eine umfassende Skepsis. Pfiffe. 10. November 1989. Helmut Kohl redet vor dem Schöneberger Rathaus. Neben ihm Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher (Deutscher Außenminister der alten Schule). Während der Rede Pfiffe. Am Ende singen sie allein die Nationalhymne. Das war Fremdschämen am TV par excellence.

Nun haben wir einen Feiertag 3. Oktober, der an den Tag der Unterzeichnung des Einigungsvertrages erinnert. Wikipedia: „Der 3. Oktober wurde als Tag der Deutschen Einheit im Einigungsvertrag 1990 zum gesetzlichen Feiertag bestimmt. Als deutscher Nationalfeiertag erinnert er an das Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990, mit dem zum selben Zeitpunkt Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Berlin als Ganzes Länder der Bundesrepublik Deutschland wurden und die Wiedervereinigung Deutschlands vollendet wurde.“

Jetzt sind wir 23 Jahre schlauer und Tag für Tag wird dieses geeinte Deutschland mehr Realität. Wird? Ja. So richtig ist Ost-West-Denken wohl immer noch nicht überwunden. Wessis, Ossis. Das braucht wohl noch eine Generation, bis das so ganz weg ist. Überheblichkeit einerseits, Stasimuff andererseits.

Es ist leider alles ein wenig kühl gelaufen. Unter anderem auch, weil die mutige Bürgerrechtsbewegung aus den Tagen der Nicolaikirche in den Mechanismen des Übergangs untergegangen ist. Der Aufbau Ost hat einfach ziemlich viel platt gemacht. So läuft Geschichte. Und wo anderswo Menschen sich die Überwindung von Trennung herbeisehnen (oder auch nicht), ist es bei uns mittlerweile eine banale Realität. So richtig gefeiert wird nicht, oder? Schade eigentlich. Eigentlich sollte das eine gute, große Party sein. Eine Einheit. Kommt vielleicht noch.

Zurück zum Tagesgeschäft. Es gibt viel zu tun…

Wiese_Borner_2_red

8 Antworten auf „Schöne deutsche Einheit“

  1. Hallo Jens,

    Du hast Recht. Richtig gefeiert wird der 3. Oktober nicht. Eigentlich schade. Ja, da war doch noch was? Ach ja,
    in Stuttgart wurde der Tag der deutschen Einheit gefeiert. Und sonst irgendwo? Nicht, daß ich wüßte. Der 3. Oktober ist ein willkommener freier Tag.

    Ich habe gestern die Sonne auf dem Balkon genossen, lesend, bis es fast zu kalt wurde. Das Buch war so interessant. Mein Sohn hat ein langes Wochenende, was er aber eigenmächtig schon am Mittwoch gestartet hat. Immer diese Überraschungen! Meine Tochter sehnt das Wochenende herbei, denn sie mußte die ganze Woche arbeiten.

    Ich hoffe, daß es in der nächsten Woche noch ein paar sonnige Tage gibt.

    Dir wünsche ich ein entspanntes Wochenende.

    LG
    Annegret

  2. Hi Annegret,

    nutzen wir den Tag halt anders. Stuttgart? Was hat Stuttgart mit der Einheit zu tun? Das war doch die Stadt mit dem Bahnhof. Ergo: Ich verstehe nur Bahnhof.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende mit Kindern. Ich verbringe meines bei dir in der Nähe und werde morgen hier in der Stadt einen neuen Gebrauchtwagen kaufen. Meine alte Kiste pfeift und verliert alles mögliche. Nach über 300.000 km passiert das halt. Auch Autos werden inkontinent.

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hallo Jens,

      ja, die Bundesregierung feierte in Stuttgart ein Bürgerfest zum Tag der deutschen Einheit. Aber außer in der Zeitung habe ich nichts davon mitbekommen.

      LG
      Annegret

  3. Lieber Jens,

    ich hinke mal wieder hinterher, wie so oft, aber das macht nix. Gefeiert wurde auf der Feiermeile hier in Berlin selbstverständlich. Feiermeile, die übliche Fanmeile.

