Abschied von Wally Bockmayer – R.I.P.

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Siebter Oktober im Jahr Zweitausendundvierzehn. Liebe Wally, du bist gegangen.

Es ist lange her, dass ich dein Regieassistent war. Damals, 1994. Theater Kaiserhof. Ich war aus Mannheim gekommen, hatte nach dem Nationaltheater die Nase vom bürgerlichen Theater gestrichen voll, wollte nicht mehr für gepuderte Witwen an Stücken mitwirken, die sie eh nicht verstanden haben. Dieses regelmäßige kindliche Türenknallen während Premieren.

In Köln wollte ich zum Film. Nun, ehrlich gesagt, wollte Ela nach Köln und ich dachte, dann geh ich dort zum Film. Ich kam als arbeitsloser Regieassistent voller Hoffnung und Tatkraft. Film. Ganz klar, kein Theater mehr. Und schon gar nicht die Filmdose. Tatsächlich war ich an Rolf und Wallys Kneipentheater vorbeigefahren, hatte die schrillen Plakate gesehen und gesagt: Nicht dort.

Ich schrieb fleißigst Bewerbungen. Alle Produktionsgesellschaften rauf und runter. Nur eine vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Die Entenproduktion. YEP! Ich landete in einem Hinterhof, im Hausflur lagen alte Plakate, die Tür der Produktionsgesellschaft war eine hässliche Feuertür voller Aufkleber. Ich war 29 Jahre alt, bis in die Haarspitzen jung und arrogant und wollte schon umkehren, als die Tür aufging. Schluck. Da war ich plötzlich so klein mit Hut. Rolf Bührmann stand vor mir. Eine Erscheinung. Groß, elegant gekleidet, feine Schuhe, beeindruckend. Hinter ihm öffnete sich ein riesiges Appartment im New York-Style. Ein Industrieloft. In der Mitte eine Treppe nach oben. Alles mehr als geschmackvoll eingerichtet. An den Wänden deutsche Filmpreise und Fotos von Fassbender. Am riesigen Tisch mit unendlich vielen Stühlen nahmen wir Platz. Rolf sah mich mit strengem Blick an. Check.

Tja. Vor mir saß Wallys Freund und Lebenspartner. Produzent, Organisator, Mann für den Überblick, die Kohle, die gesamte Organisation. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, für Wally als Regieassistent zu arbeiten. Sie brauchten einen, der auch mit Chaos zurechtkommt. Für eine Musicalproduktion in einem neuen Theater. Der Kaiserhof am Ring war noch nicht fertig, das Ensemble noch nicht gefunden, aber der Premierentermin stand. Tick, Tack. Bedenkzeit. Hin, her. Ja. Es hat mich gereizt. Ich erinnere mich an den Blick meines vorherigen Regisseurs, Hans-Ullrich Becker, als ich ihm erzählte, ich wäre jetzt Wally Bockmayers Assistent. Ups. Schluck.

Wally sah ich dann das erste Mal in der Filmdose beim Casting. Ja, in der Filmdose! Genau dort war ich gelandet. Der Termin war dann quasi auch mein Casting. Rolf wollte sehen, ob Wally mich gebrauchen kann. Ob die Chemie stimmt. Leute, ich sage euch, da fing der Spaß an. Trash. Eine zweiflüglige Tür einer neuen Welt öffnete sich. Wally liebt Trash. Schräg muss es sein. Anders. Und ja, Wally hat ein Händchen für Menschen, den Blick hinter die Fassade. Wir casteten für die Rocky Horror Show. Es wurde getanzt, gesungen, gesprochen. Schön und schräg. Am Ende war beides versammelt. Ein wunderbar schräges Ensemble inklusive der wunderbaren Gigi Herr.

Ich blieb anderthalb Jahre, kam aus dem Staunen und Lachen nicht mehr raus. Eine Zeit, die ich nicht vergessen werde, niemals missen möchte und an die ich mehr als gerne zurückdenke. Eine verrückte Zeit geprägt durch Wally, der mich Jente nannte und sich darüber herzlichst freute. Am Morgen ein breite Begrüßung: „Jeeennnte!“ Ich war mittendrin in einer von Wally inszenierten Glitzerwelt. Eine Familie, eine Theaterkompanie im besten Sinne des Wortes. Eine Welt für sich. Wenn Abends die Scheinwerfer angingen und sich der Vorhang öffnete und am Ende das Publikum auf den Tischen tanzte. Wally wusste das Publikum zu packen und zu führen. Er hat sie durch alle Gefühlszustände gejagt – rauf und runter. Und sie sind ihm blind und vertrauensvoll gefolgt, so trashig es auch manchmal war. Ich habe in der Zeit viel von Wally gelernt. Die Dinge nicht so ernst zu nehmen. Nicht alles rational zu hinterfragen. Einfach mal spontan zu machen. Das war eine gute, hilfreiche Schule.

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Als ich 1995 das Theater verlassen habe, um in die Werbung zu gehen und eine Familie zu gründen, hat Wally mich ungern gehen lassen. Wir waren ein gutes Team. Er hat mich dann Jahr für Jahr zu seinen Premieren eingeladen und ich bin gerne gekommen. Es hat immer ein wenig weh getan, wenn der Vorhang aufging, Wally von der Produktion erzählte und ich wusste: Jetzt geht es los. Lichtstimmung 1, der Regieassistent gibt das Startsignal an Licht und Ton .

Kürzlich beim Bäcker bei uns im Dorf die Nachricht auf der Titelseite des Express. Wally hat Krebs. Das hat weh getan. Gestern die Nachricht, Wally ist gestorben. Kacke. Aber, ja, niemals geht man so ganz. Ich bin niemals ganz gegangen, du, liebe Wally, wirst niemals ganz gehen. Dafür hast du viel zu viel Gutes zurückgelassen. Unter anderem einen Text in dem Abschiedsbuch, dass mir das Ensemble 1995 geschenkt hat. Ein Zitat von Jean-Louis Barrault: „Der besondere Reiz am Theater ist, dass man mit Gaunern lebt, weil man von Gerechtigkeit besessen ist, dass man mit Verrückten zugrunde geht, um gesund zu bleiben, dass man mit Angsterfüllten zittert, um ein wenig Glück zu finden, dass man beständig dem Tod ins Auge sieht, weil man nur das Leben liebt, dass man unentwegt auf Reisen ist – den Koffer in der Hand – den Rucksack auf dem Rücken, um zu versuchen zu verstehen, und aus Furcht, eines Tages anzukommen.“ Dann hat er von Vermissen und Zurückkommen geschrieben.

Es war mir eine Ehre und ausgesprochene Freude, mit Wally ein Stück Lebensweg gemeinsam gegangen zu sein. Bleibt mir nur, mit einer tiefen Verbeugung voller Respekt Danke zu sagen und Adieu.

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