    Klar, es gibt immer noch Ossis und Wessis, aber es gibt ja auch die Bayern, die in einem Freistaat leben und ewig „die Bayern“ sein werden. Es gibt auch in Good Old Western Part jene Gemeinden, deren Nummernschildern an Autos immer Garant für besondere Gefahrenmomente im Straßenverkehr waren. Es gab auch in geteilten Jahren immer irgendwelche Trennungen, die nicht ernst gemeint waren. So ist das hier auch, immerhin sind wir da im ganz normalen Wahnsinn angekommen.
    Ossis und Wessis, logisch, dass das ein Prozess über viele Jahre ist und noch sein wird, bis die 40 Jahre Trennung überwunden sind. Geben wir uns 40 Jahre, dann wird das auch wieder passen. Als Gesamtstaat sind wir noch jung, das müssen wir alle noch lernen. Aber es geht, es wird immer weniger und ich sage „Ja, ich bin ein Wessiekind und das ist gut so!“, andere sagen sie sind Ossiekinder und auch das war gut. Das hat keinen trennenden Charakter, aber was weiß ich, was in der alten DDR abgegangen war? Ich kann es mir anhören ja, das kann und habe es hier schon so oft getan, aber ich dann das nicht nachempfinden, kann nicht wissen wie es ist nicht reisen zu dürfen, nicht frei sein zu können.
    Das ist alles schwer, nicht einfach und ich meine noch zwei, drei oder gar vier Generationen wird das dauern bis sich alles vermischt hat, dennoch werden die einen in den neuen, die anderen in den alten Bundesländern leben, auch wenn sie dort nicht geboren sind.
    Ich war damals in Ludwigshafen, wo ich gelebt habe, habe meine jüngste Tochter unter meinem Herzen getragen. Wir waren zu Hause, die Großen waren im Bett, Andreas und seine, wie er sagte „große Schwester“ mussten am nächsten Tag zur Schule gehen.

    Ich wünsche Dir und Deinen Lesern hier einen tollen Start in diese Woche.
    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      als ich nach Dresden gefahren bin, kürzlich, hatte ich einen jungen Mann per Mitfahrzentrale mitgenommen. Der war so an die 30, machte sein Referendariat in Siegen und wir haben uns lange unterhalten. Klar, auch über die Töterötetö (DDR). Er hat das als Kind kaum mitbekommen. Wr mal in Hamburg zu einem Eiskunstlauf-Wettbewerb und da waren so komische Männer mitgefahren. Aber ansonsten? Alles normal. Zumindest für einen kleinen Jungen, der die Wende mit Kinderaugen gesehen hat. Aber: Er hatte noch DDR-Stil. So habe ich das wahrgenommen. In der Sprache fehlten Teile. Bei der Bundeswehr reden sie so. Sprach er von seiner Frau, sagte er nur Frau. Ganz nett. Aber ohne „Meine“. Das wirkte merkwürdig, weil die Sprache so Informationsbetont war. Wenig Arabesken, Abkürzungen. Klang nach DDR-Style, nach diesen Abkürzungen, die da wohl weit verbreitet waren.

      Ist das jetzt einfach Sächsisch oder Ost? Keine Ahnung. Ist auch egal. Er war sehr nett, wir hatten eine kurzweilige Anreise und ich fand es nett, mit einem Local nach Dresden zu kommen, der uns gleich einige Tipps gegeben hatte.

      Liebe Grüße

      Jens

  4. Klar gibt es sprachliche Unterschiede, die gibt es aber zwischen Hamburg und München genauso wie zwischen Mannheim und Ludwigshafen auch, gab es schon immer, macht das alles bunter.
    Broiler ist ein Hähnchen, zu einer 3-Zimmer-Wohnung sagen sie, diejenigen aus den etwas neueren Ländern 3-Raum-Wohnung, Als wir am Freitag zu meinem antiken Mädelabend (Artikel auf dem Oma-Blog) gefahren sind, 4 Mädels in einem Taxi mit männl. älterem Fahrer, da konnte man ganz deutlich die Unterschiede hören. Wir vier Wessiinnen, er ein Ossi, ich sage Dir, da ging die Post ab. Das war eine tolle Ossi/Wessi-Fahrt. Ich meine diese Unterschiede, die dürfen bleiben, weil das sonst alles so uniform werden würde. Laß dnn Ossis ihren Broiler und wir nehmen das Hähnchen, setzen uns nebeneinander und verbringen eine tolle Zeit miteinander.

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      da hätte ich euch ja gerne gesehen.

      Klar, Unterschiede sollen bleiben. Ich denke da auch mehr an Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber unterschiedliche Geschichten müssen eben erst wieder zueinander finden. Wir müssen noch eine Weile gemeinsam Geschichte schreiben, bis alle WIR sagen können. Nicht mehr die da und wir hier und so. Aber es ist ja schon deutlich besser geworden – ich denke, die argen Vorurteile sind schon durch.

      Liebe Grüße

      Jens

  5. Abermals wieder spät, aber was will man tun?
    Als ich meine Kinder bekommen habe, da galt die Regel (wird heute nicht mehr so sein), dass der Körper so lange eine Schwangerschaft gedauert hat auch braucht, bis er wieder auf normal Null steht. Wir waren seit Kriegsende ein Land, ein Volk, das erst durch durchlässige Sektoren, später eine undurchlässige Mauer getrennt war. Nehmen wir uns die Zeit genauso lange zusammenwachsen zu dürfen. Das passt schon irgendwie. Auch wenn zur Orientierung man noch Ost oder West sagt, bedeutet das, zumindest nicht für mich, dass man in Ost und West denkt. Ich glaube wir können und dürfen optimistisch in die Zukunft schauen.

    Einen schönen Abend
    Gitta

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